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Songs I've Always Loved

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15.03.2004

For You - Was Frank Chastenier aus den Tasten zaubert ist einfach grandios

Wer in den letzten zehn Jahren in Deutschland Jazz gehört hat, hat mit großer Wahrscheinlichkeit auch Pianist Frank Chastenier gehört. In Amerika nennt man einen Musiker wie ihn "musician's musician", wenn sein Name fällt, verdrehen Kollegen die Augen und schwärmen "er ist der Beste!". Aber, um im Amerikanischen Idiom zu bleiben, er ist auch noch ein "best kept secret", das heißt, er entfaltete sich bislang eher im Hintergrund und in verschiedenen Ensembles, allen voran der WDR Big Band, deren fester Pianist er seit 1991 ist. Dank Till Brönner, seinem Freund, langjährigen musikalischen Partner und Co-Produzent seines ersten Solo-Albums, ist Pianist Chastenier jetzt verdientermaßen in der Liga der Album-Solisten angekommen.

Der erste Kuss ist der schönste. Ihm folgt ein ebenso aufregendes wie beruhigendes Gefühl. Der erste Schritt ist getan, die anfängliche Sehnsucht überwunden, das augenscheinliche Versprechen erfüllt. Berauscht, beseelt und befreit existieren die Küssenden nur in diesem Moment. Die Vergangenheit war einmal. Zukunft soll ruhig kommen. Wir sind hier und alles ist gut. "For You", das Solo-Debüt des Pianisten und Komponisten Frank Chastenier, ist die musikalische Entsprechung dieser sinnlichen Sensation. Unumwunden romantisch, subtil und selbstsicher. Ohne überflüssige Akrobatik oder falsche Bescheidenheit treffen die ruhigen Töne das Herz des Hörers. Die Dramaturgie führt vom Piano-Trio über einige dezent orchestrierte Glanzstücke mit dem Babelsberger Filmorchester bis zu einem Piano-Trompete-Duett mit Chasteniers Freund und Produzent Till Brönner.

Die acht Songs des Albums, die von einer Eigenkomposition über neu arrangierte Jazz-Standards und "Schlager" aus dem Repertoire von Hildegard Knef oder Herbert Grönemeyer reichen, fließen homogen und wie füreinander gemacht über die fünfzig Minuten dieses Albums. Allein das ist bemerkenswert, bezeichnend und wunderbar. Wie der erste Kuss. Nur dass sich dieses Erlebnis, in all seiner Intimität und Seelenruhe, mit einem Druck auf die Repeat-Taste unendlich oft wiederholen lässt.

"Ich bin sehr empfindlich was meine Musik angeht", gibt Frank Chastenier zu. "Ich könnte nicht einfach in irgendein Studio gehen und mit irgendwem eine Platte aufnehmen. Deshalb waren die Voraussetzungen für diese Aufnahme auch so traumhaft. Es sind meine Freunde im Trio und dazu Till, der wie ein Bruder für mich ist. Er hat das Album auch in seinem Studio produziert, in dem ein wunderbarer Flügel steht. Ich denke und hoffe, dass man diese spezielle Atmosphäre den Aufnahmen auch anhört. Da ist wirklich kein einziger Kompromiss im Spiel. Das hier ist mein Album. Und hundertprozentig meine Musik."

Wie bei vielen anderen großartigen Jazz-Alben stammen alle Aufnahmen von "For You" aus einer Session. Und es sind, bis auf eine Ausnahme aufgrund eines technischen Problems, alles First Takes "Da ist man frisch", betont Chastenier. "Beim zweiten Take hört man innerlich noch den ersten und wiederholt sich an einigen Stellen oder versucht vergeblich die Atmosphäre herüber zu retten." Für den (glücklich mit einer Berlinerin verheirateten) Hauptstadt-Fan bot sich in diesem Zusammenhang auch das von Hildegard Knef zu einiger Berühmtheit gesungene "Berlin, Dein Gesicht hat Sommersprossen" an. Nicht nur, weil die Aufnahmen in Berlin stattfanden, sondern eben auch in genau dem Studio, in dem Frank Chastenier unter der produzierenden Leitung von Till Brönner Teile des gefeierten Albums "17 Millimeter" mit der Diva einspielte.

