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20.04.2017
Aaron Parks

Aaron Parks - Musik mit ozeanischen Qualitäten und in der Luft hängenden Noten

Drei weibliche Jazzikonen standen dem Pianisten Aaron Parks bei seinem neuen Album "Find The Way" Pate: Alice Coltrane, Rosemary Clooney und vor allem Shirley Horn.

Aaron Parks, Aaron Parks  - Musik mit ozeanischen Qualitäten und in der Luft hängenden Noten © BART BABINSKI / ECM RECORDS

Bei seinem ECM-Debüt "Arborescence" präsentierte sich Aaron Parks vor vier Jahren als Solist. Die JazzTimes nannte das Album damals "mitteilsam, impressionistisch... wie eine Visionssuche". Für die Einspielung seines zweiten ECM-Albums "Find The Way" tat sich der Pianist nun mit Bassist Ben Street und Schlagzeuger Billy Hart zusammen. Die beiden kombinieren in ihrem Spiel Fluidität und Kraft mit etwas, das Parks "eine ozeanische Qualität" nennt: sie kreieren Energiewellen, auf denen der Pianist wahlweise reitet oder in die er hineintaucht. "Find the Way" besitzt die Aura einer klassischen Piano-Trio-Aufnahme: vom melodiereichen Opener "Adrift" bis zur Schlussnummer, die dem Album den Titel gab und eine Coverversion eines Liebesliedes ist, das Parks auf einer LP von Rosemary Clooney und Nelson Riddle entdeckte. Inspiration für dieses Album bezog der Pianist außerdem von Alice Coltrane und Shirley Horn.

Mit Ben Street spielte der Pianist einst in der Band des Gitarristen Kurt Rosenwinkel zusammen. Billy Hart bewundert er seit langem, vor allem aufgrund seiner Arbeiten mit Shirley Horn, Herbie Hancocks funkiger Mwandishi-Band und Dave Liebmans Quest. Besonders beeindruckt hat ihn aber auch Billy Harts eigenes Quartett mit Ethan Iverson, Mark Turner und Ben Street, das 2012 für ECM das Album "All Our Reasons" aufnahm. "Ich habe mir dieses Quartett oft angehört. Mir gefällt, wie er mit dort mit Ben interagiert. Ben und Billy haben einen so ausgeprägten Sinn dafür, wo der ‘Mittelpunkt’ ist, dass sie ihn gar nicht spielen, sondern nur andeuten müssen. Ihr Spiel hat eine zentrifugale Kraft - es ist wie ein Strudel. Vor allem Billy strahlt, wenn er spielt, eine spezielle Autorität aus, eine vitale Präsenz - und das bringt einen dazu, genauso engagiert zu spielen. Er besitzt außerdem eine subtile, poetische Qualität, die er sich in der Zeit aneignete, als er mit Sängerinnen arbeitete. Er ist wirklich ein Poet am Schlagzeug."

Das Trio spielt die Musik von "Find The Way" mit außergewöhnlicher Elastizität, pendelt ständig zwischen höchstem Lyrismus und kinetischer Energie. Besonders stolz ist Parks auf das Stück "Melquiades", das nach einer Figur aus Gabriel Garcia Márquez’ Bestseller "Hundert Jahre Einsamkeit" benannt ist. "Das Stück hat für mich eine klassische ECM-Atmosphäre", sagt Parks, "und Billy atmet die Musik mit ihren konstant wechselnden Taktarten einfach nur." Die Nummer "Hold Music" konzipierte Parks als kleines Schlagzeug-Concerto eigens für Hart, den er im Studio außerdem mit "Unravel" überraschte. "Ben und ich hatten das Stück schon früher gespielt. Es hat diesen komplizierten 13/8-Takt, und obwohl Billy es nie auf Notenpapier gesehen hatte, reagierte er sofort, als Ben und ich begannen es zu spielen - und er verlieh ihm dabei solch individuelle Farbe und Leuchtkraft."

Ein weiterer Höhepunkt ist das Stück "Alice". Parks orientierte sich dabei zunächst an Alice-Coltrane-Nummern wie "Ptah the El Daoud". "Es war ein swingendes Stück mit einem Kreuzrhythmus in der Klavierphrase", erzählt er. "Aber es entfaltete sich schließlich, nachdem wir die Melodie durch hatten und wandelte sich in etwas Geheimnisvolles." Einen wesentlichen Einfluss auf die Musik des ganzen Albums übte die Sängerin und Pianistin Shirley Horn aus. "Wenn Shirley ein Solo spielte, ließ sie die Noten in der Luft hängen, scherzte neckisch mit der Tondauer", sagt Parks. "Man merkte ihrem Klavierspiel an, dass sie niemandem etwas beweisen musste, stattdessen das Bedürfnis hatte, die Musik atmen zu lassen. Ich glaube, dass ich, während sich meine eigene Spielweise herausbildete, geduldiger geworden bin und meinen Anschlag heute immer mehr nachklingen lasse. Ich verspüre nicht mehr den Drang, die Führung zu ergreifen, den Raum zu füllen. Ich fühle mich frei, eine Note ausklingen und in der Luft hängen zu lassen, zu hören, was passiert, wenn sie abklingt, dem Pedal zu erlauben, seine Magie zu entfalten."


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20.04.2017
Chris Potter

Chris Potter - die Ästhetik der Überraschung

Mit einem exzellent besetzten neuen New Yorker Quartett hat der Saxophonist Chris Potter das traumhafte Meisterwerk "The Dreamer Is The Dream" eingespielt.

Chris Potter, Chris Potter - die Ästhetik der Überraschung © DI PERRI / ECM RECORDS

Auf seinem dritten ECM-Album als Leader präsentiert Chris Potter ein neues akustisches Quartett, das unbefangen rhapsodische Melodien mit kraftvollen Rhythmen verquickt. Bestückt hat er die Band mit hervorragenden Musikern, die man von vielen New Yorker ECM-Aufnahmen der letzten zehn Jahre kennt: Keyboarder David Virelles, Bassist Joe Martin und Schlagzeuger Marcus Gilmore. Seine Vielseitigkeit zeigt Potter auf "The Dreamer Is The Dream" wahlweise auf dem Tenorsaxophon - auf dem er zu einem der am meisten bewunderten Spieler seiner Generation avanciert ist -, dem Sopransax und der Bassklarinette. Potter ist ein Künstler, der seine "beträchtliche Technik stets in den Dienst der Musik stellt und nicht für Spektakel verschwendet", hieß es einmal im Magazin The New Yorker. Wie auf jedem seiner Alben entwickelt der Saxophonist in seinen Kompositionen auch diesmal überraschende Texturen und Stimmungen.

