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22.08.2017
Tim Berne

Tim Berne's Snakeoil - alles andere als Wiederholungstäter

Ständig in Bewegung, überraschend und in andere Richtungen umschwenkend ist die Musik von Altsaxophonist Tim Bernes gefeierter Band Snakeoil auf "Incidental".

Tim Berne, Tim Berne's Snakeoil - alles andere als Wiederholungstäter © Nuno Martins / ECM Records

"Incidentals" ist bereits das vierte Album, das der Altsaxophonist Tim Berne mit seiner ungemein dynamischen Band Snakeoil für ECM eingespielt hat. Zur Ursprungsbesetzung mit  Klarinettist Oscar Noriega, Pianist Matt Matthews und Schlagzeuger/Vibraphonist Ches Smith stieß vor zwei Jahren der Gitarrist Ryan Ferreira, der erstmals 2015 auf "You've Been Watching Me" mit Snakeoil zu hören war. Ferreiras strukturelles Spiel und schwebende Ambient-Klangfarben sorgen gleichzeitig für mehr Dichte und Auflockerung in der Musik.

"Irgendwie haben wir es geschafft, mehr klanglichen Raum zu gewinnen, indem wir einen weiteren Mitspieler dazugenommen haben", stellt der Bandleader mit einer gewissen Verwunderung fest. Berne lernte Ferreira durch Matt Mitchell kennen, der dieselbe Musikschule besucht hatte wie der Gitarrist. "Ich halte immer Ausschau nach Gitarristen", sagt Berne, "ich suche stets nach frischem Blut." Ein Jahr lang spielte er mit Ferreira frei improvisierend im Duo. Dann lud er ihn zu einem Auftritt mit Snakeoil ein. "Ich gab ihm vorher einen großen Stapel Musik, den er einstudierte. Für den Job brauchte ich einen Musiker, der sich damit zufrieden gab, kein Solist zu sein. Er hat in der Band fast so etwas wie die Rolle eines ausgeflippten Keyboarders, und das eröffnete mir kompositorisch ein paar Optionen mehr." Es gab auch den Wunsch, den Modus operandi der Band zu unterwandern und auf die Probe zu stellen. Über einige Jahre hinweg war die vierköpfige Snakeoil-Besetzung zu einer verschworenen Einheit zusammengewachsen. "Und wenn eine Band gut funktioniert, liebe ich es, etwas anderes dazu zu mischen, um zu sehen, ob ich noch Fingerspitzengefühl habe und was passiert."

Doch die ersten Gitarrensounds, die man auf "Incidentals" hört, stammen aus einer anderen Quelle, denn David Torn beschränkte sich nicht darauf, das Album zu produzieren, sondern griff mit seinem eigenen Instrument auch aktiv ins Geschehen ein. Danach geht es Schlag auf Schlag. Eine Gruppenimprovisation führt zum ersten dramatischen Thema, dem mehrere Vamps folgen, bis sich der Hörer plötzlich, wie es so oft bei Bernes Stücken der Fall ist, in einem neuen und unbekannten Raum wiederfindet. Reprisen gibt es in seinen Stücken selten: die Musik ist ständig in Bewegung, weicht aus, schwenkt in andere Richtungen. Um dem Geschehen in "Hora Feliz" zu folgen, empfiehlt Berne sich auf Snakeoils außerordentlich talentierten Pianisten Matt Mitchell zu konzentrieren. "Matt muss viele der Übergänge schultern. Wenn man sich während des ganzen Improvisationsabschnitts auf ihn fokussiert, kann man hören, auf welch erstaunliche Weise er es schafft, mit seinen Improvisationen das Ende des Stücks zu entwickeln und aufzubauen."

"Mir gefiel schon immer die Idee, die Leute von dem Material, mit dem wir beginnen, wegzulenken. Beim Schreiben passiert das fast auf dieselbe Art wie beim Improvisieren - durch viele Motive, viel melodisches Improvisieren, das Einwerfen und Entwickeln kleiner thematischer Dinge. Das ist überhaupt ein Teil der Geschichte. Einiges davon habe ich mir, als ich begann, bei den AACM-Leuten abgeschaut und auch bei Julius Hemphill - in ihrer Welt war Improvisation oft etwas Kollektives und Amorphes. Sie spielten nicht einfach ein Solo über den Groove der Rhythmusgruppe. Nur sehr wenig von dieser Musik funktionierte nach dem Schema Thema-Solo-Thema. Ich denke, bei mir ist das noch immer so. Viele der suiteähnlichen Stücke [wie das 26-minütige, epische "Sideshow", das erneut David Torns Gitarre featuret], die ich mache, basieren auf dem Wunsch, improvisierte Ideen nicht zu wiederholen. Wenn man improvisiert und weiß, dass man etwas völlig anderes machen wird, dann muss man ein wenig mehr kompositorisch denken als wenn man nur ein Solo spielt und dann zum selben Thema zurückkehrt."


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13.07.2017
Charles Lloyd

Bilanz mit bahnbrechender Band - neues Livealbum von Charles Lloyd

Charles Lloyd, Bilanz mit bahnbrechender Band - neues Livealbum von Charles Lloyd D. Darr

Charles Lloyd kennt man in der Jazzszene seit einem halben Jahrhundert als philosophischen Feingeist mit einem gewissen Hang zu Mystizimus und Spiritualität. Ein Mann plakativer Worte war der Saxophonist nie. Doch sein mittlerweile nicht mehr ganz so neues New Quartet mit Pianist Jason Moran, Bassist Reuben Rogers und Schlagzeuger Eric Harland bezeichnet er ohne rot zu werden als "eine bahnbrechende Band, die unerreicht ist". "Hoppla", mag sich da mancher denken, "ist das etwa derselbe Charles Loyd, der in den 1960ern mit Cracks wie Gábor Szabó, Ron Carter und Tony Williams zusammenspielte und jenes fabelhafte Quartett mit Keith Jarrett, Cecil McBee und Jack DeJohnette leitete?" Er ist es. Und auch danach umgab  sich Lloyd niemals mit Musikern der zweiten Garnitur.

