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04.10.2006

Beethoven plus

Gustavo Dudamel, Beethoven plus

Es ist eine typisch europäische Sicht, in Musik vor allem den Ausdruck von Kunst zu sehen. Lässt man jedoch den alten Kontinent hinter sich, so bekommt sie schnell eine universellere Bedeutung. Musik kann Gefühl sein, Widerstand oder Hoffnung, die unmittelbare Umsetzung des tagtäglichen Lebens in die Welt der Klänge. Gustavo Dudamel zum Beispiel hatte das Glück, als Zehnjähriger zum Teil eines Förderprogrammes in seiner Heimat Venezuela zu werden, das jungen Menschen über die Arbeit in Orchestern die Möglichkeit gibt, aus ihrem sozialen Umfeld herauszutreten. Heute gilt er mit 24 Jahren  als einer der wichtigsten Dirigenten der neuen Generation und wagt sich für sein Debüt bei der Deutschen Grammophon sogar an zwei Sinfonien von Beethoven, um seine Kompetenz zu dokumentieren.

In Caracas gibt es jedes Jahr ein Beethoven-Festival. Der Orchester-Titan der sinfonischen Klassik steht in Venezuela für Energie und Kraft und Hoffnung, für Perspektiven in einer Welt, die mehr zu bieten hat als den Kampf um das tägliche Überleben. So war es für Gustavo Dudamel keine Frage, sich mit dem Simón Bolívar Youth Orchestra Of Venezuela für seinen Einstand auf CD ausgerechnet der fünften und siebten Sinfonie zu widmen: "Für uns in Venezuela ist Beethoven ein Symbol. Seine Musik ist sehr wichtig für junge Leute. Natürlich für alle Menschen, aber besonders für junge Leute. Ein Berufsorchester hat diese Stücke schon hundertmal gespielt. Für uns ist es neue Musik. Und es ist eine neue Vision der Musik, denn die Spieler haben noch keine fertige Fassung davon im Kopf. Man hört zu und kann das Moment der Hoffnung in der Musik spüren. Viele Kinder kommen von der Straße. Sie haben all diese schrecklichen Dinge erlebt, Kriminalität und Drogen und Familienprobleme. Aber wenn sie diese Musik spielen, besitzen sie ganz etwas Besonderes. Sie alle teilen diese Hoffnung. Und sie wird zu etwas Wunderbarem."
 
Tatsächlich spielt sich in Venezuela etwas ab, wovon die Herkunftsländer der klassischen Konzertkultur derzeit nur träumen können. Denn der Staat hat die Möglichkeiten der Musik erkannt, Identität zu stiften, überhaupt Sinn zu geben und fördert über die "Fundación del Estado para el Sistema de Orchesta Juvenil e Infantil de Venezuela" (= Fesojiv) nachhaltig den künstlerischen Nachwuchs vor allem in den sozial benachteiligten Bevölkerungsschichten. Rund 15 000 Musiklehrer sind damit beschäftigt etwa 250 000 Kinder in den Grundlagen des Musizierens zu unterweisen, über 125 Jugendorchester sind bereits daraus hervorgegangen. Die Qualität der Darbietungen ist enorm, denn die Früherziehung beginnt bereits im Alter von zwei Jahren, von dem Moment an, wenn Kinder ein Instrument in der Hand halten können. Dementsprechend souverän können sie als Teenager sich mit den großen Werken der Musikliteratur auseinandersetzen. Selbst Maestros wie Claudio Abbado oder Sir Simon Rattle sind von diesen Jugendorchestern überzeugt, letzterer zeigte sich bei einer Pressekonferenz unlängst sogar derart beeindruckt, dass er meinte, wirklich wichtige Impulse für die klassische Musik kämen derzeit vor allem aus Venezuela.
 
So passt auch Gustavo Dudamel ins Bild. Als Zwölfjähriger dirigierte er zum ersten Mal ein Orchester, mehr durch Zufall, denn er ersetzte einen erkrankten Kollegen: "Ich dachte einfach: 'Das kannst du!' Ich erinnere mich noch genau. Es war komisch, weil meine Freunde spielten und alle lachten. Aber fünf Minuten später war es anders. Sie dachten: 'Okay, wir arbeiten. Er ist jetzt der Dirigent'. Fünf Monate später gaben sie mir den Posten des Assistenten". Die eigentliche Ausbildung setzte erst danach ein, Dudamel ging bei Rodolfo Saglimbeni und José Antonio Abreu, dem Initiator der Fesojiv, in die Lehre und avancierte mit 14 zum künstlerischen Leiter des Amadeus Chamber Orchestra in seiner Heimat. Noch als Jugendlicher wurde er in die Welt geschickt, um sich zu bewähren. Er gewann den Gustav-Mahler-Dirigierwettbewerb in Bamberg, gab als 18jähriger sein Debüt mit dem Simón Bolívar Youth Orchestra Of Venezuela in der Berliner Philharmonie und wurde in Windeseile vom Geheimtipp zum angesehenen Newcomer in der internationalen Dirigentenszene. Als solcher präsentiert er sich mit seinen jungen Kollegen nun als neue Perspektive in der scheinbar so festgelegten Welt der Beethoven-Interpretationen: "Die Fünfte Symphonie handelt vom Schicksal, von der Zukunft. Die Siebte ist der reine Ausdruck von Freude. Diese Energie ist herrlich für junge Musiker". Und nicht nur für sie.


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