Bevor das Quartett "The Dreamer Is The Dream" in den New Yorker Avatar Studios aufnahm, absolvierte es eine Reihe von Live-Auftritten und verbrachte zusätzlich einige Tage in der Schweiz, um das Material durchzugehen und vorzuproduzieren. Als man sich dann in den Avatar Studios wieder versammelte, floss die Musik nur so aus ihnen heraus.

Produzent Manfred Eicher half schließlich noch dabei, das Endergebnis zu formen. "Als Musiker kann man sich leicht im Dickicht der Dinge verlieren", meint Potter. "Aber Manfred sieht den Wald und nicht nur die Bäume. Er hat ein wirkliches Gespür für das große Ganze - für Stimmungen, Dichte, die Geschichte eines Albums. Ich habe mit ihm nun schon eine Menge Platten gemacht, und ich weiß das synergetische Geben und Nehmen mit ihm immer mehr zu schätzen."

"Die generationenübergreifende Mischung von Persönlichkeiten dieses Quartetts ist etwas Besonderes", sagt Potter. "Joe Martin kenne ich am längtsen - wir traten in den 90ern in denselben New Yorker Clubs auf. Abgesehen davon, dass er immer den richtigen Ton spielt, hat er diese sehr fokussierte, überlegte Herangehensweise auf dem Bass, sehr klar und unterstützend - er ist das Fundament der Band. Das Quartett hat eine große dynamische Bandbreite, agiert aber auch kontrollierter, was mir ermöglicht, auf eine bedachtere Art zu spielen. Joe hat daran großen Anteil."

"Marcus ist ein sehr eigenwilliger Schlagzeuger", fährt Potter fort. "Er spielt nicht sensationsheischend, sondern subtil, detailfreudig und sehr musikalisch. Er hat seine eigene Art zu spielen und scheint sich alle sechs Monate sprunghaft zu entwickeln. David hat als Pianist seine eigene Nische gefunden. Obwohl er auf Kuba aufwuchs, spielt er nicht auf eine stereotype lateinamerikanische Art. Er hat die Rhythmen der kubanischen Folklore ausführlich studiert, aber sich ebenso sehr mit Avantgarde-Jazz auseinandergesetzt. Er spielt mit Henry Threadgill, aber man kann ihn auch dabei erwischen, wie er an einer Etüde von Ligeti arbeitet. Die rhythmische Finesse in Davids Spiel ist einfach außerordentlich. Und die Art, wie David und Marcus rhythmisch interagieren, hat einen generationstypischen Charakter - es ist ihr eigenes Ding. Man kann das nur schwer in Worte fassen, aber eine ähnliche Verbindung gibt es auch zwischen mir und Joe. Unsere Generation - mit Leuten wie Brad Mehldau, Joshua Redman, Kurt Rosenwinkel - hat ihr eigenes Empfinden, ihr eigenes rhythmisches Gravitationszentrum. Die Generation von Marcus und David baut auf dem auf, was wir machten, so wie wir auf dem aufbauten, was die Generation vor uns gemacht hatte. Das ist eine Herausforderung- und inspirierend.”

Wenn er komponiert befindet sich Potter, wie er sagt, oft in einem "traumähnlichen Zustand". "Heart In Hand", "Memory And Desire" und das Titelstück des Albums entstanden bei solchen frei-assoziativen Schreibsessions. Andere Nummern weisen indische ("Yasodhara") oder afrikanische ("Ilimba") Einflüsse auf. Potter versucht auf jedem Album neue Ansätze zu finden. "Eine der Herausforderungen im Jazz ist, dass wir uns fragen müssen, wie wohl wir uns dabei fühlen, wenn wir auf eine andere Weise arbeiten als beim vorherigen Mal - und dann darüber hinausgehen", sagt er. "Ich versuche immer im Hinterkopf zu haben, dass die ursprüngliche und kostbarste Eigenschaft des Jazz die Ästhetik der Überraschung ist, nicht nur für das Publikum, sondern auch für den Künstler. Es ist die Kunst, aus dem Stegreif Ideen zu entwickeln, glückliche Zufälle zu nutzen und eine Geschichte während des Spielens zu entfalten. Darin liegt die Magie dieser Musik."


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06.04.2017
Anja Lechner

Tarkovsky Quartet - Musik mit einer außergewöhnlichen Tiefenschärfe

Mit "Nuit blanche" beschließt das kammermusikalische Improvisationsensemble seine faszinierende Tarkowskij-Trilogie, die es vor zwölf Jahren begonnen hatte.

Anja Lechner, Tarkovsky Quartet - Musik mit einer außergewöhnlichen Tiefenschärfe ©Caterina di Perri/ECM Records

Das von dem französischen Pianisten François Couturier ins Leben gerufene Tarkovsky Quartet setzt mit seinem dritten Album "Nuit blanche" die Reihe der Einspielungen fort, die es 2005 mit "Nostalghia - Song for Tarkovsky" begonnen und 2009 auf dem schlicht "Tarkovsky Quartet" betitelten Album weiterverfolgt hatte. Seine Kompositionen und Arrangements stellte Couturier von Beginn an in einen Kontext, in dem die Improvisation aufblühen konnte. Diese improvisierte Komponente der Musik wurde seither sowohl in Konzerten als auch auf Alben beständig erweitert und vertieft.

Die primäre Inspirationsquelle ist jedoch immer noch das Werk von Andrej Tarkowskij, über den Ingmar Bergman einmal sagte: "Er bewegt sich mit solcher Natürlichkeit im Raum der Träume." Das nach dem russischen Filmemacher benannte Quartett hat eine ganz eigene assoziative Traumsprache geformt. Auf "Nuit blanche" loten die Musiker die Texturen von Träumen und Erinnerungen aus, während sie gleichzeitig weiterhin versteckt auf Tarkowskij verweisen. Der 1986 verstorbene Filmemacher wäre am 4. April 85 Jahre alt geworden.

