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16.11.2010

Biografie 2010

Bis Ende der 80er Jahre, also während der ersten vier Jahre und ersten vier Langspielplatten von ELEMENT OF CRIME, war „Take Me To The River“, der Al-Green-Klassiker auf der LP „Basically Sad“ von 1986, das einzige nicht selbstgeschriebene Lied, das wir veröffentlichten. Das lag wohl daran, dass wir damals eine junge und zerstrittene Band waren und schwer damit beschäftigt, unter Hauen und Stechen und ständigem Veröffentlichungsdruck zu einem eigenen Stil zu finden. Das war schwer genug, da hatte keiner Lust, sich auch noch wegen der Songs von anderen Leuten zu streiten, zumal die Geschmäcker innerhalb der Band sehr verschieden waren. Und dann immer die Angst, als Epigone dazustehen und wegen einer Coverversion in eine Schublade gesteckt zu werden, in die man nicht hineinwollte. Das Image einer neuen Band ist zerbrechlich, und nichts hasst man als junger Künstler so sehr, wie Vergleiche mit älteren, bekannteren Leuten. Außerdem besteht die Gefahr, dass das Publikum auf die gecoverten Songs mehr abfährt als auf die eigenen, und dann ist die narzisstische Kränkung perfekt.

Also dauerte es bis 1989 und bis Lothar Gärtner kam, der legendäre und leider schon verstorbene Gründer des Strangeways Labels, damit sich das änderte. Zusammen mit Tom Redecker aka The Perc plante er eine Compilation namens „The Perc Presents The Furious Swampriders“ und bat alle möglichen Leute um Beiträge dafür, so auch uns. Da wir gerade keine neuen eigenen Songs zu verschenken hatten, einigten wir uns auf ein Lied aus einer Ecke, in der uns damals keiner vermutete, am wenigsten wir selbst: Auf den Motorcycle Song von Arlo Guthrie. Meistens wurden wir damals ja mit Velvet Underground und/oder John Cale verglichen, was schon deshalb naheliegend (und etwas stumpf) war, weil John Cale unsere zweite Platte produziert hatte. Da schien Arlo Guthrie ein gutes Gegengift zu sein.

Und es war eine gute Wahl. Nie hatten wir eine so entspannte Aufnahmesession erlebt, wie mit dem Motorcycle Song in dem kleinen Studio von Rolf Kirschbaum in Bremen-Walle, direkt unter dem Wohnzimmer von Lothar Gärtner, in dem damals noch das Strangeways Label residierte. Aufnahmesessions von Element of Crime fanden vorher immer nur statt, wenn es darum ging, ein ganzes Album aufzunehmen, und entsprechend aufgeladen war immer die Atmosphäre gewesen, es ging jedesmal um alles oder nichts, um die Zukunft der Band, unser Schicksal als Musiker, Songschreiber und was auch immer. Bei der Aufnahme des Motorcycle Songs war alles anders: Da war einfach nur ein Lied, das uns gefiel und das wir aufnehmen wollten. Das war alles. Und plötzlich geschahen die Dinge wie von alleine: Der Gesang wurde gedoppelt, Richard Pappik rief im Intro hinten was rein, die Yamaha-Heimorgel von Oma wurde an den Start gebracht, Percussion, gestopfte Trompeten, Klaviergehämmere, Slide-Gitarren, das alles wurde husch-husch-die Waldfee ohne groß zu überlegen eingespielt, es wurde nicht gestritten, nicht mal diskutiert, nicht abgewogen, geplant, behutsam eingesetzt, sondern wir spielten mit den musikalischen Mitteln der Band wie kleine Kinder mit Bauklötzen, wild und frei, manchmal klappte es, manchmal kippte es um, und wie es dann war, so war es gut.


