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13.02.2014
Dagmar Manzel

MENSCHENsKIND - Dagmar Manzel singt Hollaender-Lieder

"Die sensible Schauspielerin Dagmar Manzel brilliert wieder als Sängerin." (Berliner Zeitung)

Dagmar Manzel, Dagmar Manzel singt Hollaender-Lieder © Philip Glaser / DG

Es fing an im "Schall und Rauch". Der Regisseur und Schauspieler Max Reinhardt hatte die Kabarettbühne 1901 in Berlin im Keller des Großen Schauspielhauses gegründet und sorgte seitdem dafür, dass dort junge, aufstrebende Künstler eine Chance bekamen. Eines dieser Talente hieß Friedrich Hollaender, geboren 1896 in London, Sohn des Operettenkomponisten Victor Hollaender, Student von Engelbert Humperdinck, und ein Mann mit profundem Gespür für Melodien. Reinhardt engagierte ihn in den Zwanzigern für das "Schall und Rauch" und legte damit den Grundstein für eine brillante, wenn auch von den Nazis gestörte Komponistenkarriere.

Denn Hollaender hatte das gewisse Etwas, das den Urheber cleverer Ohrwürmer ausmacht. Zunächst schrieb er für Gussy Holl Lieder zu Texten von Kurt Tucholsky, dann zusammen mit dem Autor Walter Mehring Chansons für den Kabarett-Star Blandine Ebinger, unter anderem seinen ersten Klassiker "Wenn ick mal tot bin". Bald gehörten Sängerinnen wie Annemarie Hase, Trude Hesterberg und die junge Marlene Dietrich zu seinen Kundinnen und er selbst avancierte zu einem der gefragtesten Komponisten des deutschen Großstadtchansons. Insgesamt 18 große Revuen entstanden bis zum Februar 1933, als sich Friedrich Hollaender gezwungen sah, wegen seiner jüdischen Herkuft zunächst nach Paris, dann in die USA auszuwandern.

Dort kam er beim Film unter, einem seiner weiteren Standbeine. Hollaender schrieb insgesamt 165 Filmmusiken für Regisseure wie Josef von Sternberg, Ernst Lubitsch, Billy Wilder - und seit 1955 wieder zurück in Deutschland - auch für Kurt Hoffmann. Er schuf großartige Lieder wie "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt" oder "Johnny, wenn du Geburtstag hast", die bis heute vor musikalischer Kraft und Witz nur so sprühen. Und sein Werk gehört weiterhin zu den Schatztruhen der Liedkunst, deren Fülle und Vielfalt berauschen kann. Wie auch Dagmar Manzel, die in Ost-Berlin geborene Schauspielerin, die von 1983 an fast zwei Jahrzehnte zum festen Ensemble des Deutschen Theaters Berlin gehörte und seitdem zunehmend auch in Operetten-Rollen wie Jacques Offenbachs "Die Großherzogin von Geroldstein" oder als Musical-Sängerin wie in Stephen Sondheims "Sweeney Todd" zu erleben war.

Bevor Dagmar Manzel in diesem Jahr als Tatort-Kommissarin ihr Debüt geben wird, ist sie daher mit einer Friedrich-Hollaender-Revue unter der Regie von Barry Kosky in der Komischen Oper in Berlin zu erleben, ein Programm, mit dem sie im Sommer auch an anderen großen Bühnen von Dresden bis Essen zu erleben sein wird - und das sie mit "Menschenskind" auch als CD präsentiert. Großartige Lieder sind dabei, nachdenkliche wie "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern", pfiffige wie "Die Kleptomanin", witzige wie "Die hysterische Ziege", Klassiker wie "Wenn ick mal tot bin", sogar das unserbliche "Ich bin von Kopf bis Fuss auf Liebe eingestellt".

Mit einer fesselnden Mischung aus Lakonik, Intensität und Leichtigkeit widmet sich Dagmar Manzel der Vorlagen, mal Diseuse, mal Sängerin, immer auch Schauspielerin hinter den Texten, und verhilft ihnen zu einer dezenten Eindringlichkeit, die es schwer macht, nicht hinzuhören. Das ist Kunst in mehrfacher Hinsicht, in Hollaenders Chanson, die so charmant bezirzen können, in der Interpretation, die brillant mit den Ebenen der Gestaltung spielt, und in der Erinnerung an eine Zeit, die bis heute als eine goldene gilt. Chapeau!


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24.11.2011
Loriot

Tierisch viel Spaß mit Loriot - Jetzt reinhören!

In seinen humorvollen Texten für die musikalischen Märchen “Peter und der Wolf” und “Der Karneval der Tiere“ hat Loriot seinen unverwechselbaren Humor mit der besonderen Zuneigung zu Tieren und seiner Leidenschaft für die Musik verbunden.

Loriot, Tierisch viel Spaß mit Loriot - Jetzt reinhören!