 

Zuletzt etwa nahm er für Blue Note spannende Projekte mit Pianist Gerald Clayton, Bassist Joe Sanders, Schlagzeuger Gerald Cleaver, dem griechischen Lyra-Virtuosen Sokratis Sinopoulos und dem ungarischen Zymbal-Maestro Miklós Lukács ("Wild Man Dance") sowie mit u.a. Bill Frisell, Greg Leisz, Norah Jones und Willie Nelson ("I Long To See You") auf. Doch für sein neues Album "Passin’ Thru" tat sich der 79-jährige Saxophonist einmal mehr mit seinem vor gut zehn Jahren gegründeten New Quartet zusammen, mit dem er für ECM Records zwischen 2007 und 2010 die drei Meisterwerke "Rabo De Nube", "Mirror" und "Athens Concert" aufgenommen hatte.

 

Lloyd erklärt, warum er nun mit "Passin' Thru" ein neues Kapitel im Leben dieser Band aufgeschlagen hat: "Es ist ein kleiner Planet, und wir befinden uns hier nur auf der Durchreise zu dem Einen", sagt er. "Hin und wieder gelangt man bei dieser Reise an entscheidende Kreuzungen. Dieses Quartett mit Jason, Reuben und Eric fand im April 2007 auf sehr organische Art zueinander. Nach den ersten Tönen unseres ersten Konzertes wusste ich schon, dass es eine magische Formation war." Im Sommer 2016 trommelte Lloyd das New Quartet für seine erste ausgedehnte Tour in Jahren zusammen. Tatsächlich beginnt "Passin’ Thru" mit dem ersten Song, der auf dieser Tournee gespielt wurde: "Dream Weaver" wurde 2016 beim Montreux Jazz Festival aufgezeichnet. Die restlichen sechs Stücke wurden im selben Jahr im Lensic Theater in Santa Fe/New Mexico bei einem sublimen Konzert aufgenommen, das Lloyd - so wie übrigens auch das gesamte Album - seiner im Herbst 2014 verstorbenen Freundin Judith McBean gewidmet hat. "Shiva Dreams", die letzte Nummer des Albums, war - so sagt Lloyd -  "ein Gebet und eine Meditation für sie".

 

Das Repertoire setzt sich zusammen aus überarbeiteten Klassikern ("Passin’ Thru", "Dream Weaver", "How Can I Tell You" und "Tagore On The Delta") und neueren Kompositionen  ("Part 5, Ruminations","Nu Blues" und "Shiva Dreams") des Saxophonisten zusammen. Auf die Frage, weshalb er für "Passin’ Thru" Songs aus seiner Vergangenheit einer neuerlichen Reflexion unterzog, antwortet Lloyd: "Die Lieder sind meine Kinder. Die Kinder sind aufgewachsen und haben das Haus verlassen. Ich besuche sie von Zeit zu Zeit in verschiedenen Ecken der Welt. ‘Passin’ Thru’ und ‘Dream Weaver’ sind nur zwei meiner vielen Kinder. Sie verließen das Haus und kehrten zurück. Ich verließ das Haus und kehrte zurück. Wenn wir uns gegenseitig besuchen, stellen wir fest, dass wir uns mehr Geschichten zu erzählen haben. So wie sie reifer geworden sind, bin auch ich es geworden. Wenn ich heute hinausgehe, dann bringe ich viele Jahre Erfahrung mit, die ich noch nicht besaß, als ich ein idealistischer junger Mann war." Lloyd hat mit Erstaunen festgestellt, wie sich die Mitglieder seines New Quartet entwickelt haben. "Sie haben ihre Flügel auf verschiedene Arten ausgebreitet. Aber wenn wir als Einheit zusammenkommen, stellen wir fest, dass die Musik und Liebe sich nur vertieft haben. Das Band unserer gemeinsamen Erfahrungen - auf und abseits der Bühne - beseelt und bereichert die Musik.In einer Zeitspanne von zehn Jahren steckt man viel Territorium ab. Aber im Zeitrahmen des Univsersums ist es bloß eine Nanosekunde."


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14.06.2017
Stephan Micus

Stephan Micus - Reise durch einen exotischen Klangkosmos

Auf dem Album "Inland Sea" nimmt einen der Multiinstrumentalist Stephan Micus auf eine musikalische Reise an weit verstreute Orte und in vollkommen einzigartige Klangwelten mit.

Stephan Micus, Stephan Micus - Reise durch einen exotischen Klangkosmos © René Dalpra / ECM Records

Der Multiinstrumentalist Stephan Micus ist ein Meister, wenn es darum geht, ganz eigene musikalische Landschaften zu kreieren. Er sozusagen ein Ein-Mann-Klanguniversum. Seit nunmehr 49 Jahren reist er durch die Welt, sammelt und studiert Musikinstrumente aus aller Herren Länder, für die er neue Musik erschafft. Oft kombiniert er Instrumente verschiedener Kulturen und Kontinente, die man normalerweise nie zusammen hören würde.

Und auf jedem Album richtet er den Fokus auf andere "Protagonisten". Im Mittelpunkt seines neuen Albums "Inland Sea" steht  die schwedische Nyckelharpa, die manchmal auch als Tastenfidel bezeichnet wird. David Harrington vom Kronos Quartet nannte sie einmal einen "Dinosaurier", teils wegen ihres eigentümlichen Aussehens, teils weil sie seltsame, archaische Elemente aufweist wie die zwölf Resonanzsaiten, die unter den vier Spielsaiten liegen. Die Tonhöhe der Spielsaiten kann durch vier hölzerne Tasten verändert werden, was dieses Instrument zu einem beeindruckenden Stück technischer und handwerklicher Kunst macht.

"Bei den meisten Instrumenten verwende ich erst Jahre darauf, sie zu erlernen, und danach versuche ich dann wieder alles zu vergessen, was ich gelernt habe", sagt Micus. "Ich betrachte sie, als ob sie gerade vom Mars gekommen wären, gehe ohne jegliche vorgefasste Meinung an sie heran. Dann experimentiere ich und versuche alle dem Instrument innewohnenden Möglichkeiten zu erschließen und über seine Grenzen hinauszugehen."

Die Nyckelharpa benutzt Micus hier das erste Mal. So wie er es bei den meisten seiner Instrumente macht, hat er sie seinen eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen angepasst. Traditionell wird die Nyckelharpa vorwiegend beim Spielen von Polkas und anderen Tanzliedern eingesetzt, weshalb sie mit einem kurzen Bogen gespielt wird, der besser für rhythmische Musik geeignet ist. Micus verwendet hingegen einen längeren Bogen, der ihm ermöglicht, längergezogene Noten zu spielen.

