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17.03.2017

Feist, "Pleasure", 2017

Knapp sechs Jahre nach der letzten Albumveröffentlichung meldet sich Feist mit ihrer neuen LP zurück, auf der sie zutiefst persönliche Themen umkreist – sie spricht Geheimnisse und Schamgefühle an, Einsamkeit und Zärtlichkeit, Fürsorge und Erschöpfungszustände – und so die eigene Selbstwahrnehmung gewissermaßen zum zentralen Gegenstand macht.

Das vierte Album der in Kanada geborenen Singer und Songwriterin greift dabei den warmen, naturalistischen Sound des mit einem Polaris Prize ausgezeichneten "Metals"-Vorgängers auf und entpuppt sich insgesamt als ihr bis dato formal offenstes, experimentellstes und zugleich ausladendstes Werk. Genau genommen hat sie sich mit jedem bisherigen LP-Release neu erfunden, und auf "Pleasure" präsentiert die vierfach Grammy-Nominierte nun die gesamte Tragweite und den ganzen Tiefgang ihres Ansatzes als Songwriterin.

Indem es unzählige Male zwischen spartanischen Ruhepunkten und explosiven Momenten oszilliert, ist "Pleasure" gleichermaßen intim und immens: ganz fein gesponnene Melodien treffen auf Anarchisches, fesselnde Momente auf vernichtende Ausbrüche. Aufgenommen über eine Zeitspanne von drei Monaten, hat Feist das neue Album selbst co-produziert und dafür auf ihre angestammten Kollegen Renaud Letang und Mocky vertraut. Eingerahmt von ihrem einzigartigen Gitarrenspiel, das hier eine extrem wichtige Rolle spielt, präsentiert Feist auch gesanglich immer neue Facetten, wenn sie beides in minimalistischen, bewusst ungeschönt-ruppigen Arrangements zusammenbringt.

Schon nach wenigen Momenten ist klar, dass "Pleasure" allen Erwartungshaltungen trotzt: Zwar flackern bereits ganz zu Beginn eine Gitarre und ihr subtiler Gesang auf – aber im Folgenden verwandelt sich der Eröffnungstrack, der zugleich als erste Single erscheint, immer wieder und durchläuft etliche Stimmungen und Sounds, Texturen und Tempi, was gleichermaßen hypnotisch und überraschend klingt.

Derartige Risse in der klanglichen Textur ziehen sich durch das gesamte "Pleasure"-Album, indem Feist wiederholt Schmerz und Staunen aufeinander folgen lässt – ein Kontrast, der brutaler und grandioser nicht sein könnte. Insgesamt entfaltet sich so ein Album, das gar nicht so sehr von "Pleasure" handelt, sondern vielmehr von der Dialektik zwischen positiven und negativen Kräften – und davon, wie diese Kräfte Menschen verbinden (oder trennen) können.

Nachdem schon der Titelsong "Pleasure" einzig auf Gitarre und Handclaps als Percussion-Elemente setzt, kommt das Album auch im weiteren Verlauf noch für eine ganze Weile ohne Schlagzeug aus. Im Fall von "I Wish I Didn’t Miss You" bringt sie ihren leichten Folk-Sound mit einer feinen, aber zugleich gnadenlosen Betrachtung über das Verlangen zusammen ("I felt some certainty that you must have died/Because how could I live if you’re still alive?").

Auf dieses Verlangen folgt Melancholie – in Form des schläfrig-schimmernden "Lost Dreams", bis eine einzelne, geflüsterte Zeile ("Every night you go to sleep, a chance to have another dream.") schließlich doch noch etwas Hoffnung anklingen lässt. Auf "Any Party", dem majestätischen Kernstück der neuen LP, präsentiert Feist ihre Storyteller-Qualitäten dann über einem grandios-opulenten Arrangement inklusive richtig gewichtigen Heavy-Gitarren und satten Drums.

Mit seinen Lagerfeuer-Harmonien und sich wiegenden Rhythmen, klingt die romantische Nummer zunächst wie ein flüchtig dahingesagtes Geständnis ("You know I’d leave any party for you."), doch verwandelt Feist den Track schließlich doch in eine umwerfend-euphorische Liebeserklärung.Etwas Widerspenstiges, Unbändiges blitzt dabei durchweg auf, wenn Feist im Verlauf von "Pleasure" immer wieder von einem Moment auf den anderen auf Genrezugehörigkeiten pfeift – und somit durchaus an ihre Punk-Wurzeln anknüpft.

