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02.02.2017
Ralph Towner

Ralph Towner - Amalgam aus Bill Evans, brasilianischer Musik und klassischer Gitarre

Erstmals in zehn Jahren legt der Gitarrist Ralph Towner mit "My Foolish Heart" bei ECM wieder eines seiner faszinierenden autobiographischen Soloalben vor.

Ralph Towner, Ralph Towner - Amalgam aus Bill Evans, brasilianischer Musik und klassischer Gitarre © Caterina di Perri / ECM Records

In der umfangreichen Diskographie des Gitarristen Ralph Towner nehmen Soloaufnahmen einen besonderen Platz ein. Die erste, die er 1973 bei ECM Records veröffentlichte, trug den programmatischen Titel "Diary". Auch die folgenden Soloeinspielungen (die Liste umfasst "Solo Concert", "Ana", "Anthem" und "Time Line") hatten einen entschieden autobiographischen, tagebuchähnlichen Charakter. Diese Alben offenbarten stets am deutlichsten, von welchen Haupteinflüssen Towners Musik durchdrungen ist. Nun legt er mit "My Foolish Heart" erstmals in zehn Jahren wieder ein solches Album vor.

"'My Foolish Heart', der Titelsong dieses Albums, übte einen immensen Einfluss auf mein musikalisches Leben und das vieler Kollegen in der Welt des Jazz und der Improvisation aus", teilt Towner im Begleittext zu der CD mit. "Die bahnbrechende Version von Bill Evans, Scott LaFaro und Paul Motian brachte mich auf die Idee zu versuchen, die Magie dieses Trios bei meinen eigenen Versuchen auf dem Klavier einzufangen, und später auch auf der klassischen Gitarre, als diese mein Hauptinstrument wurde. Ich wollte unbedingt wissen, wie es war, sich in einem solchen ehrerbietigen musikalischen Raum zu bewegen. Jetzt, viele Jahre später, fasste ich den Entschluss, diesem Song wieder einen Besuch abzustatten und ihn zusammen mit einer Auswahl meiner eigenen Stücke zu präsentieren. Ich hoffe, dass die Inspiration, die ich aus der ersten Begegnung mit dem Stück schöpfte, in all der Musik reflektiert wird, die ich spiele."

Die Herausforderung war, wie Towner einmal erklärte, "die Interaktionen eines kleinen Ensembles auf die Gitarre selbst zu übertragen". In seinem Werk laufen drei Linien von Einflüssen zusammen: Evans' Auffassung von Jazz, brasilianische Musik - Towners Haupteinfluss in den 1960er Jahren - und die klassische Gitarre. "Im Laufe der Jahre adaptierte ich jeden dieser Einflüsse auf meine Art. Ich abstrahierte und modifizierte sie, bis die Quellen nicht mehr länger erkennbar waren, und ich fand so, fast ohne es zu bemerken, zu einer ganz eigenen Ausdrucksweise." Erweitert hat er sein eigenes Idiom noch durch das Spiel auf einer zwölfsaitigen Gitarre. Auf ihr unternimmt er Experimente mit unterschiedlichen Stimmungen und erzeugt so eine evokative Klangfülle und Atmosphäre. Auf dem neuen Album setzt er die zwölfsaitige Gitarre in dem mysteriösen "Clarion Call" und der schwebenden Miniatur "Biding Time" ein.

Ein weiteres hervorstechendes Stück ist "Blue As In Bley", eine einfühlsame Hommage an den Pianisten Paul Bley, der einen Monat, bevor Towner diese Session machte, starb. Towners Spielweise, sowohl auf der klassischen als auch der zwölfsaitigen Gitarre, ist sofort identifizierbar. "Niemand spielt Gitarre wie Ralph Towner", bemerkte sein Instrumentalkollege Scott Nygaard einmal. "Dass seine Kompositionen oft 'klassisch' klingen (sie kombinieren eine Neigung für barocke Stimmführung, Strawinskianische Harmonien und ungerade Taktarten mit seinem eigenen, ausgeprägten Sinn für Melodie) liegt primär daran, dass jedes Stück organisch und elegant aus einer Grundidee erwächst." Towners Formgefühl war schon immer eine seiner Stärken. Das unterstreichen hier "Shard" und "Rewind", zwei ältere Kompositionen aus dem frühen Oregon-Repertoire.


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13.01.2017
Various Artists

Joe Henderson - Universalgenie am Tenorsax

Joe Henderson, Joe Henderson - Universalgenie am Tenorsax

"Vielleicht hat Gott gedacht: 'Wenn ich ihm den Erfolg zu früh gebe, wird er ihm zu Kopf steigen'", beantwortete Joe Henderson 1994 verschmitzt die Frage eines Journalisten, weshalb er wohl erst so spät die ihm gebührende Anerkennung gefunden habe. Der Saxophonist war damals 57 Jahre alt geworden und genoss bei Verve Records mit Songbook-Alben wie "Lush Life", "So Near, So Far" und "Double Rainbow" gerade einen überraschenden zweiten Karrierefrühling.