Für Vicco von Bülow alias Loriot, den im August verstorbenen beliebtesten Humoristen Deutschlands, spielten zwei Themen seit jeher eine herausragende Rolle: die Tiere und die Musik. Seit seinen Anfängen als Karikaturist spiegelte Loriot Allzumenschliches immer wieder in die Welt der Tiere. Der Hausverlag Diogenes veröffentlichte mehrere seiner Bücher wie etwa “Umgang mit Tieren - Das einzige Nachschlagewerk seiner Art von Loriot” oder “Auf den Hund gekommen”. Und wohl jedes Kind kennt noch heute seine liebevoll gezeichneten Trickfilmfiguren, den Hund Wum und den Elefanten Wendelin, denen der Meister selbst die Stimme lieh. Über seine besondere Zuneigung zu seinen Hunden äußerte sich Loriot einmal typisch lakonisch in seinem kürzesten Gedicht: “Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos.“

Die Loriotsche Legende vom Bülow

Und dann ist da noch dieser Künstlername. Loriot ist die französische Bezeichnung des Pirols, der Vogel im Wappen der Familie von Bülow, nach welchem sich der Humorist benannt hat. Und Loriot hat seine eigene Erklärung dafür gefunden, wie dieser Vogel zum Wappentier des deutschen Adelsgeschlechts aus Mecklenburg wurde. An dem Ahnherren Ritter Gottfried sei eines Tages ein Vogel vorbeigeflogen, der einen Ring im Schnabel mit sich herumtrug. Blindlings sei der wackere Mann dem Tier daraufhin über Stock und Stein gefolgt. Und an der Stelle, wo der Vogel irgendwann Halt machte und den Ring fallen ließ, habe Gottfried einen vergrabenen Schatz gefunden, der in Form von 14 goldenen Kugeln schließlich ebenso Eingang ins Familienwappen gefunden habe wie der Vogel, den man volkstümlich auch “Bülow“ nennt.

Loriots humoristische Fassungen von musikalischen Märchen


Ein gewitzter Vogel spielt bekanntlich auch eine entscheidende Rolle in dem musikalischen Märchen “Peter und der Wolf“ von Sergej Prokofiew. Seiner Frechheit ist es zu verdanken, dass es gelingt, den Schwanz des abgelenkten Wolfs mit einer Schlinge zu fassen und Unheil zu vermeiden. Dieser instrumental erzählten Geschichte verdanken Generationen von Musikhörern ihre erste Berührung mit Klassischer Musik. Und die mit Abstand beliebteste Version ist die auf seiner humorvollen Textfassung beruhende Aufnahme mit Loriot. Sie ist zum absoluten Klassiker aus dem Repertoirebereich Klassik für Kinder geworden. Auch für den "Der Karneval der Tiere" von Camille Saint-Saëns hat er eine eigene Fassung geschrieben und aufgenommen. Loriot fand hier dankbare Stoffe, die ihm ermöglichten, seine Vorliebe für Tier-Charaktere und die große, lebenslange Leidenschaft für Musik zu verbinden.

Beide Aufnahmen hat Deutsche Grammophon nun als Deluxe Edition herausgebracht. Das 24-seitige Beiheft enthält erstmals neben einem für Kinder leicht verständlichen Einführungstext die vollständigen Loriot-Texte zum Mitlesen und Genießen abgedruckt. Und als Bonus-Beigabe findet sich darauf Wilhelm Buschs "Max und Moritz", gelesen von Loriot. Dies ist ein zeitloser Klassiker der unterhaltsamen Musikvermittlung für Kinder und Erwachsene.

Kostprobe aus "Der Karneval der Tiere" - Hier anhören!

Eine kleine Kostprobe aus Loriots tierischer Märchenwelt können Sie schon jetzt auf KlassikAkzente.de genießen. Den Ausschnitt aus "Der Karneval der Tiere" mit Musik von Camille Saint-Saëns hören Sie hier.


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19.08.2009

Gottfried Benn: Jazz trifft Expressionismus

Gottfried Benn, Gottfried Benn: Jazz trifft Expressionismus

Joachim Ernst Berendt war ein umtriebiger Mann. In der Retrospektive zumeist als „Jazzpapst“ des Wirtschaftswunderdeutschlands gefeiert, war er in seiner Zeit vor allem ein Experimentator. Zu seinen wichtigsten Projekten gehörte es, dem Jazz zu hochkultureller Würdigung zu verhelfen, die dieser seiner Meinung nach verdiente. Und dazu gehörte es auch, ihn mit Gattungen zusammen zu bringen, die die Musik inspirieren und nobilitieren konnten. So entstand unter anderem eine Rieche von Aufnahmen mit „Jazz & Lyrik“, die große Verse mit grandiosen Improvisationen in Verbindung brachte. Berendt hatte dabei als Rundfunkredakteur gute Möglichkeiten, derartige Projekte adäquat in musikalische Realität umzusetzen. Mit Gert Westphal als pointiertem Sprecher und ausgezeichneten Musikern entstanden Klassiker des Crossovers wie „Gottfried Benn – Jazz & Lyrik“, der nun nach den vorangegangenen Verknüpfungen etwa mit Gedichten von Heinrich Heine wieder veröffentlicht wird.

Das grundlegende Problem bei der Verbindung von Jazz und Lyrik liegt in der Semantik. Denn Sprache wird landläufig als sinnerfüllt angesehen. Sie dient der Kommunikation, d.h. im weiteren Sinne dem kompakten Austausch von Informationen jeglicher Art, im Fall der Lyrik noch über die zusätzliche Ebene der gebundenen und kodierten Form individualisiert, zum Teil hermetisiert. Menschliches Verstehen funktioniert dabei vorrangig über das Wort und dessen Verknüpfungen, selbst wenn zahlreiche nonverbale Impulse die eigentliche Sprachwahrnehmung zu einem erheblichen Teil ergänzen und lenken. Dem gegenüber steht die Improvisation. Als spontane Variationstechnik in der Musik entwickelt sie sich entweder gänzlich frei aus der Fantasie oder anhand eines Themas, eines Motivs, einer melodisch-rhythmischen Gestalt. Sie bedarf keiner vorgeformten Semantik. Im Gegenteil: der besondere Reiz einer gelungenen Improvisation liegt im Spannungsverhältnis von Anspruch, Emotion, vielfältiger klanglicher Ausdrucksfähigkeit auf der Seite des oder der Künstler und der Erwartungshaltung, Vorbildung und mentalen Verfasstheit der Hörer. Bedeutung entsteht dabei zufällig, aus einem Netzwerk der individuellen Voraussetzungen einer kommunikativen Situation, die ihre Kraft aus der Vieldeutigkeit zieht.

