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26.03.2008

Sinfonien zum Sehen

Herbert von Karajan, Sinfonien zum Sehen

Herbert von Karajan war in vieler Hinsicht ein Pionier. Er gehörte nicht nur zu den ersten Dirigenten, der die klanglichen Möglichkeiten der Tonaufzeichnung im Studio konsequent für die Steigerung der Qualität der damaligen Langspielplatten nutzte, sondern interessierte sich auch frühzeitig für die Chancen, die die meiden Film und Fernsehen boten. "Ich bin überzeugt," meinte er in einem Interview, "dass in einem Zeitalter, in dem das Fernsehen eine Macht geworden ist, der man nicht mehr vorbei gehen kann und darf, die Herstellung von Musikfilmen, besonders von sinfonischen Musikfilmen, wirklich ein Gebot der Stunde ist." Sagte es und machte sich ans Werk. So entstanden über mehr als ein Jahrzehnt hinweg eine Reihe wegweisender Aufnahmen, deren Konzentrat nun mit der Focus DVD Edition Große Sinfonien auf vier DVDs erhältlich ist. Mit dabei sind Werke von Beethoven und Brahms, Bruckner und Tschaikowsky - von vier Titanen des Sinfonischen, denen Karajan sich mit der für ihn typischen Intensität widmete.

Man hatte ja im Vergleich zu heute wenig Erfahrung. Das Medium Video-Clip war noch nicht erfunden, standardisierte Ausdrucksformen, wie sie das Musikfernsehen seit Mitte der achtziger Jahre entwickelt hat, lagen in weiter Ferne. Herbert von Karajan war daher seiner Zeit weit voraus, als er 1959 anfing, sich mit filmischen Umsetzungen von Konzerten und Musikereignissen jenseits des experimentellen Feldes zu beschäftigen.

Ausschlaggebend war eine Erfahrung im Anschluss an eine Tournee mit den Wiener Philharmonikern 1959. Damals hatten 25 Millionen Menschen Karajans Konzert in Tokio an den Fernsehbildschirmen mitverfolgt. Sicher, die Klangqualität ließ zu wünschen übrig und auch das kleine s/w-Bild erlaubte eher eine Ahnung als ein wirkliches Mitempfinden des Ereignisses. Aber das Potential war da und es war gewaltig. Mit Hilfe von Film und Fernsehen konnte man im Idealfall die halbe Welt erreichen, vor allem auch Menschen, die es sich nicht leisten konnten, sich in die Abendgarderobe zu schmeißen, um im Tempel der Hochkultur live dabei zu sein. Karajan arbeitete von da an mit verschiedenen Regisseuren zusammen, ließ besonders exponierte Konzerte filmen und bekam auf diese Weise eine Art Vorreiterrolle in puncto neue Medien für Musik.
 
Zwischen 1967 und 1972 hielt er beispielsweise mit unterschiedlichen optischen Konzepten und Mitarbeitern die neun Sinfonien Beethovens gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern filmisch fest. Erstaunlicherweise gefiel Karajan selbst der Film am wenigsten, der am deutlichsten mit Künstlermythen arbeitete. Hugo Niebeling inszenierte bereits 1967 den Maestro, der sich aus dem interpretatorischen Nirwana der "Pastorale" näherte. Eine verschwommene Hand, die langsam hin und her schwang, die Musik generierte, dann zum Profil des Dirigenten, schließlich zum Orchester überging - das hatte eine Dramaturgie, die von den eigentlichen Inhalten wegzuführen drohte. Die Konsequenz daraus war unter anderem, dass sich Karajan selbst als Regisseur engagierte, was aber dazu führte, dass er beispielsweise allein an der Fünften mehr als hundert Stunden schnitt, bis er langsam sich einem Ergebnis näherte, das ihm behagte. Für die Focus DVD Edition Große Sinfonien wurden Sinfonie Nr.5 und Nr.9 ausgewählt, um eben jene Besonderheit der Bildsprache zu dokumentieren. Mit dem französischen Regisseur Henri-Georges Clouzot wiederum feilte Herbert von Karajan bereits in den Sechzigern aus anderer Perspektive an der Bildersprache. Ernst Wild gesellte sich als Chefkameramann hinzu, ebenso die Cutterin Gela-Marina Runne. In den Räumen der Berliner Philharmonie fanden Konzerte mit ausgewähltem Publikum statt, die für die passende Live-Atmosphäre sorgten. Dazu kamen Nahaufnahmen einzelner Solisten und Führer der Instrumentengruppen, Zwischenschnitte mit Großaufnahmen der Instrumente und natürlich immer wieder der Schwenk zum Maestro, seiner Hand, seiner Gestik und Mimik.

So konnte genug Material gewonnen werden, um beispielsweise die Aufführungen der vier Sinfonien von Johannes Brahms in eine, die Musik ergänzende Bilddramaturgie zu packen, die den Werken eine zusätzliche Dimension verleiht. Da darüber hinaus die Aufnahmen noch vor Karajans schwerer Operation im Winter 1975/76 stattfanden, ist auf diesem Dokument das Pultgenie in seiner ursprünglichen Kraft, mit aller Dynamik und Energie zu erleben, der das Brahms-erprobte Orchester zu immer neuen grandiosen Momenten anstachelt.

Für die Focus DVD Edition Große Sinfonien wurde aus diesen Sitzungen die 3. und 4. Sinfonie herausgesucht und schließlich noch um die Aufnahmen von Tschaikowskys Sinfonien Nr. 4, Nr. 5 und Nr. 6. sowie Bruckners 8. Sinfonie ergänzt, so dass insgesamt ein umfassender Überblick entstand, was das Medium Fernsehen und nicht zuletzt auch das Medium Film für die Vermittlung von sinfonischer Musik leisten kann. Und mit einer deutlichen Verbesserung zu früher. Denn natürlich profitieren die Aufnahmen der Focus DVD Edition Große Sinfonien von den Möglichkeiten der gegenwärtigen Studiotechnik, die alle Werke in neuem Surround-Glanz erstrahlen lässt.

Weitere Informationen zur Focus Edition - Große Sinfonien finden Sie auf der KlassikAkzente Sonderseite zum Thema.


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