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03.08.2016

Direkt, radikal und ungeheuerlich: Das fundamentale Aufbrechen der Tonsprache Anfang des 20. Jahrhunderts

Der 2. Teil der Serie "Neo-Klassik" widmet sich den Themen Zwölftonmusik und Atonalität rund um das Schaffen des Komponisten Arnold Schönberg.

Diverse Künstler, Direkt, radikal und ungeheuerlich:  Das fundamentale Aufbrechen der Tonsprache Anfang des 20. Jahrhunderts ©Thomas Maluck/flickr

Das erste abstrakte Aquarell der Geschichte zieren bunte Farbflächen und schwarze Linien. Es ist ein lebendiges und fröhliches Treiben, das sich dort vor weißem Hintergrund abspielt, einzig die klaren Strukturen und die vertraute Basis fehlen.

Was bildende Künstler wie der Maler Wassily Kandinsky mit seinem "Aquarell ohne Titel" oder der Architekt Adolf Loos mit seinen schmucklosen Bauten zu Beginn des 20. Jahrhunderts an Reduktion und Befreiung anstrebten, suchten nicht wenige Komponisten auch in der Musik. Spätestens seit Richard Wagners Oper "Tristan und Isolde", die 1865 in München aufgeführt worden war und die folgende Musikgeschichte entscheidend prägen sollte, war die Suche nach einem neuen und unmittelbaren musikalischen Zugang allgegenwärtig. Immer deutlicher wurden aber auch die Grenzen der bis dato vertrauten Systeme spürbar und die Sehnsucht nach uneingeschränktem Ausdruck und absoluter Freiheit wuchs.

Das Wagnis der Atonalität

Rund um den Komponisten Arnold Schönberg, der damals in Wien weilte, entwickelte sich eine künstlerische Schwurgemeinschaft auf der Suche nach dem neuen Klang. Alles schmückende Beiwerk sollte verbannt werden, alle verklärend gefühlsduselige Gestaltung verweigert und die traditionellen ästhetische Vorstellungen nicht weiter bedient. "Musik soll nicht schmücken, sie soll wahr sein", war Arnold Schönberg überzeugt und dementsprechend akribisch feilte er an einem neuen Umgang mit dem zur Verfügung stehenden Tonmaterial. Im Zentrum stehen sollte der direkte, entfesselte Ausdruck und den denkbar radikalsten Schritt in diese Richtung tat Schönberg selbst, als er 1910 mit seinem Klavierstück op.11 Nr.3 die erste Komposition der Musikgeschichte veröffentlichte, bei der jeder tonale Bezug konsequent vermieden wurde. Das gängige Dur-Moll-System war nun komplett ausgehebelt worden, an seine Stelle traten "schwebende Tonalitätsverhältnisse" und der ehemals zwingend erscheinende Bezug zum Grundton wurde relativiert. Ein ungeheuerliches Wagnis, das Traditionalisten als wüstes Experiment beschimpften, während Schönberg lieber von der "Emanzipation der Dissonanz" sprach.

Die zweite Wiener Schule und zwölf Töne mit Durchschlagskraft

Dem Versuch der Erlangung totaler Freiheit folgte bald die Suche nach neuen Strukturen. Rund um Arnold Schönberg als geistigem Zentrum entwickelte sich die sogenannte 2. Wiener Schule, die Anfang der 1920er Jahre als zentralen Inhalt die Zwölftontechnik ausarbeitete. Die Idee: 12 Töne im jeweils gleichen Abstand zueinander prägen den Kompositionsprozess, sie alle müssen gespielt worden sein, bevor einer wiederholt wird. Die Komponisten sahen sich in ihrer motivisch-thematischen Arbeit mit dem musikalischen Material allerdings keineswegs im luftleeren Raum, vielmehr verorteten sie sich in der Tradition klassischer Größen wie Joseph Haydn, Johannes Brahms oder Gustav Mahler.

Arnold Schönberg prägte in seiner Rolle als Lehrer zahlreiche Schüler, darunter Anton Webern, den wohl radikalsten Vertreter der neuen Schule, der das Spiel mit verschiedenen klanglichen Farbnuancen subtil und fein beherrschte, und Alban Berg, der als brillanter Konstrukteur und Experte der strengen Satztechnik expressive Meisterwerke schuf.

Skandal im Wiener Musikverein

Für die musikinteressierte Öffentlichkeit waren die Neuerungen rund um Schönberg ein Schock, stellten sie doch die bislang vertrauten Hörgewohnheiten vollkommen in Frage. Das war auch Schönberg klar: "Ich fühle schon jetzt den Widerstand, den ich zu überwinden haben werde (…) und ahne, dass selbst solche, die mir bisher geglaubt haben, die Notwendigkeit dieser Entwicklung nicht werden einsehen wollen", hielt der Komponist besorgt fest und er sollte Recht behalten. Als unter seiner Leitung 1913 ein Konzert im Musikvereinssaal in Wien abgebrochen werden musste, nachdem es zwischen Publikum und Musikern angesichts der gewagten Stücke zu heftigen Handgreiflichkeiten gekommen war, war der Skandal perfekt. Die Musikgeschichte jedoch schritt bereichert und inspiriert weiter voran… .

>> Teil 1 der Serie "Neoklassik" lesen 


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