Anspielend auf einen Komponisten, den der Regisseur hörte, als er seinen Film "Stalker" drehte, integriert das Quartett eine dämmrige Interpretation von Vivaldis "Cum dederit delectis suis somnum" aus dem Opus "Nisi Dominus". Das Ensemble greift auch auf ein Arrangement eines Stückes aus dem 16. Jahrhundert zurück, dessen Urheber unbekannt ist.

Anja Lechner war auf das Manuskript gestoßen, als sie die Partituren und Notenbücher ihrer Großeltern, die beide Musiker gewesen sind, durchstöberte. Die Bandbreite des neuen Albums ist enorm und die kreative Originalität des Tarkovsky Quartet ist stets offenkundig, ganz gleich, ob es moderne Kompositionen, improvisierte Kammermusik oder Barockmusik spielt.

Im Begleittext schreibt die bekannte Journalistin Carolin Emcke: "Was das Tarkovsky Quartet so einzigartig macht (und darin einmal mehr der ästhetischen Sprache des Regisseurs Andrej Tarkowskij verwandt), ist die besondere Gabe musikalische Imagination geradezu haptisch erfahrbar zu machen. So wie man bei Tarkowskijs Filmen meint, die Textur der Elemente (Regen, Kohlefeuer, Marsch) fühlen zu können, so erscheint einem bei ‘Nuit blanche’ die Textur des Klangs deutlicher denn je. Man meint hineingreifen, die Instrumente und ihre Materialität anfassen zu können und so erhält die musikalische Vorstellungskraft noch eine andere Tiefenschärfe."

Das Tarkovsky Quartet entstand, nachdem Couturier die deutsche Cellistin Anja Lechner eingeladen hatte, sich ihm und seinen oftmaligen Spielpartnern Jean-Marc Larché und Jean-Louis Matinier anzuschließen.

Nach dem gemeinsamen Debütalbum trat das Ensemble 2006 beim Bergamo Festival erstmals live auf. Bei Konzerten arbeitet das Tarkovsky Quartet häufig mit Andrej Tarkowskij Jr. zusammen, dessen Video-Projektionen die traumähnliche Qualität der Musik verstärken.

Neben den drei Alben mit dem Tarkovsky Quartet spielte François Couturier 2008 zudem das introspektive Piano-Soloalbum "Un jour si blanc" ein, das ursprünglich als Teil des Tarkowskij-Zyklus konzipiert war. "Was mich bei Tarkowskijs Filmen am meisten anrührt", hat Couturier einmal gesagt, "ist ihre Stille und Langsamkeit. Das sind oft auch Charakteristika der ECM-Ästhetik..."

Das Tarkovsky Quartet wird sein neues Album am 29. April bei der "ECM-Label-Nacht" im Sendesaal Bremen live vorstellen.


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06.04.2017
Dominic Miller

ECM-Debüt von Sting-Gitarrist Dominic Miller - Gitarrenmusik mit internationalem Flair

Auf dem Album "Silent Light", das auf CD und Vinyl erscheint, stellt Dominic Miller sein (nicht immer stilles) musikalisches Licht keineswegs unter den Scheffel.

Dominic Miller, ECM-Debüt von Sting-Gitarrist Dominic Miller - Gitarrenmusik mit internationalem Flair © Steven Haberland/ECM Records

Dass Dominic Millers "Silent Light" ein so internationales Flair ausstrahlt, sollte einen nicht wundern. Geboren wurde der Gitarrist als Sohn eines US-Amerikaners und einer Irin in Argentinien, wuchs ab seinem zehnten Lebensjahr aber in den Staaten auf und studierte dann an der renommierten Guildhall School of Music in London. Mittlerweile lebt der musikalische Globetrotter, der auch Stunden bei der brasilianischen Gitarren-Legende Sebastião Tapajós nahm, in Frankreich. "Silent Light" reflektiert all diese Lebensstationen Dominic Millers: In Stücken wie "Baden" (ein Tribut an den brasilianischen Gitarristen und Komponisten Baden Powell) gibt es starke lateinamerikanische Einflüsse, während  "Le Pont" die Pariser Luft des frühen 20. Jahrhunderts zu atmen scheint, "Valium" an keltische Stücke im Stil von Bert Jansch erinnert und "Fields Of Gold" eine gedämpfte Instrumentalversion von einer der bekanntesten Sting-Balladen ist. In dessen Band ist Miller seit über 20 Jahren nicht nur Gitarrist, sondern auch des Leaders rechte Hand.

Gemeinsam schrieben sie zudem den Welthit "Shape Of My Heart". Darüber hinaus arbeitete Miller mit den Chieftains, Plácido Domingo und Paul Simon zusammen. Letzterer lobt Miller im Booklet von "Silent Light" für seinen "wunderbaren Anschlag hat, der mit Aromen von Jazz und englischer Folkmusik gewürzt ist".

