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18.02.2005

Kunst und Leben

Henry James, Kunst und Leben

Der junge Goethe hatte einen entscheidenden Fehler gemacht. Als er sich 1774 niedersetzte, um im Schaffensrausch seinen jungen "Werther" zu gebären, hatte er sich allzu deutlich von eigenen Erlebnissen leiten lassen. Fortan wurde er von seinen Bewunderern gefragt, was es denn nun auf sich habe mit den beschriebenen Gefühlen und wie viel Wahres daran sei. Der Konflikt von Kunst und Leben war exemplarisch für die neuere deutsche Literatur auf den Plan gebracht worden und blieb von da an eines der zentralen Themen der Dichtkunst. Auch für Thomas Mann, der sich von "Tonio Kröger" über den "Tod in Venedig" bis hin zum "Doktor Faustus" beständig mit diesem Thema beschäftigte. Am elegantesten gelang ihm die Auseinandersetzung mit Lotte in Weimar, dem Roman der fingierten Begegnung der einst als Romanvorlage dienenden Charlotte Buff mit dem gealterten Geheimrat.

Wie so oft hatte sich Thomas Mann verrechnet. Als er 1936 seinen Jahresplan aufstellte, veranschlagte er für die Erzählung "Lotte in Weimar" ein paar Monate, quasi als Entspannungsübung vor Fertigstellung der Josephs-Trilogie. Es wurde jedoch ein Roman daraus und die letzten Zeilen schrieb er erst am 26.Oktober 1939. Denn das Anekdotische der Idee entwickelte sich unter Manns Zettelkasten und Denkapparat schnell zum Grundsätzlichen, zur Auseinandersetzung mit Kulturdogmata wie "Ehret eure Dichter!", denen das mindestens ebenso deutliche Motto: "Der große Mann ist ein öffentliches Unglück", das dem Geheimrat Goethe in den Mund gelegt wurde, gegenüber stand. Dabei hatte der Plot durchaus Charme: Im Jahre 1816 erscheint in Weimar eine ältere Dame, die Hofrätin Charlotte Kestner, geborene Buff. Sie hatte in Jugendjahren einst den überschwänglichen Goethe, der ihr quasi auf der Durchreise den Hof gemacht hatte, abblitzen lassen und war daraufhin zusammen mit ein paar anderen Motiven zu einem zentralen Element des Erfolgsromans "Die Leiden des jungen Werthers" geworden.

Nun also kehrt sie als reale Gestalt in den Umkreis des arrivierten Dichters zurück, nicht zuletzt aus Neugier, um zu erleben, was aus dem einst ungestümen Jüngling geworden sei. Sie trifft auf ein komplexes Geflecht aus Abhängigen und Leidtragenden der großen Kunst, die den Poeten umgeben. Sechs von neuen Kapiteln lang wird sie mit den verschiedenen Höflingen konfrontiert, der Celebritäten-Sammlerin Miss Cuzzle, Goethes Sekretär Dr. Riemer, der Salonkönigin Adele Schopenhauer, schließlich Goethes Sohn August. Ein ganzes Kapitel lang reflektiert Manns Goethe daraufhin sich selbst, bevor er die frühere Geliebte zum Diner einlädt und vergleichsweise kühl abqualifiziert. So trostlos aber sollte der Roman doch nicht enden, daher kommen die beiden zu zweit im neunten Schlusskapitel noch einmal zusammen und sinnieren in der Kutsche des Geheimrates über den Wert der Kunst und der Kunstwerdung des Menschen, wobei die eigentlich naive Charlotte gegenüber dem insgeheim resignierten Dichterfürsten keine schlechte Figur macht.

Für Thomas Mann jedenfalls bekam Lotte in Weimar überraschend große Bedeutung. Was als Fingerübung gedacht war, wurde zur Auseinandersetzung mit Goethe an sich, mit den Mechanismen der Heldenverehrung - was angesichts des eskalierenden Hitler-Regimes noch eine weitere Dimension der Deutung bekam - und damit letztlich auch mit der Selbsteinschätzung seiner eigenen Person als Dichter, der er in ironischer Brechung nicht nur Lottes Position, sondern auch die der verschiedenen Adlati im Dunstkreis des Genius' gegenüberstellte. Ein solch vielschichtiges und zugleich unterhaltsames, von fließender Leichtigkeit der Sprache bestimmtes Werk ist geradezu prädestiniert, um von einer ebenfalls großen Gestalt der deutschen Nachkriegskultur gelesen zu werden.

 

Gert Westphal (1920-2002), langjähriger Leiter der Hörspielabteilung und Chefregisseur beim Südwestfunk Baden-Baden und als ebenfalls langjähriges Mitglied im Ensemble des Schauspielhauses Zürich vor und hinter den Mikrofonen erfahren, hatte es sich in den neunziger Jahren zur Aufgabe gemacht, das Erzählwerk Thomas Manns als weiteren Teil seines eh schon gewaltigen literarischen Programms für die Nachwelt auf Bändern festzuhalten. Im Falle von Lotte in Weimar stellte es sich als besonders günstiges Zusammenwirken von persönlicher Vorliebe und darzustellendem Text heraus. Denn bei jedem Satz, bei jeder humoristisch eleganten Wendung hört man ihm die Freude an der Sprache und den Spaß am Lesen an. Ein Hörerlebnis mit besonderen Qualitäten, das einen der großen Literaten des vergangenen Jahrhunderts würdig und unterhaltsam feiert.

 

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