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09.11.2001

Russische Breite

Henry James, Russische Breite

Dass Gert Westphal toll zu lesen versteht, braucht man nicht mehr zu betonen. Aber über die Ausdauer für 1.300 Seiten Tolstoi darf man schon noch ein Wort verlieren.

1988 landete Juliette Binoche mit der Milan-Kundera-Verfilmung "Die unterträgliche Leichtigkeit des Seins" ihren ersten internationalen Filmerfolg. Bevor sie aber im schwarzen Badeanzug ihre Bahnen zieht, wird sie von Daniel Day-Lewis beim Lesen beobachtet: Auf ihren Knien liegt Tolstois "Anna Karenina". So charakterisiert man Figuren und stellt sie in beste Literaturtradition. Milan Kundera brachte damit einen russischen Klassiker ins Spiel, den alle kennen, aber niemand - es sei denn, man ist Juliette Binoche - liest. Das erledigt jetzt bravourös Gert Westphal und eröffnet damit eine einmalige Chance, Tolstois Wunderwerk an Beobachtung und Reflexion in seinen eigenen Worten kennen zu lernen.

 

Leo Nikolajewitsch Graf Tolstoi schrieb den langsamsten Roman des Jahrhunderts. Wie bei einer Reise mit dem Orient-Express bringt jedoch erst das Zeitlupentempo den eigentlichen Reiz an den Tag: die Kunst des mikroskopischen Sehens. Die Geschichte selbst ist einfach zu erzählen: Die adelige Anna Karenina ist mit einem Zyniker verheiratet, verliebt sich in einen anderen, versucht, ihren Ehemann zu verlassen und wirft sich schließlich, den vielen Konflikten ihrer Lage nicht mehr gewachsen, vor den Zug.

 

Egon Friedell, der Theaterkritiker, Essayist und Kulturhistoriker im Vorkriegs-Prag und -Wien, hatte, seinem eigenen schnellen Tempo zum Trotz, einiges übrig für den minutiösen Blick Tolstois: "Sein Roman ist ein ungeheures Magazin von Beobachtungen, die sich Selbstzweck sind. Er ist nicht etwa der "Extrakt des Lebens": - ganz im Gegenteil, er ist eine Erweiterung und genauere Ausführung des Lebens. Er ist viel breiter als das Leben selbst. Keine der Personen, die er schildert, hätte mit Bewusstsein so viel erlebt, wie der Dichter, der bloß zusieht. Die Menschen leben viel schneller, als Tolstoi dichtet." Gert Westphal lässt sich mit Engelsgeduld auf Tolstois Tempo ein. Seine unermüdliche Leseenergie macht den 1.300-Seiten-Wälzer zu einem olympiareifen Hörepos.


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