Mal ist es eine Folk-Tagträumerei wie "Baby Be Simple", dann ein schemenhafter Blues ("I’m Not Running Away") oder auch der Garage-Band-Soul von "Young Up", weshalb auch eine disharmonische Choreinlage wie die auf "A Man Is Not His Song" kein bisschen aus dem Rahmen fällt – wie auch die grandios-geisterhafte Lyrik von "The Wind": "And the trees for their 100 years/Lean north like calligraphy/And I’m shaped by my storming/Like they’re shaped by their storming".

Mit "Century" jedoch erreicht "Pleasure" einen Höhepunkt, der alles andere in den Schatten stellt. Auf düstere Seelenqualen, die einerseits absolut intim und persönlich wirken, aber zugleich vollkommen universell, erreicht der epische Track seinen Gipfel, wenn Jarvis Cocker ganz zum Schluss elegische Verse als Spoken-Word-Part beisteuert: "Those nights that never end/When you believe you’ll never see the sunrise again/When a single second feels like a century."

Die absolute Selbstbeherrschung, die Feist auf "Pleasure" präsentiert, ist das Ergebnis von jahrzehntelangen, durchaus zielgerichteten Streifzügen, auf die sie als Musikerin inzwischen zurückblicken kann. Los ging es für die in Nova Scotia als Leslie Feist geborene Musikerin in Jugendchören, auf die sie jedoch schon mit 15 eine erste Punk-Combo namens Placebo in Calgary folgen ließ.

Nachdem sie als Rhythmusgitarristin die Indierock-Band By Divine Right unterstützt hatte, sang sie unter anderem auf dem Debütalbum von Peaches und war Mitbegründerin von Broken Social Scene, deren erstes Album "You Forgot It In People" (2002) einen Juno Award gewann. Dazu absolvierte sie mit den besagten Acts auch jeweils ausgiebige Tourneen.

Ihren Solodurchbruch feierte sie mit dem Debütalbum "Let It Die", auf dem auch die Single "Mushaboom" vertreten war: Die LP bescherte ihr nicht nur den Juno Award für das "Best Alternative Rock Album", sondern machte auch sie nach zahlreichen weiteren Kritiker-Lobgesängen zum "Best New Artist" des Jahres 2004

Das 2007 veröffentlichte "The Reminder"-Album katapultierte sie dann in die US-Top-20 (und in Deutschland auf Platz 11): "Ein grandioser Haufen schlichter, ganz präzise arrangierter Liebeslieder – von Expertenhand produziert, köstlich eingesungen", urteilte die Village Voice, während Singles wie "1234" oder auch "My Moon My Man" erstmals für Albumverkäufe in Millionenhöhe sorgten. Außerdem bescherte "The Reminder" der Sängerin den Shortlist Music Prize 2007 – womit sie die zweite weibliche Künstlerin überhaupt war, der diese besondere Ehre zuteil werden sollte.

Nach einer mehrjährigen Auszeit – während der sie allerdings u.a. an dem Film "Look At What The Light Did Now" arbeitete, einer Dokumentation über die Entstehung von "The Reminder" und der dazugehörigen Tournee –, meldete sich Feist 2011 mit dem zuletzt veröffentlichten Album "Metals" zurück: Auf Platz neun stieg die LP in die Billboard-Charts ein (wo sie bis auf die #7 kletterte), hierzulande Platz sechs, woraufhin die New York Times den Longplayer sogar zum "Album des Jahres" erklärte. Außerdem bescherte ihr das dritte Album den Polaris Prize sowie vier weitere Juno Awards.

Insgesamt hat Feist bis dato mehr als Drei Millionen Tonträger verkauft; die Zahl der Streams liegt bei mehr als 500 Millionen. Sie ist bei "Saturday Night Live" aufgetreten, hat den Hollywood Bowl ausverkauft, und ihre gefeierte TV-Performance von "1234" ist das zweitmeistgesehene Video in der Geschichte der Sesamstraße