In seinen eigenen Anmerkungen im Booklet erinnert sich Miller, wie er sich mit seinem Produzenten Manfred Eicher über zwei ECM-Künstler unterhielt, die ihn musikalisch entscheidend beeinflusst haben: Egberto Gismonti und Pat Metheny. An dem einen fasziniert ihn, wie er seinen "ungeschliffenen" Ansatz mit "klassischen Obertönen" zu kombinieren versteht, an dem anderen die eher "Groove-orientierten" Stimmungen und das "Americana-Feeling" seiner Musik. An Methenys akustische Ausflüge erinnern auf "Silent Lights" Stücke wie "Angels" und "Tisane", während die Duo-Nummern mit dem Perkussionisten Miles Bould von dem Album "Duas Vozes" inspiriert zu sein scheinen, das Gismonti einst mit dem vor kurzem verstorbenen Naná Vasconcelos aufnahm. Bei Stücken wie dem synkopierten "Baden", dem nachdenklichen Opener "What You Didn’t Say", dem stimmungsvollen "Water" und dem nach einem Schachzug betitelten "En Passant" komplementiert Bould Millers Gitarre mit subtilen Rhythmen und Texturen. Grooviger wird es in "Chaos Theory", dem einzigen Stück des ansonsten live im Studio  aufgenommenen Albums, bei dem Miller mit Overdubs (einer zweiten Gitarre und des Basses) arbeitet, während Bould Schlagzeug spielt. "Wir haben uns einfach in der Art, wie es die brasilianische Band Azymuth tun würde, mit dem Beat vergnügt", verrät Miller. Die Gitarrensolostücke sind wiederum überwiegend gedämpft und intim. Auf die kompositorische Handschrift des Gitarristen hat natürlich auch die lange, intensive Zusammenarbeit mit Sting abgefärbt. "Ich versuche mit meiner Instrumentalmusik, die ich wie Songs behandle und arrangiere, eine ähnliche Narrative zu erschaffen, mit Strophen, Refrains und Überleitungen”, sagt Miller. “Wenn Dominic Gitarre spielt", meldet sich Sting höchstpersönlich zu Wort, “erschafft er Farben, ein komplettes Spektrum an Emotionen, eine klangliche Architektur, die sowohl auf Stille als auch auf Echo aufbaut. Er hebt die Stimmung in andere Höhen.”

Betitelt ist das Album nach dem gleichnamigen Film des mexikanischen Regisseurs Carlos Reygadas, dessen Arbeit auch ein Katalysator für die Aura von Einfachheit, Klarheit und Reinheit war, die dieses Album umgibt. "Seine Verwendung von Stille, Licht und Raum hat mich fasziniert", erläutert der Gitarrist. "Manchmal verstreichen Minuten ohne Bewegung oder Dialog, was ich sehr mutig und inspirierend fand."


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23.03.2017
Louis Sclavis

Louis Sclavis, Dominique Pifarély & Vincent Courtois - neues Trio mit beachtlicher Vorgeschichte

Seit Jahrzehnten gehören Louis Sclavis, Dominique Pifarély und Vincent Courtois zur Speerspitze der französischen Improvisationsszene. Mit "Asian Fields Variation" legen sie nun ihr erstes Album als Trio vor.

Louis Sclavis, Louis Sclavis, Dominique Pifarély & Vincent Courtois - neues Trio mit beachtlicher Vorgeschichte © Luc Jennepin / ECM

Im Laufe der letzten Jahrzehnte haben Klarinettist Louis Sclavis, Violinist Dominique Pifarély und Cellist Vincent Courtois zwar schon in den unterschiedlichsten Konstellationen mit einander gespielt. Aber "Asian Fields Variation" ist tatsächlich die erste Aufnahme, die diese Musiker als Trio gemacht haben. Obwohl das Projekt von Sclavis ins Leben gerufen wurde, legt er Wert auf die Feststellung, dass es sich bei dem Trio um eine demokratische Gruppe von kreativ Gleichberechtigten handelt: "Ich schlug vor, wie ein richtiges Kollektiv zu arbeiten, in dem jeder Kompositionen zum Programm beisteuert." Für eine "neue" Band kann das Trio eine beachtliche Vorgeschichte vorweisen: Mit Pifarély hat Sclavis in den letzten 35 Jahren bereits in diversen Kontexten zusammengespielt, mit Courtois arbeitet er immerhin auch schon seit 20 Jahren zusammen. Aber wie "Asian Fields Variation" zeigt, haben sie sich die Fähigkeit bewahrt, sich gegenseitig - und auch ihre Hörer - immer noch improvisatorisch zu überraschen. Entscheidende Qualitäten sind dabei stete Wachsamkeit und Frische. "Wir greifen auch auf eine Menge unterschiedlicher Spielerfahrungen zurück", meint Sclavis. "Und diese Erfahrungen spiegeln sich in dem, was wir schreiben und spielen, wider. Wir bringen kontinuierlich neue Sachen in dieses Projekt ein und dringen zudem immer mehr in die Tiefe vor."

Die Besetzung mit Klarinette, Violine und Cello mag auf den ersten Blick ein Indiz für eine eher kammermusikalische Orientierung sein. Aber laut Sclavis ist das nur ein Teil der Geschichte des Trios: "So wie ich es in der Vergangenheit schon oft gemacht habe, schreibe ich speziell für die involvierten Musiker. Ich stelle mir simple Fragen: Wo liegen Dominiques Stärken? Welche Vorlieben hat er? Und Vincent? Und was ist mit mir? Was spiele ich am liebsten? Diese Überlegungen sind dann die Ausgangspunkte." Jeder dieser Musiker hat seine eigene kompositorische Handschrift, wobei die Stücke von Dominique Pifarély vielleicht die am striktesten "durchkomponierten" sind. Die Balance zwischen Komposition und Improvisation wurde, wie Sclavis anmerkt, im Laufe der Aufnahmesession adjustiert.

Sclavis (1953 in Lyon geboren) lernte Pifarély (der 1957 in Bègles zur Welt kam) in der Band des Bassisten Didier Levallet kennen. "Das Zusammenspiel mit Dominique war auf Anhieb sehr gut, und so lud ich ihn 1987 dazu ein, sich meiner Band für die Aufnahme von 'Chine' anzuschließen." Dem folgte prompt ein Album mit dem Sclavis/Pifarély Acoustic Quartet für ECM. "Alles in allem muss ich mit Dominique wohl schon in rund fünfzehn verschiedenen Formationen und Projekten zusammengespielt haben", meint Sclavis. Darunter befand sich auch das in den Mittneunzigern aufgenommene ECM-Album "Les Violences de Rameau", auf dem sie in mitreißender Weise Musik spielten, die von Werken des Barockkomponisten Jean-Philippe Rameau inspiriert war.