Doch Gott hätte es eigentlich besser wissen sollen. Denn zu Kopf gestiegen waren Henderson, der in einer Familie mit fünf Schwestern und neun Brüdern aufgewachsen war, die Erfolge in seiner Karriere nie. Eine Rolle bei der verspäteten Anerkennung dürfte eher gespielt haben, dass er die Szene betrat, als andere moderne Tenorsaxophonisten wie John Coltrane, Sonny Rollins, Sonny Stitt und Wayne Shorter bereits im Zenit standen und ihn schlichtweg noch ein wenig überstrahlten. Als Tenorist mit einem eigenen Stil machte er trotzdem gleich Eindruck und wurde vor allem auch von seinen Kollegen hochgeschätzt.

Hendersons Karriere als Plattenkünstler lässt sich grob in drei Phasen aufteilen. In den 1960er Jahre wirkte er an bahnbrechenden Blue-Note-Alben von u.a. Kenny Dorham ("Una Mas"), Grant Green ("Idle Moments"), Lee Morgan ("The Sidewinder"), Horace Silver ("Song For My Father") und Freddie Hubbard ("Blue Spirits") mit und machte sich durch eigene Aufnahmen für das Label, aber auch für Verve und Milestone einen guten Namen. In der Zeit von 1970 bis Anfang der 1990er Jahre spielte er zwar eine Reihe exzellenter Soloalben mit namhaften Partnern wie Chick Corea, Ron Carter, Tony Williams, Peter Erskine, Billy Higgins, Charlie Haden, Al Foster, Joachim Kühn und Jack DeJohnette ein, segelte aber unverständlicherweise fast immer unter dem Radar des breiteren Jazzpublikums hindurch.

Die letzte Phase begann schließlich 1992 mit dem erstaunlichen Comeback bei Verve. Auf den fünf Alben, die Henderson bis 1998 für das Label aufnahm, zeigte er noch einmal all seine Facetten und erntete dafür neben vier Grammys endlich auch beim Publikum die Anerkennung als Universalgenie am Tenorsaxophon. In der preiswerten Box "5 Original Albums" werden nun fünf von Hendersons insgesamt sieben Blue-Note-Alben wiederveröffentlicht: drei aus den 1960er Jahren und die beiden Folgen von "The State Of The Tenor" aus dem Jahr 1986. Ausgestattet ist die Box mit dem Original-LP-Artwork, Stecktaschen-CDs und einem attraktiven Schuber.

Joe Henderson, Joe Henderson Our Thing

Our Thing (1964)

Dem Trompeter Kenny Dorham hatte Joe Henderson es zu verdanken, dass er 1963 seinen ersten Plattenvertrag bei Blue Note erhielt. Und er spielte auch eine prominente Rolle auf den ersten drei Soloalben des Saxophonisten. In klassischer Hard-Bop-Besetzung entstand 1963 das Album "Our Thing", zu dem Dorham drei Kompositionen beisteuerte, während der Opener "Teeter Totter" und das Titelstück auf Hendersons Konto gingen. Die Rhythmusgruppe hinter den beiden traumhaft harmonierenden Bläsern bildeten Pianist Andrew Hill, Bassist Eddie Khan und Drummer Pete La Roca.

Joe Henderson, Joe Henderson inn out

In 'n Out (1965)

Dass die Musik des Albums "In 'n Out" 1964 einen deutlich "coltranesken" Einschlag erhielt, lag nicht etwa daran, dass Joe Henderson plötzlich versuchte, seinen großen Kollegen zu kopieren. Der Einfluss war vielmehr auf McCoy Tyner und Elvin Jones zurückzuführen, die damals noch feste Mitglieder des legendären John Coltrane Quartet waren. Beide verliehen der Musik von "In 'n Out" oft deutlich mehr Biss und Aggressivität: der Pianist mit den für ihn typischen sperrigen Blockakkorden und der Schlagzeuger mit seinen komplexen, hart pulsierenden Rhythmen. Kongenial ergänzt wurden sie von Bassist Richard Davis. Mit von der Partie war auch erneut Kenny Dorham.

Joe Henderson, Joe Henderson Inner Urge

Inner Urge (1966)

"Inner Urge" war das erste Soloalbum, das Henderson ohne seinen Mentor Kenny Dorham aufnahm. Statt ihn durch einen anderen Trompeter zu ersetzen, machte Henderson die Session in Rudy Van Gelders Tonstudio im Quartett mit Tyner, Jones und Bassist Bob Cranshaw. Der "innere Drang", der dem Album seinen Titel gab, trieb Henderson zu einer absoluten Höchstleistung an. Nur neun Tage später sollte am selben Ort auch Coltrane seinem inneren Drang folgen und mit Tyner, Jones sowie Bassist Jimmy Garrison ein ebenfalls besonders leidenschaftliches Album einspielen: "A Love Supreme".

Joe Henderson, Joe Henderson The State Of Tenor

The State Of The Tenor Vol. 1 & 2 (1986)

Die beiden Alben, die im November 1985 live im Village Vanguard aufgezeichnet wurden, markierten die (allerdings nur kurzfristige) Rückkehr zu dem Label, bei dem Henderson 1963 seine Solokarriere begann. Im Trio mit Bassist Ron Carter und Schlagzeuger Al Foster zollt der Tenorsaxophonist hier seinem Freund und Kollegen Sonny Rollins Tribut, mit einem farbenprächtigen und abwechslungsreichen Repertoire, das neben Eigenkompositionen und ein paar Standards auch Stücke von Sam Rivers, Thelonious Monk, Duke Ellington, Charlie Parker, Charles Mingus und Horace Silver enthält.


