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06.05.2016

Biografie James Blake

Es war gewiss nicht das erste Mal, dass ein DJ einem Menschen das Leben gerettet hat, und natürlich war es auch nicht das letzte Mal, aber als James Blake im Jahr 2007 – er war damals noch keine zwanzig Jahre alt – zum ersten Mal im Londoner Stadtteil Shoreditch bei jener Clubnacht mit dem programmatischen Namen "FWD>>" (also: "forward") vorbeischaute, war er dermaßen von den Socken, dass er danach nicht mehr so recht wusste, wo ihm eigentlich der Kopf steht.

Der Laden, im dem sich alles abspielte, hieß Plastic People, und unten in der Dunkelheit des Kellers spielten die DJs satten Grime- und Garage-Sound –, und James gefiel das auf Anhieb. Richtig, richtig gut, um genau zu sein. Er hatte noch nie etwas Vergleichbares gehört. Natürlich war er mit Schulfreunden auf irgendwelchen Drum-and-Bass-Partys gewesen, aber diese Tracks hier klangen ganz anders, und die Stimmung im Club war auch mit nichts zu vergleichen, was er zuvor erlebt hatte. Genau nach dieser Stimmung und diesem Sound hatte er die ganze Zeit gesucht – nur war ihm das bis zu diesem Moment gar nicht so recht klar gewesen. "Ich dachte mir nur: ‘Wow, diese Art von Musik geht so viel tiefer als alles andere.’ Sie bohrt sich richtig tief ins Hirn rein", erzählt er heute, "und es war so unglaublich laut und düster in dem Laden."

Die mitternächtliche Epiphanie im besagten Keller-Club in Shoreditch liegt erst ein paar Jahre zurück, und doch fing damit alles an; sie ist gewissermaßen das Fundament, auf dem sich der James Blake des Jahres 2011 präsentiert: inzwischen ist er 22 und ein gestandener Komponist, dessen einzigartige Tracks gar nicht mal so sehr dafür bekannt sind, dass sie Genregrenzen sprengen oder einreißen – denn er gleitet vielmehr einfach so über sie hinweg und kreiert ganz beiläufig einen unvergleichlichen Pop-Sound, der ihn schon sehr viel älter und reifer wirken lässt. Dabei wirken seine lose im Dubstep-Genre verwurzelten Songs, in denen zugleich grandioses Songwriting und ein geschicktes Händchen als Produzent durchschimmern, nicht nur ungewöhnlich reif. Sie klingen auch erstaunlich elegant und gefühlvoll. Ganz gleich, ob er seine Tracks nun für die Tanzfläche, für Clubabende wie "FWD>>" konzipiert oder er damit – wie z.B. mit der neuen Single "Limit To Your Love" – darauf abzielt, dass die Leute innehalten und genauer hinhören: Stets ist da diese Verspieltheit zu vernehmen, diese Ehrlichkeit, dieser Tiefgang, ja diese menschliche Note, dank der seine Musik eher an Zeitgenossen wie Bon Iver oder Laura Marling oder The xx erinnert als an irgendwelche unterkühlten elektronischen Klangwelten.

Noch faszinierender ist nur, wie neu und anders sein Ansatz klingt: die Sounds selbst, seine Stimme, diese Leerstellen, der Rhythmus (bzw. dessen Fehlen), die Verzögerungen, das Warten, die Spannung... Man muss die Regeln schon verdammt genau kennen, um sie dermaßen selbstbewusst und stilsicher brechen zu können. Schon weil James genau das tut und sich traut, einfach mal anders zu klingen, ist er seinen Zeitgenossen um Längen voraus. Fest steht: Jeder wird sich an die Situation erinnern, in der er oder sie "Limit To Your Love" oder "I Never Learnt To Share" zum ersten Mal gehört hat. Und fest steht auch: Sein gleichnamiges Debütalbum, das im Februar erscheint, wird vollkommen neue Maßstäbe setzen und die Musiklandschaft gehörig umkrempeln. 