Vincent Courtois (1968 in Paris geboren) arbeitete in den späten 1990ern das erste Mal mit Sclavis bei einem Theatermusik-Projekt zusammen. "Vincents Spiel sprach mich emotional sehr an und wir hatten zudem eine starke musikalische Verbindung", erinnert sich Sclavis. Courtois stieß gerade rechtzeitig zu Sclavis' Band, um mit ihr 1999 das Album "L'affrontement des Prétendants" einzuspielen. 2002 konnte man ihn dann auf "Napoli’s Walls" hören. Auf der 2000 entstandenen Aufnahme "Dans la Nuit", mit von Sclavis komponierter Musik für den gleichnamigen Stummfilm von Charles Vanel, erschienen Louis, Dominique und Vincent erstmals gemeinsam auf einem Album. Komplettiert wurde das Ensemble damals durch den Akkordeonspieler Jean-Louis Matinier und den Perkussionisten François Merville. Mit dem Projekt absolvierten sie ausgedehnte Tourneen. "In gewisser Hinsicht war es damals das Gegenteil von dem, was wir heute machen, weil die Musik zu den Bildern passen musste und wir jede Nacht versuchten, exakt dasselbe zu spielen. Aber es half uns dabei, gemeinsam einen Klang zu entwickeln, und es war auch sehr gut für unsere Präzision und Disziplin."

Die ersten Auftritte im Trio machten Sclavis, Pifarély und Courtois - "vor fünfzehn oder sechzehn Jahren" - bei Tourneen durch Afrika und Südamerika. Nachdem sich ihre Wege in den folgenden Jahren wiederholt gekreuzt hatten (Pifarély und Courtois waren an diversen Projekten von Sclavis beteiligt, traten aber auch oft als Duo auf, während Sclavis wiederum in Bands von Courtois gastierte), taten sich die drei Musiker 2013 für ein Projekt mit der japanischen Pianistin Aki Takase zusammen. Als reines Trio traten sie dann im März 2015 mit einem Programm neuer Kompositionen beim A Vaulx Jazz Festival nahe Lyon auf. Mit dem Repertoire von "Asian Fields Variation" werden sie nun im kommenden Sommer bei einigen internationalen Jazzfestivals zu hören sein.


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24.02.2017
Julia Hülsmann

Drittes Trio-Album auf ECM - Julia Hülsmann zeigt sich von ihrer rhythmischen Seite

Nach Alben mit Tom Arthurs und Theo Bleckmann ist das Julia Hülsmann Trio für "Sooner And Later" erstmals seit 2011 wieder alleine ins Aufnahmestudio gegangen.

Julia Hülsmann, Drittes Trio-Album auf ECM - Julia Hülsmann zeigt sich von ihrer rhythmischen Seite © Arne Reimer / ECM Records

Mit einem reinen Trio-Album, "End Of Summer", debütierte Julia Hülsmann 2008 bei ECM. Drei Jahre später legte sie mit "Imprint" eine weitere Einspielung im selben Format vor, die damals von John Kelman bei All About Jazz als eine der besten Klavier-Trio-Aufnahmen des Jahres gefeiert wurde. Und nun folgt mit "Sooner And Later" der dritte Trio-Streich mit Bassist Marc Muellbauer und Schlagzeuger Heinrich Köbberling. Das Album, so die Berliner Pianistin, ist "ein Produkt der letzten zwei, drei Jahre" und enthält einige Kompositionen, die schon länger zum Live-Repertoire des Trios gehören, "wo sie sich auf ganz organische Weise immer weiter entwickeln konnten". In dieser Zeit spielte Julia Hülsmann für ECM die beiden Alben "In Full View" (2013) und "A Clear Midnight - Kurt Weill And America" (2015) ein. Ihr Ensemble hatte sie dafür durch den britischen Trompeter Tom Arthurs zum Quartett erweitert, zu dem sich auf dem letztgenannten Album als Gast auch noch der Sänger Theo Bleckmann gesellte.

Mit ihrem Trio unternahm die Pianistin parallel immer wieder weite Reisen. Eine vom Goethe-Institut organisierte Tournee führte sie letztes Jahr durch Turkmenistan, Kasachstan und Kirgisistan. "Auf Reisen gewinnt man ja ohnehin häufig neue Perspektiven", meint Julia Hülsmann, "und auch unter langjährigen Vertrauten erlebt man sich gegenseitig nochmal anders. Das hat uns geholfen, musikalisch nochmal auf eine neue Ebene zu kommen." Die Reise nach Zentralasien findet auf dem neuen Album Niederschlag in Form des Stücks "Biz Joluktuk" - es geht zurück auf eine Melodie, die Julia Hülsmann während eines Konzerts in Kirgisien von einer 12-jährigen Geigerin gehört hatte und danach mit neuen Harmonien versah. Eine besondere Entstehungsgeschichte weist auch "Thatpujai" auf, eine Hommage an Jutta Hipp. Das Thema ist aus Phrasen zusammengesetzt, die Hülsmann aus Soli der 2003 gestorbenen Pianistin herausfilterte.

Wie stets steuerten aber auch ihre langjährigen Trio-Partner eigene Kompositionen zum Repertoire bei. "Heinrichs Stücke beginnen, ganz so wie man es bei einem Schlagzeuger ja auch erwarten würde, meist auf einer rhythmischen Ebene, aber er überrascht mich dann immer mit seinen sehr freundlichen Melodien und bringt ganz bestimmte harmonische Farben bei uns ins Spiel”, erklärt Julia Hülsmann. "Marcs Kompositionen beruhen meist auf einer ziemlich komplexen, sehr ausgezirkelten Harmonik - aber wenn man sie dann spielt, offenbart sich eine ganz große Klarheit und Selbstverständlichkeit"  Abgerundet wird das Programm von einer jener für dieses Trio typischen Coverversionen: diesmal knüpfte man sich “All I Need" von der britischen Rockband Radiohead vor. "Ich fühle mich immer wieder von Stücken angezogen, die zunächst simpel und prägnant wirken, aber unter der Oberfläche eine spezielle Raffinesse haben", verrät die Pianistin. "All I Need" ist wie die Hülsmann-Kompositionen "J.J.", "Soon" und "Mond" mit ihrer zum Teil an Club-Grooves erinnernden Motorik eines jener Stücke, mit denen die Gruppe "bewusst einmal die rhythmisch prägnante Seite unserer Musik in den Vordergrund stellen" wollte. Im März startet das Julia Hülsmann Trio mit dem Programm von "Sooner And Later" eine ausgedehnte Tournee durch Deutschland.