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12.01.2017
John Abercrombie

Subtilität gepaart mit Power - das zweite Album des John Abercrombie Quartet

Auf "Up And Coming" setzt der Gitarrist John Abercrombie die ergiebige Zusammenarbeit mit dem Quartett fort, mit dem er 2013 "39 Steps" einspielte.

John Abercrombie, Subtilität gepaart mit Power - das zweite Album des John Abercrombie Quartet © Bart Babinski / ECM Records

"Zwei Harmonieinstrumente in einer Band geraten sich normalerweise leicht ins Gehege", merkte Rolf Thomas damals in einer Rezension von "39 Steps" in Jazzthetik an, "aber bei zwei absoluten Meistern ihres Fachs wie Abercrombie und Copland ist das natürlich kein Problem. Sie umgarnen sich in wunderbarer Weise und passen so gut zueinander, weil beide einen charakteristisch zurückhaltenden Ton bevorzugen." Auch auf "Up And Coming" dominieren wieder lyrische Melodien sowie harmonische und rhythmische Subtilität. Doch diesmal liegt der Schwerpunkt noch mehr auf den songmäßigen Qualitäten des Materials. Abercrombies flüssige Phrasierung und sein leuchtender Ton beleben neben fünf Originalen des Gitarristen auch zwei Stücke aus der Feder des Pianisten Marc Copland sowie eine Interpretation des Miles-Davis-Klassikers "Nardis", die den Geist von Bill Evans atmet. Bassist Drew Gress und Schlagzeuger Joey Baron erweisen sich erneut als gleichermaßen geschmeidige wie kraftvolle Begleiter.

Wie schon bei den Aufnahmen für "39 Steps" traf das Quartett auch für die Einspielung von "Up And Coming" in den New Yorker Avatar Studios mit Produzent Manfred Eicher zusammen. Wie entspannt und kongenial die Sessions verliefen, unterstreichen frei fließende, schillernde Stücke wie "Joy" und "Sunday School". "Es wurde nicht nur viel gespielt, sondern auch viel zugehört", sagt Abercrombie. "Die Mitglieder des Quartetts kennen sich alle seit langem. Und auch mit Manfred arbeite ich schon seit einer halben Ewigkeit - seit 1974 - eng im Studio zusammen, so dass wir nicht viele Worte brauchen. Wir können einfach tun, was wir tun."

Abercrombies Freundschaft mit Copland reicht noch weiter zurück als die Verbindung, die der Gitarrist zu ECM hat. Sie begann, als sie in den frühen 1970er Jahren zusammen in der Band von Chico Hamilton spielten.

"Als wir uns kennenlernten, spielte Marc noch Altsaxophon - er hatte noch nicht entschieden, sich auf das Klavier zu konzentrieren", erinnert sich der Gitarrist. "Als Musiker waren wir uns immer ähnlich. Mir gefällt sein Anschlag auf dem Klavier - er ist geschmeidig und vermischt sich mit meinem Sound, ist eher flüssig als perkussiv. Er schwebt über Taktstriche und abstrakte Dinge hinweg, respektiert dabei aber die Form. Und seine Haupteinflüsse - Bill Evans, Paul Bley - liegen mir auch sehr. Er spielt außerdem nie einfach nur das, was ich notiere. Er erweitert Melodien, verbessert sie, fügt "Coplandismen" hinzu, Dinge, die ich mag, die mir selbst aber nie einfallen würden." Für "Up And Coming" schrieb der Pianist das dunkelgefärbte "Tears" und das bezaubernde "Silver Circle". "Marc ist ein interessanter Komponist, der auf eine andere Art schreibt als ich", meint Abercrombie, "es ist immer ein netter Kontrast. Seine Kompositionen sind auf gewisse Weise sehr viel klassischer orientiert, weisen oft Polychords auf, aber ohne zu dicht zu klingen."

Joey Baron lernte Abercrombie in den späten 1970er kennen, als der junge, aufstrebende Musiker bei einem Gig des Gitarristen im Lighthouse in Hermosa Beach/Kalifornien dessen regulären Schlagzeuger ersetzte.

"Joey hat es immer schon geschafft, auf Teufel komm raus zu swingen", sagt Abercrombie, "ganz gleich, ob er mit Carmen McRae oder John Zorn spielte." Drew Gress bildete mit Baron erstmals 2011 ein Rhythmusgespann, als Abercrombie mit seinem Quartett (dem auch noch Saxophonist Joe Lovano angehörte) "Within A Song" für ECM aufnahm. "Joey und Drew sind zusammen einfach so gut, mit ihrer lockeren, aber rhythmisch akkuraten Spielweise", fährt der Gitarrist fort. "Und weil Joey - der unser Anker ist - alles zusammenhält, kann Drew etwas mehr riskieren, so wie er es mag."