Das wiederum bedeutet für die Sprache - will sie im Sinne der Musik improvisieren - dass sie sich entweder von der Semantik loslösen muss, um dadurch eine ähnliche Freiheit der Variation zu genießen wie die nonverbalen Idiome der Instrumente. Oder der entsprechende Autor, Sänger, Künstler ist derart helle, dass er zu den Momenten der Rhythmisierung, der Melodik, Harmonik, Struktur, Form und Stilistik auch gleich noch die Semantik simultan zu verändern vermag. Im Fall von „Gottfried Benn – Jazz & Lyrik“ kamen beide Elemente zum Tragen. Zum einen waren da die großartigen Verse des Revolutionärs der deutschen Sprache, der in expressionistischer Manier bereits die Worte und deren Gewohnheiten aufgebrochen hatte. Auf der anderen Seite standen vitale und kommunikative Jazzstücke von Meister des Bebops, Hardbops und des gemäßigt freien Spiels wie Dave Brubeck, J.J. Johnson oder Kai Winding, die den poetischen Angeboten weitere Facetten hinzufügten. Geklammert von der sonoren Stimme und dem gekonnt lakonischen Vortrag von Gert Westphal entstanden Musterbeispiele der kreativen Gattungsüberschreitung, die nun endlich in sorgfältig edierter Fassung auch auf CD vorliegen.


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18.02.2009
Hildegard Knef

Die Knef im Kino und auf CD

Hildegard Knef, Die Knef im Kino und auf CD

Letzte Woche feierte sie auf der Berlinale 2009 Premiere, im März kommt sie in die Kinos: „Hilde", die mit Spannung erwartete Filmbiografie Hildegard Knefs. Unabhängig davon wie der Film letztendlich von Publikum und Kritik aufgenommen wird, schon jetzt zeichnet sich ab, dass Heike Makatschs Darstellung der Schauspielerin und Sängerin gelungen ist.

Auch so viel steht schon jetzt fest: Der Film hört in der Mitte auf, ähnlich wie das Johnny Cash-Biopic „Walk The Line" von James Mangold. Regisseur Kai Wessel erzählt Hildegard Knefs Leben von der siebzehnjährigen Ufa-Entdeckung bis zur glamourösen Chansonette der 60er Jahre, deren Bild sich in unsere Köpfe eingegraben hat. Aber was kam danach? Wie würde der Film weitergehen? Ende der 60er Jahre war Hildegard Knefs Musikkarriere auf ihrem Höhepunkt angekommen und hatte ihre Filmarbeit bereits überstrahlt. Zu Beginn der 70er Jahre unterschrieb das Multitalent einen Vertrag beim renommierten Schallplattenlabel Philips. Dort erlebte die Gesangskarriere der Knef eine faszinierende und stilistisch vielseitige Verlängerung bis in die 80er Jahre hinein. Bei Philips erschienen zahlreiche Studioalben und eine Live-LP. Diese außergewöhnlichen Aufnahmen waren bislang nur in Auszügen auf CD erhältlich.

Jetzt macht die „Hildegard Knef Album-Edition" erstmals die experimentierfreudigen Philips-Jahre der Künstlerin in Gänze in einer attraktiven CD-Serie verfügbar. Zwei Originalalben erscheinen dabei jeweils auf einer CD, vier CDs insgesamt. Die CDs sind auch gesammelt in einem limitierten 5-CD-Box-Set erhältlich, das als Bonus-CD den weltweit erstmals wiederveröffentlichten Live-Mitschnitt "Tournee, Tournee" (1980) enthält. Alle Aufnahmen wurden digital remastert.

Erst in ihrer Musik wird Hildegard Knef völlig greifbar. Deutschlands Gesamtkunstwerk, die Film-Sünderin, die Chanson-, Schlager- und Jazz-Sängerin, der Broadway- und Hollywoodstar, die „Erbin" Marlene Dietrichs. Vom deutschen Publikum verehrt und verschmäht, von der Boulevard-Presse mit Schlagzeilen über Krebserkrankung und Scheidung für Jahre aus Deutschland verjagt. Die Bestsellerautorin der Autobiografie „Der geschenkte Gaul", dem erfolgreichsten deutschen Buch der Nachkriegszeit. Die Konzert-Legende. Hildegard Knef war der deutsche „Rebirth of Cool", die „beste Sängerin ohne Stimme" (sagte einmal Ella Fitzgerald). Ihr rauchiges Organ, ihr manchmal schnoddriger, manchmal unglaublich präziser, immer sensibler Vortrag, die Klugheit, die lakonische Ironie ihrer Songtexte haben die Knef zu einem Unikum im deutschsprachigen Entertainment gemacht. Ihre Songs sind so untrennbar mit der Diva verbunden, dass man sie vor allen Dingen immer wieder in der Originalversion hören möchte. Die „Hildegard Knef Album-Edition" bietet reichlich Stoff für Neu- und Wiederentdeckungen.


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07.12.2005
Heinrich Mann

Beinahe unversöhnlich

Heinrich Mann, Beinahe unversöhnlich

Sie waren ein schwieriges Paar. Beide sprachbegabt, beide aus bürgerlichem Hause waren Heinrich und Thomas Mann doch im Kern so unterschiedlich, dass sie die jeweiligen Anschauungen des anderen nicht unkommentiert ertragen konnten. Was anfangs Missachtung war, schlug im Laufe der Jahre in offene intellektuelle Feindschaft um, die sich erst im Angesicht der Kapitulation der Zivilisation in Gestalt des Nationalsozialismus wieder zugunsten eines gemeinsamen Engagements gegen die Barbarei entschärfte. So ist es kein Wunder, dass der Briefwechsel der Mann-Brüder zu den spannendsten Zeitzeugnissen der untergehenden Epoche der Bürgerlichkeit zählt.

