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10.08.2009
Pearl Jam

Pearl Jam im Interview

„So schwer ist es eigentlich gar nicht, eine gute Platte aufzunehmen“, sagt Eddie Vedder lachend. „Du brauchst dazu nur eine gute Band und ein Wörterbuch – danach erledigt sich die Arbeit praktisch wie von selbst.“ Vedder weiß, wovon er spricht, schließlich findet man in der Diskografie von Pearl Jam bereits acht fantastische Studioalben, die allesamt auf oben genannter Zutatenliste basieren.
Anfang dieses Jahres beschäftigten sich Pearl Jam nach langer Zeit mal wieder intensiv mit ihrem Debütalbum Ten aus dem Jahr 1991, dessen Stücke sie für eine Neuauflage der LP gemeinsam mit Langzeitkollaborateur Brendan O’Brien komplett neu abmischten, um sie als Deluxe-Edition zu veröffentlichen, und zwar inklusive all jener Erinnerungsstücke und visuellen Leckerbissen, die eingeschworenen Fans den Mund wässrig machen: selbst das Cover der Original-Demokassette war dort zu sehen, die Vedder seinen neuen Bandmitgliedern zur Gründung von Pearl Jam zukommen ließ. Allerdings sind Pearl Jam nicht gerade als Nostalgiker bekannt, und so waren sie, während sie einerseits ihren Backkatalog durchgingen, zeitgleich dabei, Backspacer aufzunehmen, ihr neuntes und wahrscheinlich fokussiertestes und dynamischstes Album überhaupt.
„Der Ausgangspunkt waren dieses Mal Songs, im Gegensatz zu Studiozeit, die man einfach so bucht und dann erst loslegt“, sagt Vedder über die Entstehung von Backspacer, dessen 12 Songs auf schlanke (aber verdammt ereignisreiche) 36 Minuten konzentriert sind, mit Hochdruck sozusagen und fast schon lasergelenkter Präzision. „Wir waren im Flow, wie man so schön sagt, und die Songs waren daher sehr schnell komponiert. Das Album ist sehr stark ineinander verzahnt, es hat klare Konturen; sprich: Nichts daran klingt ziellos oder wie eine Jam-Session, stattdessen ist es straff durchorchestriert.“
„Unser Gefühl sagte uns: Lasst uns ein richtig großes Album aufnehmen“, fügt Gitarrist Stone Gossard hinzu. „Und lasst uns daher auch all das weglassen, was auf einem richtig großen Album nichts zu suchen hat.“
„Es ist sehr tight und präzise“, meint auch Mike McCready, „und es hat jede Menge eingängige Momente und Hooks, um nicht die wunderschönen Geigen und Waldhörner zu vergessen, die einzusetzen für uns vollkommenes Neuland war. Ich glaube, dass die Leute erst überrascht und dann absolut begeistert sein werden.“
Nachdem jeder für sich an Songideen gefeilt hatte, kam die Band im Dezember 2008 im Haus von Bassist Jeff Ament in Montana für die erste gemeinsame Probe-Session zusammen. Im Handumdrehen nahmen die neuen Songs Gestalt an, so dass die Band schon im Februar für zwei Wochen in Los Angeles ins Studio ging. Brendan O’Brien, der erstmals am Vs.-Album aus dem Jahr 1993 mit Pearl Jam arbeitete und seither unter anderem für Bruce Springsteen, AC/DC und Mastodon hinter den Reglern stand, war nach zehnjähriger Pause auch wieder mit von der Partie – er hatte zuletzt Yield (1998) produziert –, und so begann das nächste Kapitel einer Kreativpartnerschaft, die der Band sehr viel bedeutet.   
