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08.08.2007

Mit "Sistema" zu Mahler

Gustavo Dudamel, Mit Sistema zu Mahler

Die erste Probe fand in der Tiefgarage statt. Damals wollte der Ökonom, Organist und Kulturpolitiker Antonio Abreu beweisen, dass man Jugendliche nicht nur von der Straße holen, sondern sie mit etwas Gespür auch für klassische Musik begeistern könne. Beim ersten Mal kamen 25 Jungmusiker, am zweiten Tag 46, am dritten 75. Rund drei Jahrzehnte später sind etwa 250.000 Kinder und Jugendliche Teil der venezuelanischen "Fundación del Estado para el Sistema de Orchestra Juvenil e Infantil de Venezuela", von den Menschen kurz "Sistema" genannt, die mit staatlicher Förderung Perspektiven eröffnet und international bewundert wird. Die Vorgehensweise ist unorthodox und für europäische Akademiker mehr als ungewohnt. Kinder und Jugendliche bekommen vom Staat ein Instrument in die Hand gedrückt, werden in Ensembles gesetzt und los. Sie lernen Musik über die Praxis kennen und bei nicht wenigen von ihnen entdeckt man bald eine profunde Musikalität. Daraufhin haben sie die Möglichkeit, sich in mehr als 125 Jugendorchestern im Land weiter zu bewähren und bei einem von rund 15.000 Musiklehrern Unterricht zu bekommen.

Resultat: Klassisches Repertoire wird plastisch, wird Spaß, zur eigenen Erfahrung und zum Teil des Lebens. Ein Erfolg, vor allem für die jungen Menschen, meint Abreu und ergänzt: "Für viele Kinder, mit denen wir arbeiten, ist Musik praktisch der einzige Weg zu einem würdevollen Leben. Armut bedeutet Einsamkeit, Trauer, Anonymität. Ein Orchester bedeutet Freude, Motivation, Teamarbeit, Erfolgsstreben. Es ist eine große Familie, die sich der Harmonie verschrieben hat, jenen wundervollen Dingen, die nur Musik den Menschen bringt". Und sie hat bereits ihre ersten Söhne und Töchter, die sie voll Stolz in die Welt schickt: den Dirigenten Gustavo Dudamel und das Simón Bolivar Youth Orchestra of Venezuela, die sich nun nach Beethoven an die fünfte Sinfonie von Gustav Mahler wagen - und sie mit Bravour präsentieren.
 
Gustavo Dudamel stammt aus Barquisimento, einer Stadt  rund 350 Kilometer westlich von Caracas. Musikalisch fiel er auf, weil er schon als kleines Kind bei Festen von den Klägen um ihn herum wie gefangen war. Als Zehnjähriger begann er mit der Geige, mit Zwölf dirigierte er zum ersten Mal ein Orchester, mehr durch Zufall, denn er ersetzte einen erkrankten Kollegen: "Ich dachte einfach: 'Das kannst du!' Ich erinnere mich noch genau. Es war komisch, weil meine Freunde spielten und alle lachten. Aber fünf Minuten später war es anders. Sie dachten: 'Okay, wir arbeiten. Er ist jetzt der Dirigent'. ... Mit 13 war ich zweiter Dirigent des örtlichen Kammerorchesters". Die eigentliche Ausbildung setzte erst danach ein, Dudamel ging bei Rodolfo Saglimbeni und José Antonio Abreu, dem Initiator des Sistema, in die Lehre und avancierte mit 14 zum künstlerischen Leiter des Amadeus Chamber Orchestra in seiner Heimat. Noch als Jugendlicher wurde er in die Welt geschickt, um sich zu bewähren. Er gewann den Gustav-Mahler-Dirigierwettbewerb in Bamberg, gab als 18jähriger sein Debüt mit dem Simón Bolívar Youth Orchestra Of Venezuela in der Berliner Philharmonie und wurde in Windeseile vom Geheimtipp zum angesehenen Newcomer in der internationalen Dirigentenszene. "Er ist ein Phänomen", meinte im Januar der Kritiker der Los Angeles Times, "Man braucht keine Lektion in Musikkritik, um dieses Charisma zu erkennen ... Solche Größe erlebt man nicht oft".



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Dudamels Debüt bei der Deutschen Grammophon war Beethoven. Die Fortsetzung erfährt die Erfolgsgeschichte nun mit der Aufnahme von Gustav Mahlers Fünfter Sinfonie. Sie ist für den Dirigenten ein besonderes Werk, schließlich hat er sie als eines der ersten großen Stücke unter der Anleitung von Claudio Abbado, einem Gast und Bewunderer des Sistema, einstudiert und außerdem damit den Wettbewerb in Bamberg gewonnen. Außerdem ist sie für jeden Orchesterkünstler eine gewaltige Gestaltungsaufgabe: "Bei diesem Werk denken alle sofort an das Adagietto. Aber für mich ist die Stellung des Satzes im Kontext des Werkes entscheidend. Man muss an die Struktur als Ganzes denken: Wie ist es möglich, dass ein Werk, das mit einem Trauermarsch beginnt, im zweiten Satz von Verzweiflung erfüllt ist, einen dritten Satz voller Freude und Glücksgefühle hat, die sich dann im Adagietto steigern und die Liebe einbeziehen, am Ende des fünften Satzes schließlich zur Hoffnung findet? Andeutungen dieser hoffnungsvollen Stimmung gibt es schon im zweiten Satz, doch dort bricht die Phrase zusammen und die Stimmung schlägt wieder in Verzweiflung um. Als die Wendung im letzten Satz wiederkehrt, lautet die Aussage: 'Jetzt kann ich wirklich hoffen: das konnte ich vorher nicht' Anders gesagt: Das ganze Werk nimmt eine komplexe fortschreitende Entwicklung. In Mahlers fünfter gibt es eine existentielle Suche, die sich bereits im Fanfarenrhythmus zu Anfang des Trauermarsches ankündigt, einem Echo der Eröffnung von Beethovens Fünfter".

Für Gustavo Dudamel jedenfalls ist es ein Werk, das sein Leben veränderte, und deshalb steckte er auch all seine Gestaltungsenergie in eine Aufnahme, die dem Simón Bolivar Youth Orchestra of Venezuela Höchstleistungen abverlangt. Im kommenden August allerdings werden sich der Jungmaestro und sein Ensemble mit anderem Repertoire dem deutschen Publikum vorstellen. Denn auf dem Programm stehen die "Symphonic Dances" von Leonard Bernstein und die zehnte Sinfonie von Dimitrij Schostakowitsch, eine weitere anspruchsvolle Herausforderung für die jungen Venezuelaner. Erleben kann man Dudamel und die Seinen von Leipzig bis Lübeck und Essen bis Bonn. Und vielleicht finden sich ja über die Musikbegeisterten hinaus auch mancher Politiker im Publikum wieder und lässt sich inspirieren. Schließlich muss ein Erfolgsrezept wie das Sistema nicht auf Venezuela beschränkt bleiben.


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