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05.05.2015

Genetikk – »Achter Tag«

Die erste Frage, die sich einem in Bezug auf Genetikk immer gleich am Anfang stellt ist klar: Wer verbirgt sich unter den Masken? Was steckt hinter Genetikk? Die Antwort: Viel mehr als nur das vermummte MC-Produzenten-Gespann aus Saarbrücken, das mit seinem Debütalbum »D.N.A.« vor gut zwei Jahren einen modernen Klassiker abgeliefert hat und Deutschrap seitdem im Schwitzkasten hält. Das Duo schöpft für seine Kunst nicht nur aus eigenen Erfahrungen sondern setzt auf ein unendliches Wissen, das in jedem Menschen steckt und nur darauf wartet, endlich entdeckt zu werden.

 

Folglich widmet sich das Duo auf dem neuen Studioalbum »Achter Tag« auch etwas, das weiter reicht als die menschliche Existenz: Nämlich die Schöpfung selbst. Aber so schön das Entstehen und Erschaffen auch sein kann, so gefährlich mutet es mitunter auch an - und ehe man sich versieht, wird der Traum zum Alptraum. Folglich bewegt sich Genetikks »Achter Tag« in genau jenem Spannungsfeld zwischen Schöpfung, Verwüstung und der Suche nach Selbsterkenntnis.

 

Das tut das maskierte Duo wie gewohnt mit stylishem Streetrap auf knochentrockenen Kopfnicker-Beats, der gekonnt zwischen altem Traditionsbewusstsein und zukunftsgewandter Progressivität hin und herschaltet. Eben mit genau jener grenzüberschreitenden Mixtur, die Sikk und Karuzo schon auf ihrem ersten, zwischen Paris und Saarbrücken entstandenen Mixtape Demo »Foetus« aus dem Jahr 2010 etablierten, mit dem Selfmade Records-Debüt »Vodoozirkus« 2012 noch weiter ausarbeiteten und auf dem nachfolgenden Studioalbum »D.N.A.« ein Jahr später schließlich perfektionierten.

 

Vollkommen zurecht stieg »D.N.A.« 2012 von 0 auf 1 in den deutschen Charts ein. Der rohe Sound von Sikk, die nonchalante Vortragsweise von Karuzos Rap und die Features von Wu-Tang Clan-Legende RZA so wie den Deutschrapgrößen Sido und Kollegah machte »D.N.A.« bereits kurz nach der Veröffentlichung zu einem modernen Klassiker, der seitdem in einem Atemzug mit Deutschrap-Meilensteinen wie »Gottes Werk und Creutzfelds Beitrag« von Creutzfeld & Jakob, »Deluxe Soundsystem« von Samy Deluxe oder Sidos »Maske« genannt wird.

 

Daraufhin sind Genetikk neben etlichen Auszeichnungen 2014 in der Kategorie »Newcomer des Jahres« für den Echo nominiert und iTunes wählt »D.N.A.« genreübergreifend zum »Album of the Year 2013«. Das Duo etabliert sich als eine der besten Livecrews im Deutschrap. »Lieb’s oder Lass es« mit Sido-Feature wird zum Radio-Hit und auf der dazugehörigen EP befindet sich ein bis dato unveröffentlichter Track mit Wu-Tang Clan-Member Method Man. Mit einer ausverkauften Tour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz, über 30 Millionen YouTube Views und rund 1 Million Followern in den sozialen Netzwerken ist Genetikk ein prägender Einfluss auf den gegenwärtigen state of the art des Deutschrap . auch mit dem neuen Album »Achter Tag«.

 

Karuzo rappt mit unnachahmlicher Entspanntheit und Style sondergleichen über die Beats von Sikk, die sich gewohnt zwischen französischem Vorstadttrap und dem rumpelnden Sound aus dem New York der Neunziger bewegen. Für die Produktion der Platte bekam Sikk Unterstützung von Samon Kawamura aus dem Kahedi-Produzententeam, das schon für Hildegard Knef und Till Brönner gearbeitet hat. Aus leiernden Samples, knallharten Drums und lässigen Flows entsteht so ein Sound, der den Flavour von damals mit der Methodik von heute vereint.

 

Bei dieser Soundsymbiose entstehen waschechte Hymnen wie das treibende »Dago« und das zurückgelehnte »Überüberstyle«. »Mein Kung Fu« und »Einer von den Guten« schlagen hingegen nachdenklichere Töne an. Aber nur solange, bis das epochale »Wünsch dir was« ertönt. Am charakteristischen Kinderchor aus dem Klassiker der Toten Hosen haben sich hinter den Kulissen schon einige MCs die Zähne ausgebissen.  Aber mit satten Claps und stampfendem Drumset von Sikk und auf den Punkt gebrachten Reimen von Karuzo wird aus dem Song ein Paradebeispiel der deutschen HipHop-Sampleschule.

 

Und wo wir schon bei Samples sind. Warum eigentlich immer nur Soul aus den USA oder angestaubte Klassik reproduzieren?

 

Apropos Features: Gemeinsam mit Sido huldigen Genetikk auf »Don’t Legalize« illegalen Rauchwaren, mimen mit dem Bonner SSIO auf allerfeinster BoomBap-Beats die »Jungs aus’m Barrio« und bekommen sogar Max Herre dazu, im Track »Sterne« seit langer Zeit mal wieder richtige Rap-Skills auszupacken. Max Herre, SSIO, Sido– auf keinem anderen Deutschrap-Album könnten diese Charakterköpfe derart gut nebeneinander existieren. Aber im Universum von Genetikk fügen sich diese Features in ein schlüssiges Gesamtkonzept.

 

Ein Gesamtkonzept, zu dem auch die GNKK-Crew gehört: Ein Künstlerkollektiv, das nicht nur musikalisch wirkt, sondern auch in den Bereichen Kunst, Mode, Design und Architektur tätig ist. In einem riesigen Workspace arbeitet die Kreativgemeinschaft wie einst in Andy Warhol in seiner legendären Factory sowohl an neuen Songs oder den Entwürfen für eigene Modemarken »HiKids« und Artworks, Videos oder Live-Shows. In Genetikks visueller Gestaltung wird nicht nur die westliche   Pop Kultur  zitiert sondern bearbeitet auch ein breites Spektrum an Werten und Kunstgeschichte von griechischen Antike über Japanische Zen Philosophie bis hin zu minimale oder puristische Architekturkunst wie der Arte Povera.

 

All diese Elemente, die auf den ersten Blick vielleicht gar nicht zusammenpassen, werden miteinander vermengt und ergeben so Genetikks großes Gesamtkunstwerk. Wer hinter den Masken steckt? Wer das Duo wirklich ist? Das weiß man auch nach dem Hören von »Achter Tag« nicht. Man wird es vermutlich auch nie erfahren. Aber das Album hallt nach. Vielleicht ist es zuerst befremdlich oder erschließt sich nicht direkt, vielleicht fühlt man sich gar vor den Kopf gestoßen. Aber wenn man in sich hinein hört, dann rumort es im Inneren, klopft an die Schädeldecke, aktiviert Denkprozesse und verändert etwas. Genau das macht »Achter Tag« zu einem so außerordentlichen Deutschrap-Album.