„Für uns gibt es einfach keinen besseren Produzenten“, sagt Gossard, „schließlich läuft bei uns ein ganz besonderes Ding ab; irgendwie ist bei uns alles so unfertig, ja, unvollkommen – es ist ein Clash von Persönlichkeiten. Brendan ist unschlagbar darin, unsere Unvollkommenheiten, also das, was nicht so rund läuft, was uns menschlich macht, mit seinem professionellen Ansatz zu verknüpfen.“
„Als wir die Songs komponierten, war er wie ein echtes Bandmitglied daran beteiligt“, fügt Schlagzeuger Matt Cameron hinzu. „Er schnallte sich sogar die Gitarre um und machte sich die Hände schmutzig. Brendan war die ganze Zeit dabei, mitten im Geschehen und genau wie wir voll auf die Musik konzentriert. Es gibt Typen, die können mit den allerneusten digitalen Techniken umgehen – was nicht heißen soll, dass Brendan das nicht kann –, aber er weiß eben auch, wie man mit Tape arbeitet, wie man es schafft, ein Mellotron oder ein Clavinet richtig gut klingen zu lassen; er ist halt von der alten Analog-Schule, wie wir übrigens auch. Er weiß, wie man Analog-Bands wie uns anpacken muss.“
„Und dazu kommt, dass er weiß, wie man eine Rockband live aufnehmen muss“, sagt Jeff Ament weiterhin. „Denn so arbeiten wir: Alle fünf in einem Raum, und die Songs werden direkt auf Band aufgenommen. Es gibt nur noch wenige Bands, die ihre Alben heute noch so machen.“
Backspacer ist das Resultat einer besonders kreativen Phase der Band, das erkennt man schon an Vollgas-Rocknummern wie „The Fixer“ und „Johnny Guitar“, aber auch an besinnlicheren und ruhigeren Momenten wie z.B. „Just Breathe“ oder auch „The End“, dem überwältigenden letzten Song der LP. Laut eigener Aussage fand die Band überall und zu jeder Tag- und Nachtzeit Inspiration, so berichtet Vedder zum Beispiel, dass er den ausgelassenen Eröffnungssong „See My Friends“ „in einem kleinen Zimmerchen“ geschrieben hat, „in dem unter und über mir Leute schliefen und ich daher nicht so viel Lärm machen wollte. Ich hatte diesen kleinen Drum-Computer und eine E-Gitarre, die in ein winziges Effektgerät von der Größe eines iPhones gesteckt war, und irgendwie schaffte ich es damit, diesen echt lauten Garage-Rock-Sound à la The Kinks zu erzeugen.“ Mit der kompletten Band eingespielt, ist der Song laut Jeff Ament „die erste richtige ‘Grunge’-Nummer von uns“, während Stone Grossard der Meinung ist, es handle sich dabei um eine musikalische Verneigung vor alten Freunden, den Verdammten des Garage-Rock nämlich: Mudhoney.
„Speed Of Sound“, einer der Midtempo-Songs des Albums, wurde hingegen erst auf den letzten Drücker geschrieben und aufgenommen: Vedder kam mit der Idee ins Studio, als die Band und O’Brien bereits dabei waren, 14 Tage lang die fertigen Songs in den Southern Tracks Studios in Atlanta abzumischen. Geschrieben hatte er ihn, während er mit Ronnie Wood von den Stones auf Jamaika arbeitete... und die Sessions wieder einmal bis tief in die Nacht andauerten: „Ich wollte etwas machen, das irgendwo zwischen Tom Waits und Keith Richards liegt, einen Song über denjenigen Typen, der als letzter noch an der Bar sitzt, wenn alle anderen schon gegangen sind; ein ziemlich trauriges Stück also. Dann kam ich zurück nach Atlanta und machte den Song im Alleingang fertig, doch Brendan ließ sofort alle etwas dazu einspielen – und so bauten wir immer mehr Spuren drum herum. Anfangs war es nur eine Akustikgitarre und ein Typ, der singt, als sei er unfassbar mies drauf, und plötzlich wurde daraus diese gewaltige Sound-Landschaft, die obendrein auch noch zuversichtlich klingt.“
Während Vedder darauf brannte, die Lektionen, die er aus seiner Arbeit am Soundtrack zu Into The Wild gelernt hatte, auf Backspacer zu übertragen, war es ein fesselndes Gespräch über die Psyche des Menschen mit der Schauspielerin Catherin Keener, einer der Hauptdarstellerinnen aus dem Film, das in ihm die Idee für den Text von „Unthought Known“ weckte. „Da ich für den Into The Wild-Soundtrack sehr lange alleine im Studio gesessen habe, konnte ich es kaum abwarten, endlich wieder mit der Gruppe zu spielen“, berichtet er. „Und damit meine ich nicht irgendeine Gruppe, sondern diese vier Jungs. So ein Solo-Projekt ausprobiert und alle Fäden in der Hand gehabt zu haben, reicht erst mal – das muss ich so bald nicht wieder machen. Denn diese Erfahrung hat das, was wir als Band machen, für mich wieder wahnsinnig spannend gemacht, und ich habe die Arbeit in der Konstellation, zu der wir uns entwickelt haben, dieses Mal wirklich sehr genossen.“
