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31.05.2006

Herbert von Karajan - Nationalhymnen: Einigkeit

Herbert von Karajan, Herbert von Karajan - Nationalhymnen: Einigkeit

Inzwischen würde es ein Doppelalbum ergeben. Schließlich ist die europäische Gemeinschaft  kontinuierlich am Wachsen und hat allein während der vergangenen Jahren um zwei Handvoll Staaten sich erweitert. Als Herbert von Karajan sein Projekt mit der Aufnahme der europäischen Nationalhymnen 1972 veröffentlichte, genügten noch 17 Melodien und das Europa-Thema als Ergänzung. So oder so ist es aber ein einmaliges Unterfangen und nun zum ersten Mal international auf CD erhältlich.

Es gibt Zeiten, da werden Hymnen in besonderem Maße gebraucht. Deutschland steuert gerade deutlich auf eine derartige Phase zu, denn wenn sich in ein paar Tagen zum ersten Mal die Sportler in den Fußballstadien versammeln, geht es wieder ans Eingemachte. Dann stehen die Mannschaften auf dem Rasen und die Lautsprecher stimmen die Nationalhymnen an. Wohl dem, der dann schon ein wenig Ahnung hat, wie etwa das englische "God Save The Queen", das holländische "Wilhelmus van Nassouwe" oder die französischen "Marseillaise" klingt. Denn er muss weder als Spieler noch als Zuschauer so tun, als würde er in seinen Bart murmeln, wenn es an die Ehrenlieder der anderen geht. Aber Spaß beiseite: Nationalhymnen sind wichtige und häufig geschichtsträchtige Melodien. Sie entstammen zumeist dem 18. und 19. Jahrhundert, als sich das Nationalgefühl vom aristokratischen Herrschaftsprinzip emanzipierte und sich eine neue Identität jenseits der bisherigen gesellschaftlichen und gedanklichen Abhängigkeitsverhältnisse etablierte. Oft waren es hitzig geführte Diskussionen, welche Texte und Melodien herangezogen werden durften, um der neuen nationalen Bewusstheit zu genügen. Manchmal verselbständigten sich sogar einzelne Stücke wie etwa im Falle des Gefangenenchores aus Verdis "Nabucco", der eine Zeitlang zur Hymne des Widerstandes im italienischen Freiheitskampf wurde.

Insofern war es eine wichtige Geste von einer international anerkannten Künstlerpersönlichkeit wie Herbert von Karajan, sich auf einem Album zusammen mit seinem Lieblingsorchester, den Berliner Philharmonikern, all der Nationalhymnen anzunehmen, deren Vertreter zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dem Europarat angehörten. Der Moment war ähnlich wie der der Wiederveröffentlichung bewusst gewählt, denn im Sommer 1972 war die Welt in Deutschland während der Olympischen Spiele zu Gast. Diesmal ist es die Fußball-Weltmeisterschaft, die wiederum ähnliches bewegen wird und zahlreiche internationale Gäste ins Land lockt. Zwar ist das "The Anthems Album" aus heutiger Perspektive unvollständig, es dokumentiert aber trotzdem einen Kern des europäischen Nationalmelodienschatzes, der für die CD-Ausgabe außerdem um die Dänische Königshymne, die Griechische Nationalhymne, den Schlusschor aus Beethovens Neunter Symphonie und "Nessun Dorma" aus Puccinis "Turadot" ergänzt wurde. In diesem Fall handelt es sich um eine Melodie besonderer Art, die ihrerseits auf ein großes Sportevent zurückblicken kann. Denn es war dieses Stück, das am 7. Juli 1990 im Rahmen der damaligen Fußball-WM aus den Römischen Carcalla Thermen von den drei Tenören via Fernsehen rund um den Globus geschickt wurde und damit einen unvergleichlichen Opern-Stadienboom auslöste. Die in diesem Falle ausgewählte Version stammt übrigens aus dem Jahr 1981 und wurde mit Plácido Domingo in der Wiener Oper aufgenommen.


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