Außerdem hängt er sich die Nyckelharpa  nicht wie eine Gitarre an einem Gurt um den Hals, sondern hält sie senkrecht wie ein Cello zwischen seinen Beinen. "Bisher hatte ich nur Streichinstrumente aus Asien gespielt", erläutert Micus. "Ich mag die Nyckelharpa, weil sie einen europäischen Geist in sich trägt, den ich in dieser Musik unbedingt einbringen wollte."

Das zweite Melodieinstrument, dem auf dem Album eine prominente Rolle zukommt, ist die japanische Shakuhachi-Flöte, mit der sich Micus nun schon seit 43 Jahren auseinandersetzt und die eines seiner Lieblingsinstrumente ist. Sie verleiht drei Stücken auf "Inland Sea” eine Stimme spiritueller Weisheit. Außerdem singt Micus noch in einer von ihm erfundenen Sprache oder bedient sich polyphoner Gesänge, die er in Georgien und Bulgarien studiert hat.

Die melodischen Stimmen werden wiederum vom Klang diverser gezupfter Saiteninstrumente begleitet. Neben der Nyckelharpa macht uns Micus auf "Inland Sea" auch erstmal mit dem Balanzikom bekannt. Das Instrument, das er im Wakhan-Tal an der Grenze zwischen Tadschikistan und Afghanistan entdeckte, ist so selten, das man das Internet vergebens nach ihm absucht. Die marokkanische Gimbri, die mit Gnawa-Musikern assoziiert wird und von Micus erstmals auf seinem letzten Album "Nomad Land" verwendet wurde, kommt erneut zum Einsatz. Darüber hinaus spielt er außerdem Gitarren, eine Akkordzither und eine riesige Bass-Zither mit 1,70 m langen Saiten. Die beiden letzteren Instrumente wurden von Micus selbst entworfen.

"Wenn ich spiele, höre ich dem Instrument zu und erzähle die Geschichten, die es in sich trägt", sagt Stephan Micus. "ch betrachte Instrumente wie menschliche Wesen. Jeder von uns hat eigene Geschichten zu erzählen. Bei Instrumenten ist es ähnlich. Wenn ich ein Stück für eine bestimmte Shakuhachi komponiert habe, klingte es auf einer anderen irgendwie nicht richtig. Die Melodie wurde wirklich für und auf einem bestimmten Instrument geschrieben. Ein Komponist ist wie ein Führer, der einen auf einen Rundgang mitnimmt. Er wird dich an einem bestimmten Ort abholen, dich auf unbekanntes Territorium geleiten und von dort wieder zurückbringen." So wie es Stephan Micus mit der Nyckelharpa auf "Inland Sea" macht.


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28.04.2017
Trombone Shorty

Musik-Gumbo für Gourmets - Trombone Shorty beschwört die Magie von New Orleans herauf

Trombone Shorty, Musik-Gumbo für Gourmets - Trombone Shorty beschwört die Magie von New Orleans herauf Mathieu Bitton

"Es ist eine magische Sache, die hier in New Orleans vor sich geht", verriet Trombone Shorty kürzlich der lokalen Zeitung Times-Picayune. "Wir können es uns selbst noch nicht genau erklären, aber das spielt auch keine Rolle. Ich denke, es hat damit zu tun, dass wir hier Einflüsse von so vielen verschiedenen Leuten haben. Von Fats Domino über Louis Armstrong und die Neville Brothers bis zu Master P - in dieser engen Stadt laufen wir uns alle irgendwann zwangsläufig über den Weg.

 

Dadurch werden wir von verschiedenen Musikstilen beeinflusst und reflektieren all dies in unserer Musik. Wir werfen alles einfach nur in einen Topf..." So wie er das gerade wieder auf "Parking Lot Symphony" getan hat, dem ersten Album für sein neues Label Blue Note. Das von Chris Seefried (Fitz and the Tantrums, Andra Day) produzierte Album ist eine atemberaubende Tour de Force in zwölf sehr unterschiedlichen Akten. Mal serviert er fetzige Brass-Band-Sounds, dann wieder unwiderstehlich funkige Grooves oder eine satte Dosis Blues. Und natürlich greift er auch zeitgenössische Hip-Hop- und Pop-Einflüsse auf.

 

Den Grundstein für das Album legte der Multiinstrumentalist ganz allein in seinem Heimstudio."Ich war zwei Wochen zu Hause und nutzte die Zeit, um ins Studio zu gehen und den ‘Spielplatz’ einzurichten", erinnert er sich. "Ich baute alle Instrumente in einem Kreis auf: Tuba, Posaune, Trompete, Keyboards, Fender Rhodes, Wurly, Hammond-B3-Orgel, Gitarre, Bass, Schlagzeug - und dann vergrub ich mich in der Mitte all dieser Instrumente." Er nahm mehr als genug Ideen für ein Album auf und ließ dann alles erst einmal ein ganzes Jahr lang ruhen, um mit seiner Band Orleans Avenue auf Tournee zu gehen und zu sehen, wie sich die Musik dort entwickeln würde. Als er schließlich mit Band und Gästen ins Studio zurückkehrte, wurden diese Songs erst so richtig mit Leben gefüllt.

 

Sehr anschaulich wird das am Beispiel der beiden einzigen Cover-Songs dieses Albums, die zwei echte Juwelen aus dem "NOLA Songbook" sind: "Here Come The Girls", ein 1970 von Allen Toussaint geschriebenes und von Ernie K. Doe aufgenommenes Lied, klingt in Trombone Shortys Version (mit Ivan Neville am Klavier) zugleich derb und majästetisch, als stamme es von einem aktuellen Bruno-Mars-Album; das liebeskranke "It Ain’t No Use" der Meters hingegen kombiniert klassische Rhythm’n’Blues-Vibes mit einem himmlischen Chorgesang und einer peppigen Gitarre, die von Meters-Legende Leo Nocentelli höchstpersönlich gespielt wird. Dem war er im Studiokomplex zufällig über den Weg gelaufen, als er während der Aufnahme des Stücks eine Pause machte. Nocentelli ließ sich nicht zweimal bitten und stieg kurzerhand bei der Session ein. Typisch New Orleans eben!

 

Musikalisch ist Trombone Shorty, wie er auf "Parking Lot Symphony" eindrucksvoll zeigt, mit so ziemlich allen Wassern gewaschen, was sich in der erstaunlichen Stilvielfalt des Albums widerspiegelt. Ein Purist ist er aber dann, wenn es um Essen geht. Bei auswärtigen Konzerten stellt er an die Veranstalter lediglich eine Forderung: "No New Orleans Food". Denn diese Küche bekommt er zu Hause bei Muttern oder in den Restaurants seines Heimatviertels Tremé einfach besser und authentischer serviert.


