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13.09.2006

Nachschlag

Gidon Kremer, Nachschlag

Es gibt noch immer etwas zu entdecken. Dmitri Schostakowitsch kennt man als Sinfoniker und Komponisten bewegender Streichquartette. Spezialisten sind wohlmöglich seine Bühnenwerke geläufig. Doch satirische Suiten, Lieder oder auch Sonaten bleiben in der Regel dem Hörer verborgen, weil sie nicht zum Kanon der Konzertliteratur gehören. Umso wichtiger ist es, auch diese Seiten des russischen Komponisten zu beleuchten und sich auf die Suche nach verborgenen Schätzen der Musikliteratur zu begeben.

Während der Vorbereitung der kritischen Gesamtausgabe der Werke von Dmitri Schostakowitsch, stieß der Cheflektor des Projektes und Präsident der russischen Schostakowitsch-Gesellschaft Manashir Yakubov auf eine bislang unbekannte Symphonische Suite aus dem Jahr 1932. Sie fasste im orchestralen Rahmen zusammen, was die Oper "Lady Macbeth von Mzensk" formulierte, und bestand aus den drei Zwischenspielen, die nach der zweiten, sechsten und der siebten Szene auf der Bühne gespielt wurden. Allerdings erging es ihr ähnlich wie dem Hauptwerk, das nach dem Missfallen durch Diktator Stalin für rund ein Vierteljahrhundert in der Versenkung verschwand. Anlässlich des Jubiläumsjahres wurde die Suite zusammen mit der Filmmusik zu dem Volksstück "Das Märchen vom Popen und seinem Knecht Balda" nach einer Vorlage von Puschkin erstmals für CD eingespielt. Auch das zweite Stück des Albums, das mit seiner heiteren Grundstimmung im direkten Gegensatz zu der ersten "Lady Macbeth"-Bearbeitung steht und ebenfalls aus dieser jungen und kreativen Schaffensphase des Komponisten stammt, erscheint erstmals in vollständiger Form auf Tonträger und komplettiert auf diese Weise den stetig wachsenden Werkkorpus.
 
Ebenfalls weniger bekannt als die Sinfonik sind die vielen kleineren Kompositionen Schostakowitschs mit satirischem Unterton, schon deshalb, weil ein totalitäres System sich prinzipiell mit allen Formen potentieller Kritik schwer tut. Dabei entwickelte er allen gewohnten Eindrücken von Ernst und Pathos zum Trotz einen bissigen und sarkastischen Ton, der ihn für manche Zurückhaltung entschädigte, die er sonst an den Tag legen musste. Die "Vier Gedichte des Hauptmanns Lebjadkin" etwa entstanden ein Jahr vor Schostakowitschs Tod und entwickelten anhand von Vorlagen aus Dostojewskis Roman "Die Dämonen" das groteske Bild eines dümmlichen und überheblichen eingebildeten Gelegenheitsdichters. Die "Fünf Lieder nach Texten aus der Zeitschrift 'Krokodil'" wiederum geißelten hintersinnig anhand von realen Texten menschliches Schmarotzertum, die "Satiren - Bilder der Vergangenheit" hielten sich an Vorlagen des kritischen Dichters Sascha Tschorny und die "Walzer-Suite" fasste Ende der Fünfziger eine Reihe von Melodien zusammen, die ursprünglich für Soundtracks entstanden waren. Sie werden ebenso wie die "Lady Macbeth"-Suite und das Balda-Märchen von dem russisch-deutschen Dirigenten und Schostakowitsch-Spezialisten Thomas Sanderling gemeinsam mit dem Russian Philharmonic Orchestra und dem Bass-Bariton Sergei Leiferkus mit Witz und Originalität umgesetzt und dokumentieren nun eine weitere, wichtige Facette der Künstlerbiographie mit nachhaltiger Prägnanz.

So sehr Schostakowitsch von bestimmten Gattungen fasziniert war, so mühsam gestalteten sich seine Versuche, mit dem Medium der Sonate umzugehen. Insgesamt entstanden gerade mal zwei Sonaten für Klavier, außerdem je eine für Cello, Geige und Bratsche. Mehr konnte er dieser Form nicht abgewinnen, allerdings gehören diese wenigen Werke zu den großartigen Beispielen ihres Fachs im 20.Jahrhundert. Für die im Oktober 2005 in St. Petersburg und Moskau verwirklichten Aufnahmen jedenfalls wurden sie behutsam orchestriert und in Konzertform gebracht, so dass die beiden Solisten sich mit der nötigen Emphase eingebettet in den Klangrahmen der Kremerata Baltica auf die Interpretation einlassen konnten. Sowohl Gidon Kremer (Bild oben), als auch Yuri Bashmet überzeugen durch wunderbare Brillanz des Ausdrucks und die sympathetische Teilnahme an den musikalischen Phantasien des Komponisten, wobei die "Violinsonate" in dieser Form der Orchestrierung durch Michail Zinman und Andrei Pushkarev überhaupt zum ersten Mal auf CD festgehalten wurden. So sind diese Einspielungen denn ein wichtiger Stein im Mosaik des Schostakowitsch-Bildes.


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