Thomas Manns Frau Katia brachte es auf den Punkt. In ihrer Autobiografie "Meine ungeschriebenen Memoiren" schrieb sie über die Beziehung der beiden Brüder: "Es war ein Verhältnis, das sich zwischen Anziehung und Abstoßung bewegte und zwar nahm das Abstoßende mit den Jahren zu". Dabei waren die Intensitäten der Auseinandersetzung durchaus Schwankungen ausgesetzt. Nach den ersten Jugendjahren des Schweigens - es wird kolportiert, dass bereits zu Lübecker Zeiten Heinrich und Thomas es durchgehalten hätten, ein Jahr lang kein Wort miteinander zu wechseln - schafften sie es jeder auf seine Weise, die in sie gesetzten gutbürgerlichen Erwartungen zu enttäuschen und fanden daher in den Bohèmejahren in Italien 1895-98 gemeinsame Interessen. Es entstanden sogar bilaterale Projekte wie das "Bilderbuch für artige Kinder". Sehr bald jedoch prallten zunächst die unterschiedlichen Moralvorstellungen, gefolgt von politischen Differenzen aufeinander. Während der ältere Heinrich durchaus mancher Sinnenfreude nicht abgeneigt war und aus einem tief empfundenen Verständnis des Menschlichen heraus auch für eine humanistisch-freiheitliche Staatsform plädierte, war der jüngere Thomas prüde wie ein Stockfisch und in erstaunlich kurzsichtiger Weise konservativ. "Ich bin, im geistig Wesentlichen, ein rechtes Kind des Jahrhunderts, in das die ersten fünfundzwanzig Jahre meines Lebens fallen, des neunzehnten", formulierte er entschuldigend in den "Betrachtungen eines Unpolitistischen", dem Essay, der im Wesentlichen eine verbale Verklausulierung des Bruderzwistes darstellte.

Klar, dass Heinrich mit solcher vorgeschobener Naivität nicht umgehen konnte oder wollte. So erläuterte er beispielsweise 1907 die Intentionen seiner Erzählung "Die kleine Stadt" mit deutlichen Worten, die wiederum indirekt gegen Thomas gerichtet sind: "Die enge, welt- und bewegungsfeindliche Heimatkunst scheint mir, ganz so wie ihr Gegensatz, der Ästhetizismus, ein Ergebnis politischer Gleichgültigkeit. Ich aber glaube, dass in diesem demokratischen Zeitalter nur jemand, dem am endgültigen Sieg der Demokratie gelegen ist, wirkliche Schönheit hervorbringen kann". Solche noch vergleichsweise freundlichen Plänkeleien spitzten sich jedoch im Laufe der Jahre deutlich zu, solange bis die Brüder sich zunächst wiederum anschwiegen und dann erst im Kampf gegen das Nazi-Unheil aus dem Exil wieder zu einer gemeinsamen Stimmen fanden. "Nicht einverstanden!" ist daher mehr als nur eine Zusammenstellung unterhaltsam geschriebener Briefe und Dokumente. Über ein halbes Jahrhundert hinweg verfolgt das in Zusammenarbeit mit dem NDR unter der Leitung von Hanjo Kesting verwirklichte Hörbuch die deutsche Zeitgeschichte aus der Perspektive zweier kluger Beobachter ihrer Umwelt, die wie Heinrich vom unmittelbaren Phänomen und wie Thomas von der individuellen Reflexion aus eine Epoche in Worten festhielten. Gelesen von Rudolf Jürgen Bartsch und Bodo Primus bekommen Bruderzwist und Versöhnung eine schillernde Atmosphäre der zwischenmenschlichen Dynamik, die zwei extreme Charaktere die "Erbschaft der bürgerlichen Zeit" (Jean Améry) formulieren ließen.


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30.11.2005
Klausjürgen Wussow

Der ewige Schelm

Klausjürgen Wussow, Der ewige Schelm

Es gab Zeiten, da wurde der Taugenichts als der ideale Deutsche schlechthin gesehen: freundlich und unbedarft, italophil und naturverbunden, eine Lichtgestalt im Dunkel der als beängstigend empfundenen Industrialisierung. Denn Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857) war es in perfekter Diktion gelungen, die romantischen Ideale in eine Fabel zu verpacken, die alles hatte, was man für die Weltflucht in die Idylle brauchte. Er schuf damit ein Stück Weltliteratur, Vorbild für zahlreiche Nachahmer der Salon- und Unterhaltungssparte, das neben der scheinbar naiven Oberfläche zugleich ein grandioses Sittenbild des frühen 19.Jahrhunderts entwarf.

