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11.01.2006

Reflection: Das Dreigestirn

Hélène Grimaud, Reflection: Das Dreigestirn

Kein Romancier hätte die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft besser erfinden können. Clara und Robert Schumann, das in mancher Hinsicht congenial harmonierende Künstlerehepaar mit der großen Familie auf der einen Seite, der junge Bewunderer und ebenfalls begabte Komponist Johannes Brahms auf der anderen, der sich vom flüchtigen Bekannten zum engen Freund, Ratgeber, Beistand in schlechten Zeiten entwickelte. Alle drei hingen eng miteinander zusammen und auch ihre Werke weisen Beziehungsgeflechte auf, die von einer tiefen Gemeinsamkeit zeugen. Hélène Grimaud, Frankreichs Ausnahmepianistin mit dem Gespür für sensible Schwingungen, begab sich auf die Spur dieses Dreigestirns und widmet ihm mit "Reflection" ihre neueste Aufnahme.

Hélène Grimaud sucht nach dem Sinn hinter der Musik, denn Partituren allein sind nur die eine Seite der Medaille. Sie findet ihn unter anderem in einer engen Beschäftigung mit den Persönlichkeiten, die ein bestimmtes Werk ausmachen, und zuweilen auch in deren Emotionen. Dabei dreht es sich immer wieder - und kaum verwunderlich - um grundlegende Konstellationen wie Freude, Leid, Vertrauten, Zweifel, Leben, Tod oder auch die Liebe. "Liebe im uneingeschränkten Sinne gibt es nicht", meint sie dazu im Vorwort zu ihrer CD "Reflection" und fährt fort: "Es handelt sich immer um ein Spiel zwischen einem 'Du' und einem 'Ich', zwischen zwei Wesen, die in der Leidenschaft zur Einheit finden. Lieben in diesem Sinne bedeutet, sich nach dem Gesetz unserer ureigenen Existenz entfalten zu können." Und im Hinblick auf die drei Komponisten ihrer Wahl heißt es: "Robert wollte, dass seine Frau selbst zu Musik würde, so wie Clara wollte, dass auch Johannes zu Musik würde, und dieser erlaubte seinen beiden Freunden, so zu sein, wie sie uns in ihren Werken erhalten sind, mit ihrer ganzen Intensität - Zeugnis einer Liebesgeschichte, die einzigartig bleiben sollte, so wie alle Geschichten, die ein Absolutes erobern wollen und es auch erreichen". Tatsächlich gab es diese Konstellation einer sich gegenseitig inspirierenden, ohne sich zu beneidenden Dreiergruppe in den Musikgeschichte nirgendwo anderes und schon deshalb fasziniert sie in besonderem Maße.

Die Auswahl der miteinander geknüpften Werke ist geschickt. Zum einen wählte Grimaud einen der Klassiker der Konzertsaalliteratur überhaupt, Robert Schumanns monumental melancholisches Klavierkonzert a-moll als Eröffnungswerk des Spannungsbogens, das sie mit der Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Esa-Pekka Salonen umsetzte. Das Stück war seinerzeit bereits unter dem Eindruck von Claras musikalischen Ideen entstanden und von ihr wiederum als Virtuosin nach dem Tod ihres Mannes unermüdlich in den Konzertsälen der Welt bekannt gemacht worden. Ihre eigenen Kompositionen wurden mit zwei Rückert-Vertonungen und dem Lied "Am Strande" nach einer Vorlage Wilhelm Gerhards bedacht, die sie mit der Mezzo-Sopranistin Anne Sofie von Otter verwirklichte. Der dritte im Bunde Johannes Brahms schließlich erscheint in Gestalt der Cello-Sonate Nr. 1, e-Moll, die Grimaud mit Truls Mark eingespielt hat, und zweier Solo-Rhapsodien. So entsteht ein erstaunlich intimer Trialog aus bekannten und wenig gehörten, geläufigen und ausgefalleneren Ideen, die aber deutlich die Atmosphäre der Symbiose spüren lassen, aus denen heraus die Werke entstehen konnten: "Auf ihre Weise lassen uns diese Musiker, deren Inneres ein einziges schwindelerregendes Wagnis war, begreifen, dass die Liebe das größte Geschenk ist, die höchste Freiheit in der Beziehung zum anderen". Hélène Grimaud hat sie verstanden und ihnen ein Denkmal gesetzt.


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