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20.04.2017
Aaron Parks

Aaron Parks - Musik mit ozeanischen Qualitäten und in der Luft hängenden Noten

Drei weibliche Jazzikonen standen dem Pianisten Aaron Parks bei seinem neuen Album "Find The Way" Pate: Alice Coltrane, Rosemary Clooney und vor allem Shirley Horn.

Aaron Parks, Aaron Parks  - Musik mit ozeanischen Qualitäten und in der Luft hängenden Noten © BART BABINSKI / ECM RECORDS

Bei seinem ECM-Debüt "Arborescence" präsentierte sich Aaron Parks vor vier Jahren als Solist. Die JazzTimes nannte das Album damals "mitteilsam, impressionistisch... wie eine Visionssuche". Für die Einspielung seines zweiten ECM-Albums "Find The Way" tat sich der Pianist nun mit Bassist Ben Street und Schlagzeuger Billy Hart zusammen. Die beiden kombinieren in ihrem Spiel Fluidität und Kraft mit etwas, das Parks "eine ozeanische Qualität" nennt: sie kreieren Energiewellen, auf denen der Pianist wahlweise reitet oder in die er hineintaucht. "Find the Way" besitzt die Aura einer klassischen Piano-Trio-Aufnahme: vom melodiereichen Opener "Adrift" bis zur Schlussnummer, die dem Album den Titel gab und eine Coverversion eines Liebesliedes ist, das Parks auf einer LP von Rosemary Clooney und Nelson Riddle entdeckte. Inspiration für dieses Album bezog der Pianist außerdem von Alice Coltrane und Shirley Horn.

Mit Ben Street spielte der Pianist einst in der Band des Gitarristen Kurt Rosenwinkel zusammen. Billy Hart bewundert er seit langem, vor allem aufgrund seiner Arbeiten mit Shirley Horn, Herbie Hancocks funkiger Mwandishi-Band und Dave Liebmans Quest. Besonders beeindruckt hat ihn aber auch Billy Harts eigenes Quartett mit Ethan Iverson, Mark Turner und Ben Street, das 2012 für ECM das Album "All Our Reasons" aufnahm. "Ich habe mir dieses Quartett oft angehört. Mir gefällt, wie er mit dort mit Ben interagiert. Ben und Billy haben einen so ausgeprägten Sinn dafür, wo der ‘Mittelpunkt’ ist, dass sie ihn gar nicht spielen, sondern nur andeuten müssen. Ihr Spiel hat eine zentrifugale Kraft - es ist wie ein Strudel. Vor allem Billy strahlt, wenn er spielt, eine spezielle Autorität aus, eine vitale Präsenz - und das bringt einen dazu, genauso engagiert zu spielen. Er besitzt außerdem eine subtile, poetische Qualität, die er sich in der Zeit aneignete, als er mit Sängerinnen arbeitete. Er ist wirklich ein Poet am Schlagzeug."

Das Trio spielt die Musik von "Find The Way" mit außergewöhnlicher Elastizität, pendelt ständig zwischen höchstem Lyrismus und kinetischer Energie. Besonders stolz ist Parks auf das Stück "Melquiades", das nach einer Figur aus Gabriel Garcia Márquez’ Bestseller "Hundert Jahre Einsamkeit" benannt ist. "Das Stück hat für mich eine klassische ECM-Atmosphäre", sagt Parks, "und Billy atmet die Musik mit ihren konstant wechselnden Taktarten einfach nur." Die Nummer "Hold Music" konzipierte Parks als kleines Schlagzeug-Concerto eigens für Hart, den er im Studio außerdem mit "Unravel" überraschte. "Ben und ich hatten das Stück schon früher gespielt. Es hat diesen komplizierten 13/8-Takt, und obwohl Billy es nie auf Notenpapier gesehen hatte, reagierte er sofort, als Ben und ich begannen es zu spielen - und er verlieh ihm dabei solch individuelle Farbe und Leuchtkraft."

Ein weiterer Höhepunkt ist das Stück "Alice". Parks orientierte sich dabei zunächst an Alice-Coltrane-Nummern wie "Ptah the El Daoud". "Es war ein swingendes Stück mit einem Kreuzrhythmus in der Klavierphrase", erzählt er. "Aber es entfaltete sich schließlich, nachdem wir die Melodie durch hatten und wandelte sich in etwas Geheimnisvolles." Einen wesentlichen Einfluss auf die Musik des ganzen Albums übte die Sängerin und Pianistin Shirley Horn aus. "Wenn Shirley ein Solo spielte, ließ sie die Noten in der Luft hängen, scherzte neckisch mit der Tondauer", sagt Parks. "Man merkte ihrem Klavierspiel an, dass sie niemandem etwas beweisen musste, stattdessen das Bedürfnis hatte, die Musik atmen zu lassen. Ich glaube, dass ich, während sich meine eigene Spielweise herausbildete, geduldiger geworden bin und meinen Anschlag heute immer mehr nachklingen lasse. Ich verspüre nicht mehr den Drang, die Führung zu ergreifen, den Raum zu füllen. Ich fühle mich frei, eine Note ausklingen und in der Luft hängen zu lassen, zu hören, was passiert, wenn sie abklingt, dem Pedal zu erlauben, seine Magie zu entfalten."


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20.04.2017
Chris Potter

Chris Potter - die Ästhetik der Überraschung

Mit einem exzellent besetzten neuen New Yorker Quartett hat der Saxophonist Chris Potter das traumhafte Meisterwerk "The Dreamer Is The Dream" eingespielt.

Chris Potter, Chris Potter - die Ästhetik der Überraschung © DI PERRI / ECM RECORDS

Auf seinem dritten ECM-Album als Leader präsentiert Chris Potter ein neues akustisches Quartett, das unbefangen rhapsodische Melodien mit kraftvollen Rhythmen verquickt. Bestückt hat er die Band mit hervorragenden Musikern, die man von vielen New Yorker ECM-Aufnahmen der letzten zehn Jahre kennt: Keyboarder David Virelles, Bassist Joe Martin und Schlagzeuger Marcus Gilmore. Seine Vielseitigkeit zeigt Potter auf "The Dreamer Is The Dream" wahlweise auf dem Tenorsaxophon - auf dem er zu einem der am meisten bewunderten Spieler seiner Generation avanciert ist -, dem Sopransax und der Bassklarinette. Potter ist ein Künstler, der seine "beträchtliche Technik stets in den Dienst der Musik stellt und nicht für Spektakel verschwendet", hieß es einmal im Magazin The New Yorker. Wie auf jedem seiner Alben entwickelt der Saxophonist in seinen Kompositionen auch diesmal überraschende Texturen und Stimmungen.