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11.11.2016
Snarky Puppy

Himmlischer Jazz - Bill Laurance "Live At Union Chapel"

Der Brite Bill Laurance ist nicht nur Snarky-Puppy-Gründungsmitglied, sondern als Piano- und Keyboard-Wizard für den Sound des Ensembles auch eminent wichtig. Im März diesen Jahres trat er mit dem Fusion-Soloalbum "Aftersun" ins Rampenlicht, jetzt beweist sein brandneues Album "Live At Union Chapel" noch eindrücklicher, mit was für einem Ausnahmetalent man es bei Laurance zu tun hat. Ein geradezu überwältigender, perlender, melodischer Rausch aus Jazz- und Fusionklängen stürmt da auf den Hörer ein.

Mit dem in der berühmten Londoner Kirche vor einem Publikum von mehreren Hundert aufgezeichneten Konzert hat sich Bill Laurance nach eigener Aussage "einen Lebenstraum" erfüllt. Zusammen mit seinen Snarky-Puppy-Bandkollegen und Freunden Michael League (bass) und Robert "Sput" Searight (drums), sowie Katie Christie (French Horn), Felix Higginbottom (percussion) und einem Trio aus den drei Streicherinnen Annie Tangberg (Cello), Isabella Petersen (Viola) und Vera Van Der Bie (Violin), erschafft er einen Klang, der oft orchestrale Dimensionen erreicht. Und das obwohl keinerlei Overdubs oder Postproduction zum Einsatz kamen.

"Jazz Maestro" nennt The Guardian Bill Laurance, wer "Live At Union Chapel" gehört hat, unterschreibt diese Einschätzung sofort. Das Digitalalbum ist u.a. bei iTunes und Amazon Digital erhältlich.

Bill Laurance live in Deutschland und der Schweiz 2017:

  • 21. März 2017 Privatclub - Berlin
  • 22. März 2017 Zeche Carl - Essen
  • 23. März 2017 Tempel - Karlsruhe
  • 24. März 2017 Moods - CH-Zürich
  • 25. März 2017 Bix - Stuttgart

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02.11.2016
Rebekka Bakken

Augenweide, Ohrenfreude - Rebekka Bakkens Best-Of jetzt auch auf Vinyl

Rebekka Bakken, Augenweide, Ohrenfreude - Rebekka Bakkens Best-Of jetzt auch auf Vinyl

"The Art Of How To Fall", Rebekka Bakkens Debütalbum, erschien 2003 inmitten einer Welle genre-sprengender skandinavischer Jazz-Alben. Nils Petter Molvaer, Silje Nergaard, Tord Gustavsen und ihre Kollegen und Kolleginnen waren in den frühen Nullerjahren die Darlings der Musikpresse. Die damals 33-jährige Norwegerin Bakken landete der Einfachheit halber in der gleichen Schublade. Und weil in jenem Jahr das Debütalbum von Norah Jones noch in allen Ohren war, wurde aus Bakken auch noch schnell die "skandinavische Norah Jones".

Diese Assoziation liegt jetzt beim Hören von "Most Personal", ihrer ersten Best-Of-Zusammenstellung, ferner denn je. Eher schon mag man an die "skandinavische Emmylou Harris", die "skandinavische Joni Mitchell", oder die "skandinavische Alison Krauss" denken. Sei es drum, Rebekka Bakken hat noch jede Kategorisierung überlebt, denn genau wie ihre berühmten Kolleginnen folgt sie ihrer eigenen, feinen Nase.

Für "Most Personal" wählte sie insgesamt fünfundzwanzig eigene Song-Favoriten aus den Alben "The Art Of How To Fall" (2003), "Is That You?" (2005), "I Keep My Cool" (2006), "Morning Hours" (2009) und "September" (2011) aus und nahm noch zusätzlich fünf unveröffentlichte Songs hinzu, darunter das wunderbar mystisch klingende norwegische Kirchenlied "Korset vil jeg aldri svike".

Wie die jetzt auch im Doppel-LP-Format erschienene Sammlung von Bakken-Highlights beweist, füllt ihre Kunst auch das Vinyl-Format bestens aus. Die LP-Abmischung liefert einen leicht mittigeren Sound als auf CD, was Bakkens immer leicht melancholischer, aber stets kraftvoller Präsenz zu Gute kommt. Beispielweise auf der von Bass und Schlagzeugbesen geprägten Soul-Ballade "Cover Me With Snow" oder dem "Elton John-esquen" Piano-Song "Same Kind", den man sich auch gut in Jamie Cullums Repertoire vorstellen könnte.

Im Country-Folk-Popper "Not A Woman" erinnert sie ein wenig an Loretta Lynn und Tracy Chapman. Im abgründigen "Powder Room Collapse", aus dem 2009 vom legendären Craig Street (Cassandra Wilson) produzierten Album "Morning Hours", verbindet Bakken die Dringlichkeit eines Otis Redding mit hardrockiger Schwere und schielt bereits ein wenig in Richtung Tom Waits, dem sie 2014 mit "Little Drop Of Poison" ein ganzes Album widmen sollte.

