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31.01.2003

Tod und Verwandlung

Herbert von Karajan, Tod und Verwandlung

Zwischen den beiden Tondichtungen liegen beinahe sechs Jahrzehnte. "Tod und Verklärung" entstand um 1889, als Richard Strauss gerade seinen Stil zu festigen begann. "Metamorphosen" wurde 1945 als letztes großes Orchesterwerk der Komponisten niedergeschrieben. Ein guter Grund für Herbert von Karajan, den Meister des musikalischen Konservativismus mit zwei Eckpunkten der Künstlerbiographie zu würdigen.

Der Tod war ein beliebtes Thema der Kunst im 19. Jahrhundert. Als Denkkonzept, bis 1914 weniger als reales Erleben, stand er für die Grenzerfahrung eines Menschen, dem die Moderne ständig neue Perspektiven öffnete. Von der klassischen Novelle bis zur schönen Leiche, von der morbiden Koketterie des Fin-de-Siècle und der schwarzen Romantik mit allerlei dämonischen Gestalten bis hin zum ideologischen Modell der Heldentodes gehörte er zu den Ideen einer Zeit, die die Konsequenzen ihrer Wertsetzungen nicht zu Ende gedacht hatte. Mit dem ersten Weltkrieg und den Schrecken der Nazi-Diktatur jedoch bekam der Tod eine neue Dimension, die die eigenartige Verklärung der Vorjahre nicht mehr zuließ. Aus dem Spiel war bitterer Ernst geworden, der den Künstlern, die die Bankrotterklärung der Zivilisation überlebt hatten, die Sprache und die Ausdrucksformen raubte.

 

Der Kontrast innerhalb einer stringenten Musikerentwicklung könnte daher kaum größer sein. Richard Strauss, der Münchner Feingeist und Programmatiker, der sich zeit seines Lebens als werterhaltend verstanden hatte, komponierte in den Monaten des Zusammenbruchs des Abendlandes eine "Suite für 23 Solostreicher", der er den Titel "Metamorphosen" gab und die im Vergleich zu zahlreichen früheren Kompositionen sich vom Prinzip der symphonischen Dichtung entfernte. Es gab keine Programmatik mehr, nur noch ein fließendes Ineinander der Orchesterstimmen, das sich vom tonal unbestimmten Anfang in zahlreichen Variationen dem c-moll Motiv von Beethovens Trauermarsch aus der "Eroica" nähert. Der Unterschied zum klaren Konzept von "Tod und Verklärung" ist deutlich. Die 1888/89 entstandene "Tondichtung für großes Orchester" lässt zahlreiche Assoziationen zu, vom Pulsschlag bis zum Fieberwahn, vom Todeskampf bis zur Überhöhung, die das Werk ausgehend vom dunklen c-moll bis zum strahlenden C-Dur am Schluss führt. Aber sie bleibt eng am Muster der akustischen Umsetzung literarischer Worte, auch wenn das der Partitur beigelegte Gedicht von Alexander Ritter erst später hinzugefügt worden war.

 

Für Herbert von Karajan jedenfalls schienen die beiden Werke wie geschaffen. Selbst eben erst von schwerer Krankheit genesen und zugleich von lebenslanger profunder Begeisterung für das Monumentale und Heroische erfüllt, kümmerte er sich 1983 gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern um die beiden Orchesterwerke und schaffte es, einen Bogen vom idealistischen Ausblick der frühen Komposition bis hin zur motivischen Läuterung der "Metamorphosen" zu schlagen. Karajan und Strauss erwiesen sich als geistesverwandte Verfechter einer Ästhetik, die der Musik für sich noch nicht den Sinn abgesprochen hat, auch wenn die der Überprüfung ihres Anspruchs nach Absolutheit der Realität schon lange nicht mehr stand hielt. Doch das ist eine andere Geschichte.

 

Die Referenz:

 

"Diesem in düsterer Welt und Seelenlage gefertigten Stück lassen Karajan und seine Streicher alle nur erdenkliche klangliche Kraft und instrumentale Perfektion angedeihen." (E. Bezold, Stereoplay 2/1984)


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