Auch "Mensch", seine erstaunliche Interpretation des Grönemeyer-Hits in völlig neuem Kontext, ist so, sehr persönlich und spontan, im Studio entstanden. "Diese Version entspricht genau meinen musikalischen Vorstellungen", erklärt Frank Chastenier. "Das Stück lebt ja eigentlich vorrangig vom Text. Wie viele von Grönemeyers Sachen, die einen inhaltlich sehr berühren können. Als ich gemeinsam mit meiner Frau, die die CD damals gekauft hatte, "Der Weg" gehört habe, haben wir beide Rotz und Wasser geheult. Für mich ist es eine große Herausforderung, so etwas instrumental umzusetzen. Weil ich auch jemand bin, der immer versucht auf dem Klavier zu "singen". Das geht ja eigentlich meistens nur bei Sängern. Oder bei Bläsern. Das aber auch als Pianist zu schaffen, ist sozusagen mein Lebensinhalt, mein persönliches Ziel."

Apropos persönlich. "Alone Again (Naturally)" ist eine Art gereifte Jugenderinnerung des Pianisten, schließlich gewann ein zehnjähriger Frank Chastenier mit seiner Orgelperformance dieses Gilbert O'Sullivan-Hits aus den Siebziger Jahren einst den "Yamaha-Wettbewerb". Seine eigene melodieverliebte Ballade "For You" hat er bereits vor zehn Jahren für seine Frau geschrieben. Und das Arrangement des 20er Jahre-Hits "Bei Dir war es immer so schön" von Film- und Schlagerkomponist Theo Mackeben verfasste er in der Woche nach dem Tod seiner Mutter als erinnernde Widmung. "Mackeben ist ohnehin einer meiner Lieblingskomponisten dieses Genres. Dieses Stück berührt mich einfach immer wieder."

Auch "Someday My Prince Will Come", ein vom Miles Davis Sextett schon 1961 aus der Obskurität der Walt Disney-Verfilmung von "Schneewittchen" gerettetes Kleinod, bekommt hier eine neue interpretative Ausrichtung. "Dieses Stück ist eigentlich repräsentativ für meine Trioarbeit. Ich nehme da oft das Gerüst eines Standards, weil ich dazu auch immer beispielsweise Wynton Kelly oder das Oscar Peterson-Trio im Ohr habe. Im Konzert sage ich dann immer: "Jetzt kommt kein Arrangement, sondern ein Derangement". Ohne das Gerüst zu zerstören, versuche ich einen anderen Bogen zu bekommen." Andere Harmonien eröffnen dabei Möglichkeiten für völlig neue, eigene Sachen. Dafür muss natürlich nicht nur das Gerüst stehen, sondern auch die künstlerische Kommunikation zwischen allen beteiligten "Facharbeitern" stimmen. "

"I'll Never Smile Again" haben wir noch nicht mal vorher durchgespielt", erinnert sich der Leader. "Und Till hat das live mitgespielt, aus dem Nebenraum. So etwas geht einfach nur mit Leuten, auf die man sich hundertprozentig verlassen kann. Und die werden einfach immer weniger, mit zunehmendem Alter. Die ultimativen vier sind für mich jetzt zusammen. Dasselbe, was ich vorhin über Till gesagt habe, gilt nämlich auch für den Bassisten John Goldsby, mit dem ich jeden Tag beim WDR zusammenspiele, und natürlich auch für Hans Dekker am Schlagzeug. In dieser Band kann sich Jeder immer an Jeden anlehnen."