Auch optisch steht der spröden Schönen das LP-Format bestens. Fürs Cover-Artwork lichtete sie der bekannte österreichische Fotograf Andreas H. Bitesnich ab. Das elegant gestaltete Innencover der Doppel-LP enthält die Lyrics der neuen Songs. Die satt klingenden LPs sind aus 180-Gramm-Vinyl gepresst, einen Download-Code hat man sich gespart.


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21.10.2016
David Crosby

David Crosby und Michael League - alter Knochen trifft jungen Feuerball

David Crosby, David Crosby und Michael League - alter Knochen trifft jungen Feuerball Henry Diltz

Gegensätze ziehen sich an. Als jüngsten Beweis für diese These kann man wohl die Zusammenarbeit zwischen David Crosby und Michael League betrachten. Denn ein ungleicheres Paar ist nur schwer vorstellbar. Während Crosby - einst Mitglied der Supergruppen The Byrds und Crosby, Stills, Nash & Young - in seiner Solokarriere, die sich nun schon über 45 Jahre erstreckt, gerade einmal vier Studio- und zwei Live-Alben herausbrachte, gilt League als hyperaktiver Hansdampf in allen Gassen (und Genres).

Bei einem seiner vielen Projekte - "Family Dinner, Volume 2" - konnten sich die beiden letztes Jahr erstmals beschnuppern. Die Chemie zwischen ihnen stimmte gleich so sehr, dass sie beschlossen, gemeinsam ein paar Songs zu komponieren. Innerhalb von nur vier Tagen brachten sie in Crosbys Domizil im kalifornischen Santa Ynez die ersten drei Songs für das nun erscheinende Album "Lighthouse" zu Papier.

Gemeinsam mit League zu komponieren war "eine der besten Erfahrungen meines Lebens", meint Crosby. "Es ist nicht so, dass er die Texte und ich die Musik schrieb oder er die Musik und ich die Texte. Es war alles miteinander verwoben, beinahe Wort für Wort und Note für Note. Es ist ein erstaunlicher Prozess und ein sehr schneller." Die Bewunderung beruht auf Gegenseitigkeit. "Unter den Folk-Rock-Songwritern ist David ein wahrer Sonderfall", meint League. "Er bringt Farbe, Entdeckungs- und Risikofreude in seine Songtexte, Gitarrenparts und Gesangsharmonien ein. Er hat keine Angst davor, Akkorde mit Noten zu spicken, die man dort normalerweise nicht hört."

Fünf der neun Stücke dieses erstaunlichen Albums schrieben Crosby und League also im Tandem. Weitere zwei - "Drive Out To The Desert" und "What Makes It So" - schuf David Crosby im Alleingang. Hinzu kamen schließlich noch zwei Nummern mit anderen Songwriting-Partnern. "Paint You A Picture" entstand in Kollaboration mit seinem Freund und Kollegen Marc Cohn, der vor allem für seinen Hit "Walking In Memphis" bekannt ist. Die Schlussnummer "By The Light Of The Common Day" wiederum schrieb Crosby mit der großartigen Becca Stevens, die er bei den "Family Dinner"-Sessions kennengelernt hatte.

Aufgenommen wurde das Album in einem Studio in Santa Monica, das Crosbys altem Kumpel Jackson Browne gehört. Dort kam es auch zur einzigen Meinungsverschiedenheit zwischen dem Künstler und seinem produzierenden Partner, als Crosby zwischen den Aufnahmen einen Monat Pause einlegen wollte. League wollte davon jedoch nichts wissen und beharrte darauf, das Album innerhalb von zwei Wochen fertigzustellen. "Ich sagte ihm, dass ich noch nie ein Album in zwei Wochen aufgenommen hätte", berichtet Crosby. "Ich sagte ihm: 'Ich bin ein alter Knochen und du bist ein junger Feuerball. Du musst ein bisschen auf die Bremse treten und mir einen ganzen Monat Zeit geben.'" Dann fügt er mit einem herzerfrischenden Lachen hinzu: "Wir nahmen das ganze Album schließlich in zwölf Tagen auf."


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13.10.2016
Dieter Falk

Nun freut Euch! Dieter Falk präsentiert mit "A Tribute to Martin Luther" traditionelle Kirchenchoräle in neuem Gewand

Dieter Falk hat im Angesicht des 500. Jubiläums der Reformation viele Jahrhunderte alte Choräle mit jazzigen, poppigen und folkigen Sounds musikalisch ins Hier und Jetzt transportiert.

Dieter Falk, Nun freut Euch! Dieter Falk präsentiert mit A Tribute to Martin Luther traditionelle Kirchenchoräle in neuem Gewand © Jörg Steinmetz

Die Kirchenlieder "Ein feste Burg ist unser Gott" und "Nun freut euch, lieben Christen g'mein" hat der bedeutende Theologe Martin Luther Anfang des 16. Jahrhunderts geschrieben und selbst vertont. Seitdem sind sie fester Bestandteil des evangelischen Gesangbuchs und gehören zu den bekanntesten Kirchenliedern überhaupt. Als einer der erfolgreichsten Musikproduzenten und Komponisten der Jetztzeit, hat Dieter Falk sich mit Luthers Kirchenmusik auseinander gesetzt und sie fromm und funky in Szene gesetzt, ohne dabei künstlerisch den Kontakt zur Ursprungskomposition zu verlieren. Mit "A Tribut to Martin Luther" knüpft Dieter Falk an seine Neuinterpretationen von Paul-Gerhardt-Liedern im Jahr 2006 an und beweist erneut ein gutes Gespür für die Verbindung von christlicher Tradition und musikalischer Vision.