Bevor das Quartett "The Dreamer Is The Dream" in den New Yorker Avatar Studios aufnahm, absolvierte es eine Reihe von Live-Auftritten und verbrachte zusätzlich einige Tage in der Schweiz, um das Material durchzugehen und vorzuproduzieren. Als man sich dann in den Avatar Studios wieder versammelte, floss die Musik nur so aus ihnen heraus.

Produzent Manfred Eicher half schließlich noch dabei, das Endergebnis zu formen. "Als Musiker kann man sich leicht im Dickicht der Dinge verlieren", meint Potter. "Aber Manfred sieht den Wald und nicht nur die Bäume. Er hat ein wirkliches Gespür für das große Ganze - für Stimmungen, Dichte, die Geschichte eines Albums. Ich habe mit ihm nun schon eine Menge Platten gemacht, und ich weiß das synergetische Geben und Nehmen mit ihm immer mehr zu schätzen."

"Die generationenübergreifende Mischung von Persönlichkeiten dieses Quartetts ist etwas Besonderes", sagt Potter. "Joe Martin kenne ich am längtsen - wir traten in den 90ern in denselben New Yorker Clubs auf. Abgesehen davon, dass er immer den richtigen Ton spielt, hat er diese sehr fokussierte, überlegte Herangehensweise auf dem Bass, sehr klar und unterstützend - er ist das Fundament der Band. Das Quartett hat eine große dynamische Bandbreite, agiert aber auch kontrollierter, was mir ermöglicht, auf eine bedachtere Art zu spielen. Joe hat daran großen Anteil."

"Marcus ist ein sehr eigenwilliger Schlagzeuger", fährt Potter fort. "Er spielt nicht sensationsheischend, sondern subtil, detailfreudig und sehr musikalisch. Er hat seine eigene Art zu spielen und scheint sich alle sechs Monate sprunghaft zu entwickeln. David hat als Pianist seine eigene Nische gefunden. Obwohl er auf Kuba aufwuchs, spielt er nicht auf eine stereotype lateinamerikanische Art. Er hat die Rhythmen der kubanischen Folklore ausführlich studiert, aber sich ebenso sehr mit Avantgarde-Jazz auseinandergesetzt. Er spielt mit Henry Threadgill, aber man kann ihn auch dabei erwischen, wie er an einer Etüde von Ligeti arbeitet. Die rhythmische Finesse in Davids Spiel ist einfach außerordentlich. Und die Art, wie David und Marcus rhythmisch interagieren, hat einen generationstypischen Charakter - es ist ihr eigenes Ding. Man kann das nur schwer in Worte fassen, aber eine ähnliche Verbindung gibt es auch zwischen mir und Joe. Unsere Generation - mit Leuten wie Brad Mehldau, Joshua Redman, Kurt Rosenwinkel - hat ihr eigenes Empfinden, ihr eigenes rhythmisches Gravitationszentrum. Die Generation von Marcus und David baut auf dem auf, was wir machten, so wie wir auf dem aufbauten, was die Generation vor uns gemacht hatte. Das ist eine Herausforderung- und inspirierend.”

Wenn er komponiert befindet sich Potter, wie er sagt, oft in einem "traumähnlichen Zustand". "Heart In Hand", "Memory And Desire" und das Titelstück des Albums entstanden bei solchen frei-assoziativen Schreibsessions. Andere Nummern weisen indische ("Yasodhara") oder afrikanische ("Ilimba") Einflüsse auf. Potter versucht auf jedem Album neue Ansätze zu finden. "Eine der Herausforderungen im Jazz ist, dass wir uns fragen müssen, wie wohl wir uns dabei fühlen, wenn wir auf eine andere Weise arbeiten als beim vorherigen Mal - und dann darüber hinausgehen", sagt er. "Ich versuche immer im Hinterkopf zu haben, dass die ursprüngliche und kostbarste Eigenschaft des Jazz die Ästhetik der Überraschung ist, nicht nur für das Publikum, sondern auch für den Künstler. Es ist die Kunst, aus dem Stegreif Ideen zu entwickeln, glückliche Zufälle zu nutzen und eine Geschichte während des Spielens zu entfalten. Darin liegt die Magie dieser Musik."


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06.04.2017
Anja Lechner

Tarkovsky Quartet - Musik mit einer außergewöhnlichen Tiefenschärfe

Mit "Nuit blanche" beschließt das kammermusikalische Improvisationsensemble seine faszinierende Tarkowskij-Trilogie, die es vor zwölf Jahren begonnen hatte.

Anja Lechner, Tarkovsky Quartet - Musik mit einer außergewöhnlichen Tiefenschärfe ©Caterina di Perri/ECM Records

Das von dem französischen Pianisten François Couturier ins Leben gerufene Tarkovsky Quartet setzt mit seinem dritten Album "Nuit blanche" die Reihe der Einspielungen fort, die es 2005 mit "Nostalghia - Song for Tarkovsky" begonnen und 2009 auf dem schlicht "Tarkovsky Quartet" betitelten Album weiterverfolgt hatte. Seine Kompositionen und Arrangements stellte Couturier von Beginn an in einen Kontext, in dem die Improvisation aufblühen konnte. Diese improvisierte Komponente der Musik wurde seither sowohl in Konzerten als auch auf Alben beständig erweitert und vertieft.

Die primäre Inspirationsquelle ist jedoch immer noch das Werk von Andrej Tarkowskij, über den Ingmar Bergman einmal sagte: "Er bewegt sich mit solcher Natürlichkeit im Raum der Träume." Das nach dem russischen Filmemacher benannte Quartett hat eine ganz eigene assoziative Traumsprache geformt. Auf "Nuit blanche" loten die Musiker die Texturen von Träumen und Erinnerungen aus, während sie gleichzeitig weiterhin versteckt auf Tarkowskij verweisen. Der 1986 verstorbene Filmemacher wäre am 4. April 85 Jahre alt geworden.

