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17.02.2010

Scharfsinn und Eigenheit – Friedrich Gulda spielt Chopin

Friedrich Gulda, Scharfsinn und Eigenheit – Friedrich Gulda spielt Chopin © Siegfried Lauterwasser / DG

Friedrich Gulda hatte seine Eigenheiten. Eine davon war, dass er seinen Assistenten Lambert Eisenhut und Ossi Ruzicka schon in den frühen Jahren auftrug, seine Konzerte zum Zwecke der Selbstkontrolle mit vergleichsweise guter Amateuranlage mitzuschneiden. Die Bänder dieser ansonsten nicht dokumentieren musikalischen Momente lagerten Jahrzehnte unbeachtet in einer Wohnung der Familie, bis sich Friedrich Guldas Sohn Paul an die Sichtung der Archivalien machte und dabei auf ein wahres Füllhorn eines Künstlerlebens stieß. Bei diesen Gelegenheiten wurde, vor allem in den fünfziger Jahren, manche Chopin-Interpretation festgehalten, ein Komponist, dem sich Friedrich Gulda später zugunsten von Bach, Beethoven oder Mozart nicht mehr widmete. Aus Anlass des Chopin-Jubiläumsjahres hat Paul Gulda diese Aufnahmen nun remastert und ediert. Auf einer Doppel-CD veröffentlicht Deutsche Grammophon jetzt unter anderem eine aus zwei kontrastierenden Konzerten kombinierte Interpretation der „24 Preludes op.28“ sowie eine kühne Darstellung der „4 Balladen“ aus dem Jahr 1955.

Man hätte es sich denken können - und wer die historischen Konzertkritiken kannte, wusste es auch: Friedrich Gulda war ein herausragender Chopin-Interpret und er spielte die Werke des polnischen Komponisten anders als der Rest seiner Generation. Dabei ging es ihm weniger darum, sich effektvoll von den anderen abzusetzen, als vielmehr um die Erkundung der Tiefenschichten von Chopins Musik. Zum Beispiel die „24 Preludes op.28“: Partiell gehasst von Klavierschülern aufgrund ihrer beiläufigen, aber immens vertrackten Virtuosität, wurden sie bereits vom Komponisten im Titel als „Vorspiele“ gekennzeichnet und sind tatsächlich rätselhaft metaphysische Skizzen zum Thema des romantischen Weltgefühls, die mit einer faszinierenden und damals zeituntypischen Offenheit ein Spektrum der Emotionen entfalten, das man eigentlich erst wieder in den gleich lautenden Werken Claude Debussys mehr als ein halbes Jahrhundert später findet. „Friedrich Gulda – Chopin“ wendet sich in zwei unterschiedlichen, hier miteinander kombinierten Konzertaufnahmen, beide entstanden im Frühjahr 1955, diesem Werkkorpus zu, Paul Gulda hat aus den beiden Konzerten einen kompletten Zyklus zusammengestellt. Obwohl die Aufnahmequalität im Vergleich zu Studioarbeiten etwas dumpf klingt, wischt doch die erhellende Klarheit, mit der Gulda sich diesen Stücken widmete, jeden Zweifel fort. Hier kommt eine Interpretation zum Vorschein, die ebenso luzide und hellwach wie ehrfürchtig ist, deren dynamische, rhythmische und vor allem inhaltliche Deutung zum Intelligentesten gehört, das jemals mit den „Preludes“ gewagt wurde.

Ähnlich subtil ging Gulda auch im Jahr 1954 mit dem „Klavierkonzert Nr.1, e-moll“ um, das er in London gemeinsam mit den Londoner Philharmonikern unter der Leitung von Sir Adrian Boult festgehalten hatte. Allerdings hatte er in diesem Fall angesichts des Orchesters naturgemäß nicht die vollständige Kontrolle über die Feinheiten des Spiels mit Pathos und Wahrhaftigkeit, die eine wesentliche Rolle in seinen Solo-Aufnahmen spielt. Nahe an der Genialität hingegen waren die Mitschnitte, die er im März 1955 anlässlich seines 500. Konzertauftritts mitschneiden ließ. Längst infiziert vom Virus der Freiheit, das die Musik seiner zweiten Leidenschaft Jazz in sich trug, verstand er die „4 Balladen“, obwohl vom Notentext durchaus penibel original, als Möglichkeit mit den Kontrasten von Loslassen und Festhalten zu experimentieren. Die Stücke haben im Sinne des klassischen Konzertbetriebs bereits eine interpretatorische Sprengkraft in sich, die die Eigenheit der Darstellung auf einer ganz anderen Ebene empathischer Durchdringung zelebriert, als es viele Zeitgenossen wahrgenommen haben dürften. Abgerundet wird die Zusammenstellung „Friedrich Gulda – Chopin“ durch mehrere einzelne Konzertmomente etwa mit „Nocturnes“, in einem Fall sogar aus dem Jahr 1986, quasi also rückblickend auf die eigene Beschäftigung mit dem Werk des Komponisten. Aus dem gleichen Jahr stammt darüber hinaus die Zugabe des CD-Programms, das „Epitaph für eine Liebe“ aus Guldas eigener Feder, welches Paul Gulda aus Konzert- und Studioaufnahmen zu einer kurzen Suite im Geiste des Post-Romantischen zusammengestellt hat. So ist eine Würdigung Chopins aus Sicht eines Nachgeborenen entstanden, der aber mit faszinierendem Scharfsinn das Wesentliche seiner Notentexte in Musik verwandelt hat.

Mehr Informationen zum Chopin-Jubiläum finden Sie unter: www.chopin-200.de

Mehr Informationen zu Friedrich Gulda auf KlasikAkzente.de


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