Das war alles sehr befreiend. Und wir wollten mehr. Im gleichen Jahr wurden wir eingeladen, auf dem Festival de la Batie in Genf zu spielen, das unter dem Motto „Hommage à Kurt Weill“ stand. Ein Ergebnis davon waren die Aufnahmen von Surabaya Johnny (auf „Crime Pays“) und die Maxi-Single-B-Seiten Ruf aus der Gruft (instr.) und Das Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens. Das waren dann auch die Cover-Arbeiten, die tatsächlich zu dem oben beschriebenen, stets befürchteten Schubladen-Effekt führten. Erst Kurt Weill covern, dann 1991 das erste deutschsprachige Album veröffentlichen, sowas ist natürlich für den Schubladenfreund eine gemähte Wiese, und man klebte uns noch jahrelang das Kurt-Weill-Etikett überall hin, wo gerade Platz war.

Mit den Coverversionen machten wir ansonsten weiter, wann immer es sich ergab, jetzt war ja alles egal, und die Künstler, deren Songs wir seither coverten, bilden eine recht gemischte Gesellschaft: Franz Josef Degenhard, Alexandra, Serge Gainsbourg, Bee Gees, Udo Lindenberg, Noir Désier, Pet Shop Boys, Beatles, Bob Dylan, der Weihnachtsmann, Can, Lydia Lunch, Andreas Dorau, Wham, Gottfried & Lonzo, Beatles, Freddie Quinn... – meistens weiß ich nicht mehr, warum wir gerade diesen oder jenen Song und/oder Künstler ausgewählt haben, aber ich vermute, dass wir unbewusst oft solche wählten, die auf den ersten Blick stilistisch weit weg von uns unterwegs waren. Das ist die größere Herausforderung und im Erfolgsfall auch befriedigender.

Die Aufnahmen entstanden zu den unterschiedlichsten Gelegenheiten: bei Radiosessions (Auf der Espressomaschine), als Auftragsarbeiten für Filme (Heimweh, My Bonnie Is Over The Ocean, It’s All Over Now, Baby Blue), für Tribute Sampler (I Started A Joke für die BeeGees, Vakuum für Udo Lindenberg), für Compilations (Motorcycle Song, She Brings The Rain), als Single-B-Seiten (You Only Tell Me You Love Me When You’re Drunk, Hamburg 75, Across The Universe), als Bonus-Tracks (Kind of Spooky, Le Vent Nous Portera), weil Weihnachten vor der Tür stand (Leise rieselt der Schnee, Last Christmas) und was man sonst noch an Gründen finden kann, damit einem einer solche Sessions bezahlt.

Für die Entwicklung unseres Stils haben diese Aufnahmen eine große Rolle gespielt, und wir möchten vielen Leuten danken, weil sie uns Ideen und Gelegenheiten dazu verschafften: Lothar Gärtner, mit dem alles anfing, Charlotte Goltermann, die BeeGees, Alexandra und Pet Shop Boys mit Nachdruck ins Spiel brachte, Andreas Dorau, der bei Hamburg 75 zu einem legendären Duett bereit war, Leander Haußmann, der immer irgendwas von Bob Dylan wollte, Götz Kiso, der nicht lockerließ, bis wir bei dem 25-Jahre-Udo-Lindenberg-Sampler mitmachten. Und natürlich und vor allem den Autoren der Songs, denn die größte Verlockung für diese Arbeiten lag in den Liedern selbst, und der einzig wahre Grund, warum wir uns für die Veröffentlichung dieser Compilation entschlossen haben, ist, dass wir die Lieder toll und die Aufnahmen gelungen finden, denn nur darauf kommt es am Ende an.

Wir haben auf diesen Sampler nur solche Coverversionen getan, die nicht im Rahmen eines Albums veröffentlicht wurden. Deshalb sind Take Me To The River (Basically Sad, 1986), Surabaya Johnny (Crime Pays, 1990), Tumbling Tumbleweed (Die schönen Rosen, 1996) und Storms Are On The Ocean (Immer da wo du bist bin ich nie, 2009) nicht dabei. Diese Alben sind alle noch zu haben, und in ihnen haben diese Aufnahmen ihren festen Platz und ihre besondere Bedeutung.

Berlin 2010,
Sven Regener


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