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30.09.2014

Nächtliche Lichter - Gustavo Dudamel interpretiert Mahlers Siebente

Er ist ein Weltstar unter den zeitgenössischen Meisterdirigenten. Jetzt erscheint Mahlers wegweisende 7. Sinfonie in der Interpretation von Gustavo Dudamel und seinem Simón Bolívar Sinfonieorchester.

Gustavo Dudamel, Dudamel interpretiert Mahlers Siebente © Courtesy of Gustavo Dudamel

Gustav Mahler stand an der Schwelle zu einer neuen Zeit. Seine jungen Jahre durchlebte er aber noch ganz im Zeichen der Tradition. Aufgewachsen in einer pittoresken Garnisonsstadt, sog er als kleiner Junge die ganze Idylle der habsburgischen Provinz in sich auf. Er labte sich an den Landschaften der böhmisch-mährischen Höhen und lauschte den fernen Klängen der Militärmusik. In Iglau, dem heutigen Jihlava/Tschechien, waren Truppen der k. und k.-Monarchie stationiert, und die kräftige Marschmusik gehörte neben der lyrisch-tänzerischen Folklore zum selbstverständlichen Klanghintergrund der Region.

Sensible Seele

Gründe, in andere Sphären zu fliehen, hatte der kleine Gustav genug. Das Familienleben war alles andere als friedlich. Der Vater schlug die Mutter, worunter der Junge sehr litt. Zeit seines Lebens behielt Gustav Mahler eine starke Sensibilität für die Regungen gepeinigter Seelen bei. Seine eigene war gepeinigt genug. Er weinte viel und resignierte oft. Aber es gab einen Ausweg für ihn: die Musik, in die all seine Gefühle Eingang finden durften. Mit 15 ging Mahler, der bereits im Alter von 12 Jahren anspruchsvollste Werke von Liszt und Thalberg auf dem Klavier beherrschte, nach Wien. Hier begann er am Konservatorium sein enormes Talent zu entfalten, das ihn schließlich zu einem der größten spätromantischen Komponisten an der Schwelle zur Moderne werden ließ.  

Fast filmisch

Mahler witterte in Wien den Geist der Moderne. Er spürte, dass die traditionelle Harmonik bis an ihre Grenzen ausgereizt werden musste, um die Vielfalt der Gefühle zum Ausdruck zu bringen, die in der Luft lagen und von denen er auch persönlich beherrscht war. Das Alte bestand noch fort, aber es befand sich in Auflösung, und in keiner anderen Sinfonie hat Mahler dieses elektrisierende Zwischenstadium am Beginn des 20. Jahrhunderts atmosphärisch dichter eingefangen als in seiner siebten. In sie ist buchstäblich alles eingeflossen, was ihn geprägt hat: Dörfliches und Städtisches, Traditionelles und Neues, Kräftiges und Lyrisches, Alarmierendes und Idyllisches. Das düstere Marschthema im ersten Satz gemahnt an die Militärklänge aus Iglau. Aber es ist andererseits zu gebrochen, um es ausschließlich der Tradition zuzuschlagen. In seiner Spannungsgeladenheit, Monumentalität und Wildheit, die Gustavo Dudamel wie kein anderer hervorzukehren versteht, erinnert das Thema eher an eine Filmmusik – zu einem Krimi oder Western.

Schönste Geheimnisse

Man hat immerzu das Gefühl: Jetzt passiert etwas. Man weiß nur nie, was, und ist erstaunt, wie sich zwischen die alarmierend klingenden Bläser urplötzlich idyllische Stillen und verliebte Träumereien der Streicher drängen. Das alles geschieht nicht gleitend, gemächlich, sondern mit eruptiver Plötzlichkeit. Mahler ist ein Meister der Überraschung, der unerwarteten Wendung, und so gelingt es ihm denn auch, eine von ihrer Anlage her völlig düstere Klangwelt in eine lichtvolle umzuwandeln. Das ist überhaupt die Pointe dieser Sinfonie: dass sie im nächtlichen Dunkel nach dem Licht sucht – und es findet. Die idyllischen, zart fließenden Töne in den beiden Nachtmusiken des 2. und 4. Satzes kündigen schon an, dass die Nacht neben dem Bedrohlichen zugleich auch die schönsten Geheimnisse des Lebens birgt. Das alles lädt ein zum Träumen, während der dritte, äußerst modern anmutende Satz noch einmal die Gefahren des Lebens beschwört.

Jubelndes Finale

Der Schlusssatz ist dann eine Jubelfeier der exzentrischen Art. Mahler lässt es hier ordentlich krachen. Es wird gefeiert und triumphiert, dass sich die Balken biegen. Alles Traurige und Zweifelhafte wird hinweggefegt, und man merkt dem jungen Simón Bolívar Sinfonieorchester an, wie sehr es diesen Befreiungsschlag genießt. Aber um diese Befreiung in all ihrer Macht hervortreten zu lassen, mussten die klanglichen Kontraste des alarmierenden Zweifels, der menschlichen Urangst und der stillen Verträumtheit erst einmal herausgearbeitet werden, und Gustavo Dudamel hat große Sorgfalt darauf verwendet, das dichte Gewebe der Mahlerschen Atmosphären in all seinen Mustern erkennbar werden zu lassen. Das Simón Bolívar Sinfonieorchester wird immer reifer. Es versteht sich auf den wildesten Furor der Moderne genauso gut wie auf romantischen Feinsinn, und das ist mitreißend und einzigartig.


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