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03.01.2014

40 Jahre Hilliard Ensemble - Episode 12 - "Morimur"

Das Hilliard Ensemble feiert sein 40 jähriges Bestehen. In unserer großen Serie stellen wir Ihnen nach und nach Höhepunkte aus dem Schaffen des Ensembles vor. Diesmal das 2001 erschienene Album "Morimur" mit Christoph Poppen.

The Hilliard Ensemble, 40 Jahre Hilliard Ensemble - Episode 12 - Morimur © Roberto Massotti / ECM Records

Es ist gewiss eine der außergewöhnlichsten Produktionen im gesamten Repertoire von ECM New Series. Auch den Titel umgibt jene geheimnisvolle Aura, wie sie Manfred Eicher etwa mit "Officium", "Mnemosyne" oder "Ricercar" zu beschwören liebt. Lateinisch „morimur“ heißt „wir sterben“. Darum geht es. Aber, bei allem Ernst, auf spielerische Weise. Im Mittelpunkt steht eines der weltlichen Werke von Johann Sebastian Bach, die berühmte, so spielerisch-virtuose wie hoch komplizierte Ciaccona aus der d-Moll-Partita für Violine solo BWV 1004. Doch ebenso der Osterchoral "Christ lag in Todesbanden", der mit seinen beiden Anfangstönen a-gis, von Bach im zweiten Vers seiner gleichnamigen Kantate BWV 4 ("Den Tod niemand zwingen kunnt") so spannungsvoll verarbeitet, die Aufnahme wie ein roter Faden durchzieht. Wie das?

Oder anders gefragt: Was ist auf "Morimur" zu hören? Die ganze Partita, von Christoph Poppen stilsicher, also auch mit agogisch atmenden Freiheiten, auf der Barockvioline gespielt. Vor den einzelnen Sätzen erklingt jeweils ein vierstimmiger Bach-Choral, den das Hilliard Ensemble mit wundersamer Intonation und bestechender Klarheit singt. Weitere Choräle folgen. Und der Grund solcher für den unbefangenen Blick rätselhaften Kombination mit Instrumentalmusik?

Die Geigenpädagogin Helga Thoene sieht in den 1720 entstandenen sechs Violinsonaten und -partiten Bachs ("Sei solo", BWV 1001-1006) vielfach verschlüsselte Botschaften versteckt, Namen, Daten, theologische Inhalte. Solche „Spiele” mit dem Zahlenalphabet (A=1, B=2 etc.) waren im Barockzeitalter weit verbreitet, besonders in der Musik und eingehend erforscht im Werk Johann Sebastian Bachs. Die d-Moll-Ciaccona enthält nach Thoenes Untersuchungen zahlreiche in die Violinstimme eingeschriebene Choralzitate und stellt so eine Art Grabstein für Bachs erste Frau Maria Barbara dar, die starb, während der Köthener Hofkapellmeister seinen Fürsten 1720 nach Karlsbad begleitete. Bei seiner Rückkehr erst erfuhr er von ihrem Tod und Begräbnis.

„Viele kompositorische Verfahren und auch außermusikalische Konstruktionen“, schreibt Helga Thoene über die Ciaccona, „deuten darauf hin, dass dieser ‚Tanz‘ als ‚Tombeau‘ für Maria Barbara Bach geschrieben wurde, als ‚klingendes Epitaph‘ zu ihrem Gedächtnis.“ Das Booklet widmet sich ausführlich dem ganzen Themenkreis von Zahlensymbolik und Choralzitaten im Werk Bachs.

So kommt es zum überraschenden Höhepunkt der Aufnahme: Zugleich mit der durchgespielten Ciaconna singen die Hilliards an den entsprechenden Stellen einstimmig die Choralzeilen, deren Melodien zuvor schon zu hören waren. Eine „unerhörte“, fast übersinnliche Erfahrung, wie in einem Versuchslabor, das die Kongruenz von absoluter Musik und gläubiger Botschaft erforscht.

In diesem Player hören Sie Stücke aus den Alben, die in unsere Jubiläums-Serie vorgestellt worden sind:


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