Backstage
Francesco Tristano BACKSTAGE EXCLUSIV

Aktuelles Album

Facebook

News

12.09.2012

Try Walking in Bach's Shoes - Francesco Tristano spielt Buxtehude, Bach und Tristano

Francesco Tristano zeigt auf seiner neuen Aufnahme ein unkonventionelles und zugleich wahrhaftiges Traditionsbewusstsein. Im Zentrum seiner neuen Aufnahme stehen Werke von Dietrich Buxtehude, einem Lehrer von Tristanos Vorbild Johann Sebastian Bach.

Francesco Tristano, Try Walking in Bach's Shoes

Mit “Long Walk” liefert Francesco Tristano gewissermaßen das Prequel zu seinem Aufnahmedebüt für Deutsche Grammophon. Hatte er mit “bachCage” Johann Sebastian Bach und John Cage in einen unvermuteten musikalischen Zusammenhang gestellt und damit Bachs Modernität unterstrichen, spürt er nun einer Begebenheit im Leben des jungen Bach nach, die sich als prägend für dessen künstlerische Entwicklung herausstellen sollte. Zugleich offenbart sich der luxemburgische Pianist, Komponist und Produzent mit seiner jüngsten Aufnahme als geistiges Kind Bachs.

Junge Wilde

Mit seinem legendären Fußmarsch von Arnstadt nach Lübeck - dem “Long Walk” - erwies der 20-jährige Bach auf dem Weg zu einer eigenen künstlerischen Identität einem verehrten Meister die Referenz und setzte sich zugleich über herrschende Konventionen hinweg. Dem Vorbild des jugendlichen Bach, den man mit einigem Recht als jungen Wilden bezeichnen darf, folgt Francesco Tristano heute auf eigene Weise: Wie schon mit der richtungweisenden Aufnahme “bachCage” bezieht er mit seinem vorliegenden Album eindrucksvoll Stellung gegen einen falsch verstandenen Purismus und zeigt gleichwohl tiefen Respekt vor dem musikalischen Erbe des Barock.

Bachs langer Marsch

Historischer Hintergrund der aktuellen Tristano-Aufnahme ist der 380 Kilometer lange Fußmarsch, den Bach im Herbst 1705 auf sich nahm, um das weithin gerühmte Choralspiel Buxtehudes in Lübeck zu hören. Einmal vor Ort nahm Bach bewusst Ärger in Kauf: Um Unterricht bei Buxtehude nehmen zu können, verlängerte er seine offiziell bewilligte vierwöchige Bildungsreise auf eigene Faust um fast zwei Monate. Nach seiner Rückkehr verlangte das Arnstädter Konsistorium Rechenschaft; Anstoß erregte nicht nur Bachs Verspätung, sondern auch sein gewandeltes Orgelspiel. So warf man ihm vor, er habe “in dem Chorale viele wunderliche variationes gemachet, viele frembde Thone mit eingemischet, daß die Gemeinde drüber confudiret worden". Trotzig folgte Bach der Anweisung, seine neuerdings ausufernden Choralvorspiele zu kürzen, mit übertriebenem Eifer - und provozierte abermals.

Buxtehudes Einfluss


Die genauen Umstände der Begegnung von Bach und Buxtehude liegen im Dunkeln. Doch der nachhaltige Einfluss des Lübecker Orgelvirtuosen und Komponisten auf seinen Schüler gilt als erwiesen. Als eindeutiger Beleg werden die “Goldberg-Variationen” angesehen, das vielleicht berühmteste Spätwerk Bachs. Wie Buxtehudes Variationenwerk “La capricciosa” über das Thema “Kraut und Rüben”, das im Zentrum von Tristanos Aufnahme steht, ist Bachs Werk in G-Dur geschrieben, von identischer Form und reich an musikalischen Parallelen. In der letzten Variation, dem “Quodlibet”, zitiert Bach das “Kraut und Rüben”-Thema sogar wie zur Hommage an seinen einstigen Lehrer. "Vielleicht", so mutmaßt Francesco Tristano, "ist sogar jede einzelne Bachsche Variation im Grunde genommen eine Version von Buxtehudes Ur-Variation."

Tristanos vielseitiges Barock-Verständnis

Francesco Tristanos Interpretationen der Werke Buxtehudes und Bachs sind von neuen Klängen und ungewöhnlichen ästhetischen Prioritäten geprägt. So bringt der Pianist den Loop als gemeinsames Grundelement von Barock- und elektronischer Clubmusik zum Vorschein. Den fast hypnotischen Effekt der 128-maligen Wiederholung des “Kraut und Rüben”-Themas im Verlauf der “La capricciosa”-Variationen unterstützt die Aufnahme etwa durch den Einsatz von Mikrofonen unterschiedlicher Klangcharakteristik. Und aus dem Material der 1974 in einem Originalmanuskript Bachs gefundenen Appendix zu den "Goldberg-Variationen", bestehend aus Kanons über deren Basslinie, fügt Tristano in einer komplexen Schichtung dieser Kanons als Loops das Titelstück "Long Walk" zusammen. Mit seiner zweiten Eigenkomposition "Ground Bass" folgt er dem formalen Modell einer Chaconne, das Buxtehude in seiner “Ciaconna“ und Bach in der Aria der “Goldberg-Variationen” erprobten.

Francesco Tristano zeigt mit seinem Album “Long Walk” ein ungewöhnlich vielseitiges und entdeckungsfreudiges Verhältnis zum Barock-Repertoire, das mannigfaltige faszinierende und erhellende Hörerfahrungen im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne bereithält.


KOMMENTARE

Kommentar speichern