Anspielend auf einen Komponisten, den der Regisseur hörte, als er seinen Film "Stalker" drehte, integriert das Quartett eine dämmrige Interpretation von Vivaldis "Cum dederit delectis suis somnum" aus dem Opus "Nisi Dominus". Das Ensemble greift auch auf ein Arrangement eines Stückes aus dem 16. Jahrhundert zurück, dessen Urheber unbekannt ist.

Anja Lechner war auf das Manuskript gestoßen, als sie die Partituren und Notenbücher ihrer Großeltern, die beide Musiker gewesen sind, durchstöberte. Die Bandbreite des neuen Albums ist enorm und die kreative Originalität des Tarkovsky Quartet ist stets offenkundig, ganz gleich, ob es moderne Kompositionen, improvisierte Kammermusik oder Barockmusik spielt.

Im Begleittext schreibt die bekannte Journalistin Carolin Emcke: "Was das Tarkovsky Quartet so einzigartig macht (und darin einmal mehr der ästhetischen Sprache des Regisseurs Andrej Tarkowskij verwandt), ist die besondere Gabe musikalische Imagination geradezu haptisch erfahrbar zu machen. So wie man bei Tarkowskijs Filmen meint, die Textur der Elemente (Regen, Kohlefeuer, Marsch) fühlen zu können, so erscheint einem bei ‘Nuit blanche’ die Textur des Klangs deutlicher denn je. Man meint hineingreifen, die Instrumente und ihre Materialität anfassen zu können und so erhält die musikalische Vorstellungskraft noch eine andere Tiefenschärfe."

Das Tarkovsky Quartet entstand, nachdem Couturier die deutsche Cellistin Anja Lechner eingeladen hatte, sich ihm und seinen oftmaligen Spielpartnern Jean-Marc Larché und Jean-Louis Matinier anzuschließen.

Nach dem gemeinsamen Debütalbum trat das Ensemble 2006 beim Bergamo Festival erstmals live auf. Bei Konzerten arbeitet das Tarkovsky Quartet häufig mit Andrej Tarkowskij Jr. zusammen, dessen Video-Projektionen die traumähnliche Qualität der Musik verstärken.

Neben den drei Alben mit dem Tarkovsky Quartet spielte François Couturier 2008 zudem das introspektive Piano-Soloalbum "Un jour si blanc" ein, das ursprünglich als Teil des Tarkowskij-Zyklus konzipiert war. "Was mich bei Tarkowskijs Filmen am meisten anrührt", hat Couturier einmal gesagt, "ist ihre Stille und Langsamkeit. Das sind oft auch Charakteristika der ECM-Ästhetik..."

Das Tarkovsky Quartet wird sein neues Album am 29. April bei der "ECM-Label-Nacht" im Sendesaal Bremen live vorstellen.


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06.04.2017
Dominic Miller

ECM-Debüt von Sting-Gitarrist Dominic Miller - Gitarrenmusik mit internationalem Flair

Auf dem Album "Silent Light", das auf CD und Vinyl erscheint, stellt Dominic Miller sein (nicht immer stilles) musikalisches Licht keineswegs unter den Scheffel.

Dominic Miller, ECM-Debüt von Sting-Gitarrist Dominic Miller - Gitarrenmusik mit internationalem Flair © Steven Haberland/ECM Records

Dass Dominic Millers "Silent Light" ein so internationales Flair ausstrahlt, sollte einen nicht wundern. Geboren wurde der Gitarrist als Sohn eines US-Amerikaners und einer Irin in Argentinien, wuchs ab seinem zehnten Lebensjahr aber in den Staaten auf und studierte dann an der renommierten Guildhall School of Music in London. Mittlerweile lebt der musikalische Globetrotter, der auch Stunden bei der brasilianischen Gitarren-Legende Sebastião Tapajós nahm, in Frankreich. "Silent Light" reflektiert all diese Lebensstationen Dominic Millers: In Stücken wie "Baden" (ein Tribut an den brasilianischen Gitarristen und Komponisten Baden Powell) gibt es starke lateinamerikanische Einflüsse, während  "Le Pont" die Pariser Luft des frühen 20. Jahrhunderts zu atmen scheint, "Valium" an keltische Stücke im Stil von Bert Jansch erinnert und "Fields Of Gold" eine gedämpfte Instrumentalversion von einer der bekanntesten Sting-Balladen ist. In dessen Band ist Miller seit über 20 Jahren nicht nur Gitarrist, sondern auch des Leaders rechte Hand.

Gemeinsam schrieben sie zudem den Welthit "Shape Of My Heart". Darüber hinaus arbeitete Miller mit den Chieftains, Plácido Domingo und Paul Simon zusammen. Letzterer lobt Miller im Booklet von "Silent Light" für seinen "wunderbaren Anschlag hat, der mit Aromen von Jazz und englischer Folkmusik gewürzt ist".

In seinen eigenen Anmerkungen im Booklet erinnert sich Miller, wie er sich mit seinem Produzenten Manfred Eicher über zwei ECM-Künstler unterhielt, die ihn musikalisch entscheidend beeinflusst haben: Egberto Gismonti und Pat Metheny. An dem einen fasziniert ihn, wie er seinen "ungeschliffenen" Ansatz mit "klassischen Obertönen" zu kombinieren versteht, an dem anderen die eher "Groove-orientierten" Stimmungen und das "Americana-Feeling" seiner Musik. An Methenys akustische Ausflüge erinnern auf "Silent Lights" Stücke wie "Angels" und "Tisane", während die Duo-Nummern mit dem Perkussionisten Miles Bould von dem Album "Duas Vozes" inspiriert zu sein scheinen, das Gismonti einst mit dem vor kurzem verstorbenen Naná Vasconcelos aufnahm. Bei Stücken wie dem synkopierten "Baden", dem nachdenklichen Opener "What You Didn’t Say", dem stimmungsvollen "Water" und dem nach einem Schachzug betitelten "En Passant" komplementiert Bould Millers Gitarre mit subtilen Rhythmen und Texturen. Grooviger wird es in "Chaos Theory", dem einzigen Stück des ansonsten live im Studio  aufgenommenen Albums, bei dem Miller mit Overdubs (einer zweiten Gitarre und des Basses) arbeitet, während Bould Schlagzeug spielt. "Wir haben uns einfach in der Art, wie es die brasilianische Band Azymuth tun würde, mit dem Beat vergnügt", verrät Miller. Die Gitarrensolostücke sind wiederum überwiegend gedämpft und intim. Auf die kompositorische Handschrift des Gitarristen hat natürlich auch die lange, intensive Zusammenarbeit mit Sting abgefärbt. "Ich versuche mit meiner Instrumentalmusik, die ich wie Songs behandle und arrangiere, eine ähnliche Narrative zu erschaffen, mit Strophen, Refrains und Überleitungen”, sagt Miller. “Wenn Dominic Gitarre spielt", meldet sich Sting höchstpersönlich zu Wort, “erschafft er Farben, ein komplettes Spektrum an Emotionen, eine klangliche Architektur, die sowohl auf Stille als auch auf Echo aufbaut. Er hebt die Stimmung in andere Höhen.”