Julia Hülsmann Trio "Sooner And Later"-Tournee 2017:

20.03.2017 Magdeburg, tba (Trio)

22.03.2017 Köln, Pfandhaus (Trio)

24.03.2017 Bad Kreuznach, Jazzclub (Trio)

25.03.2017 Altenburg, Schloss (Trio)

29.03.2017 CH-Basel, Birdseye Jazzclub (Trio)

31.03.2017 F-Avignon, Jazzclub (Trio)

04.04.2017 Garmisch-Partenkirchen, R.-Strauss-Institut (Trio)

06.04.2017 München, Jazzclub Unterfahrt (Trio)

07.04.2017 Passau, Café Museum (Trio)

08.04.2017 Dresden, Jazzclub Tonne (Trio)

09.04.2017 Schloss Neuhardenberg (Trio)

29.04.2017 Bremen, Jazzahead – German Jazz Expo (Trio)

30.04.2017 Kiel, Kulturforum (Trio)

18.05.2017 Heilbronn, Cave 61 (Trio)

19.05.2017 Stuttgart, BIX Jazzclub (Trio)

15.10.2017 Rottenburg a.N., Zehntscheuer (Trio)

 


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02.02.2017
Ralph Towner

Ralph Towner - Amalgam aus Bill Evans, brasilianischer Musik und klassischer Gitarre

Erstmals in zehn Jahren legt der Gitarrist Ralph Towner mit "My Foolish Heart" bei ECM wieder eines seiner faszinierenden autobiographischen Soloalben vor.

Ralph Towner, Ralph Towner - Amalgam aus Bill Evans, brasilianischer Musik und klassischer Gitarre © Caterina di Perri / ECM Records

In der umfangreichen Diskographie des Gitarristen Ralph Towner nehmen Soloaufnahmen einen besonderen Platz ein. Die erste, die er 1973 bei ECM Records veröffentlichte, trug den programmatischen Titel "Diary". Auch die folgenden Soloeinspielungen (die Liste umfasst "Solo Concert", "Ana", "Anthem" und "Time Line") hatten einen entschieden autobiographischen, tagebuchähnlichen Charakter. Diese Alben offenbarten stets am deutlichsten, von welchen Haupteinflüssen Towners Musik durchdrungen ist. Nun legt er mit "My Foolish Heart" erstmals in zehn Jahren wieder ein solches Album vor.

"'My Foolish Heart', der Titelsong dieses Albums, übte einen immensen Einfluss auf mein musikalisches Leben und das vieler Kollegen in der Welt des Jazz und der Improvisation aus", teilt Towner im Begleittext zu der CD mit. "Die bahnbrechende Version von Bill Evans, Scott LaFaro und Paul Motian brachte mich auf die Idee zu versuchen, die Magie dieses Trios bei meinen eigenen Versuchen auf dem Klavier einzufangen, und später auch auf der klassischen Gitarre, als diese mein Hauptinstrument wurde. Ich wollte unbedingt wissen, wie es war, sich in einem solchen ehrerbietigen musikalischen Raum zu bewegen. Jetzt, viele Jahre später, fasste ich den Entschluss, diesem Song wieder einen Besuch abzustatten und ihn zusammen mit einer Auswahl meiner eigenen Stücke zu präsentieren. Ich hoffe, dass die Inspiration, die ich aus der ersten Begegnung mit dem Stück schöpfte, in all der Musik reflektiert wird, die ich spiele."

Die Herausforderung war, wie Towner einmal erklärte, "die Interaktionen eines kleinen Ensembles auf die Gitarre selbst zu übertragen". In seinem Werk laufen drei Linien von Einflüssen zusammen: Evans' Auffassung von Jazz, brasilianische Musik - Towners Haupteinfluss in den 1960er Jahren - und die klassische Gitarre. "Im Laufe der Jahre adaptierte ich jeden dieser Einflüsse auf meine Art. Ich abstrahierte und modifizierte sie, bis die Quellen nicht mehr länger erkennbar waren, und ich fand so, fast ohne es zu bemerken, zu einer ganz eigenen Ausdrucksweise." Erweitert hat er sein eigenes Idiom noch durch das Spiel auf einer zwölfsaitigen Gitarre. Auf ihr unternimmt er Experimente mit unterschiedlichen Stimmungen und erzeugt so eine evokative Klangfülle und Atmosphäre. Auf dem neuen Album setzt er die zwölfsaitige Gitarre in dem mysteriösen "Clarion Call" und der schwebenden Miniatur "Biding Time" ein.

Ein weiteres hervorstechendes Stück ist "Blue As In Bley", eine einfühlsame Hommage an den Pianisten Paul Bley, der einen Monat, bevor Towner diese Session machte, starb. Towners Spielweise, sowohl auf der klassischen als auch der zwölfsaitigen Gitarre, ist sofort identifizierbar. "Niemand spielt Gitarre wie Ralph Towner", bemerkte sein Instrumentalkollege Scott Nygaard einmal. "Dass seine Kompositionen oft 'klassisch' klingen (sie kombinieren eine Neigung für barocke Stimmführung, Strawinskianische Harmonien und ungerade Taktarten mit seinem eigenen, ausgeprägten Sinn für Melodie) liegt primär daran, dass jedes Stück organisch und elegant aus einer Grundidee erwächst." Towners Formgefühl war schon immer eine seiner Stärken. Das unterstreichen hier "Shard" und "Rewind", zwei ältere Kompositionen aus dem frühen Oregon-Repertoire.


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13.01.2017
Various Artists

Joe Henderson - Universalgenie am Tenorsax

Joe Henderson, Joe Henderson - Universalgenie am Tenorsax

"Vielleicht hat Gott gedacht: 'Wenn ich ihm den Erfolg zu früh gebe, wird er ihm zu Kopf steigen'", beantwortete Joe Henderson 1994 verschmitzt die Frage eines Journalisten, weshalb er wohl erst so spät die ihm gebührende Anerkennung gefunden habe. Der Saxophonist war damals 57 Jahre alt geworden und genoss bei Verve Records mit Songbook-Alben wie "Lush Life", "So Near, So Far" und "Double Rainbow" gerade einen überraschenden zweiten Karrierefrühling.