Wer also ist dieses Wunderkind nun eigentlich? James Blake kam 1988 zur Welt und wuchs als einziges Kind eines Musikers und einer Grafikdesignerin im ländlich-grünen Enfield im Norden von London auf. Seine Eltern waren beides Freiberufler und überaus erfolgreich dazu, und so schaute sich James schon früh bei ihnen ab, dass er seinen eigenen Weg gehen, auf sich selbst vertrauen musste und idealerweise für niemand anderen als sich selbst arbeiten würde. Als Sechsjähriger saß er zum ersten Mal am Klavier, übte auf eigene Faust, um später auch klassischen Unterricht zu bekommen: James durchwanderte sämtliche Levels, und auch wenn er keinen Spaß daran hatte, sah er doch ein, dass dieser Unterricht wichtig war. "Mir war schon sehr, sehr früh klar, dass es letztlich etwas Gutes sein musste, wenn ich dadurch Fortschritte machte", so James. "Also blieb ich dabei, machte weiter. Ich konnte sehen, wie ich immer besser wurde am Klavier."

Als Teenager lernte er dann zu improvisieren und arbeitete an seiner Stimme; dafür begleitete er am liebsten alte Motown- und sonstige Soulplatten, Aufnahmen von Leuten wie Otis Redding und Co. Dadurch wiederum lernte er ganz beiläufig viel über Harmonien und Tonfolgen: "Das war ganz klassische Harmonielehre, wenn man so will, und dazu lernte ich früh, wie man Gospel-Songs auf der Orgel spielt – ich stand nämlich schon sehr früh auf Gospel, also echt alte Gospel-Sachen, den Sound von Reverend James Cleveland und all diese Wahnsinnsaufnahmen, die für mich allein in klavierspielerischer Hinsicht von Interesse waren. Danach fuhr ich voll auf [Jazz-Pianisten wie] Art Tatum und Erroll Garner ab, obwohl ich mir eigentlich nie viel aus Jazz gemacht habe. Ich hatte immer den Eindruck, dass die Ära des Jazz schon vorbei war, und ich war vielmehr auf der Suche nach etwas Anderem, etwas Neuem."

Obwohl sein Vater im eigenen Studio natürlich über diverse Instrumente und das nötige Aufnahme-Equipment verfügte, begann sich James erst nach seiner eingangs erwähnten "FWD>>"-Epiphanie für diese Dinge zu interessieren: An jenem Abend war ihm schlagartig klar geworden, dass es ihm nur dann gelingen würde, dieses "Neue" zu finden und zu definieren, wenn er sich Logic zulegen und damit anfangen würde, sich dem „echten Orginal-Dubstep-Sound“ von Leuten wie Mala und Coki, den Digital Mystikz, anzunähern. Nach und nach ließ er dann in diese ersten Tracks seine eigenen Ideen einfließen und verwandelte den Sound in etwas Anderes... 

"FWD>>" machte aus James nicht nur einen Bedroom-Produzenten; die Clubszene bescherte ihm zugleich jede Menge neue Kontakte und Freundschaften – was er auch gut gebrauchen konnte: Mit den alten Gesichtern aus der Oberstufe wollte er sich nicht mehr abgeben, hatte sich aber noch immer nicht so recht ans Studentendasein auf dem Goldsmiths College gewöhnt, wo er zwischenzeitlich ein Studium der Popmusik angefangen hatte. "Mit einem Mal lernte ich diese vollkommen neue Welt kennen, eine riesige Gruppe von Gleichaltrigen, die wahnsinnig spannende Musik machten – genau da wollte ich mitmischen! Und dann sah ich den DJ und dachte nur bei mir: Da will ich auch mal stehen, genau hinter diesem Pult dort oben. Davor hatte ich mir nicht viel aus DJs gemacht. Ich hatte irgendwie nicht kapiert, dass es nicht nur musikalisch interessant sein, sondern auch eine großartige Gelegenheit darstellen könnte, um ganz viele interessante Leute kennen zu lernen."