Betitelt ist das Album nach dem gleichnamigen Film des mexikanischen Regisseurs Carlos Reygadas, dessen Arbeit auch ein Katalysator für die Aura von Einfachheit, Klarheit und Reinheit war, die dieses Album umgibt. "Seine Verwendung von Stille, Licht und Raum hat mich fasziniert", erläutert der Gitarrist. "Manchmal verstreichen Minuten ohne Bewegung oder Dialog, was ich sehr mutig und inspirierend fand."


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23.03.2017
Louis Sclavis

Louis Sclavis, Dominique Pifarély & Vincent Courtois - neues Trio mit beachtlicher Vorgeschichte

Seit Jahrzehnten gehören Louis Sclavis, Dominique Pifarély und Vincent Courtois zur Speerspitze der französischen Improvisationsszene. Mit "Asian Fields Variation" legen sie nun ihr erstes Album als Trio vor.

Louis Sclavis, Louis Sclavis, Dominique Pifarély & Vincent Courtois - neues Trio mit beachtlicher Vorgeschichte © Luc Jennepin / ECM

Im Laufe der letzten Jahrzehnte haben Klarinettist Louis Sclavis, Violinist Dominique Pifarély und Cellist Vincent Courtois zwar schon in den unterschiedlichsten Konstellationen mit einander gespielt. Aber "Asian Fields Variation" ist tatsächlich die erste Aufnahme, die diese Musiker als Trio gemacht haben. Obwohl das Projekt von Sclavis ins Leben gerufen wurde, legt er Wert auf die Feststellung, dass es sich bei dem Trio um eine demokratische Gruppe von kreativ Gleichberechtigten handelt: "Ich schlug vor, wie ein richtiges Kollektiv zu arbeiten, in dem jeder Kompositionen zum Programm beisteuert." Für eine "neue" Band kann das Trio eine beachtliche Vorgeschichte vorweisen: Mit Pifarély hat Sclavis in den letzten 35 Jahren bereits in diversen Kontexten zusammengespielt, mit Courtois arbeitet er immerhin auch schon seit 20 Jahren zusammen. Aber wie "Asian Fields Variation" zeigt, haben sie sich die Fähigkeit bewahrt, sich gegenseitig - und auch ihre Hörer - immer noch improvisatorisch zu überraschen. Entscheidende Qualitäten sind dabei stete Wachsamkeit und Frische. "Wir greifen auch auf eine Menge unterschiedlicher Spielerfahrungen zurück", meint Sclavis. "Und diese Erfahrungen spiegeln sich in dem, was wir schreiben und spielen, wider. Wir bringen kontinuierlich neue Sachen in dieses Projekt ein und dringen zudem immer mehr in die Tiefe vor."

Die Besetzung mit Klarinette, Violine und Cello mag auf den ersten Blick ein Indiz für eine eher kammermusikalische Orientierung sein. Aber laut Sclavis ist das nur ein Teil der Geschichte des Trios: "So wie ich es in der Vergangenheit schon oft gemacht habe, schreibe ich speziell für die involvierten Musiker. Ich stelle mir simple Fragen: Wo liegen Dominiques Stärken? Welche Vorlieben hat er? Und Vincent? Und was ist mit mir? Was spiele ich am liebsten? Diese Überlegungen sind dann die Ausgangspunkte." Jeder dieser Musiker hat seine eigene kompositorische Handschrift, wobei die Stücke von Dominique Pifarély vielleicht die am striktesten "durchkomponierten" sind. Die Balance zwischen Komposition und Improvisation wurde, wie Sclavis anmerkt, im Laufe der Aufnahmesession adjustiert.

Sclavis (1953 in Lyon geboren) lernte Pifarély (der 1957 in Bègles zur Welt kam) in der Band des Bassisten Didier Levallet kennen. "Das Zusammenspiel mit Dominique war auf Anhieb sehr gut, und so lud ich ihn 1987 dazu ein, sich meiner Band für die Aufnahme von 'Chine' anzuschließen." Dem folgte prompt ein Album mit dem Sclavis/Pifarély Acoustic Quartet für ECM. "Alles in allem muss ich mit Dominique wohl schon in rund fünfzehn verschiedenen Formationen und Projekten zusammengespielt haben", meint Sclavis. Darunter befand sich auch das in den Mittneunzigern aufgenommene ECM-Album "Les Violences de Rameau", auf dem sie in mitreißender Weise Musik spielten, die von Werken des Barockkomponisten Jean-Philippe Rameau inspiriert war.

Vincent Courtois (1968 in Paris geboren) arbeitete in den späten 1990ern das erste Mal mit Sclavis bei einem Theatermusik-Projekt zusammen. "Vincents Spiel sprach mich emotional sehr an und wir hatten zudem eine starke musikalische Verbindung", erinnert sich Sclavis. Courtois stieß gerade rechtzeitig zu Sclavis' Band, um mit ihr 1999 das Album "L'affrontement des Prétendants" einzuspielen. 2002 konnte man ihn dann auf "Napoli’s Walls" hören. Auf der 2000 entstandenen Aufnahme "Dans la Nuit", mit von Sclavis komponierter Musik für den gleichnamigen Stummfilm von Charles Vanel, erschienen Louis, Dominique und Vincent erstmals gemeinsam auf einem Album. Komplettiert wurde das Ensemble damals durch den Akkordeonspieler Jean-Louis Matinier und den Perkussionisten François Merville. Mit dem Projekt absolvierten sie ausgedehnte Tourneen. "In gewisser Hinsicht war es damals das Gegenteil von dem, was wir heute machen, weil die Musik zu den Bildern passen musste und wir jede Nacht versuchten, exakt dasselbe zu spielen. Aber es half uns dabei, gemeinsam einen Klang zu entwickeln, und es war auch sehr gut für unsere Präzision und Disziplin."

