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26.09.2013

"Zutiefst berühren" - Hélène Grimaud spielt Brahms

Welche Wucht, welche Pracht! Die zwei Klavierkonzerte von Johannes Brahms sind Monumente der Konzertkultur und bei jedem Hören ein Erlebnis. Insbesondere wenn eine Weltklasse-Pianistin wie Hélène Grimaud ihnen neue, bewegende Intensität abgewinnt.

Hélène Grimaud, Die zwei Klavierkonzerte von Johannes Brahms: Welche Wucht, welche Pracht! © Mat Hennek / DG

Johannes Brahms machte es sich selbst und seinen Zeitgenossen nicht leicht. Sein erstes Klavierkonzert, das er im Januar 1859 eigenhändig in Hannover uraufführte, passte kaum noch in den Rahmen der bis dato gewohnten Form. Es war weitaus länger als üblich, voll von dunklen Farben, scharfen Kontrasten auf der einen und sanften, intimen Motiven auf der anderen Seite. Entstanden 1858 über drei Stadien hinweg aus einer Sonate für zwei Klaviere und einem folgenden Symphonie-Entwurf fiel es in eine Phase emotionaler Extremsituationen, als Brahms seine Leidenschaft für die um ihren Mann trauernde Clara Schumann entdeckt hatte.

Dementsprechend vielschichtig zeigte es sich den Hörern, geprägt von ungewohnten Stellungnahmen zur Musik, die nur noch wenig mit der Unterhaltungskunst des großbürgerlich-aristokratischen Konzertvirtuosentums zu tun hatte. Hier offenbarte einer seine inneren Auseinandersetzungen bis hin zu den Zweifeln an der geeigneten Ausdrucksform an sich, die einer leichten Komposition im Wege standen. Schließlich musste er auch noch erleben, wie die Kritik, die mit diesen inneren Kämpfen wenig anfangen konnte, das Werk in die Tonne trat und ihm ein „Würgen und Wühlen, ein Zerren und Ziehen“ bescheinigte, das vor allem langweile. Dagegen wirkte das 1881 komponierte "Klavierkonzert Nr.2, op. 83" wie ein symphonisches Stück, zu dem sich ein unbeschwertes Klavier gesellte, hell und heiter, von den ersten romantischen Horntönen an, die den ersten Satz eröffnen.

Hélène Grimauds Kunst

Natürlich revidierten die Zeitläufte das harte Urteil. Heute gehören beide Klavierkonzerte von Johannes Brahms zu den Höhepunkten der Konzertkultur und gelten als visionäre Meisterstücke eines ebenso ästhetisch vorausschauenden Komponisten. Das ändert aber nichts daran, dass sich auch die Interpreten der Gegenwart in besonderem Maße dazu in Beziehung setzen müssen, um zum Kern der Werke und deren Ausdruckspotential vordringen zu können. „Brahms‘ d-moll-Klavierkonzert hat mich von der ersten Sekunde an fasziniert“, erzählt Hélène Grimaud von ihren Erfahrungen. „Es ist tiefgründig, feurig, romantisch, eine eigene in sich geschlossene Welt. Man hat den Eindruck, als habe Brahms es in einem einzigen leidenschaftlichen Schaffensrausch aufs Papier geworfen. Brahms war Mitte 20, als er es komponierte und es kommt mir vor, als habe er es ‘in der ersten Person‘ geschrieben. Das B-dur-Konzert wirkt, als würden detailliert ausgearbeitete Memoiren vor uns ausgebreitet - als Vergleich fällt mir am ehesten Proust ein. Das zweite Konzert ist in großen Bögen angelegt, nicht als Abfolge leidenschaftlicher Episoden wie das Erste. Es hat einen sehnsüchtig-nostalgischen Zug, tief verborgen im gewaltigen Gebilde dieses Werks“.

Und es hat damit reichlich Substanz, um sich als Künstlerin weit in dieses Wechselspiel der Gefühle und Reflexionen hinein zu begeben. Als Partner für diese Auseinandersetzung wählte Hélène Grimaud den jungen lettischen Dirigenten Andris Nelsons, der sich während des vergangenen Jahrzehnts von seiner Heimatstadt Riga aus zielstrebig in die erste Liga der internationalen Orchesterleiter vorgearbeitet hat. „Bei dieser Reise mit Brahms war Andris mein musikalischer Begleiter. Er ist großzügig und engagiert und steht darin dem Idealbild, das ich von diesem Komponisten habe, in nichts nach“, meint Grimaud weiter und ergänzt, dass auch die Arbeit mit zwei Orchestern eine gute Idee war. Denn das erste Klavierkonzert wurde live mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks aufgenommen, für das zweite traf man sich in Wien mit den Wiener Philharmonikern. Das Ergebnis sind zwei packende, herausragende Interpretationen, die sich Brahms sowohl mit Ehrfurcht als auch mit Leidenschaft nähern, um letztlich das zu erreichen, was Helène Grimaud und Andris Nelsons wichtig ist: „die Zuhörer zutiefst zu berühren und sie anzuregen, in einen inneren Dialog mit sich selbst zu treten“.


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