Inspirierende Interpreten

Der tiefgründige, geistliche Inhalt der Lieder wird durch Dieter Falks originelle Arrangements wunderbar zeitgemäß zum Leuchten gebracht. Die Aufnahmen überzeugen durch einen abwechslungsreichen Stil-Mix und leidenschaftliches Spiel. Mit Wolfgang Haffner am Schlagzeug und dem Jazz-Cellisten Stephan Braun, konnte Dieter Falk einige der besten Jazz-Musiker des Landes für sein Luther-Album begeistern. Außerdem mit dabei sind die "Jay Horns" aus Amsterdam, das renommierte Babelsberger Filmorchester und Dieter Falks Söhne Max und Paul. Die zwölf Instrumentalstücke überraschen mal mit funky beats in den Bläsern, mal mit jazziger Nonchalance und mal mit herrlicher kontemplativer Ruhe, wie beispielsweise in "Aus tiefer Not" und "Christ ist erstanden".

Ein Fest: 500 Jahre Reformation

Ob mit Gospel-Akkorden, Jazz Riffs oder mit Pop-Klängen - das Album "A Tribut to Martin Luther" ist ein gelungenes Zeugnis von Dieter Falks Fingerspitzengefühl, wenn es um die moderne Rezeption komplexer geistlicher Themen geht. So wird das 500. Jubiläum der Reformation auch musikalisch ein Grund zum Feiern. In Zusammenhang mit dem Album wird Dieter Falk 2017 auch auf eine große Arena-Tour gehen und das Publikum in neun deutschen Städte live mit auf die Reise in den Luther-Kosmos nehmen.


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25.08.2016
Derrick Hodge

Der Alleskönner - Derrick Hodge brilliert als stilistisches und instrumentales Chamäleon

Derrick Hodge, Der Alleskönner - Derrick Hodge brilliert als stilistisches und instrumentales Chamäleon Chris Baldwin

Multiinstrumentalisten, sagen böse Zungen, sind Menschen, die zwar viele Instrumente spielen, aber leider kein einziges richtig beherrschen. Wie unfundiert diese Behauptung ist, haben gerade im Jazz schon jede Menge Künstler bewiesen: von Ornette Coleman über Keith Jarrett und Jack DeJohnette bis hin zu Marcus Miller. Mit Derrick Hodge, wie Miller von Haus aus eigentlich Bassist, gesellt sich zu dieser Galerie nun ein weiteres Musterexemplar. Bevor er 2013 sein Debütalbum "Live Today" bei Blue Note herausbrachte, hatte sich Hodge schon einen hervorragenden Namen in den Bands von Trompeter Terence Blanchard, Keyboarder Robert Glasper, Rapper Common und den Nu-Soul-Vokalisten Jill Scott und Maxwell gemacht. Auf dem Album "Live Today", das nicht nur in Jazzkreisen als "erfrischend originell" gepriesen wurde, bewies er erstmals seine instrumentale Vielfältigkeit, wenn auch noch in einem konventionellen Bandkontext. Nun ging er kühn einen Schritt weiter und spielte sein neues Album "The Second" fast durchweg im Alleingang ein. Nur bei vereinzelten Tracks erhielt er Unterstützung durch den Schlagzeuger Mark Colenburg oder eine von Trompeter Keyon Harrold, Posaunist Corey King und Tenorsaxophonist Marcus Strickland gebildete Bläsersektion.

 

"Ich wollte ein Album kreieren, das alle meine künstlerischen Facetten offenbart, aber zugleich auch das Publikum anspricht", meint Hodge. "Ich hoffe, dass diese Musik den Leuten Auftrieb gibt und ihnen dabei hilft über den Tag zu kommen. Und ich wollte auch zeigen, dass ich mit Haut und Haar für den Rest meines Lebens und meiner Karriere Musik erschaffen möchte." Tatsächlich hat Hodge über all die Komplexität seiner Musik nie ihre Zugänglichkeit aus den Augen verloren. Seine Melodien und Grooves besitzen eine bemerkenswerte, manchmal fast schon hypnotisierende Anziehungskraft. Auf "The Second" hat Derrick Hodge seinen Groove-orientierten Personalstil, der Jazz- und Hip-Hop-Elemente miteinander verschlingt, noch weiter verfeinert. Die neuen Songs spiegeln dabei seine enormen Erfahrungen in allen Bereichen der zeitgenössischen schwarzen Musik wider. Genau aus diesem Grund machte ihn der Nu-Soul-Star Maxwell auch zum musikalischen Leiter der Band, mit der er sich derzeit auf seiner umjubelten "'blackSUMMERS'night"-Welttournee befindet.


