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26.08.2009

Ein Bass für Händel

Ildebrando D'Arcangelo, Ein Bass für Händel Fadil Berisha

Die Zeit ist reif für Ildebrando D'Arcangelo. Über mehr als ein Jahrzehnt hinweg hat sich der italienische Bassbariton einen Namen als Spezialist für Mozart gemacht, nachdem er 1994 als Leporello in John Eliot Gardiners Interpretation des „Don Giovanni“ in Parma gefeiert worden war. Seitdem hat er sich auch in zahlreichen Partien der Belcanto-Ära bewährt und wurde nicht zuletzt während des Mozartjahres an der Seite von Anna Netrebko in „Le Nozze di Figaro“ in Salzburg euphorisch bejubelt. Für sein erstes Solo-Album bei der deutschen Grammophon hat er sich allerdings ein anderes Sujet herausgesucht, die musikalische Welt des Georg Friedrich Händel.

Und das hat auch persönliche Gründe: „Mein Vater spielte Orgel und wir hörten zu Hause sehr viel Musik, darunter auch viele Stücke von Händel. Diese Musik hat mich immer berührt, und wenn ich traurig bin, greife ich bis heute zu Händel“, erzählt der Sänger aus Pescara über die Hintergründe seines Albums. Da ist es klar, dass die Zusammenstellung alles andere als willkürlich sein durfte. „Ich wollte alle Aspekte von Händels Lebensweg als Mensch und Musiker abbilden und habe darum Arien aus seiner Zeit in Deutschland, aus Italien und natürlich vor allem aus den Londoner Jahren berücksichtigt. Als junger Sänger war ich fasziniert davon, wie schwierig diese Musik ist. Auf meinem ersten Soloalbum wollte ich mich dieser Herausforderung stellen, die nicht nur in den enormen technischen Anforderungen besteht, sondern auch in den vielen verschiedenen Nuancen des Ausdrucks, die man für Händels Musik braucht.“

Um diesen Ansprüchen an sich selbst gerecht werden zu können, brauchte Ildebrando D'Arcangelo zuerst einmal ein Ensemble, das mit den Qualitäten seiner Stimme harmoniert. Seine Wahl viel auf das bereits zweimal für einen Grammy nominierte Kammorchester Modo Antiquo unter der Leitung von Federico Maria Sardelli. Es ist ein Barockensemble, das pointiert mit den Möglichkeiten der historischen Aufführungspraxis agiert und das sich daher ideal mit Ildebrando D'Arcangelos Stimmklangfarben kombinieren ließ: „Weil dieses Orchester in historischer Stimmung spielt, hört man viel mehr Klangfarben als auf modernen Instrumenten. Beim Singen fühlt man sich wie ein Instrument im Orchester, und diese Verschmelzung von Stimme und Orchester ist sehr selten und ein unschätzbarer Vorteil“.

Die Arien selbst decken ein weites musikalisches Spektrum ab. Das liegt auch an Händels subtiler und effektvoller Ausgestaltung der Rollen, die man Bösewichte, mal Könige, mal Vaterfiguren darstellen. Und sie sind deutlich von historischen Sängern geprägt, auf deren Qualitäten der Komponist die Arien abstimmte. Giuseppe Maria Boschi zum Beispiel muss mühelos einem ganzen Orchester Paroli geboten haben und so sind seine von Händel ihm zugedachten Premieren-Rollen in „Agrippina“, „Rinaldo“, „Siroe“, „Giulio Cesare“ oder auch „Rodelina“ noch Jahrhunderte nach ihrer Entstehung eine Herausforderung. Aber auch Partien aus weltlichen Oratorien wie „Aci, Galatea e Poliferno“ haben ihre Tücken: „Ich war überrascht, wie schwierig diese Musik zu singen ist“, erinnert sich Ildebrando D'Arcangelo, „Wenn man sich die Noten einer Arie wie 'Fra l'ombre e gl'orrori“ aus 'Aci, Galatea e Poliferno' anschaut, mag man kaum glauben, dass es Sänger mit einem solchen Stimmumfang gegeben haben soll. Das war die Herausforderung für mich: ich wollte das Unmögliche singen. Vielleicht haben die Bassisten zu Händels Zeiten die hohen Töne falsettiert, aber das wissen wir nicht. Ich habe mich auf jeden Fall bemüht, ohne Falsett auszukommen“. Das Resultat dieser eingehenden und sorgfältigen Beschäftigung mit den Vorlagen jedenfalls ist beeindruckend. Ildebrando D'Arcangelo hat das Repertoire nicht nur fest im Griff, er entlockt den immerhin 17 Arien eine immense emotionale Qualität, die die ihn als großen Sänger seiner Generation auszeichnet. Die Zeit ist reif.


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