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02.12.2010

Süßer die Stimmen nie klingen

Jeder nach seinem Geschmack! Manch einer bevorzugt klassische Choräle, der andere die barocke Weihnacht und der nächste die Lieder der Kindheit. Für jeden findet sich die passende Musik. Ein kleiner Ratgeber

Diverse Künstler, Süßer die Stimmen nie klingen © Guido Reni / Wikipedia

Der Klassiker sind Choräle. Das französische Stift Notre-Dame de L'Annonciation in Le Barroux in der Nähe von Avignon ist eine noch junge Gründung und legt trotzdem Wert auf Tradition. Denn die Nonnen der Abtei widmen sich mit Hingabe alten mönchischen Tugenden und Handwerken wie Buchbinden und Herstellen von Kleidungsstücken, Heilkunde und Kräuterkunst, Singen und der Verbreitung ihrer Lieder mit dem modernen Medium der CD. „Voices – Chant From Avignon“ ist eine Zusammenstellung mit Psalmen und Chorälen, Gebeten und Meditationen aus der gregorianischen Gesangstradition. Wie schon bei den männlichen Kollegen aus dem österreichischen Heiligenkreuz geht es zu allererst um das Lobpreisen Gottes, darüber hinaus aber auch um die individuelle Andacht und Kontemplation, die mit Hilfe der Stimmen andere Sphären des Geistes erreicht, als es der einfache Text leisten könnte. Diese Musik hat Kraft und ist längst in den Charts angelangt, als adventliche, aber auch allgemein spirituelle Botschaft aus einer anderen Welt, die wenig mit der Hektik des modernen Menschen gemein hat.

Aus einer ähnlichen Quelle der Intensität, wenn auch einer anderen Tradition speist sich die künstlerische Unmittelbarkeit von Johann Sebastian Bach. Sein „Weihnachtsoratorium“ hat ebenfalls einen Link zum Göttlichen und gehört für viele zu einem gelungenen Heiligabend. Nun hat sich Riccardo Chailly als Chefdirigent des Gewandhausorchesters in Leipzig in diesem Jahr das Ziel gesetzt, exemplarisch einige der zentralen Werke des barocken Genius mit dem erfahrenen Ensemble umzusetzen und aufzunehmen. Über die Monate hinweg erschienen seine Interpretation der „Matthäuspassion“ und der „Brandenburgischen Konzerte“. Mit dem „Weihnachtsoratorium“ schloss er im Herbst die Reihe ab und konnte neben dem Dresdner Kammerchor noch auf herausragende Solisten wie Martin Lattke als Evangelist, Wolfram Lattke als Tenor und Carolyn Sampson als Sopranistin zurück greifen. Chaillys Bach klingt dabei lebhaft und kontemplativ zugleich, Musik, die nach Höherem strebt und zugleich die Menschen erreicht. Damit ist dem Maestro ein Glücksgriff gelungen, der sich neben den großen Einspielungen der Vergangenheit als aktuelle Alternative empfiehlt.

Spirituelles hat in diesem Jahr auch den peruanischen Tenor Juan Diego Flórez beschäftigt. Sein Album „Santo“ widmete sich seltenen gesungenen geistlichen Arien von Rossini, außerdem dem mozartesken „Qui sedes“ von Bellini und Melodien von Händel, Haydn, Johann Joseph Fux und John Francis Wade, die das Repertoire in Richtung des Barocks ausweiten. In eine andere Richtung des Programms wiesen Arien von Franz Schubert, Adolphe Adam, dann von César Franck und Ariel Ramírez, aus dessen berühmter „Misa Criolla“ er das „Kyrie“ auswählte. Darüber hinaus komponierte der Tenor sogar ein eigenes Stück, das dem Album den Namen gab. „Santo“ wurde auf diese Weise ein Album, das den Belcanto-Spezialisten von einer neuen Seite präsentierte, darüber hinaus aber auch eine Lücke im Repertoire schloss und Juan Diego Flórez als einen der vielseitigsten Tenöre seiner Generation auswies. Vor allem aber versammelt das Programm wunderbar intensive und stellenweise fragile Musik, die sich als passende Zusammenstellung für die besinnlichen Stunden der kommenden Wochen anbietet.

Im Vergleich dazu wirkt Bryn Terfel schon beinahe jovial. Denn der walisische Bariton ist zwar wie sein Kollege aus Peru durchaus dazu in der Lage, die feinen Nuancen geistlicher Klangkunstwerke interpretatorisch zu würdigen. „Carols & Christmas Songs“ stellt ihn jedoch eher von der populären Seite vor. Denn Terfel singt berühmte Melodien der Weihnachtstradition von „Have Yourself A Merry Little Christmas“ bis „A Holy Night“ und „O Jesulein zart“ bis „White Christmas“. Es ist seine persönliche Auswahl der schönsten Lieder sowohl aus der internationalen Tradition wie auch aus dem Repertoire seiner walisischen Heimat. Und Bryn Terfel hat sich nicht nur den Chor Côrdydd und das Orchestra of the Welsh National Opera unter der Leitung von Tecwyn Evans an seiner Seite geholt sondern auch berühmte Gäste wie den Tenor Rolando Villazón, die walisischen Gesangs-Kollegen Gwarw Edwards und Caryl Parry Jones oder auch die Harfenistin Cathrin Finch. Für das Duet „White Christmas“ hat er gar in das Archiv gegriffen und sich Bing Crosby als Partner aus der Vergangenheit virtuell ins Studio geholt. So ist ein Weihnachts-Album entstanden, das so ziemlich alles hat, was man sich in diesen Wochen wünscht: berühmte Melodien und bezaubernde Raritäten, große Stimmen und raffinierte Interpretationen, eine Prise Witz und das passende Pathos für die langen Abende der Adventszeit.


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