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29.04.2016
Snarky Puppy

In 80 Grooves um die Welt - Snarky Puppys neuer Geniestreich

Snarky Puppy, In 80 Grooves um die Welt - Snarky Puppys neuer Geniestreich

Fusionmusik ist ein Begriff, den Jazzer schon seit langem nur noch mit spitzen Fingern anfassen. Denn nachdem er in den späten 1960er Jahren in Mode gekommen war, wurde er so beliebig und inflationär verwendet, dass er mittlerweile fast bedeutungslos geworden ist. Ursprünglich stand Fusionmusik für eine Kombination aus Jazzimprovisationen mit treibenden Rock- und Rhythm'n'Blues-Rhythmen. Dann aber mutierte sie immer mehr zu einer technokratischen Musik oder gar zu fingerfertiger Nudelei ohne Seele und Herz. Deshalb machen die meisten Jazzer heute auch einen riesigen Bogen um das böse F-Wort. Die Musiker des Kollektivs Snarky Puppy tanzen da allerdings aus der Reihe. Aber das tun sie ja auch sonst ganz gerne. Und deshalb haben sie jetzt mit "Culcha Vulcha" ein neues Opus eingespielt, das man guten Gewissens als Fusionalbum bezeichnen kann.

Der Titel ist eine Verballhornung der Aussprache von "Culture Vulture" und das bedeutet ins Deutsche übersetzt keineswegs "Kultur-Aasgeier", sondern "Kulturliebhaber" oder, etwas salopper ausgedrückt, "Kulturfanatiker". Als solche hatten sich die Musiker um Mastermind Michael Legaue schon auf ihren bisherigen neun Alben erwiesen. Auf "Culcha Vulcha" aber, übrigens ihr erstes reines Studioalbum seit 2008 (!), lassen sie ihrem "Fanatismus" für die eigene und viele fremde Kulturen freien Lauf.

"Wir wollten einmal einen anderen Aufnahmeprozess ausprobieren, um zu sehen, ob wir so ein anderes Resultat erzielen", meint Michael League, der die Musik des neuen Albums so umschreibt: "Dunkler, weniger Feuerwerk, sehr viel reicher, wärmer, verzerrter." Eine Woche lang zog sich die Band dafür in die abgeschieden gelegenen Sonic Ranch Studios in Tornillo/Texas zurück. Dort stießen zum Kern der Band noch Violinist Zach Brock, den echte Snarky-Puppy-Fans von früheren Alben kennen dürften, und Schlagzeuger Jason "J.T." Thomas, der bereits mit Roy Hargrove & The RH Factor und Marcus Miller gespielt hat.

Der Groove war bei der Bass- und Percussion-lastigen Abmischung von "Culcha Vulcha" absolut Trumpf! In neun extrem stimmungsvollen Tracks kombinieren Snarky Puppy hier Stile, Rhythmen, Stimmungen und Instrumente aus verschiedenen Kulturkreisen, dass es eine wahre Freude ist. Mal verbinden sie in "Semente" brasilianisches Flair mit Elementen, die an Filmmusiken von Henry Mancini erinnern, dann weben sie in "Palermo" einen komplexen multikulturellen Rhythmusteppich mit Instrumenten aus Südostasien (Angklung), Afrika (Kalimba) und Argentinien (Bombo legüero).

Im Stück "The Simple Life", das mit einem verzerrtem psychedelisch-rockigen Gitarrensolo endet, reichen sich ein hypnotischer jamaikanischer Reggae-Groove und westafrikanische Highlife-Anleihen die Hände zum Tanz. Bei so viel musikalischem Gehalt ist es erneut fast als Wunder anzusehen, dass Snarky Puppy es auch diesmal wieder schaffen, ihre vielschichtigen Arrangements und vertrackten Rhythmen so leicht klingen zu lassen, dass sie sich schon beim ersten Hören angenehm im Ohr festsetzen. 


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20.04.2016
Rufus Wainwright

Eine Hochzeit im Himmel – Rufus Wainwright huldigt Shakespeare mit einem neuen Album

Shakespeares 400. Todestag stellt England auf den Kopf. Rufus Wainwright leistet mit seinem neuen Tribute-Album "Take All My Loves – 9 Shakespeare Sonnets" einen würdigen Beitrag.

Rufus Wainwright, Eine Hochzeit im Himmel – Rufus Wainwright huldigt Shakespeare mit einem neuen Album © DG

23. April 1616: ein Mann stirbt, seine Legende wird geboren. Ohne William Shakespeare wären die Sprache, die Kunst, Literatur, die (Pop-)Kultur heute ärmer. Kein Dichter hat die Menschen so unmittelbar berührt. Keiner hat so brillant und zeitlos die großen archetypischen Gefühle inszeniert: Liebe und Hass. Sehnsucht und Überdruss. Leidenschaft und Langeweile. Sein oder Nicht-Sein. Keine Frage: der geniale Wortjäger und -Sammler veränderte die Art, mit der wir uns heute ausdrücken. Ohne Shakespeare hätte Leonard Bernstein keinen Plot für seine "West Side Story" gehabt, Agatha Christie beim Schreiben ihrer "Mausefalle" auf dem Stift herumgekaut, Alfred Hitchcock Dokumentarfilme gedreht, hätten Nick Lowe, Iron Maiden oder Mumford & Sons sich andere Songs und Albumtitel ausdenken müssen. Shakespeare ist überall. England feiert seinen Dichterfürsten im großen Stil. In London und Umgebung gibt es hunderte Hommagen an den Barden, dessen Sprache die Welt neu erschuf.

