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31.10.2007

Das Genie am Pult

Herbert von Karajan, Das Genie am Pult

Die Komponisten sind die eine Seite, die Interpreten die andere. Sie hängen eng zusammen, oft so eng, dass der eine ohne den anderen gar nicht mehr zu denken ist. Unsere Vorstellung des Sinfonikers Beethoven zum Beispiel ist so nachhaltig von Herbert von Karajan und dessen drei wegweisenden Einspielungen auf LP und CD geprägt, dass die beiden Persönlichkeiten stellenweise ineinander überzugehen scheinen. Aber auch zahlreiche andere Werke wurden in ihrer wahren Größe erst erfasst, nachdem sich der Salzburger Dirigent ihrer angenommen hatte. Im kommenden Frühling nun jährt sich der Geburtstag von Herbert von Karajan zum 100. Mal. Die Deutsche Grammophon nimmt dieses Jubiläum zum Anlass, das umfangreiche Schallplattenoeuvre des Maestros neu zu sichten und der Klassikwelt zahlreiche Klassiker und Raritäten zugänglich zu machen, die die Klangvorstellung des vergangenen Jahrhunderts geprägt haben. Den Anfang macht eine limitierte CD/DVD Zusammenstellung, die unter dem Titel "Karajan - The Music, The Legend" mit einer Kombination von Berühmtem, Erstveröffentlichtem und exquisiter Edition in Form eines ausführlich bebilderten und kommentierten Booklets in die Welt des Dirigenten einführt.

Am besten ist es, man lässt die anderen sprechen, wie beispielsweise die Geigerin Anne-Sophie Mutter, einst Zögling des Meisters, nun selbst eine Autorität der internationalen Musikszene: "Herbert von Karajan ist für immer ein Fixstern in meinem musikalischen Leben. Sein Klangideal, die leidenschaftliche Suche nach der einzig wahren Interpretation und die besessene Disziplin in den Proben sind mir Vorbild. Generationen von Musikern, darunter ich als dreizehn jähriges Mädchen, wurden von ihm gefördert und geformt. Dafür bin ich ewig dankbar." Anne-Sophie Mutter wurde von Karajan der Karrierestart ermöglicht.

Andere Künstler begegneten ihm, wie die Sängerin Christa Ludwig, auch über die musikalischen Gefilde hinaus und entdeckten einen umstrittenen, aber seiner Kunst zutiefst ergebenen Künstler. "Herbert von Karajan war für mich eine über die Maßen faszinierende Persönlichkeit mit völlig unterschiedlichen Facetten: Auf der einen Seite zeigte er sich der Welt als der Jetsetter mit großer Begeisterung für schnelle Autos, Jetflugzeuge und große Yachten. Ich durfte aber auch den 'anderen' Karajan kennen lernen, den scheuen Interpreten abseits des genialen Dirigenten. Karajan begegnete mir als wunderbarer, hilfsbereiter und fürsorglicher Mensch. Vor jeder Vorstellung, die er dirigierte, kam er zu mir in die Garderobe und sagte; 'Ich bin bei Ihnen!' - und das war er auch. Er liebte Stimmen, atmete mit dem Sänger, wusste um die Disposition des Abends und bereitete uns Sängern einen musikalischen Teppich, auf dem man ganz einfach das zurückgab, was er gemeinsam mit dem Orchester zauberte".

Besonderen Einfluss nahm er natürlich auf die Vorstellung der Ensembleleitung an sich, die er über ein halbes Jahrhundert hinweg perfektionierte. So schwärmt Pultkollege Mariss Jansons auch noch in der Retrospektive: "Karajan war einer der größten Dirigenten aller Zeiten und eine der größten Persönlichkeiten, die ich je getroffen habe. Er erschien mir immer wie ein großer Vogel mit weiten Schwingen. Wir weilen unten auf der Erde, doch er überflog die Welt und betrachtete sie aus einer viel höheren Perspektive. Seine großen Ideen hat er tatsächlich auch verwirklicht. Ein Genie wie Karajan gibt es nur sehr selten in unserer Welt." Und so wird es im kommenden Karajan-Jahr vieles zu hören und zu sehen geben, was diese Einschätzung bestätigt, schließlich hat der Maestro im Laufe seiner Verbundenheit mit der Deutschen Grammophon rund 250 Aufnahmen verwirklicht.

"Karajan - The Music, The Legend" versammelt nun auf CD neben der 1963 entstandenen Aufnahme von Brahms "4. Sinfonie" auch zwei Erstveröffentlichungen, eine von Bachs "Concerto für 2 Violinen, BWV 1043" aus dem Jahr 1966 und Liszts "Ungarische Rhapsodie Nr.5" von 1960, alle drei mit den Berliner Philharmonikern. Die DVD wiederum bietet Ausschnitte aus kommenden Veröffentlichungen, etwa von Leoncavallos "Bajazzo", Wagners "Rheingold", Rachmaninovs "Klavierkonzert Nr.2" mit Alexis Weissenberg als Solist und eine vollständige Version von Beethovens "5. Sinfonie", entstanden während des zweiten Aufnahmezyklus anno 1973. Es ist ein wunderbarer Anfang für ein Jahr voller großer Musikmomente, die der Maestro der Nachwelt hinterlassen hat.

Ein Jahr, dass bereits während der kommenden Wochen beginnt. Denn schon der November bringt den ersten Karajan-Schwerpunkt in Form einer Beethoven-Box in der preiswerten eloquence-Reihe. Die Berliner Philharmoniker widmen sich ihrem langjährigen Chef mit einem Galakonzert am 23. Januar 2008 in Berliner Philharmonie, kurz zuvor wird ihm bereits in Salzburg mit einem Festkonzert gedacht (05. Januar 2008). Etwa zur gleichen Zeit erscheint Eliette von Karajans Buch "Mein Leben an seiner Seite" (Ullstein Verlag), mit einer dazugehörigen und passenden CD. Einer des Schmuckstücke des Jahres wird natürlich "The Legendary Decca Recordings" Box sein, die von Februar 2008 erhältlich sein wird. Im März folgen wiederum ein Karajan-Hörbuch von Richard Osborne und eine bislang unveröffentlichte Gesamtaufnahme von "Boris Godunov". Am Geburtstagstermin selbst, dem 5.April, strahlt das ZDF eine ausführliche Dokumentation über den Meister aus und auch die Salzburger Festspiele werden Karajan im August besonders würdigen. So steht schon fest: Das wird noch lange nicht alles sein!


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