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Friedrich Gulda BACKSTAGE EXCLUSIV

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17.10.2007

Was soll's?!

Friedrich Gulda, Was soll's?!

Friedrich Gulda war einer von denen, der sich nichts sagen ließ. Man hat ihm Diventum vorgeworfen, doch die Kritiker hatten letztlich nicht verstanden, worum es dem Wiener Klaviergenie eigentlich ging. Die Musik, so wie sie sich im klassischen Konzertbetrieb der Öffentlichkeit gerierte, war Friedrich Gulda nicht genug. Er wollte Grenzen überschreiben, mehr wissen und erfahren, nicht nur das, was ihm die kulturbürgerliche Tradition vorschrieb. So suchte er, wo er Interessantes vermutete, im Jazz vor allem, in der Komposition, aber auch in der scharfen Kontrastierung von Hochkultur und Entertainment. Dabei erwies er sich als Charismatiker, dessen Ausstrahlung auf die Menschen wirkte, sie mitreißen konnte. Und zum Glück wurden viele seiner späten musikalischen Grenzgänge von dem Team um die Münchner Produktionsfirma "Loft" mit Ton und Bild festgehalten. So kann nun mit "So What?!" ein Querschnitt aus TV-Portrait, Live-Aufnahmen und Interviewpassagen präsentiert werden, der einen ausgezeichneten und packenden Einstieg in die Welt des Friedrich Gulda bietet.

Der Münchner Klaviersommer war ein Glücksfall für Friedrich Gulda und Friedrich Gulda war ein Glücksfall für den Klaviersommer. Denn die Anfang der Achtziger von ein paar Münchnern  Enthusiasten ins Leben gerufene Veranstaltung erwies sich als ideale Spielwiese für die musikalischen Kombinationen, die der Künstler im Kopf hatte. Ein Versuchsballon mit Konzerten des Pianisten im Amerikahaus war gestartet worden, die Produktionsfirma "Loft" um den Leiter der gleichnamigen Bühne Karlheinz Hein und den zur Kultur konvertierten Volkswirt Manfred Frei dokumentierte sie für Funk & Fernsehen, so etwas wie eine Idee begann, sich am Firmament abzuzeichnen. Ein Team aus Hein, Frei, Gulda, den Pianisten Nicolas Economou, Chick Corea und dem stellvertretenden Kulturreferenten der Stadt München Elmar Zorn traf sich schließlich und stellte für das Jahr 1982 das erste Festival zusammen. In den folgenden Jahren fanden zahlreiche Meetings auf der Bühne statt, immer sorgfältig dokumentiert. Und sie bilden eine der Grundlagen, auf der dann die Zusammenstellung "So What" - zu deutsch so viel wie "Was soll's!" und nebenbei der Titel eines der bekanntesten Stücke des Jazz-Trompeters Miles Davis - gestaltet werden konnte. Das Projekt hat für Friedrich Guldas Sohn Paul sogar eine Art Vorbildfunktion: "Dass die Deutsche Grammophon diese Dokumente, und hoffentlich noch viele weitere aus dem LOFT-Archiv, veröffentlicht, ist für unsere Familie nicht nur einfach erfreulich, sondern kann als Signal verstanden werden: Es wäre wünschenswert, dass die Botschaft dieses Künstlerlebens in noch breiterem Maß aufgenommen und nachvollzogen werde", stellt Paul Gulda im Booklet der DVD fest.
 
Und ergänzt: "Die Gleichzeitigkeit von Vielfalt und Tiefe, mit welcher der reife Friedrich Gulda hier agiert, darauf kommt es an. Crossover mag manchmal gelingen, auch amüsant und leicht geraten; und mancher Künstler mag öffentlich mit Hingabe, ja sogar mit Qual um die letzten Einsichten ringen. Friedrich Gulda hat beide durch- und überschritten." Die Dokumente, auf die die Zusammenstellung "So What?!" zurückgreifen kann, tragen Titel wie "Mozart For The People (1981) und "Friedrich Gulda Solo" (1989). Sie umfassen Kompositionen von Auszügen aus Bachs "Wohltemperierten Klavier" über Debussys "Images" bis zu Karl Föderl/Ernst Marischkas "Die Reblaus" und natürlich eigene Werke. Sie wurden unter bestmöglichen akustischen und optischen Bedingungen festgehalten und für die DVD-Edition um zwei besondere Features ergänzt. Zum einen kann man den Pianisten im Zwiegespräch mit einem seiner Bewunderer, aber auch Herausforderer, dem Musikkritiker Joachim Kaiser erleben. Und nicht zuletzt kann man, quasi als Einleitung zum Thema, den 2002 entstandenen, beinahe einstündigen Film "So What?!" von Benedict Mirow und Friedeman Leipold wieder sehen, der sich unter anderem anhand von Texten Friedrich Guldas, gelesen vom unlängst verstorbenen Schauspielstar Ulrich Mühe, dem Künstlerphänomen näher. Rundum also eine einfallsreiche und vielfarbige Einführung in die Klang- und Gedankenwelt eines Musikers, der zu den Visionären des vergangenen Jahrhunderts gehörte.


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