Die Geschichte ist so einfach und unbeschwert wie möglich erzählt. Da ist der Sohn eines Müllers, ein Träumer und intuitiver Lebensphilosoph, der von seinem Vater der Faulheit bezichtigt und in die Welt geschickt wird. Wild entschlossen, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, macht er sich mit Ränzel und Geige auf den Weg, sein Glück zu versuchen, während die anderen um ihn herum auf den Feldern schuften. Seine unbedarfte Art macht ihn schnell mit zwei Damen in einer Reisekutsche bekannt, die den fröhlichen Vagabunden mit nach Wien nehmen, ihm eine Stelle als Gärtner und Zolleinnehmer verschaffen. Anstatt das als große Chance für den Sprung in eine gesicherte Existenz wahrzunehmen, verliebt er sich in die herrschaftliche Aurelie, und verlässt das Anwesen wieder, als die Angebetete sich als unerreichbar herausstellt. Der Weg führt den Taugenichts weiter nach Italien, seit Goethe der bevorzugte Freiheitsraum der Intellektuellen. Dort gerät er in allerlei Verwirrspiele, Liebeleien und Intrigen, aus denen er aber immer wieder schadlos hervorgeht. Als die Sehnsucht nach der Heimat und Aurelie immer stärker wird, verlässt er Rom, zieht mit einer Horde Studenten aus Prag gen Norden und kehrt mit einem Donauschiff zum Schloss zurück. Glückskind, das er ist, stellt sich seine Holde als Nichte des Schlossportiers heraus, die ihn außerdem noch liebt, und keine Standesgrenzen verhindern mehr die Liaison. So unspektakulär die ganze Geschichte abläuft, so wunderbar beiläufig wird die Liebesbeziehung besiegelt, indem der Taugenichts Aurelie ein paar Knackmandeln anbietet, die er noch in der Hosentasche hatte: "Sie nahm auch davon, und wir knackten nun und sahen zufrieden in die stille Gegend hinein."

Die Novelle "Aus dem Leben eines Taugenichts" ist in vieler Hinsicht etwas Besonderes. Begonnen 1822, veröffentlicht vier Jahre später, ist sie die literarische Umsetzung des spätromantischen Lebensgefühls und der damit verbundenen Gestaltungsideale. Eichendorff hielt seinen Stil betont (und kunstvoll) simpel, in Anlehnung an die als natürlich angesehenen Volkslegenden und Märchen. Er streute einige seiner berühmtesten Gedichte in den Text (wie zum Beispiel "Wem Gott will rechte Gunst erweisen"), schuf eine bilderreiche, unmittelbare Sprache, die trotz ihrer behaupteten Einfachheit nie den Fluss der Erzählung verliert. Die Figurencharakteristik des Protagonisten schloss souverän an den bekanntesten Schelmenroman der deutschen Literatur an - Grimmelshausens "Simplizissimus" - und führte ihn weiter, ohne ihn inhaltlich zu beschränken. Selbst Starautoren wie Thomas Mann fanden daher quasi alles im "Taugenichts" wieder, was schöngeistige Literatur gelingen lässt: "Der Roman ist nichts weniger als wohlerzogen, er entbehrt jedes soliden Schwergewichts, jedes psychologischen Ehrgeizes, jedes sozialkritischen Willens und jeder intellektuellen Zucht; er ist nichts als Traum, Musik, Gehenlassen, ziehender Posthornklang, Fernweh, Heimweg, Leuchtkugelfall auf nächtlichen Parkt, törichte Seligkeit, so daß einem die Ohren klingen und der Kopf summt vor poetischer Verzauberung und Verwirrung".

Solch hohe Kunst des Understatements braucht eine Stimme, die die verschiedenen Facetten des Verständnisses darstellen kann. Klausjürgen Wussow hat als Schauspieler lange Jahre auf Theaterbühnen von Berlin über Frankfurt am Main, Düsseldorf, Köln, Zürich bis München verbracht. Er hat ernste Rollen verkörpert ebenso wie heitere und als Professor in der TV-Serie "Die Schwarzwaldklinik" mit der leichten Muse der Unterhaltung Erfahrungen gesammelt. Sein Timbre, sein Tonfall und Sprachduktus sind die ideale Ergänzung von Eichendorffs literarischer Vorlage. Wussow erweckt den Taugenichts zum Leben, macht aus ihm den heiteren Vagabunden, den unbeschwerten Lebenskünstler, den ironischen Beobachter der um ihn herum bröckelnden Idyllen. Vor allem schafft er es, mit der bereits 1987 entstandenen Aufnahme den Hörer zu fesseln und ihn in eine Geschichte zu entführen, die auch nach 180 Jahren nichts von ihrer Faszination verloren hat.


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07.10.2005
Daniel Kehlmann

Das große Abenteuer

Daniel Kehlmann, Das große Abenteuer

In diesem Jahr bekommt der Physiker Theodor W. Hänsch den Physik-Nobelpreis überreicht. Er hat einen Messmethode für die Spektroskopie entwickelt, nach der sich Abweichungen in der Größenordnung von Zehn hoch minus 15 bestimmen lassen. Kaum zweihundert Jahre früher konnte der Mensch nicht einmal mit Sicherheit sagen, wie weit in etwa der gegenüberliegende Berg entfernt war. Messwerkzeuge und Methoden mussten erst noch erfunden werden, die die Beschleunigungsgesellschaft der Moderne ermöglichten. Daniel Kehlmann spürt romanhaft zwei der Pioniere der Raum- und Zeitbeherrschung nach und hat mit Die Vermessung der Welt eines der unterhaltsamsten Bücher dieses Herbstes geschrieben.

