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05.11.2008

Die Basis der Orchestermusik

Herbert von Karajan, Die Basis der Orchestermusik

Für viele Musikfans ist Herbert von Karajan der größte symphonische Dirigent aller Zeiten. Das mag zum einen an der engen Bindung des Maestros, dessen 100.Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird, an sein Stammorchester liegen. Denn die intensive und langjährige Liaison mit den Berliner Philharmonikern ermöglichte eine Interpretationstiefe, die nur wenige Kollegen im Laufe der Jahrzehnte erreichten. Es hängt aber auch damit zusammen, dass Karajan eine besondere Affinität zur Vielfalt des Orchesterklangs hatte und in der Lage war, durch seine Kompetenz und Empathie zu Schichten vorzudringen, die vielen Zeitgenossen verborgen blieben. Jedenfalls gilt er unangefochten als ein Interpretationsgenie und das nahm die Deutsche Grammophon zum Anlass, ihm neben zahlreichen anderen Veröffentlichungen auch mit der umfangreichen und exklusiven Box "Karajan Sinfonien-Edition" zu gratulieren, die auf 38 CDs alle symphonischen Aufnahmen in einem Schuber präsentiert, die während der Jahrzehnte der fruchtbaren Zusammenarbeit entstanden. Ein Mammutwerk, ein Monument.

Zu Beispiel Mozart. Karajan liebte die Werke des Komponisten, mit dem er nicht nur die Geburtsstadt teilte, sondern für dessen Ansehen im 20.Jahrhundert er auch gegenüber der Kritikerzunft focht. Als der Dirigent 1972 auf seinen volltönenden "Bruno-Walter-Stil" bei der Interpretation der Symphonien angesprochen wurde, antwortete er einem Journalisten: "Man hat immer noch ein falsches Bild von Mozart! Man sieht ihn als Faulpelz, eine Art Playboy, der mit seiner Musik von Palast zu Palast zog. Mozart war mit Herz und Seele Kind seiner Zeit. Er war in einem ständigen Zustand geistiger Erregung". Karajans Umgang mit den Werken des Salzburgisch-Wiener Klassikers sind daher bestimmt vom Kontrast zwischen hintergründigem Ernst und Leichtigkeit an der Oberfläche. Und entgegen der Meinung seiner Spötter schaffte er es sehr wohl, die verschiedenen Nuancierungen der Interpretation, die Mozart zum Verständnis benötigt, auf clevere Weise mit seinem Stammorchester umzusetzen.
 
Im Unterschied zu Mozart war und ist Herbert von Karajans Beethoven unumstritten. Er dirigierte ihn zum ersten Mal 1931 in Ulm und später sollte er Beethoven immer wieder und so prägend interpretieren, dass er zuweilen als dessen wichtigster Botschafter angesehen wurde. Allein mit den Berliner Philharmonikern nahm Herbert von Karajan den Zyklus der Symphonien dreimal vollständig auf, zunächst 1961/62, dann noch einmal unter technisch besseren Voraussetzungen von 1975 an und schließlich mit einer weiteren Fassung Mitte der Achtziger am Beginn des digitalen Zeitalter. Die Versionen der "Karajan Sinfonien-Edition" stammen aus der frühen und mittleren Phase und dokumentieren einen mal fulminant schwelgenden, mal transparent konturierenden Maestro, dessen Pathos changiert und der Beethovens Werke auf den Punkt des Wesentlichen bringt.
 
Mit Brahms wiederum verbanden sowohl Karajan als auch die Berliner Philharmoniker eine lebenslange Beziehung. Der Komponist selbst unterstützte das 1882 als Alternative zu Benjamin Bilses Berliner Tourneeorchester gegründete Ensemble. Hans von Bülow machte es innerhalb weniger Jahre zum angesehenen Klangkörper, gefolgt von Arthur Nikisch und Wilhelm Furtwängler, der seinerseits als Brahms-Spezialist galt. Dessen institutioneller Erbe Karajan schließlich hatte vor allem die erste Symphonie des Romantikers schon als junger Mann im Repertoire. Seitdem widmete er sich in unterschiedlicher Intensität den Brahms'schen Werken, hielt sich in den mittleren Jahren zurück, um als Siebzigjähriger wieder zu ihnen, vor alle zur vierten Symphonie zurück zu finden. Mit berauschender Souveränität navigiert Herbert von Karajan die Berliner an den emphatischen Problemstellen vorbei und präsentiert einen Brahms, der in symphonischer Klarheit als herausragender musikalischer Dramatiker erscheint, von den eigenen Seelenkämpfen getrieben, zuweilen heiter, aber doch zuletzt ein von der Tragik des menschlichen Daseins geprägter Geist an der Schwelle zur Moderne.
 
Und damit nicht genug. Zum symphonischen Dreigestirn Mozart, Beethoven und Brahms gesellen sich noch weitere Fixsterne und Trabanten des Genres. Bruckners neun Symphonien beispielsweise. Oder viel früher in der Chronologie, die Londoner und die Pariser Symphonie von Joseph Haydn. Nicht zu vergessen die drei Romantiker Schumann, Mendelssohn und Tschaikowsky und deren opulente Werke. Unterm Strich bedeutet das, dass es sich bei der Box "Karajan Sinfonien-Edition" um nichts anderes als eine umfassende Einführung in die abendländische Orchestersprache schlechthin handelt. Und etwas anderes hat man von Herbert von Karajan auch nicht erwartet.

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