„Just Breathe“ entstand aus einer Idee, die Vedder auf dem Into The Wild-Soundtrack eingesetzt hat: Hier ist es ein einfaches Riff von Eddie, um das die Band und O’Brien nach und nach ein großes Arrangement errichtet haben. „Das Stück knüpft perfekt an Into The Wild an“, sagt Matt Cameron. „Ein dicht orchestriertes, massives Arrangement, das trotzdem noch überschaubar und vertraut klingt, es den Zuhörer also nicht überwältigt. Brendan hat da mit Streichern gearbeitet und mit Waldhörnern und diversen anderen Elementen, aber so, dass es nicht überladen wirkt aber zugleich nach so viel mehr klingt.“
Dieses Gleichgewicht zwischen orchestral angelegter Üppigkeit und bewusster Leichtigkeit ist überhaupt ein Merkmal der ruhigeren Songs von Backspacer. Auf „Just Breathe“ spielt Jeff Ament eine Bass-Spur im Stil von Carol Kaye und unterstreicht damit den leichten Beach-Boys-Beigeschmack, der sich in den bewegenden Harmonien des Stücks widerspiegelt. Gesanglich läuft Vedder zu Höchstform auf: gefühlvoll und ehrlich, und das mit massivem Nachdruck. „Ich saß gerade in einem kleinen Raum, alle Fenster waren sperrangelweit geöffnet, und ich hatte ein Aufnahmegerät vor mir, als irgendetwas in mir passierte, irgendein Gefühl kam da plötzlich hoch“, erinnert er sich, wenn man ihn auf die Entstehung des Songs anspricht. „Ich wollte nichts Komplexes schreiben. Stattdessen ging es mir nur darum, dieses eine Gefühl einzufangen. Der Song handelt davon, wie die glücklichsten Momente unseres Lebens verstreichen und wir davon gar nichts mitbekommen, weil alles immer so schnell geht. Es geht also um den Wunsch, dass alles einfach mal anhält, dass man nicht mal mehr spricht: Lasst uns einfach mal durchatmen...“
Laut eigener Aussage findet Vedder die Ideen für seine Texte überall. Der Text des rockigen „Johnny Guitar“ basiert zum Beispiel auf einer Geschichte, die Eddie im Klo des Bandhauptquartiers in Seattle einfiel. „In der Toilette ist die Holzverkleidung neben den Pissoirs komplett mit dem Cover-Artwork alter Alben zugepflastert“, berichtet Vedder grinsend. „Ungefähr auf Augenhöhe hängt das Cover von einem Typen namens Johnny Guitar Watson. Man muss ihn wohl irgendwo zwischen Barry White und Buddy Guy ansiedeln, und er hatte immer so schlüpfrige Plattencover, auf denen die Frauen zwar nicht unbedingt leicht bekleidet sind, aber sagen wir mal, sie sehen schon ziemlich interessant aus... Ich stellte mir dann einen Typen vor, der sich zu dem Mädel auf dem Cover hingezogen fühlt und sich fragt, warum sie sich wohl mit Johnny Guitar abgibt, wo er doch offensichtlich zehn Mädchen an jedem Finger hat. Warum würde irgendwer Lust darauf haben, eine von Johnny Guitars Geliebten zu sein, eine von Hunderten, wenn du für mich die Einzige sein könntest?“  
Dass die Songs auf Backspacer in der Regel kurz und knackig sind, bedeutet keinesfalls, dass Mike McCready weniger harte Arbeit zwischen den Bünden seiner Gitarre geleistet hat. Zwar findet man auf dem Album vielleicht keine epischen Spielfiguren wie auf der legendären ersten Single von Pearl Jam – „Alive“ –, aber das Spiel von Mike ist dennoch so atemberaubend und einzigartig wie eh und je. Sein ganzes Können präsentiert er zum Beispiel auf „Supersonic“, jenem von Gossard geschriebenen Stück, das er als „ein bisschen Ramones-lastig, ein wenig Led Zeppelin, gepaart mit einem Black-Sabbath-Riff im Mittelteil“ beschreibt und obendrein sichtlich stolz ist auf die rückwärts gespielten Teile des Songs. Auf „Amongst The Waves“ konnte der Gitarrist schließlich sogar seinen alten Hang zum Blues erneut ausleben; hier spielt er ein Lick, das an Mick Taylor erinnert und perfekt zu dem lockeren Sound des Stücks passt.
