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Herbert von Karajan BACKSTAGE EXCLUSIV

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14.12.2005

Man höre und staune...

Herbert von Karajan, Man höre und staune...

... schrieb ein Rezensent in der Lokalpresse, nachdem er 1931 in Ulm das Pult-Debüt des 23-jährigen Herbert von Karajan gehört hatte. Der ehrgeizige und enorm talentierte Newcomer hatte sich damals unter anderem Beethovens "Eroica" als Feuertaufe ausgesucht und er bestand die Präsentation seiner Kompetenz mit Bravour. Seitdem gehörten die Sinfonien des Wiener Klassikers zu seinem bevorzugten Repertoire. Er nahm sie mehrmals auf, Anfang der Siebziger auch mit Fernsehkameras. Diese aufwändigen Produktionen sind nun auf drei DVDs zusammengefasst erhältlich. Es sind nicht nur Sammlerstücke, sondern auch sehr unterschiedlich gedrehte Pionier-Beispiele für die Möglichkeiten der Verbildlichung von Konzerten.

Man hatte ja im Vergleich zu heute wenig Erfahrung. Das Medium Video-Clip war noch nicht erfunden, standardisierte Ausdrucksformen, wie sie das Musikfernsehen seit Mitte der achtziger Jahre entwickelt hat, lagen in weiter Ferne. Herbert von Karajan war daher seiner Zeit weit voraus, als er 1959 anfing, sich mit filmischen Umsetzungen von Konzerten und Musikereignissen jenseits des experimentellen Feldes zu beschäftigen. Ausschlaggebend war eine Erfahrung im Anschluss an eine Tournee mit den Wiener Philharmonikern 1959. Damals hatten 25 Millionen Menschen Karajans Konzert in Tokio an den Fernsehbildschirmen mitverfolgt. Sicher, die Klangqualität ließ zu wünschen übrig und auch das kleine s/w-Bild erlaubte eher eine Ahnung als ein wirkliches Mitempfinden des Ereignisses. Aber das Potential war da und es war gewaltig. Mit Hilfe von Film und Fernsehen konnte man potentiell die halbe Welt erreichen, vor allen auch Menschen, die es sich nicht leisten konnten, sich in die Abendgarderobe zu schmeißen, um im Tempel der Hochkultur live dabei zu sein. Karajan arbeitete von da an mit verschiedenen Regisseuren zusammen, ließ besonders exponierte Konzerte filmen und bekam auf diese Weise eine Art Vorreiterrolle in puncto neue Medien für Musik. Zwischen 1967 und 1972 hielt er mit unterschiedlichen optischen Konzepten und Mitarbeitern die neun Sinfonien Beethovens gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern filmisch fest. Es wurden Klassiker des Konzertfilms, die nun erstmals auf DVD gesammelt der musikinteressierten Allgemeinheit zugänglich gemacht werden.

Erstaunlicherweise gefiel Karajan selbst der Film am wenigsten, der am deutlichsten mit Künstlermythen arbeitete. Hugo Niebeling inszenierte bereits 1967 den Maestro, der sich aus dem interpretatorischen Nirwana der "Pastorale" näherte. Eine verschwommene Hand, die langsam hin und her schwang, die Musik generierte, dann zum Profil des Dirigenten, schließlich zum Orchester überging - das hatte eine Dramaturgie, die von den eigentlichen Inhalten wegzuführen drohte. Die Konsequenz daraus war unter anderem, dass sich Karajan selbst als Regisseur engagierte, was aber dazu führte, dass er beispielsweise allein an der Fünften mehr als hundert Stunden schnitt, bis er langsam sich einem Ergebnis näherte, das ihm behagte. Sehr unterschiedlich waren auch die Räume, die für die Aufnahmen gestaltet wurden. Die Sinfonien Nr.3 und Nr.7 etwa entstanden in einem futuristischen Studioambiente, das das Orchester in drei markanten Dreiecken einem antiken Amphitheater ähnlich dem Dirigenten gegenüberstellte. Die Umgebung der ersten beiden Werke hingegen, von der Forschung oft als allzu leicht empfunden, wurde heller und räumlich ausladender gehalten, andere Sinfonien schließlich wurden in der Berliner Philharmonie mit Publikum festgehalten. Karajan selbst präsentierte sich mit Ausnahme der Neunten verhalten genialisch, indem er, seiner Gewohnheit folgend, mit geschlossenen Augen dirigiert - ganz der in sich hineinhorchende Genius, der die Musik aus dem Moment und der eigenen Schaffenskraft heraus wachsen lässt. So sind die drei DVDs mit den Beethoven-Dirigaten überaus spannende Dokumente der Arbeit einer ungewöhnlichen Künstlerpersönlichkeit, die mit deutlich verschiedenen Intentionen sich einem Zyklus von anerkannten Meisterwerken nähert, experimentell und klassisch zugleich, in jedem Fall visionär.


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