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09.11.2010

Wenn Paradiese zerbrechen

Don Winslow, Wenn Paradiese zerbrechen

Wellenkönig und Detektiv Boone Daniels ermittelt unter der Sonne Kaliforniens.

Die Wahrheit findet Don Winslow meistens auf der Straße. Denn dort treibt es den Krimiautor aus Kalifornien hin, wenn er für einen neuen Roman recherchiert. Er braucht keine Boulevard-Blättchen oder Polit-Magazine, die ihm sagen, was draußen passiert. Denn Winslow geht zu denen, die den Job machen: Die mit Drogen dealen, für die Mafia arbeiten, sich prostituieren. Wer sonst könnte erzählen, wie diese Welt Noir, die wir nur aus Filmen kennen - und in denen die Bösen aus Prinzip rauchen - wirklich ist. Winslow recherchiert bis zu mehreren Jahren für seine Werke. Dann erzählt er sie uns. In den Krimis Pacific Private und Pacific Paradise lässt er den Hörer in die geschundene Seele seines Protagonisten, des Privatdetektivs Boone Daniels blicken. Ein Surfer, ein Wellenkönig. Boone ist kein Superheld, dafür ist er viel zu menschlich. In Pacific Private erfahren wir, dass er den Polizeidienst quittierte, weil ein vermisstes Mädchen verschollen blieb und der vermeintliche Täter davonkam. „Als der Mann verschwand, verschwand er vollkommen. Vielleicht ist er tot und hat die Wahrheit mit ins Grab genommen. Aber Boone gibt nicht auf. Boone Daniels, eines der friedlichsten Wesen im Universum hat eine 68er in der Wohnung. Niemals nimmt er sie mit nach draußen, hat sie niemals dabei.  Er hebt sie sich nur für den Tag auf, an dem er Russ Rasmussen findet. Dann wird er den Mann an einen abgeschiedenen Ort führen, ihn zum Reden bringen und ihm eine Kugel in den Kopf jagen“. Dann holt ein neuer Fall die Erinnerung zurück. Denn während der pazifische Ozean den Meerestollen perfekte Winde schenkt, floriert der Kinderhandel im Wellenparadies.

Winslow füttert den Hörer mit einem Surfjargon, der genau dieses spezielle Lebensgefühl transportiert: das der Wellen, des Sandes, des Paradieses eben. Doch können selbst Paradiese dem Verbrechen nicht standhalten, vielleicht fordern sie das Böse sogar heraus, wie Winslows zweiter Boone-Daniels-Fall Pacific Paradise zeigt. Der Mord an der Surflegende Kelly Kuhio erschüttert die Welt der Wellenreiter. Die Anwältin des jungen Schlägers, der auch bereits gestanden hat, beauftragt Boone in dem Fall zu ermitteln. Der willigt schließlich ein. Doch scheinen plötzlich selbst seine eigenen Leute darin verwickelt.

Winslow mag kurze Kapitel, manche in seinen Romanen sind nur eine halbe Seite lang. Die Kunst liegt damit im präzisen Wort, und das beherrscht er. Dabei ist er nicht mit dem Stift in der Hand geboren worden, seinen Debütroman hat er mit Mitte 30 geschrieben. Die Jahre davor waren Wegweiser für seine späteren Geschichten, seine treibende Kraft war die Abenteuerlust. In New York war er Privatdetektiv, in Kenia Safarileiter und studiert hat er auch noch, afrikanische Geschichte und Militärgeschichte. Winslow hat also gerne Bewegung in seinem Leben.

Bei Dietmar Wunder, dem Sprecher der beiden Hörbücher Pacific Private und Pacific Paradise fängt die Bewegung bereits beim Vorlesen an. Denn wenn er liest, gehen seine Arme rauf und runter, seine Hände formt er zur Faust. Jede Bewegung färbt seine Stimme ein wenig anders, sie ist wie der Hut eines Zauberers. Mit jedem neuen Charakter, der auftaucht, wird auch gleich eine neue Intonation hervorgezaubert. Und wie honoriert Don Winslow diese Wandelbarkeit? Der lacht und applaudiert, als die beiden bei einer gemeinsamen Lesung in Berlin aufeinandertreffen. Kein Wunder also, dass Winslow von seinem Hörbuchsprecher angetan ist. Schließlich ist er die Synchronstimme von Daniel Craig alias James Bond und hat damit den stimmlichen Ritterschlag bereits erhalten.


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