„Mike McCready ist ein Typ, der seinen Kopf in den Nacken wirft und die Musik einfach durch seinen Körper hindurchfließen lässt. Das ist pure Magie“, sagt Eddie über ihn. „Ich persönlich finde es wirklich spannend zu beobachten, wie er sich dieses Mal zurückhält und Sachen spielt, die absolut fokussiert und melodisch sind.“
Für McCready ist „Amongst The Waves“ das Kernstück der LP, weil der Text ein Gefühl der Wiedergeburt bzw. der Erneuerung transportiert, was zugleich die lebhafte Stimmung des gesamten Albums widerspiegelt. „Mich erinnert der Song daran, auf einem Paddleboard zu stehen“, sagt er lächelnd, „oder ans Surfen, also tatsächlich in den Wellen zu sein, weit draußen, wo man Delfine sieht, eine Welle mitnimmt und wieder vom Brett geschleudert wird. An die Kraft des Meeres. Jedes Mal, wenn ich so eine Welle erwische, fühle ich mich wie ein neuer Mensch. Nach ungefähr einer Stunde komme ich wieder aus dem Wasser und der Rest des Tages fühlt sich komplett anders an.“  
Dieses Freiheitsgefühl, das auf Backspacer mitschwingt, spiegelt auch die Situation wider, in der sich die Band befindet, nachdem sie ihren Vertrag mit Epic Records nach der Veröffentlichung der rearviewmirror-Compilation (2004) beendet hat. In den fünf Jahren, die seither vergangen sind – das Album Pearl Jam (2006) erschein zwischenzeitlich auf J Records –, hat sich die Musikindustrie bekanntermaßen sehr stark verändert, und so haben sich Pearl Jam für einen angenehm offenen Weg entschieden, was das Marketing und den Vertrieb ihres neuen Albums betrifft: Universal übernimmt den „physischen“ Release in Europa, während sie eine Vielzahl neuer Wege für den digitalen Vertrieb ihrer LP einschlagen wollen.   
„Nach der ganzen Schufterei, nach all den Kämpfen und Scherereien, die wir mit Sony hatten, sagten wir uns, dass wir diesen Freiraum einfach verdient haben“, sagt Jeff Ament. „Wir haben genug geleistet und uns das Recht verdient, unsere Musik heute so zu veröffentlichen, wie wir es möchten. Dazu kommt, dass es heute leichter ist und schneller geht, seine Songs an den Mann zu bringen, und es fühlt sich gut an, mit der Zeit zu gehen und die ganzen neuen Technologien zu nutzen. Trotzdem werden wir das Album natürlich auch noch auf Vinyl veröffentlichen, schließlich bevorzugen Dinosaurier wie wir die gute alte Schallplatte, aber wir können es ja zugleich auch digital verfügbar machen, für den Rechner oder das Handy. Ist schon eine spannende Zeit, in der wir leben. Ich habe das Gefühl, das alte Modell, in dem fünf riesige Plattenfirmen das Sagen haben, ist vorbei; und wir sind froh, das alles mitzuerleben.“
Auch kann es die Band kaum abwarten, die neuen Songs endlich auf der Bühne zu präsentieren: „Als wir die Reihenfolge der Songs fürs Album ausgearbeitet haben“, setzt Vedder an, „dachte ich dabei insgeheim die ganze Zeit an Set-Lists. So Dinge wie: Ist das jetzt ein Song, den man auf Tour eher dreimal pro Monat oder dreimal pro Woche spielt?“
„Als wir gerade ‘Supersonic’ aufnahmen“, fügt McCready hinzu, „dachte ich die ganze Zeit: Das macht so wahnsinnig viel Spaß, diesen Song zu spielen – die Leute werden ausflippen, wenn sie ihn im Konzert hören...“
 Was die Zeit nach der Veröffentlichung von Backspacer betrifft, haben Pearl Jam schon jetzt eine Hand voll weiterer neuer Songs im Ärmel und können es kaum abwarten, daran im Studio zu feilen. Allerdings sagt Vedder abschließend: „Wenn du ein Album im Kasten hast, fühlt sich das zunächst wie eine kurze Schonfrist an, in der du dir keine Gedanken über die Zukunft machen musst. Wer kann schon sagen, wo wir mit diesem Album landen werden?“


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