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29.04.2008

Britische Klarheit

The Hilliard Ensemble, Britische Klarheit

In Geschichtsbüchern steht diplomatisch, Heinrich VIII habe sich vom Papsttum losgesagt. Ein freundlicher Euphemismus für eine der weitreichendsten Machtverschiebungen der Reformationsjahre, denn der englische König negierte nicht nur den Herrschaftsanspruch des Renaissance-Papsttums, sondern schuf darüber hinaus die anglikanische, auf den Monarchen eingeschworene Kirche und fundamentierte auf diese Weise, begünstigt von der militärisch isolierten Insellage, den britischen Sonderweg in der europäischen Geschichte. Eine neue Kirche aber brauchte auch neue Riten und so wurde auch die Liturgie durch Heinrichs ergebensten Diener Thomas Cranmer, den Erzbischof von Canterbury, gestrafft und renoviert. Das wiederum schuf Arbeit für Komponisten wie Thomas Tallis, Christopher Tye und John Sheppard, die für veränderte Abläufe und Inhalte neue Klanggestalten entwarfen. Werke, denen sich das Hilliard Ensemble mit "Audivi Vocem" widmet.

Es ging um Politik und Frauen. Zum einen wollte sich Heinrich VIII nicht von irgendeinem Menschen im weit entfernten Rom, der zudem wie Klemens VII als Gefangener von Karl V. (der wiederum der Neffe von Heinrichs erster Frau Katharina war) zur Marionette festländischer Herrschaftsspiele geworden war, erzählen lassen, nach welchen Grundsätzen er zu regieren habe. Hätte ihm die damalige Gattin einen Thronfolger geboren, wäre wohlmöglich trotzdem alles anders verlaufen. Aber sie gebar eine Tochter und die monarchische Staatsräson erforderte nun Maßnahmen, zumal die clevere Hofdame Anne Boleyn Heinrich umgarnte. Hätte der Papst die Ehe mit Katharina geschieden, wäre wohlmöglich auch einiges anders gekommen. Aber das ging nicht, siehe oben, und so wurde der Ehrgeiz des ebenso sturen, wie egoistischen und  machtpolitisch versierten Regenten geweckt. Resultat: Heinrich erklärte sich unabhängig von Rom, enteignete den Klerus, schuf seine eigene, anglikanische Staatskirche, ließ sich scheiden und in der Folge jeden hinrichten, der sich gegen ihn stellte.

Da er nicht grundsätzlich mit dem Christentum, sondern mit dem Papst brach, blieb die Kirche als Institution erhalten, erfuhr allerdings in den folgenden Jahren auch nach seinem Tod 1547 vor allem auf Initiative des ebenfalls machtpolitisch begabten Bischofs Cranmer zahlreiche inhaltliche, vor allem vereinfachende Reformen. 1549 wurde beispielsweise ein neues Gebetbuch eingeführt. Während zuvor zur Durchführung der täglichen Gottesdienste zahlreiche verschiedene Liturgiebücher vonnöten waren, enthielt das neue schmalbrüstige Gebetbuch allein alles Wesentliche. Die "kleinen Horen", d.h. die nachrangigen Stundengebete, waren verschwunden, während die großen Morgen- und Abendgebete als "Matins" und "Evensong" zusammengefasst wurden. Ebenso abgeschafft waren die Totenandachten und lateinischen Messen, die durch einen einzigen Kommunionsgottesdienst ersetzt wurden. Sogar die Anbetungs-Antiphonen - täglich Brot englischer Kompositionspraxis seit den Zeiten des Eton-Choralbuchs - wurden nicht mehr gebraucht. An ihre Stelle trat die schlichte englische Hymne.

Das wiederum erforderte neue, den Vorstellungen des konzentrierten, schlichten Gottesdienstes angepasste Kompositionen (was wiederum so weit von den auf den Festland aktuellen Ideen Luthers nicht entfernt war, trotzdem aber andere künstlerische Folgen hatte). Die sinnfällige Vertonung des Textes rückte ins Zentrum des Interesses - Musik sollte sich dem Hörer unmittelbarer mitteilen. Der Prozess führte zur Öffnung der englischen Sakralmusik gegenüber den zeitgenössischen Entwicklungen auf dem Kontinent. Die Komponisten mussten sich also den liturgischen Veränderungen anpassen, und dieser Prozess lässt sich anhand der überlieferten Werke dreier englischer Musiker nachvollziehen: Christopher Tye, John Sheppard und Thomas Tallis. Alle drei erhielten ihre musikalische Ausbildung noch während Heinrichs Regierungszeit und erlebten bis auf den früh verstorbenen Sheppard die stufenweisen liturgischen Umwälzungen unter Eduard VI., Maria I. und Elisabeth I.

Die musikalische Entwicklung verlief schnell, und es waren diese prägenden Jahre, in denen sich das herausbildete, was rund drei Jahrzehnte später zur Grundlage für das produktive Zeitalter der Musik unter Elisabeth I. werden sollte. Das Hilliard Ensemble hatte daher eine umfassende Auswahl für sein Programm "Audivi Vocem", mit dem sie dramaturgisch reizvoll umgehen konnten. Eine Messe von Christopher Tye bildet den Rahmen der reizvollen Folge feierlicher Antiphonen, Responsorien und Motetten. Damit setzt das renommierte und in diesem Fall um den Bass Robert Macdonald ergänzte Vokalquartett die erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem Label ECM New Series fort.

Sie begann bereits 1986 mit einem Beitrag auf Arvo Pärts "Arbos", gefolgt von zahlreichen bemerkenswerten Aufnahmen alter und zeitgenössischer Musik, die von der Kritik hoch gelobt wurden. Ein besonders breites Publikumsecho fanden das "Officium"-Projekt mit Jan Garbarek und "Morimur" mit dem Geiger Christoph Poppen. Komponisten wie Barry Guy, Erkki-Sven Tüür und vor allem Arvo Pärt haben für die Hilliards neue Werke geschrieben. Das Ensemble ist auf allen wichtigen Festivals der Welt vertreten und arbeitet mit Musikern von internationalem Rang zusammen, zunehmend auch mit großen Klangkörpern wie dem Gewandhaus-Orchester Leipzig oder dem Philadelphia Orchestra. Für August 2008 ist die Uraufführung eines neuen Musiktheaterprojekts von Heiner Goebbels in Lausanne geplant. Und "Audivi Vocem" wird einstweilen Hilliards Renommee weiter fundamentieren.


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