Doch Gott hätte es eigentlich besser wissen sollen. Denn zu Kopf gestiegen waren Henderson, der in einer Familie mit fünf Schwestern und neun Brüdern aufgewachsen war, die Erfolge in seiner Karriere nie. Eine Rolle bei der verspäteten Anerkennung dürfte eher gespielt haben, dass er die Szene betrat, als andere moderne Tenorsaxophonisten wie John Coltrane, Sonny Rollins, Sonny Stitt und Wayne Shorter bereits im Zenit standen und ihn schlichtweg noch ein wenig überstrahlten. Als Tenorist mit einem eigenen Stil machte er trotzdem gleich Eindruck und wurde vor allem auch von seinen Kollegen hochgeschätzt.

Hendersons Karriere als Plattenkünstler lässt sich grob in drei Phasen aufteilen. In den 1960er Jahre wirkte er an bahnbrechenden Blue-Note-Alben von u.a. Kenny Dorham ("Una Mas"), Grant Green ("Idle Moments"), Lee Morgan ("The Sidewinder"), Horace Silver ("Song For My Father") und Freddie Hubbard ("Blue Spirits") mit und machte sich durch eigene Aufnahmen für das Label, aber auch für Verve und Milestone einen guten Namen. In der Zeit von 1970 bis Anfang der 1990er Jahre spielte er zwar eine Reihe exzellenter Soloalben mit namhaften Partnern wie Chick Corea, Ron Carter, Tony Williams, Peter Erskine, Billy Higgins, Charlie Haden, Al Foster, Joachim Kühn und Jack DeJohnette ein, segelte aber unverständlicherweise fast immer unter dem Radar des breiteren Jazzpublikums hindurch.

Die letzte Phase begann schließlich 1992 mit dem erstaunlichen Comeback bei Verve. Auf den fünf Alben, die Henderson bis 1998 für das Label aufnahm, zeigte er noch einmal all seine Facetten und erntete dafür neben vier Grammys endlich auch beim Publikum die Anerkennung als Universalgenie am Tenorsaxophon. In der preiswerten Box "5 Original Albums" werden nun fünf von Hendersons insgesamt sieben Blue-Note-Alben wiederveröffentlicht: drei aus den 1960er Jahren und die beiden Folgen von "The State Of The Tenor" aus dem Jahr 1986. Ausgestattet ist die Box mit dem Original-LP-Artwork, Stecktaschen-CDs und einem attraktiven Schuber.

Joe Henderson, Joe Henderson Our Thing

Our Thing (1964)

Dem Trompeter Kenny Dorham hatte Joe Henderson es zu verdanken, dass er 1963 seinen ersten Plattenvertrag bei Blue Note erhielt. Und er spielte auch eine prominente Rolle auf den ersten drei Soloalben des Saxophonisten. In klassischer Hard-Bop-Besetzung entstand 1963 das Album "Our Thing", zu dem Dorham drei Kompositionen beisteuerte, während der Opener "Teeter Totter" und das Titelstück auf Hendersons Konto gingen. Die Rhythmusgruppe hinter den beiden traumhaft harmonierenden Bläsern bildeten Pianist Andrew Hill, Bassist Eddie Khan und Drummer Pete La Roca.

Joe Henderson, Joe Henderson inn out

In 'n Out (1965)

Dass die Musik des Albums "In 'n Out" 1964 einen deutlich "coltranesken" Einschlag erhielt, lag nicht etwa daran, dass Joe Henderson plötzlich versuchte, seinen großen Kollegen zu kopieren. Der Einfluss war vielmehr auf McCoy Tyner und Elvin Jones zurückzuführen, die damals noch feste Mitglieder des legendären John Coltrane Quartet waren. Beide verliehen der Musik von "In 'n Out" oft deutlich mehr Biss und Aggressivität: der Pianist mit den für ihn typischen sperrigen Blockakkorden und der Schlagzeuger mit seinen komplexen, hart pulsierenden Rhythmen. Kongenial ergänzt wurden sie von Bassist Richard Davis. Mit von der Partie war auch erneut Kenny Dorham.

Joe Henderson, Joe Henderson Inner Urge

Inner Urge (1966)

"Inner Urge" war das erste Soloalbum, das Henderson ohne seinen Mentor Kenny Dorham aufnahm. Statt ihn durch einen anderen Trompeter zu ersetzen, machte Henderson die Session in Rudy Van Gelders Tonstudio im Quartett mit Tyner, Jones und Bassist Bob Cranshaw. Der "innere Drang", der dem Album seinen Titel gab, trieb Henderson zu einer absoluten Höchstleistung an. Nur neun Tage später sollte am selben Ort auch Coltrane seinem inneren Drang folgen und mit Tyner, Jones sowie Bassist Jimmy Garrison ein ebenfalls besonders leidenschaftliches Album einspielen: "A Love Supreme".

Joe Henderson, Joe Henderson The State Of Tenor

The State Of The Tenor Vol. 1 & 2 (1986)

Die beiden Alben, die im November 1985 live im Village Vanguard aufgezeichnet wurden, markierten die (allerdings nur kurzfristige) Rückkehr zu dem Label, bei dem Henderson 1963 seine Solokarriere begann. Im Trio mit Bassist Ron Carter und Schlagzeuger Al Foster zollt der Tenorsaxophonist hier seinem Freund und Kollegen Sonny Rollins Tribut, mit einem farbenprächtigen und abwechslungsreichen Repertoire, das neben Eigenkompositionen und ein paar Standards auch Stücke von Sam Rivers, Thelonious Monk, Duke Ellington, Charlie Parker, Charles Mingus und Horace Silver enthält.


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News

12.01.2017
John Abercrombie

Subtilität gepaart mit Power - das zweite Album des John Abercrombie Quartet

Auf "Up And Coming" setzt der Gitarrist John Abercrombie die ergiebige Zusammenarbeit mit dem Quartett fort, mit dem er 2013 "39 Steps" einspielte.

