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Herbert von Karajan BACKSTAGE EXCLUSIV

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26.03.2008

Der neue Blick durch die Kamera

Herbert von Karajan, Der neue Blick durch die Kamera

Im Falle der Oper hatte man immerhin die Bilder der Inszenierung, um über die Musik hinaus gestalterisch tätig zu werden. Konzerte, Messen und Sinfonien hingegen müssen mit anderen Mitteln vom Schnitt bis hin zu szenischen Einlagen agieren, um über die Distanz eines ganzen Werkes hinweg den Zuschauer bei der Stange zu halten. Herbert von Karajan war ein Souverän dieser erweiterten Bildsprache, mit der er die akustischen Eindrücke zu ergänzen verstand. Seit er sich Anfang der sechziger Jahre für die Besonderheiten der neuen Medien Film und Fernsehen zu begeistern begann, verfeinerte er die optischen Ausdrucksformen sowohl nach eigenen Vorstellungen wie auch in Zusammenarbeit mit versierten Regisseuren. Im Rahmen des Karajan-Jahres werden zahlreiche Beispiele dieser synergetischen Kooperationen sorgfältig remastered wieder veröffentlicht. Und da sind von Brahms bis Bruckner so manche musikalischen Filmjuwelen dabei.

Beispiel Anton Bruckner. Dessen Symphonien Nr.8 und Nr.9 gehören zu den Grundlagenwerken der Übergangszeit von der Romantik zur Moderne. Und sie gelten als schwierig. Hermann Levi, ein Vertrauter der Komponisten, stand vor allem der Achten so skeptisch gegenüber, dass er dem gemeinsamen Freund Josef Schalk gegenüber äußerte: "Ich weiß mir nicht anders zu helfen, ich muß Ihren Rath, Ihre Hilfe anrufen; kurz gesagt: Ich kann mich in der 8. Sinfonie nicht finden und haben nicht den Mut sie aufzuführen. [...] Ich finde das Instrumentarium unmöglich und was mich besonders erschreckt hat, ist die große Ähnlichkeit mit der 7ten, das fast Schablonenmäßige der Form. - Der Anfang des 1. Satzes ist grandios aber mit der Durchführung weiß ich gar nichts anzufangen. Und gar der letzte Satz - das ist mir ein verschlossenes Buch". Natürlich bekam Bruckner die Kritik trotzdem zu hören und verfiel erst mal in eine schwere Depression, ja hatte sogar Selbstmordabsichten. Anno 1887 auf dem Höhepunkt seines Schaffens geschrieben, als er gerade mit der 7. Sinfonie gefeiert worden war, musste die Achte nun mehr als vier Jahre warten, bis sie nach der Überarbeitung am 18. Dezember 1892 mit den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von Hans Richter aufgeführt wurde. Bruckners Gegner, der Kritiker Eduard Hanslick, hatte wie üblich einiges zu meckern. Andere Premierengäste wie der Komponistenkollege Hugo Wolf hingegen fanden Worte wie "Meisterwerk non plus ultra". Dieses Urteil hat seitdem Bestand und forderte natürlich auch Herbert von Karajan heraus, der achten Sinfonie, wie auch der neunten, vor der Kamera diese besondere Genialität zu entlocken, So entstanden die Aufnahmen gemeinsam mit dem "Te Deum" und der Sopranistin Anna Tomowa-Sintow als Solistin, die der Maestro mit den für Bruckner wie geschaffenen Wiener Philharmonikern verwirklichte.

Beispiel Johannes Brahms. Der Komponist hatte mit dem Entstehungsjahr 1868 des "Deutschen Requiems" ein gutes Gespür für den Geist der Stunde. Obwohl deutlich von den nationalen Befreiungsbewegungen geprägt, ließ Brahms sich aber thematisch nicht davon vereinnahmen. Er organisierte sein Werk unabhängig von der Liturgie, verstand es als Trauerklage mit aufsteigender Linie, bis im 7. Satz in den hoffnungsvollen, aber fast schon anarchischen Versen aus der Offenbarung des Johannes gipfelten, die da prophezeien: "Selig sind die Toten die in dem Herrn sterben von nun an. Ja, der Geist spricht, dass sie ruhen von ihrer Arbeit, denn ihre Werke folgen ihnen nach". Für Herbert von Karajan war das Brahms'sche "Requiem" immer wieder eine besondere Aufgabe. Von 1958 an führte er es in unterschiedlichen Besetzungen regelmäßig auf und verlangte von den Berliner Philharmonikern eine immense Präzision im Umgang mit der Wucht und gleichzeitigen Transparenz der Klänge. Während einer Konzerttournee entstanden im Großen Musikvereinssaal in Wien die vielfach prämierten Aufnahmen mit der Sopranistin Gundula Janowitz und dem Bariton Eberhard Waechter. Für die Einspielung, bei der die Kameras dabei waren, übernahm José van Dam die Rolle Waechters und so entstand ein Klassiker des Konzertfilms, der mit optischer Opulenz die beeindruckende Fülle des Klangs einzufangen verstand, ohne Brahms damit zu dominieren.
 
Bleiben noch die übrigen drei Highlights der DVD-Serie mit wichtigen Aufnahmen aus der Geniewerkstatt von Herbert von Karajan. Zum einen natürlich die großartige Aufführung von Wagners "Rheingold", die allein schon wegen der phantastischen Solisten einen Ehrenplatz in der Sammlung hat. Denn neben dem Meister selbst am Pult der Berliner Philharmoniker sind die Sopranistinnen Eva Randová, Jeannine Altmeyer, Mezzo-Star Brigitte Fassbaender und auf der männlichen Seite die Ternöre Gerhard Stolze, Peter Schreier, Hermin Esser und der Bass-Bariton Zoltán Kelemen zu erleben. Ebenfalls die Berliner Philharmoniker standen ihm für die Aufnahmen von Ludwig van Beethoven "Missa Solemnis In D-Dur, Op.123" zur Seite, wobei in diesem Fall Anna Tomowa-Sintow die Sopran-Partien veredelt.

Einmal quer durch das Repertoire wiederum führt die Zusammenstellung "Karajan in Concert". Auf dem Programm standen neben der "Coriolan"-Ouvertüre und Ausschnitten aus "Wilhelm Tell", dem "Tannhäuser" und dem "Freischütz" Meisterwerke aus der Feder von Claude Debussy und Maurice Ravel. Zentrum dieser Doppel-DVD aber ist eines der beeindruckendsten Klavierwerke der Moderne, Sergej Rachmaninovs "Klavierkonzert Nr. 2", das von Alexis Weissenberg als Solist mit pathetischer Wucht vorgetragen wird. Fazit: Auch im Falle der DVD gehört Herbert von Karajan zu den Pionieren seines Fachs, und das sogar posthum angesichts seiner visionären Arbeit vor der Kamera.
 


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