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08.11.2002

Titanentreffen

Herbert von Karajan, Titanentreffen

Karajan und Beethoven - die künstlerische Union der großen Meister gilt noch immer als Idealfall der Interpretationsgeschichte. Denn was der Wiener Klassiker einst sinfonisch in Partituren fasste, wurde von seinem Statthalter im 20. Jahrhundert mit angemessener Strenge und herausragender Werkkenntnis umgesetzt. Karajans Beethoven hat die Kraft des Genialischen und schöpft darüber hinaus aus der Klangopulenz eines der wichtigsten Orchester der Welt. Ein Glücksfalls mit System.

Für Herbert von Karajan war es eine gute Zeit. Anno 1955 hatte er nach dem Tod von Wilhelm Furtwängler die Leitung der Berliner Philharmoniker übernommen. Umgehend machte er sich an die Formung des Ensembles nach seinen Vorstellungen und verwandelte das bereits hervorragende Orchester in einen symbiotischen Klangkörper, der auf alle Zeichen und Impulse perfekt zu reagieren verstand, die er vom Pult aus gab. Als er sich der künstlerischen und interpretatorischen Präzision vollkommen sicher sein konnte, machte er sich an die Verwirklichung eines anspruchsvollen Projektes: der Gesamteinspielung der Sinfonien von Ludwig van Beethoven. Zwischen Dezember 1961 und November 1962 traten der Dirigent und das Orchester in mehreren Blöcken in der Berliner Jesus-Christus-Kirche vor die Mikrofone und hielten die großartigen Klassikers des Repertoires mit verblüffender Eleganz und ergreifendem Pathos fest. Das Meisterstück, sowohl dem gesamten Zyklus, der beinahe ein Vierteljahrhundert verschiedener Schaffensphasen des Komponisten umfasst, als auch den einzelnen Werken eine in sich stimmige Form zu geben, gelang mit beeindruckender Unmittelbarkeit. Denn Karajans Sinn für vielschichtige Spannungsbogen, für nuancierte Binnendifferenzierung der Klangarchitektur und für Präsenz der Interpretation bewährte sich an einem der schwierigsten Werkkomplexe der Musikgeschichte.

 

Und das erfordert reichlich künstlerische Erfahrung und viel minutiöse Detailarbeit. Beethovens erste beiden Sinfonien etwa sind noch kompositorische Feldversuche orchestraler Gestaltung. Sie orientierten sich an der von seinen Lehrern Haydn und Mozart gesetzten musikalischen Tradition, wagten noch vergleichsweise wenig Experimente und erfüllten damit durchaus auch den Zweck, über den engen Wiener Kreis der Gönner einem breiteren Publikum bekannt zu werden. Mit der "Eroica" von 1805 jedoch verwirrte er seine Fans sowohl durch die opulente Instrumentierung als auch durch ungewohnte Länge und komplexe Strukturierung, so dass man von den Rängen der Uraufführung am Theater an der Wien am 7.April 1805 den Ausruf "Ich gäb' noch einen Kreuzer, wenn's nur aufhört" vernommen haben soll. Bis einschließlich 1814 entstanden daraufhin weitere fünf Sinfonien, die in unterschiedlicher Komplexität an der Perfektionierung der großen Form arbeiteten.

 

Schließlich machte Beethoven, inzwischen geschlagen durch die Taubheit und zunehmende schrullige Vereinzelung als Künstler, ein knappes Jahrzehnt Pause und zog anno 1824 mit der neunten Sinfonie noch einmal Bilanz aus seiner orchestralen Schaffenskraft. Es wurde ein erstaunliches Dokument unzeitgemäßen Formbewusstseins, das in drei Instrumentalsätzen von der flirrenden Spannung des Allegro bis zur hymnischen Qualität des Adagio reichte, und am Schluss in der Verknüpfung mit den Worten von Schillers "Ode an die Freude" zum monumentalen Manifest der Hoffnung und Humanität sich entwickelte. Durch diese immense Vielfalt an Ausdrucksfacetten gehört es zu den Herausforderungen für jeden Dirigenten, Beethovens sinfonisches Werk komplett zu interpretieren. Herbert von Karajan und die Berliner Philharmoniker machten vor, wie das gelingt.

 

Die Referenz:

 

"Die Aufnahmen der neun Sinfonien Ludwig van Beethovens mit den Berliner Philharmonikern und Karajan in den Jahren 1961/62 stellen einen Meilenstein in der Geschichte der Schallplatte dar. Der Klang auf CD ist exellent"(Penguin Guide)


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