Der Reiz liegt in der Gegensätzlichkeit. Carl Friedrich Gauß (1777-1855) war Mathematiker. Geboren in Braunschweig, aufgewachsen in einfachen Verhältnissen, schaffte er es durch seine außergewöhnliche gedankliche Begabung, das Interesse nicht nur seiner Familie auf sich zu lenken. Durch die Unterstützung des Herzogs konnte er studieren, kam mit den Gelehrtenkreisen in Kontakt und wurde 1807 zum Direktor der neuen Sternwarte in Göttingen ernannt. Gauß war ein Mann des Geistes, ein typischer deutscher Gelehrter in der Kant-Nachfolge, der sich sicher war, die Welt durch die Anschauung und den Verstand begreifen zu könnten. Nur selten kam er aus dem Königreich Hannover heraus, sein Ruhm mehrte sich vor allem durch theoretische Schriften zur Mathematik und der Bewegung der Himmelskörper. Alexander von Humboldt (1769-1859) hingegen war Praktiker. Aus aristokratischem Hause bekam er einen großen Teil seiner Bildung von seiner Mutter vermittelt und wurde von seinem größeren Bruder Wilhelm Zeit seines Lebens schikaniert. Fasziniert von der Erde an sich entwickelte er bald einen profunden Wissensdurst, der ihn zunächst den Bergbau erforschen ließ. Als er genug im Preußischen Staatsdienst untertage herumgekrochen war, begann er, sich mit der Erkundung der Oberfläche zu beschäftigen. Humboldt kaufte sich ein beachtliches Arsenal von Messinstrumenten, übte zunächst ein ganzes Jahr lang den Umgang damit und machte sich dann, inspiriert durch ein Treffen in Weimar mit Goethe und dem Reiseliteraten Georg Forster, auf den Weg nach Spanien.

Humboldt schaffte das Unerwartete. Er begeisterte die spanische Krone für seine Expeditionsideen und machte sich 1799 gemeinsam mit dem Arzt und Naturkundler Aimé Goujard Bonpland auf den Weg nach Amerika. Bis 1804 bereiste und vermaß er halb Süd- und Mittelamerika, schiffte den Orinoko entlang, bestieg den Vulkan Chimborazo und archivierte mit seinem Kompagnon detailversessen alles, was ihm an Naturphänomenen begegnete. Daraus wurde ein 36-bändiges Grundlagenbuch der Reise- und Forscherliteratur ("Voyages aux régions équinoxilales du Nouveau Continent"), was Humboldt weit über Spezialistenkreise hinaus bekannt machte. Der österreichische Erfolgsautor Daniel Kehlmann ("Ich und Kaminski", 2003) verfolgte biographisch beide Geistesgrößen der einsetzenden Moderne bis hin zu einem Treffen 1828 in Berlin, das sich nicht nur zu einer grotesken Begegnung zweier Sonderlinge entwickelt, sondern die Wissenschaftler sehr schnell auf den Boden der politischen Wirren im restaurativen Preußen zurückholt. "Ich empfehle Daniel Kehlmann unbedingt", meinte Chefkritiker Marcel Reich-Ranicki über Die Vermessung der Welt und präzisierte: "Intelligenz, Beobachtungsgabe und fabelhafte Dialoge!" Der Schauspieler Ulrich Matthes konzentriert sich für die Hörbuchausgabe genau auf diese Besonderheiten. Er liest Kehlmanns roman-biographische Näherungen in der Mittellage zwischen Bericht und Erzählung, schafft es, die Charaktere in ihren Eigenheiten zum Leben zu erwecken und betont durch seine pointierte Lakonik den ebenfalls mit der größtmöglichen Präzision bei gleichzeitiger Simplizität des Ausdrucks spielenden Stil des Autors. Spannend, raffiniert, ein Hör-Abenteuer.


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16.09.2005
Pierre und Julia Franckh

Das große Rätsel

Pierre und Julia Franckh, Das große Rätsel

Was ist eigentlich Geld? Wie funktioniert wahre Liebe? Warum ist Fernsehen schlecht? Fragen, die so selbstverständlich erscheinen und doch selten beantwortet werden. Der Schauspieler und Schriftsteller Pierre Franckh dachte sich daher, dass es doch lohnenswert wäre, sich einmal mit den Grundlagen unseres Alltags zu beschäftigen. Und er hat in seiner Tochter Julia das passende Gegenüber, das ihm mit kindlicher Neugier Löcher in den Bauch fragt. So gebar er ein Buch mit den Titel Papa, erklär mir die Welt - ich erklär dir meine, das prompt die Bestsellerlisten hinaufkletterte und das er mit viel Spaß und Witz gemeinsam mit seinem Sprössling auch in eine CD-Form brachte.

Es ist eine Zeit, in der Zuhören selten geworden ist. Wo einst der Großvater den Enkel auf den Schoß nahm, um ihm von früher und dem Lauf der Dinge zu erzählen, schaffen heutzutage Medien uniforme Meinungen, die mangels kommunikativer Plätze im alltägliche Leben unwidersprochen hingenommen werden. Zumindest ist die Gefahr sehr groß, dass solche Prozesse das Denken bestimmen und aus Menschen Strichcodes machen, die nach berechenbaren Schemata funktionieren. Pierre Franckh lief selbst eimal Gefahr, in diesen Strudel der Routine zu geraten. Geboren 1953 stand er bereits als Elfjähriger vor der Kamera, wurde mit den "Lausbubengeschichten" bekannt und arbeitete mit stetig wachsendem Erfolg als Fernseh- und Theaterdarsteller. Allerdings war es gar nicht der Beruf, der ihn am meisten am Herzen lag. Eigentlich wollte er von Anfang an Schriftsteller werden, nur war eben das Leben anders verlaufen. Dann kam seine Tochter Julia zur Welt und alles änderte sich von Grund auf. Hatte sich vorher das meiste um ihn selbst gedreht, forderte nun das Baby eine Aufmerksamkeit, die den Tagesablauf veränderte. Franckh nahm seine Vaterrolle ernst und begann, viel von dem Zwerg im Kinderwagen zu lernen. Unter anderem auch, dass nur das wichtig ist, was man auch wirklich von Herzen will und tut. Er besann sich auf seine Jugendträume, packte die Schreibmaschine aus und reflektierte mit "Glücksregeln für die Liebe" derart erfolgreich über sich und den Rest der Welt, dass er bald den Beruf wechseln konnte.

