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Herbert von Karajan BACKSTAGE EXCLUSIV

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22.10.2008

Meilenstein der Meilensteine

Herbert von Karajan, Meilenstein der Meilensteine

Beethoven war der Maßstab. Karajan dirigierte ihn zum ersten Mal 1931 in Ulm. Damals war der Pultaufsteiger gerade 23 Jahre alt, versuchte sich erfolgreich mit einem Provinzorchester an der "Eroica" und sorgte damit in der Fachwelt für Aufsehen. Später sollte er Beethoven immer wieder und so prägend interpretieren, dass er zuweilen als dessen wichtigster Botschafter angesehen wurde. Allein mit den Berliner Philharmonikern nahm Herbert von Karajan den Zyklus der Symphonien dreimal vollständig auf, zunächst 1961/62, dann noch einmal unter technisch besseren Voraussetzungen von 1975 an und schließlich mit einer weiteren Fassung Mitte der Achtziger am Beginn des digitalen Zeitalter. Am berühmtesten wurde allerdings die frühe Version, aus deren Serie nun Beethovens zentrale Spätwerke, die 8. und die 9.Symphonie, aus Anlass des Karajan-Jahres in einer remasterten Deluxe-Ausgabe vorliegen.

"Karajan ist ein im positivsten Sinne pragmatischer Musiker", konnte man im November 1961 in der Zeitschrift Grammophone lesen. "Seine Vorstellung von einem Werk kann jederzeit mit der Wirklichkeit kollidieren. Man sieht geradezu, wie er dann denkt: 'Das funktioniert so nicht'. Und statt sein Ideal den Umständen zu opfern, sucht er nach dem besten Weg, die vorhandenen Bedingungen so zu verändern, das sie sein Ziel fördern". Insofern war es kaum verwunderlich, dass Herbert von Karajan mehrfach anhand von Beethovens Symphonien versucht hat, die Grenzen der orchestralen Gestaltung auszuloten. Denn damit entsprach er dem Ansinnen des bereits weitgehend ertaubten Komponisten, der seinerseits mit der Tonsprache seiner Zeit unzufrieden war.
 
Mit seinen Sinfonien acht und neun (und eigentlich bereits schon mit der siebten) wagte sich Beethoven noch weiter als bisher auf unbekanntes Terrain als zuvor . Hatte er etwa bei der sechsten noch vermeintliche Deutungsanweisungen für die Interpretation  mitgegeben, so stand die siebte außerhalb des programmatischen Diskurses. Sie war absolute Musik, die nur für sich existierte, möglichst ohne Bezugnahme auf die Stimmungslagen von Komponist und Publikum, ein vor Komplexität nur so überschäumendes Werk. Ihr gegenüber wirkte die achte Sinfonie schon beinahe leicht. Auch sie wurde 1812 fertiggestellt und nur knapp zwei Monate nach der siebten im Redoutensaal der Wiener Hofburg  am 27. Februar 1814 uraufgeführt.
 
Am weitesten jedoch lehnte sich Beethoven mit seiner letzten Sinfonie aus dem Fenster. Sie brauchte nicht nur am längsten von der Idee bis zur Durchführung, sondern wagte auch etwas Unerhörtes, indem sie dem letzten Satz eine Chorpassage hinzufügte. Beethovens Faszination für Schillers "Ode an die Freude" reicht bis in deren Entstehungszeit zurück, das Motiv der Verbrüderung, mehr noch, der Freude als Triebfeder allen menschlichen Handelns hatte etwas Bestechendes, Absolutes. So wurde die Neunte zu einem Monolith der Konzertkultur, dessen Kraft noch immer die Menschen in ihren Bann ziehen kann.
 
 Herbert von Karajan kam von Anfang an gut mit ihr zurecht. Seine erste Neunte dirigierte er als Generalmusikdirektor von Aachen im April 1938, kurz nachdem er sein Debüt mit den Berliner Philharmonikern gegeben hatte. Die Einspielung, die er im Herbst 1947 in Wien verwirklicht hatte, wurde bereits von der Kritik mit großem Lob bedacht. Da sich allerdings bald darauf die Langspielplatte als neues Trägermedium durchsetzte, konnte Karajan sich ein weiteres Mal an die Aufnahme der neunten, wie auch der übrigen Sinfonien wagen. So entstanden die hochgelobten Versionen des 1961/62er Zyklus, die über mehr als ein Jahrzehnt hinweg zum Standard der Interpretation wurden. Der Musikkritiker Joachim Kaiser schrieb bereits 1963 über Karajans Beethoven: "Nur wenigen Dirigenten wird es vergönnt sein, binnen relativ kurzer Zeit mit einem Weltklasse-Orchester sämtliche Beethoven-Symphonien unter idealen Voraussetzungen auf Langspielplatten zu fixieren."
 
Unter diesen Meilenstein wiederum gilt die Aufnahme der "Sinfonie Nr. 9" als Höhepunkt des ersten Beethoven-Zyklus überhaupt, zu dem nicht nur der Maestro, sondern auch die hervorragenden Gesangssolisten Gundula Janowitz, Hilde Rössel-Majdan, Waldmar Kmentt und Walter Berry beigetragen haben. Der auf der Doppel-CD vorliegende Mitschnitt der letzten Probe vor der Aufnahme der Sinfonie Nr. 9 ist darüber hinaus ein einmaliges Tondokument der intensiven, um jedes Detail ringenden musikalischen Auseinandersetzung Karajans und der Berliner Philharmoniker mit diesem Monument der symphonischen Welt. Die vorliegende Deluxe-Ausgabe der 8. und 9. Sinfonie erscheint mit dem Original-Cover der Schallplattenerstausgabe - ein weiteres Dankeschön an den Maestro am Pult, der in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Und ein exquisites Pflichtstück für alle Freunde der Orchestermusik, die diese Referenzaufnahme noch nicht vorliegen haben.

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