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17.09.2004

Swing für Oberon

Elvis Costello, Swing für Oberon

Elvis Costello ist gut für Überraschungen. Seit der in London geborene Ire, der eigentlich Declan Patrick McManus heißt, in den siebziger Jahre begann, mit einem provokativ zur Schau getragenen Anti-Image die Rockszene zu irritieren, gelang es ihm mit steter Regelmäßigkeit, aus dem Trott des Business auszubrechen. Sein neuester Coup ist ein Abstecher in die Welt der orchestralen Klassik. Costello hat ein Ballett geschrieben und die Deutsche Grammophon hat es möglich gemacht, dass "Il Sogno" in hervorragender Besetzung mit den Londoner Symphonikern unter der Leitung von Michael Tilson Thomas aufgenommen wurde.

Ein bisschen überrascht war Costello schon. Er hatte zwar immer mal wieder über den Tellerrand seiner musikalischen Herkunft geblickt. Mit dem Brodsky Quartett zum Beispiel hatte er seine "Juliet Letters" verwirklicht oder mit der Mingus Big Band sich an die Fusion von Orchesterjazz und Songwriting gewagt. Doch ein Ballett, wie es die Truppe Aterballetto aus der Reggio Emilia 2000 anfragte, hatte er noch nie geschrieben. Die Idee jedenfalls war gut und da es sich um eine Tanzgruppe aus der künstlerischen progressivsten Provinz Italiens handelte, machte sich Costello auf den Weg, um vor Ort über das Projekt zu entscheiden. Er spürte die Begeisterung der Auftraggeber, fühlte sich außerdem wohl mit den Vorgaben, den Shakespeareschen "Sommernachtstraum" neu zu vertonen, und machte sich ans Werk. Rund zehn Wochen brauchte er für die Fertigstellung der Partitur. Das Ergebnis war ebenso bunt wie stilübergreifend: "Ich wollte die verschiedenen Formen des Daseins in dem Stück durch kontrastierende Musik darstellen. Die Hofleute sind durch die großen, pompösen Gesten des Orchesters und parodistischen Elemente gekennzeichnet, während die Handwerker durch Volkstänze und Märsche charakterisiert werden. Für die übernatürlichen Wesen konnte ich mir nur eine swingende Welt der Feen und Elfen vorstellen." Als "Il Sogno" dann noch im selben Jahr am Teatro Comunale von Bologna uraufgeführt wurde, war die Presse dementsprechend begeistert. "Costellos Musik ist hinreißend", schrieb Brescia Oggi über das Stück und ähnlich euphorisch waren die amerikanischen Kollegen nach der Vorstellung in der New Yorker Avery Fisher Hall im Juli 2004.

 

Trotzdem war es noch ein weiter Weg bis zur Plattenversion des Balletts. Und das lag unter anderem auch an dem, was zu Beginn an Partitur vorlag. Die Wirkung auf der Bühne mit Tänzern unterschied sich deutlich von dem, was ohne das optische Element gut klang. So hatte Costello Glück, dass er in Michael Tilson Thomas ein Gegenüber fand, das ihm kreativ zur Seite stehen konnte. Denn der Dirigent und Komponist setzte sich mit ihm zusammen, ging Takt für Takt die Musik auf ihre Tragfähigkeit durch und regte den Ballett-Neuling zu zahlreichen Verbesserungen an, ohne allerdings den Charakter von "Il Sogno" zu verändern. "Ungebildet zu sein heißt auch, nicht zu wissen, dass man bestimmte Dinge nicht tun soll", meint Costello schmunzelnd in der Rückschau und ist letztlich außerordentlich zufrieden mit dem Resultat seines Experiments.

 

Im März 2004 kam es in den Londoner Abbey Road Studios gemeinsam mit den Londonern, Michael Tilson Thomas und einem Jazztrio um den Schlagzeuger Peter Erskine zur Aufnahme des 24teiligen Werkes. Costello wachte als Produzent vor Ort über das Gelingen des Projektes und konnte stolz mit anhören, wie sich Stück für Stück einer seiner künstlerischen Träume zusammensetzte. "Er hat es geschafft. 'Il Sogno' ist nicht nur wirkungsvoll, sondern hält auch dem unvermeidlichen Vergleich mit George Gershwins Orchesterwerken stand", meinte die Washington Post im Anschluss an die New Yorker Aufführungen. Die Album-Version von Costellos Ballett macht solche begeisterten Urteile nun nachprüfbar und präsentiert einen Grenzgänger der Musik mit seinem rundum souveränen Meisterstück.


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