Und da die kleine Julia schnell zu einem neugierigen und energiegeladenen Mädel heranwuchs, lag es nahe, auch diesen Erfahrungszeitraum schriftstellerisch zu reflektieren. Franckh ließ sich inspirieren vom Alltag und der bestand aus Fragen, Fragen, Fragen. So entstand Papa, erklär mit die Welt - ich erklär dir meine, eine raffinierte Mischung aus Kinder-Uni, Mister Gott, der Welt der Sophie und zahlreichen Erfahrungen, die er selbst gemacht hatte. Mal ging es ums Verliebtsein, mal um die Wut im Bauch. Das Erwachsenwerden bekam ebenso sein Kapitel wie die Schule und die grundphilosophische Frage schlechthin nach dem Glück und Sinn. Aus der kleinen Julia war inzwischen eine elfjährige Göre geworden, die mühelos die Rolle der Diskussionspartnerin persönlich übernehmen konnte. Vater und Tochter machten sich ans Werk, füllten zwei CDs mit den Zwiegesprächen aus dem Familienalltag und fixierten dabei so manche Weisheit auf Band. Heraus kam ein cleveres und zärtliches Miteinander zweier Menschen, die sich kennen, und die auf diese Weise auch den Hörer mit auf eine Reise in die rätselhafte Gegenwart nehmen, die bei genauerem Hinsehen mehr Geheimnisse als Erkenntnisse zu bieten hat.


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26.08.2005
Thomas Mann

Die Jahrhundert-Saga

Thomas Mann, Die Jahrhundert-Saga

Manchmal brachte es Ernest Hemingway mit ironischer Schärfe auf den Punkt. Als im Jahr 1935 die Gratulanten anstanden, um deutschen den Dichterfürsten zum 60.Geburtstag zu beglückwünschen, meinte er schlicht, dass Thomas Mann ein bedeutender Schriftsteller geworden wäre, wenn er nichts anderes als die Buddenbrooks geschrieben hätte. Und dieses Bonmot hat durchaus einen wahren Kern. Denn niemals wieder erreichte Mann eine derartige Eindringlichkeit der Darstellung, wie sie ihm als junger Autor um die Jahrhundertwende mit seinem Erstlingswerk gelang. Nicht umsonst bekam er dafür 1929 den Nobelpreis für Literatur zugesprochen.

Der Untertitel des Romans lautet: "Verfall einer Familie". Für Thomas Mann hatte das zunächst nichts Negatives. Es war als Zustandsbeschreibung gedacht, denn schließlich ging es genau um jenen Prozess der Auflösung bürgerlicher Werte im Angesicht der galoppierenden Industrialisierung, der Proletarisierung und Umstrukturierung der deutschen Vorkriegsgesellschaft, die letztlich zu derart unauflösbaren Spannungen führte, dass sie in der Katastrophe von 1914 endete. Mann hatte diesen Geist gespürt, er sprang ihm an allen Ecken und Enden der Fin-de-Siècle-Ära entgegen und er schaffte den Kunstgriff, dieses Lebensgefühl der Verunsicherung am Beispiel einer einzelnen Kaufmannsfamilie aus Lübeck zu konkretisieren. Dabei war es für den Jungschriftsteller selbst ein großes Abenteuer, sich auf den stetig wachsenden Stoff seines Romans, der eigentlich als Erzählung begann, einzulassen.

 

Als er später als arrivierter Literat gebeten wurde, sich zu seinem Debüt zu äußern, nährte Thomas Mann den beinahe Hesse'schen Mythos von der den Dichter vorantreibenden Intuition: "Es ist etwas höchst Merkwürdiges um diesen Eigenwillen eines Werkes, das werden soll, das ideell eigentlich schon da ist und bei dessen Verwirklichung den Autor selbst die größten Überraschungen treffen. Ein erstes Werk, welche Schule der Erfahrungen für den jungen Künstler - der objektiven und subjektiven Erfahrung! Was das eigentlich sei, das Element des Epischen, ich erfuhr es erst, indem es mich auf seinen Wellen dahintrug. Was ich selber sei, was ich wolle und nicht wolle, nämlich nicht südliche Schönheitsruhmredigkeit, sondern den Norden, ethik, Musik, Humor; wie ich mich zum Leben verhielte und wie zum Tode; ich erfuhr das alles, indem ich schrieb - und erfuhr zugleich, daß der Mensch auf keine andere Weise sich kennenlernt, als indem er handelt".

Tatsächlich handelte Mann und trug das auf beachtliche Größe angeschwollene Manuskript zur Post, schloss extra eine Versandversicherung ab und hoffte, dass es bei seinem Verleger Fischer ankäme. Die Antwort ließ lange auf sich warten. Das Buch sei zu lang, hieß es schließlich, ob er es nicht auf die Hälfte kürzen könne. Der Autor war entsetzt, bestand auf dem Umfang, der Verleger gab nach, druckte 1901 zunächst eine zweibändige Ausgabe, die sich schlecht verkaufte, dann eine einbändige, die wegging wie warme Semmeln. Die Menschen hatten ihrer Roman gefunden, ihn als das entdeckt, was er war, eines der ersten großen erzählerischen Werke des neuen Jahrhunderts. Seitdem gehören die Buddenbrooks zu den meist gelesenen Schwarten der Weltliteratur, immer wieder bewundert ob ihrer eigenartigen Fähigkeit, bei aller Eloquenz und Weitschweifigkeit doch spannend, konkret, nachempfindbar zu bleiben.

