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28.08.2014

Element Of Crime, Lieblingsfarben und Tiere, 2014

Eine Betrachtung von Helge Malchow

Was war das für ein entspannter, beschwingter und sonniger Frühsommernachmittag im Kreuzberger Tritonus Studio, als ich zum ersten Mal "Lieblingsfarben und Tiere" hörte, als die Bläsergruppe (inklusive Sven Regener) ihre Sets einspielte, die auch diesmal den Songs ihren endgültigen Reiz und Glanz geben!

Der Gitarrist Jakob Ilja saß in einem Raum nebenan an einem Tisch, spitzte ganz genau die Ohren und klimperte dazu auf einer Kindergitarre verträumt Rockklassiker vor sich hin. Der Drummer Richard Pappik lag daneben ausgestreckt auf einem alten Sofa, spitzte auch genau die Ohren und wippte mit den Füßen den Takt der Stücke nochmal genau mit. Der Bassist und Produzent David Young lief zwischen diesem Raum und dem Aufnahmestudio hin und her, spitzte ebenso genau die Ohren und raunte den Bandmitgliedern in Englisch technische Finessen, die er hörte, und Abflugzeiten nach Nashville (zur Mischung) ins Ohr. Dann warf er seinen schweren Körper genussvoll in den Drehstuhl vor dem Mischpult und grinste. Auf dem Tisch stand eine Schale Kirschen, und hier stand es 10 Minuten vor dem Abpfiff 3:0, hier konnte niemand mehr verlieren. Nach dem ersten Durchgang hatte ich schon vier oder fünf Hits im Gehörgang, nicht nur "Schade, dass ich das nicht war".

Das Schöne: alles wie immer. Das noch Schönere: doch nicht. Alles wie immer: Perfekt komponierte Songs, deren Perfektion beiläufig und naturgegeben klingt. Texte, die mühelos von Alltagsbanalitäten zu existentiellen Gedankenblitzen führen. Präzis gespielte, rumpelnde Balladen, als träte Bob Dylan mit Band auf einer Kleinstadtkirmes auf. Walzerartige, aus der Ferne mexikanisch klingende Stücke, bei denen die Musiker wegen der glühenden Sonne hoff entlich weiße Cowboyhüte tragen.

Und wie immer Texte, die nur jemandem einfallen können, der nebenbei ein großer Schriftsteller ist und weiß: seit 200 Jahren müssen die wahren Romantiker mit jedem Satz den Krieg gegen die Sentimentalität gewinnen. Mit Worten das mit Worten Unsagbare sagen. Abgegriffene Münzen mit dem richtigen Dreh zum Glänzen bringen. Am Ende immer bei der weltlichen Liebe landen, das aber mit religiöser Inbrunst: "Über Dir, über mir - dieselben Sterne".

Und alles ist auch ganz anders? Nicht ganz, aber doch: Die Instrumente befreien sich häufiger vom Zentrum des Songs, sie probieren mehr aus. Die Trompeten spielen nicht nur das Stück, sondern spielen mit dem Stück. Hier und da kommt Jazz ins Spiel, die Gitarren klingen manchmal verzerrter, verrückter als früher. Die Instrumente, zu denen hier auch gerne einmal ein Saxophon gehört, führen zusammen ihren eigenen Tanz auf, die Gitarren jaulen, klingeln und krächzen wie in versunkenen Hippie-Zeiten, als man sich wie die Kinder im Märchen "mit Blumen im Haar" ("Schwert, Schild, Fahrrad") traf.

So klingt das ganze Album musikalisch komplexer, angenehm zerzauster als zuletzt, aber - Entwarnung - nie doof experimentell, falsch ambitioniert oder prätentiös. Es ist immer Element of Crime. Es ist immer die Musik, die wir Fans brauchen, wenn der Himmel grauer ist als erlaubt. Es sind immer die Songs, die die Angst oder das Nichts in ein elegantes Lächeln verwandeln. Ein Meisterwerk? Auf jeden Fall. Der Höhepunkt? Wer weiß. Ein Schlusspunkt? Auf keinen Fall. Dafür stampft das Ganze viel zu sehr wie ein frisch lackierter Ozeandampfer durch die Wellen.

Ahoi,
euer Helge


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