Wainwright begann bereits vor sieben Jahren mit der Vertonung Shakespeares

Nicht erst seit gestern gehört Rufus Wainwright zu den modernen Shakespeare-Aposteln. Seit 2009 setzt sich der kanadische Singer-Songwriter und Komponist mit seinen Sonetten auseinander. Es begann im Vorfeld seiner ersten Oper "Prima Donna". "Da ich noch nie Musik für die Bühne geschrieben hatte, wollte ich mich zuerst mit einigen kleinen Stücken herantasten", sagte er. Diese Gelegenheit bot sich, als ihn der Produzent Robert Wilson fragte, ob er die Musik zu einer Adaption von Shakespeares Sonetten für das Berliner Ensemble schreiben wollte. "Robert Wilson, Shakespeare, das Berliner Ensemble – das klang für mich nach einer guten Kombination." 2010 orchestrierte Wainwright fünf dieser Sonette für das San Francisco Symphony Orchestra. In anderen Fassungen erschienen drei weitere Sonnette in Wainwrights Album "Songs for Lulu". Aus einer Spielerei wurde ein riesiges Projekt. "Lässt man sich einmal auf Shakespeares Sonette ein, dann gibt es kein Zurück mehr", kommentierte Wainwright. "Man wird eingesogen, taucht ein, geht unter und steht als besserer Mensch wieder auf." Wainwright nannte das Projekt eine "Hochzeit im Himmel".

Vom "Dreigroschenoper-Sound" zum orchestralen Oeuvre 

Für "Take All My Loves" hat er die Vertonung der epochalen Liebesgedichte nochmals überarbeitet. Wo die Fassungen fürs Berliner Ensemble noch einen "angeschrägten Dreigroschenoper-Sound" hatten (rezensierte das Magazin nachtkritik.de), wo der damals in Berlin lebende Kosmopolit dort unbekümmert mittelalterlichen Minnegesang, Pop, Cabaret, Rock und Klassik aneinanderreihte, sind die neuen Versionen musikalisch ausgefeilt, großzügig arrangiert, verbinden den Rausch mit dem Detail, die Erhabenheit mit Spontaneität, Witz und Biss. Immer schon hat der Pop-Rebell den Glamour Hollywoods mit Indie-Rock und opernhaftem Drama kombiniert. Auch hier zeigt Wainwright Mut zum Kontrast, streut quirlige post-punkige Gitarren ein, untermalt mit elektronischen Klangtapeten, bezirzt mit Pop-Balladen-Charme, lässt Streicher flirren, gibt den Sprechern filmisch wirkende Hallräume, überrascht den Hörer von Moment zu Moment aufs Neue auf seiner Reise in die schwindelnden Höhen und irren Abgründe des shakespearischen Universums. Genau wie dieser in seinem Werk einfach alles abdeckte, lässt Wainwright hier seiner Vision den größten Raum, schöpft aus dem Vollen.

Wainwrights Telefonbuch gibt viele große Namen her

Sorgfältig wählte der 42-Jährige die Sänger und Sprecher für "Take All My Loves" aus, und die diversen Mitstreiter spiegeln vortrefflich seine eigene künstlerische Bandbreite. Mit von der Partie sind die österreichische Koloratursopranistin Anna Prohaska und die Star-Schauspielerin Helena Bonham Carter ("Die Rede des Königs"). Die britische Rocksängerin Florence Welch schwebt auf den sanften Westcoast-Folkpop-Klängen von "When in Disgrace" davon. Der Berliner Grimme-Preisträger Jürgen Holtz ("Du bist nicht allein", "Good Bye Lenin") und der Schauspieler Christopher Nell (2011 umjubelte ihn die Theaterszene für seinen Romeo) sind auf einer deutschsprachigen Tango-Version ("All dessen müd") des Sonnets 66 zu hören. Begleitet werden sie vom BBC Symphony Orchestra unter der Leitung von Jayce Ogren, das im vergangenen Jahr Wainwrights "Prima Donna" auf CD einspielte. Mit dem Produzenten Marius de Vries, der entscheidend an "Take All My Loves" mitwirkte, schließt sich ein weiterer Kreis: De Vries produzierte Wainwrights frühe Alben "Want One" und "Want Two" und mischte 2007 sein bisher erfolgreichstes: "Release The Stars".

Wainwright hatte noch nie ein Problem damit, im Kontext der ganz Großen zu stehen. So wie er sich ohne Anbiederung vor Verdi, Strauss und Wagner verneigt hat (mit "Release The Stars" und "Prima Donna"), liefert er hier nun William Shakespeare ein tadelloses Tribute-Album, das sich aus der Masse der Würdigungen heraushebt und dem zeitlosen Dichter über den runden Todestag hinaus neue Fans bescheren wird.

 


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