 

Und daher war es auch eines Tages für die Deutsche Grammophon an der Zeit, sich vor diesem Meisterwerk zu verneigen und eine vorgelesene, oder besser vorgetragene und vorgespielte Version auf Langspielplatten zu edieren. Als Stimme konnte Gert Westphal gewonnen werden, Rezitator, Schauspieler, Leiter von Hörspielabteilungen, Chefregisseur im Fernsehen, Theaterdirektor in Bremen und überzeugter Verfechter einer Vorstellung von Hochkultur, die auf Autoren wie Thomas Mann gründet. Er ging von November 1979 an über mehr als ein halbes Jahr hinweg immer wieder ins Studio, um aus den Buddenbrooks zu lesen. Und er schaffte es mit der ihm eigenen Mischung aus Enthusiasmus und Kompetenz, einen Klassiker der Hörbuchgeschichte zu gestalten, der nun auf 22 CDs in einer liebevoll edierte Box erhältlich ist.


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12.08.2005
Sir Peter Ustinov

Der Menschenfreund

Sir Peter Ustinov, Der Menschenfreund

Roger Willemsen kann wunderbar schwärmen. Wenn er einmal in Fahrt gekommen ist, dann perlen ihm die Worte nur so aus dem Munde und formen Elogen, die sonst kaum ein Journalist hierzulande in ähnlicher Eleganz zu bieten vermag. Insofern ist schon das Vorwort zu Peter Ustinovs Die Reise geht weiter ein Genuss. Denn Willemsen verehrte den Weltenbummler und Menschenfreund, sah in ihm einen der wahren Humanisten des ausgehenden Jahrhunderts und fand daher die passenden Formulierungen, um das Hörbuch mit Reisereportagen und Reflexionen auf angemesse euphorische Weise einzuleiten. Für die Texte Ustinovs selbst wiederum fand Anke Engelke den richtigen Ton - eine ausgewogene Mischung aus Nähe und Distanz.

Peter Ustinov kam am 16. April 1921 im Londoner Swiss Cottage als Sohn eines Journalisten russischer Abstammung und einer französischen Mutter mit äthiopisch-italienischen Vorfahren zur Welt. Er besuchte drei Jahre lang die Westminster-Schule, wandte sich daraufhin einer Schauspielausbildung zu, die bald erste Erfolge zeigte. Seine Theaterkarriere startete 1938 beim Barn Theatre von Shere und präsentierte Usitnov nicht nur als Darsteller, sondern auch als Autor selbst verfasster Stücke und humoristischer Szenen ("The Bishop Of Limpopoland", 1939). Bald entstanden weitere Bühnenwerke, die durch gestalterische Eigenwilligkeit, ausgefeilte Dialoge, zuweilen herbe Komik und surreale Elemente auffielen ("The Banbury Nose", 1945; "Photo Finish", 1962). Im Jahr 1942 wurde er eingezogen und so konnte die eigentliche Künstlerlaufbahn erst nach seiner Militärzeit starten. Ende der Vierziger Jahre schaffte Ustinov den Sprung zum Film, zunächst als Regisseur ("School for Secrets", 1946; "Vice Versa", 1948) und bald auch als Schauspieler. Der Durchbruch gelang ihm mit Mervyn LeRoys Monumentalfilmepos "Quo vadis?" (1951), wo er in der Rolle des debil vertrottelten Kaisers Nero brillierte. Bald darauf folgten Michael Curtiz' "We're No Angels" (1955), Stanley Kubricks "Spartacus" (1960), Jules Dassins "Topkapi" (1964) oder auch die Verfilmung von Agatha Christies "Tod auf dem Nil" (1981), die ihm mit dem Meisterschnüffler Hercule Poirot eine weitere Paraderolle bot.

Doch Ustinov gab sich nicht mit dem Erfolg als Schauspieler zufrieden. Er arbeitete außerdem als Opernregisseur, Sonderbotschafter der Unicef und Rektor der Universität Dundee (1968-1974), darüber hinaus als Autor von Romanen, Kurzgeschichten, Anekdoten und Reiseberichten. Im Jahr 1977 erschienen seine Lebenserinnerungen "Dear Me", 1983 eine Ergänzung dazu unter dem Titel "My Russia", 1998 wiederum sein erster Roman "Monsieur René". Von 1990 an durfte er sich "Sir" nennen, was ihm allerdings kaum etwas bedeutete. Ustinov starb am 28. März 2004 nach schwerer Krankheit und hinterließ ein umfangreiches und vielfältiges Lebenswerk voller Überraschungen. Einen kleinen, pfiffigen Ausschnitt daraus präsentiert die Hörbuch-Doppel-CD "Die Reise geht weiter".

 

Sie stellt Ustinov, den Globetrotter, in den Mittelpunkt, der mit präziser Genauigkeit die Feinheiten festhielt, die ihm während zahlreicher Reisen durch ferne Lande auffielen. Ob in Irland oder Sibirien, Indien oder Tschetschenien, überall begegneten ihm beeindruckende Menschen oder ereigneten sich kuriose Erlebnisse, die er mit dem ihm eigenen spitzfindigen Humor kommentierte. Für die Fernsehmoderatorin und Schauspielerin Anke Engelke, die selbst über reichlich journalistische Erfahrung verfügt, war es daher ein besonderer Genuss, sich die geistreichen Reflexionen von Ustinov auf der Zunge zergehen zu lassen. Nüchtern, aber zugleich teilnahmsvoll folgt sie ihm auf seine Streifzüge über den Globus und ruft noch einmal einen genialen Zeitgenossen in Erinnerung, dem immer das Wohl der Menschen am Herzen gelegen war.


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