Die ersten Auftritte im Trio machten Sclavis, Pifarély und Courtois - "vor fünfzehn oder sechzehn Jahren" - bei Tourneen durch Afrika und Südamerika. Nachdem sich ihre Wege in den folgenden Jahren wiederholt gekreuzt hatten (Pifarély und Courtois waren an diversen Projekten von Sclavis beteiligt, traten aber auch oft als Duo auf, während Sclavis wiederum in Bands von Courtois gastierte), taten sich die drei Musiker 2013 für ein Projekt mit der japanischen Pianistin Aki Takase zusammen. Als reines Trio traten sie dann im März 2015 mit einem Programm neuer Kompositionen beim A Vaulx Jazz Festival nahe Lyon auf. Mit dem Repertoire von "Asian Fields Variation" werden sie nun im kommenden Sommer bei einigen internationalen Jazzfestivals zu hören sein.


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News

24.02.2017
Julia Hülsmann

Drittes Trio-Album auf ECM - Julia Hülsmann zeigt sich von ihrer rhythmischen Seite

Nach Alben mit Tom Arthurs und Theo Bleckmann ist das Julia Hülsmann Trio für "Sooner And Later" erstmals seit 2011 wieder alleine ins Aufnahmestudio gegangen.

Julia Hülsmann, Drittes Trio-Album auf ECM - Julia Hülsmann zeigt sich von ihrer rhythmischen Seite © Arne Reimer / ECM Records

Mit einem reinen Trio-Album, "End Of Summer", debütierte Julia Hülsmann 2008 bei ECM. Drei Jahre später legte sie mit "Imprint" eine weitere Einspielung im selben Format vor, die damals von John Kelman bei All About Jazz als eine der besten Klavier-Trio-Aufnahmen des Jahres gefeiert wurde. Und nun folgt mit "Sooner And Later" der dritte Trio-Streich mit Bassist Marc Muellbauer und Schlagzeuger Heinrich Köbberling. Das Album, so die Berliner Pianistin, ist "ein Produkt der letzten zwei, drei Jahre" und enthält einige Kompositionen, die schon länger zum Live-Repertoire des Trios gehören, "wo sie sich auf ganz organische Weise immer weiter entwickeln konnten". In dieser Zeit spielte Julia Hülsmann für ECM die beiden Alben "In Full View" (2013) und "A Clear Midnight - Kurt Weill And America" (2015) ein. Ihr Ensemble hatte sie dafür durch den britischen Trompeter Tom Arthurs zum Quartett erweitert, zu dem sich auf dem letztgenannten Album als Gast auch noch der Sänger Theo Bleckmann gesellte.

Mit ihrem Trio unternahm die Pianistin parallel immer wieder weite Reisen. Eine vom Goethe-Institut organisierte Tournee führte sie letztes Jahr durch Turkmenistan, Kasachstan und Kirgisistan. "Auf Reisen gewinnt man ja ohnehin häufig neue Perspektiven", meint Julia Hülsmann, "und auch unter langjährigen Vertrauten erlebt man sich gegenseitig nochmal anders. Das hat uns geholfen, musikalisch nochmal auf eine neue Ebene zu kommen." Die Reise nach Zentralasien findet auf dem neuen Album Niederschlag in Form des Stücks "Biz Joluktuk" - es geht zurück auf eine Melodie, die Julia Hülsmann während eines Konzerts in Kirgisien von einer 12-jährigen Geigerin gehört hatte und danach mit neuen Harmonien versah. Eine besondere Entstehungsgeschichte weist auch "Thatpujai" auf, eine Hommage an Jutta Hipp. Das Thema ist aus Phrasen zusammengesetzt, die Hülsmann aus Soli der 2003 gestorbenen Pianistin herausfilterte.

Wie stets steuerten aber auch ihre langjährigen Trio-Partner eigene Kompositionen zum Repertoire bei. "Heinrichs Stücke beginnen, ganz so wie man es bei einem Schlagzeuger ja auch erwarten würde, meist auf einer rhythmischen Ebene, aber er überrascht mich dann immer mit seinen sehr freundlichen Melodien und bringt ganz bestimmte harmonische Farben bei uns ins Spiel”, erklärt Julia Hülsmann. "Marcs Kompositionen beruhen meist auf einer ziemlich komplexen, sehr ausgezirkelten Harmonik - aber wenn man sie dann spielt, offenbart sich eine ganz große Klarheit und Selbstverständlichkeit"  Abgerundet wird das Programm von einer jener für dieses Trio typischen Coverversionen: diesmal knüpfte man sich “All I Need" von der britischen Rockband Radiohead vor. "Ich fühle mich immer wieder von Stücken angezogen, die zunächst simpel und prägnant wirken, aber unter der Oberfläche eine spezielle Raffinesse haben", verrät die Pianistin. "All I Need" ist wie die Hülsmann-Kompositionen "J.J.", "Soon" und "Mond" mit ihrer zum Teil an Club-Grooves erinnernden Motorik eines jener Stücke, mit denen die Gruppe "bewusst einmal die rhythmisch prägnante Seite unserer Musik in den Vordergrund stellen" wollte. Im März startet das Julia Hülsmann Trio mit dem Programm von "Sooner And Later" eine ausgedehnte Tournee durch Deutschland.

Julia Hülsmann Trio "Sooner And Later"-Tournee 2017:

20.03.2017 Magdeburg, tba (Trio)

22.03.2017 Köln, Pfandhaus (Trio)

24.03.2017 Bad Kreuznach, Jazzclub (Trio)

25.03.2017 Altenburg, Schloss (Trio)

29.03.2017 CH-Basel, Birdseye Jazzclub (Trio)

31.03.2017 F-Avignon, Jazzclub (Trio)

04.04.2017 Garmisch-Partenkirchen, R.-Strauss-Institut (Trio)

06.04.2017 München, Jazzclub Unterfahrt (Trio)

07.04.2017 Passau, Café Museum (Trio)

08.04.2017 Dresden, Jazzclub Tonne (Trio)

09.04.2017 Schloss Neuhardenberg (Trio)

29.04.2017 Bremen, Jazzahead – German Jazz Expo (Trio)

30.04.2017 Kiel, Kulturforum (Trio)

18.05.2017 Heilbronn, Cave 61 (Trio)

19.05.2017 Stuttgart, BIX Jazzclub (Trio)

15.10.2017 Rottenburg a.N., Zehntscheuer (Trio)

 


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