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07.05.2008

Freude! Freunde! Fiesta!

Gustavo Dudamel, Freude! Freunde! Fiesta!

Viel ist passiert mit Gustavo Dudamel während der vergangenen Monate. In atemberaubender Geschwindigkeit hat sich der venezolanische Dirigent an die Spitze der internationalen Musikszene empfohlen, mit klassischem Repertoire und einer Spielhaltung, die die Energie, die Emotion, den humanen Kern der Werke in den Mittelpunkt stellt. Es war daher nur eine Frage der Zeit, bis er sich mit dem Simón Bolívar Youth Orchestra of Venezuela (SBYO) auch Klangjuwelen seiner Heimat widmete. So ist sein drittes Album "Fiesta" das, worauf so mancher gewartet haben dürfte, ein Tresor der kompositorischen Kostbarkeiten und der beste Beweis dafür, dass Musik eine universale Sprache sein kann, ein Medium der Freude und Verbundenheit der Menschen, ein Fest.

Die Geschichte des "Sistema" ist nun schon einige Male erzählt worden. Inzwischen pilgern Musikpädagogen und Kulturpolitiker aus aller Welt nach Venezuela, um sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, dass es möglich ist, Hunderttausende von Straßenkindern für Beethoven, Mahler oder Ginastera zu begeistern und deren vormals chancenlosen Leben über die Kunst einen neuen Sinn zu geben. Das SBYO ist da nur die Spitze der Bewegung, das inzwischen versierteste von Hunderten von Ensembles, mit dem der südamerikanische Staat Zeichen des sozialen und kreativen Engagements setzt.

Und es hat bereits die ersten internationalen Koryphäen hervorgebracht, wie den inzwischen bei den Berliner Philharmonikern engagierten Kontrabassisten Edicson Ruiz oder eben Gustavo Dudamel, der als vitalisierende Perspektive des sonst zuweilen der Akademik verpflichteten Musikbetriebs die Fachwelt wie auch das große Publikum begeistert. "Furore ist das einzige Wort, das diesem sympathischen Kommunikator gerecht wird", schrieb der Rezensent der Süddeutschen Zeitung anlässlich eines Konzert im Sommer 2007 in München und fuhr fort: "Dudamel befeuert seine Hundertschaften mit einem sofort aufs Publikum überspringenden Elan ... Solch entspannt angstfreies Musizieren zwingt das Publikum nach jedem Stück zu Standing Ovations".

Wohlmöglich ist Angstfreiheit überhaupt das zentrale Wort. Dudamels Kunst macht Spaß, kommt von innen heraus als Äußerung großer Komponisten auf emotionaler unversehrter Basis. Das von ihm seit 1999 geleitete Simón Bolívar Youth Orchestra of Venezuela, das im kommenden Jahr sein zehnjähriges Jubiläum feiert, ist Ausdruck eines Musikverständnisses, das Professionalität mit Neugier, Abstraktion mit Unmittelbarkeit zu verbinden versteht. Aus diesem Grund ist der Schritt von den ersten beiden Aufnahmen mit Werken von Beethoven und Mahler zu einem Programm mit kurzen Kompositionen überwiegend südamerikanischer Meister nicht groß. Dudamel, der übrigens als designierter Chefdirigent in der Saison 2009/10 die Leitung des Los Angeles Philharmonic Orchestra übernehmen wird, hat mit seinen Musikern Stücke von vier venezolanischen Komponisten, einem Mexikaner, einem Argentinier und einem Nordamerikaner verknüpft und unter dem Motto "Fiesta" zusammengefasst.

Da gibt es Tänze und Volksmusikalisch Inspiriertes von Aldemaro Romero, Inocente Carreño, Arturo Marquez und Evencio Castellanos, Elegisches von Antonio Estévez, eine Suite von Alberto Ginastera und Leonard Bernsteins pfiffigen "Mambo", den das SBYO auch bei Konzerten zur bevorzugten Zugabe auserkoren hat. Und da ist sie wieder, die Chuzpe des jungen Maestros, dessen Energie und musikalische Ausdruckskraft das Orchester zu großartigen Interpretationen mitreißt. Fast möchte man meinen, dass hier ein neues Zeitalter klassisch musikalischen Denkens einsetzt, in jedem Fall aber eines, das Putz und Stuck vom Mauerwerk der Tradition reißt, um den Blick hinter die Gewohnheiten zu werfen.

Das Phänomen Dudamel jedenfalls zieht seine Kreisen und fasziniert die Kulturwelt, bis hin zu Enrique Sánchez-Lansch, dem Regisseur des vielfach preisgekrönten Films "Rhythm is it!" mit Sir Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern. Er hat sich mit seinen Kameras auf den Weg gemacht und den charismatischen Dirigenten bei dessen Arbeit begleitet. Heraus kam eine mitreißende Dokumentation mit dem Titel "Macht der Musik", die es am Pfingstsonntag um 23:55 Uhr im ZDF zu erleben gibt. Ein Tipp für Ausgeschlafene!


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