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02.06.2010

Kraft des Rituals

Man sollte Igor Stravinskys "Le Sacre du Printemps" eigentlich nur von einem jungen Orchester spielen lassen. Und von einem jungen Maestro wie Gustavo Dudamel dirigieren lassen

Gustavo Dudamel, Kraft des Rituals © Jean-François Leclercq

Denn es geht um Kraft und Energie, um das Aufblühen des Lebens und um Grenzerfahrungen, die auf  Menschen einströmen. Wahrscheinlich hat Stravinskys Werk genau wegen dieses latenten Untertons des Gefährlichen und Irritierenden schon bei seiner Uraufführung derart Aufsehen erregt, dass es flugs zu einem Monument des Übergangs von der Restromantik des Fin-de-Siècles zum bedrohlichen Realismus der Weltkriegsära wurde. "Es ist ein überwältigendes Stück voller Bildlichkeit, voller Energie und natürlich voller Rhythmus", meint Gustavo Dudamel im Gespräch mit dem Musikjournalisten Guido Fischer. "Dieses Werk mit einem Jugendorchester spielen zu können, ist eine großartige Kombination. Und die lateinamerikanische Freiheit im Umgang mit dem Rhythmus ist beim Simón Bolivar Youth Orchestra faszinierend. Gleichzeitig ist es auch eine Herausforderung, denn das Stück ist enorm schwierig und musikhistorisch bahnbrechend. Sacre löste ja bei seiner Uraufführung 1913 einen riesigen Skandal aus, weil es neue Türen in der Musik aufstieß."

Vor allem aber hat "Le Sacre du Printemps" eine besonderen Verbindung zum Innenleben seiner Musiker und Hörer. Obwohl komplex zu spielen ist es ein Link zur Erfahrungswelt junger Menschen, was schon Sir Simon Rattle zu nutzen verstand, als er das Stück im Zusammenhang seines Jugendprojektes "Rhythm Is It!" einsetzte, bei dem wiederum Gustavo Dudamel als Assistent Feinheiten der Interpretation vermittelt bekam. Inzwischen selbst einer der Großen der internationalen Klassikszene kann Dudamel all diese Erfahrungen in die Arbeit mit dem venezolanischen Orchester einbringen, mit dem er sich nach einem Jahrzehnt gemeinsamer Karriere in besondere Weise verbunden fühlt. Genau das hört man der Aufnahme von "Rite" an, die im Februar 2010 in Caracas entstand, wie auch dem zweiten Werk, das seinen Weg in das Programm des Albums gefunden hat.

Denn auch "La Noche De Los Mayas" des Mexikaners Silvestre Revueltas hat etwas mit Ritualen und Pathos zu tun. Ursprünglich 1939 für einen Film komponiert, hat es sich längst aus dem Korsett der Bilder gelöst und ein klangästhetische Eigenleben entwickelt. "Für mich ist Revueltas jedenfalls neben Heitor Villa-Lobos und Alberto Ginastera der wahrscheinlich bedeutendste Komponist Lateinamerikas. Immerhin war schon der legendäre Dirigent Erich Kleiber von Revueltas so beeindruckt, dass er seine Musik mit Gustav Mahler verglichen hat. So ein Kompliment von einem der größten Dirigenten des 20.Jahrhunderts ist schwer zu überbieten". Umso mehr ist es wichtig, auch mit Aufnahmen Revueltas ins rechte interpretatorische Licht zu stellen. Gustavo Dudamel gelingt das mit dem Simón Bolivar Youth Orchestra in einer Weise, die das weniger bekannte Werk eindrucksvoll neben dem Monument Stravinsky bestehen lässt und ihm einen Platz in der Musikgeschichte des 20.Jahrhunderts zuweist.

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