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04.12.2014

Haftbefehl, "Russisch Roulette", 2014

"Ich war kein kaltblütiger Auftragsmörder oder ein brutaler Erpresser", sagt Haftbefehl. "Aber ich war da draußen, habe Koks an den Eiern gebunkert und mich geschlagen wie ein Straßenjunge. Und genau darüber rappe ich - dieses Album bin ich." In der Tat hat Haftbefehl in seinen Tracks noch nie die vermeintlich glorreichen Geschichten aus den überzeichneten Gangsterfilmen Hollywoods nachgespielt. Vielmehr hat Aykut Anhan sich auf den Straßen von Offenbach und Frankfurt durchgekämpft. Er hat alles erlebt, alles gesehen und gemacht. 28 Jahre lang.

Und genau davon erzählt er auf den 14 Tracks vom neuen, vierten Album "Russisch Roulette". Haftbefehl lässt sein turbulentes Leben zwischen dem Dasein als stadtbekannter Drogendealer und angehender Rapstar Revue passieren. Im einen Moment spricht er all den Pseudogangsterrapper im Vorbeigehen mal eben ihre Existenzberechtigung ab ohne sie eines Blickes zu würdigen, nur um im nächsten schon mit Gold behangen in der Ledergarnitur seines tiefergelegten Jaguars zu versinken und sich von Offenbach bis Dubai selbst zu feiern.

"Wir haben für das Album einen komplett neuen Sound entwickelt", erklärt Haftbefehl, der in Bazzazian einen Produzenten gefunden hat, der "Russisch Roulette" mit seinem Soundbild einen ganz eigenen Anstrich verpasst hat. Die größenwahnsinnigen und harten Beats erinnern durch die Bank an Updates auf Haftbefehls letztjährige Hymne "Chabos wissen wer der Babo ist" und stellen in ihrer brachialen Machart die dünnen Plastik-Produktionen anderer Straßenrap-Alben easy in den Schatten.

Mit der Energie einer wildgewordenen Affenhorde prescht Haftbefehl durch die Beats aus drückenden Bässen, rasselnden Hi-Hats und trommelfellzerfetzenden Drums und macht sich jeden Takt zu eigen: Er erfindet neue Wörter und biegt sich die deutsche, ach, jede andere erdenkliche Sprache samt diverser Dialekte zurecht, dehnt die Silben solange bis alles in sein unnachahmliches Flow-Schema passt und verflechtet seine Rachenkratzer-Raps mit Beobachtungen und Vergleichen, deren ungeheurer Detailreichtum einen mal Schmunzeln und dann wieder Schlucken lassen. Man befindet man sich ganz im Bann dieses selbstironischen Schelms, der mit seinem Charme jeden um den Finger wickelt, aus seinem Leben erzählt wie ihm der Mund gewachsen ist und dabei kein noch so pikantes Detail auslässt.

So rücksichtslos, wahnsinnig und impulsiv, so bedrohlich und unberechenbar wie auf "Russisch Roulette" hat man Haftbefehl noch nicht gehört. Während er 2010 mit "Azzlack Stereotyp" den Grundstein für seine Karriere legte, "Kanackiş" seinen Status 2012 eindrucksvoll manifestierte und ihn das Doppelalbum "Blockplatin" im letzten Jahr endgültig auf die vorderen Ränge der Deutschrap-Garde beförderte, ist "Russisch Roulette" ein musikalischer Mittelfinger, der Haftbefehls Status als glaubwürdigster und spannendster Charakter im deutschen Straßenrap nicht nur unterstreicht, sondern dabei auch keine weiteren Fragen offenlässt und alle Nachahmer eindrucksvoll in ihre Schranken weißt.

Dabei trägt das Album "Russisch Roulette" den Namen des mitunter tödlichen Glücksspiels nicht ohne Grund. Es ist ein kompromissloses Album, tiefgründig und durchgeknallt – aber auch gefährlich. Zwischen Hochs und Tiefs, zwischen Glück und Pech, zwischen Leben und Tod. So wie Haftbefehls Leben. Die Jahre, Tage und Augenblicke haben sich gedreht wie ein Karussell, ja, vielmehr noch wie die Trommel mit der einen Kugel im Revolver. Aufhören? Drehen, abdrücken. Weitermachen? Drehen, abdrücken. Weitermachen.