Frank Chastenier ist mit seinen 37 Jahren fast schon so etwas wie ein Veteran: Seit beinahe dreißig Jahren liebt und lebt er Musik. Mit acht begann er Klavier zu lernen, angerührt von Oscar Peterson, Count Basie oder Keith Jarrett. Auch die Orgel lernte er schon in jungen Jahren spielerisch zu meistern. Mit eben dreizehn bekam er den ersten Preis beim Wettbewerb "Jugend jazzt". Schon ein Jahr später tourte er als jüngstes Mitglied des Landesjugendjazzorchesters NRW durch die Republik. Er war siebzehn, als er ein klassisches Klavierstudium bei Prof. Ulla Graf am Hochschul-Institut in Aachen aufnahm. Außerdem war er bei Francis Coppieters an der Kölner Musikhochschule für ein Jazzstudium eingeschrieben. 1987 erreichte der 20jährige das Finale der legendären "Thelonious Monk Competition" in Washington, DC. Im Jahr darauf holte ihn Peter Herbolzheimer in sein Bundesjazzorchester (und später auch regelmäßig zur "Rhythm Combination & Brass"). 1990 feierte Frank Chastenier sein Debüt bei der Big Band des WDR in Köln mit einer Studioproduktion. Schon bald folgten weitere Projekte, wie "Last Minute" mit Schlagzeuger Dennis Mackrel oder "Electricity" im Jahre 1991, wo der junge Instrumentalist erstmals mit dem Gastdirigenten Bob Brookmeyer und den Solisten John Abercrombie, Danny Gottlieb, Dieter Ilg und Rainer Brüninghaus zusammenarbeitete. Im selben Jahr wurde aus der projektbezogenen Arbeit ein festes Engagement: Mit 24 übernahm Frank Chastenier den Posten des Pianisten in der WDR Big Band Köln. Von Beginn an faszinierte ihn die konzeptionelle Vielschichtigkeit in den Konzertprogrammen dieses Orchesters, in denen er selbst seine stilistische Vielfalt und Kreativität nicht nur auf dem Klavier, sondern auch auf Keyboards, Synthesizern oder der Hammond B3 entfalten konnte.

Die musikalische Vielseitigkeit des Frank Chastenier in den Konzerten und bei seinen mittlerweile über 25 Album-Aufnahmen mit der WDR Big Band beeindruckte zahlreiche Jazz-Größen, darunter Ray Brown, Peter Erskine, Jeff Hamilton, Bill Holman, Bob Brookmeyer, Vince Mendoza, John Clayton, George Gruntz, Lalo Schifrin, Jim McNeely, Michel Legrand, Paquito D'Rivera, Toots Thielemans, Patrick Williams und viele mehr. "Sein Spiel ist voller Energie. Er besitzt ein Empfindungsvermögen für die richtige Spielgestik, eine Offenheit und Spiellust, die ihn für mich zu einem einzigartigen Musiker machen", lobte etwa Brookmeyer. 1994 widmete ihm der Posaunist, Komponist, Arrangeur und Dirigent das Klavierkonzert "Serious Music", das Frank Chastenier zum ersten Mal die Gelegenheit bot, seine improvisatorische und pianistische Kreativität in einem größeren Kontext mit der WDR Big Band zu entfalten. Auch Vokalisten wie Chaka Khan, Al Jarreau, Dee Dee Bridgewater, Randy Crawford, Caterina Valente oder Patti Austin wussten seine Qualitäten als universeller, virtuoser und gefühlvoller Begleiter zu schätzen. Neben seinen umfangreichen Tätigkeiten für das WDR-Orchester unterstützt der Pianist und Arrangeur verschiedener Studioproduktionen, der unter anderem auch an den letzten Produktionen von Hildegard Knef (s.o.) und Manfred Krug mitwirkte, seit Jahren seinen Jugendfreund Till Brönner bei dessen CD-Projekten und Tourneen. Dass die Spielfreude und Beliebtheit des Pianisten nahezu grenzenlos ist, belegt ein Zitat Brönners: "Frank Chastenier hatte bei unserem Konzert in Aachen ein Heimspiel. Und wie sich nach zwei Wochen Tournee herausstellte, ist er offensichtlich in vierzehn Städten hauptwohnsitzmäßig gemeldet."


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