John Abercrombie, Subtilität gepaart mit Power - das zweite Album des John Abercrombie Quartet © Bart Babinski / ECM Records

"Zwei Harmonieinstrumente in einer Band geraten sich normalerweise leicht ins Gehege", merkte Rolf Thomas damals in einer Rezension von "39 Steps" in Jazzthetik an, "aber bei zwei absoluten Meistern ihres Fachs wie Abercrombie und Copland ist das natürlich kein Problem. Sie umgarnen sich in wunderbarer Weise und passen so gut zueinander, weil beide einen charakteristisch zurückhaltenden Ton bevorzugen." Auch auf "Up And Coming" dominieren wieder lyrische Melodien sowie harmonische und rhythmische Subtilität. Doch diesmal liegt der Schwerpunkt noch mehr auf den songmäßigen Qualitäten des Materials. Abercrombies flüssige Phrasierung und sein leuchtender Ton beleben neben fünf Originalen des Gitarristen auch zwei Stücke aus der Feder des Pianisten Marc Copland sowie eine Interpretation des Miles-Davis-Klassikers "Nardis", die den Geist von Bill Evans atmet. Bassist Drew Gress und Schlagzeuger Joey Baron erweisen sich erneut als gleichermaßen geschmeidige wie kraftvolle Begleiter.

Wie schon bei den Aufnahmen für "39 Steps" traf das Quartett auch für die Einspielung von "Up And Coming" in den New Yorker Avatar Studios mit Produzent Manfred Eicher zusammen. Wie entspannt und kongenial die Sessions verliefen, unterstreichen frei fließende, schillernde Stücke wie "Joy" und "Sunday School". "Es wurde nicht nur viel gespielt, sondern auch viel zugehört", sagt Abercrombie. "Die Mitglieder des Quartetts kennen sich alle seit langem. Und auch mit Manfred arbeite ich schon seit einer halben Ewigkeit - seit 1974 - eng im Studio zusammen, so dass wir nicht viele Worte brauchen. Wir können einfach tun, was wir tun."

Abercrombies Freundschaft mit Copland reicht noch weiter zurück als die Verbindung, die der Gitarrist zu ECM hat. Sie begann, als sie in den frühen 1970er Jahren zusammen in der Band von Chico Hamilton spielten.

"Als wir uns kennenlernten, spielte Marc noch Altsaxophon - er hatte noch nicht entschieden, sich auf das Klavier zu konzentrieren", erinnert sich der Gitarrist. "Als Musiker waren wir uns immer ähnlich. Mir gefällt sein Anschlag auf dem Klavier - er ist geschmeidig und vermischt sich mit meinem Sound, ist eher flüssig als perkussiv. Er schwebt über Taktstriche und abstrakte Dinge hinweg, respektiert dabei aber die Form. Und seine Haupteinflüsse - Bill Evans, Paul Bley - liegen mir auch sehr. Er spielt außerdem nie einfach nur das, was ich notiere. Er erweitert Melodien, verbessert sie, fügt "Coplandismen" hinzu, Dinge, die ich mag, die mir selbst aber nie einfallen würden." Für "Up And Coming" schrieb der Pianist das dunkelgefärbte "Tears" und das bezaubernde "Silver Circle". "Marc ist ein interessanter Komponist, der auf eine andere Art schreibt als ich", meint Abercrombie, "es ist immer ein netter Kontrast. Seine Kompositionen sind auf gewisse Weise sehr viel klassischer orientiert, weisen oft Polychords auf, aber ohne zu dicht zu klingen."

Joey Baron lernte Abercrombie in den späten 1970er kennen, als der junge, aufstrebende Musiker bei einem Gig des Gitarristen im Lighthouse in Hermosa Beach/Kalifornien dessen regulären Schlagzeuger ersetzte.

"Joey hat es immer schon geschafft, auf Teufel komm raus zu swingen", sagt Abercrombie, "ganz gleich, ob er mit Carmen McRae oder John Zorn spielte." Drew Gress bildete mit Baron erstmals 2011 ein Rhythmusgespann, als Abercrombie mit seinem Quartett (dem auch noch Saxophonist Joe Lovano angehörte) "Within A Song" für ECM aufnahm. "Joey und Drew sind zusammen einfach so gut, mit ihrer lockeren, aber rhythmisch akkuraten Spielweise", fährt der Gitarrist fort. "Und weil Joey - der unser Anker ist - alles zusammenhält, kann Drew etwas mehr riskieren, so wie er es mag."


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News

11.11.2016
Snarky Puppy

Himmlischer Jazz - Bill Laurance "Live At Union Chapel"

Der Brite Bill Laurance ist nicht nur Snarky-Puppy-Gründungsmitglied, sondern als Piano- und Keyboard-Wizard für den Sound des Ensembles auch eminent wichtig. Im März diesen Jahres trat er mit dem Fusion-Soloalbum "Aftersun" ins Rampenlicht, jetzt beweist sein brandneues Album "Live At Union Chapel" noch eindrücklicher, mit was für einem Ausnahmetalent man es bei Laurance zu tun hat. Ein geradezu überwältigender, perlender, melodischer Rausch aus Jazz- und Fusionklängen stürmt da auf den Hörer ein.

Mit dem in der berühmten Londoner Kirche vor einem Publikum von mehreren Hundert aufgezeichneten Konzert hat sich Bill Laurance nach eigener Aussage "einen Lebenstraum" erfüllt. Zusammen mit seinen Snarky-Puppy-Bandkollegen und Freunden Michael League (bass) und Robert "Sput" Searight (drums), sowie Katie Christie (French Horn), Felix Higginbottom (percussion) und einem Trio aus den drei Streicherinnen Annie Tangberg (Cello), Isabella Petersen (Viola) und Vera Van Der Bie (Violin), erschafft er einen Klang, der oft orchestrale Dimensionen erreicht. Und das obwohl keinerlei Overdubs oder Postproduction zum Einsatz kamen.

"Jazz Maestro" nennt The Guardian Bill Laurance, wer "Live At Union Chapel" gehört hat, unterschreibt diese Einschätzung sofort. Das Digitalalbum ist u.a. bei iTunes und Amazon Digital erhältlich.

Bill Laurance live in Deutschland und der Schweiz 2017:

  • 21. März 2017 Privatclub - Berlin
  • 22. März 2017 Zeche Carl - Essen
  • 23. März 2017 Tempel - Karlsruhe
  • 24. März 2017 Moods - CH-Zürich
  • 25. März 2017 Bix - Stuttgart

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