Zwischen den Vorlesungen am College blieb James jede Menge Zeit, um neue Songs auf seinem Rechner zu komponieren und sich auf diversen Dubstep-Partys in Brixton ("DMZ") und Shoreditch ("FWD>>") herumzutreiben. "Air And Lack Thereof", seine erste Single, erschien im Jahr 2009 auf Hemlock Records, dem Label von Jack Dunning, der auch unter dem Namen Untold produziert und inzwischen ein guter Freund von James ist. Dunning hatte von James gehört, als DJ Distance einen der Tracks in seiner Show auf Rinse FM spielte. Er fand die Musik super, weil sie so ungewöhnlich klang – und machte James sofort das Angebot für die Singleveröffentlichung. Gewiss klangen seine Kompositionen schon damals vollkommen anders als die ganzen Dubstep- oder Post-Dubstep-Scheiben, die sonst so in der Sendung liefen: Zunächst einmal hatten sie Akkordfolgen. "Und Melodien hörte man damals so gut wie gar nicht2, sagt er heute. "Und dann waren es nicht bloß irgendwelche Akkordfolgen, sondern richtige Gospelmelodien, Orgelmelodien."

Der Titel dieser ersten Single – "Air And Lack Thereof" – bezieht sich auf einen Sound, der inzwischen zu James’ Markenzeichen geworden ist: weißes Rauschen. "Bei der Nummer ist das Rauschen besonders krass, aber ich persönlich finde, dass es echt schön klingt. Ich hab schon immer dieses Rauschen in meine Songs eingebaut, weil die anderen Sounds dadurch ganz anders eingebettet sind. Sie schweben dadurch wie auf ihrer eigenen Wolke. Ich mag es, wenn die Dinge auf einem Teppich aus Störgeräuschen liegen." Und wenn James Blake als DJ aktiv wird, schreckt er nicht einmal davor zurück, einfach mal kurz innezuhalten und einen Moment der Stille in seine Sets einfließen zu lassen. Das sei keine überhebliche Geste, wie er sagt, er wolle bloß den Flow dadurch ein wenig auflockern. "Es gibt Klänge, die erst dann richtig zur Geltung kommen, wenn man sie plötzlich nicht mehr hört."

Im Jahr 2010 hat James fünf Singles veröffentlicht und damit einen ordentlichen Hype verursacht: Aus irgendeinem Grund scheinen besonders die Blogger auf seinen Sound und die darin durchschimmernde Menschenscheu abzugehen; sie lieben seine verschachtelten Beats und schreiben nun schon seit Monaten permanent über ihn. Auch wenn man auf ein paar seiner wichtigsten Stücke zerhackte Vokalsamples (von alten R&B-Platten) hören kann, singt er seine radikale Version von Feists "Limit To Your Love" selbst und schichtet in diesem Fall seine eigene Stimme mehrfach übereinander. Das Resultat geht einfach nur unter die Haut. "Für 'Limit To Your Love' habe ich zum ersten Mal mit meiner eigenen Stimme gearbeitet; allein aus dem Grund habe ich mir besonders viel Mühe gegeben", berichtet er. "Ich dachte mir: Hey, ich benutze hier immerhin meinen Gesang, also muss der Track dazu noch außergewöhnlicher klingen."

Nicht ganz uninteressant ist vielleicht auch die Tatsache, dass er dieses Stück schon vor über 18 Monaten aufgenommen hat und sich zunächst gar nicht sicher war, ob er es überhaupt veröffentlichen sollte. Ein Großteil des Albums hat James schließlich in den eigenen vier Wänden in New Cross und Deptford geschrieben, wobei er auch immer wieder nach Enfield fuhr, um einen klaren Kopf zu bekommen und in entspannter Atmosphäre an weiteren Ideen zu arbeiten: Ausnahmsweise mal ganz ohne Ablenkungen, ohne die andauernden Besuche von irgendwelchen Freunden, und wenn er den Blick bei seinen Eltern aus dem Fenster richtete, erblickte er nichts als Grün und Stille. Bezeichnend für seinen Ansatz ist auch, dass er parallel zur Arbeit am Debütalbum eine Reihe von experimentelleren 12"s aufgenommen hat. "Ich hab so oder so mit ganz vielen unterschiedlichen Sounds gearbeitet. Schräg daran ist, dass diese Songs nichts mit den besagten 12"-Veröffentlichungen gemeinsam haben; sie klingen wirklich vollkommen anders."

Und doch gibt es eine Gemeinsamkeit, einen roten Faden: Die berauschende Wirkung seiner Produktionen. Die enorme Anziehungskraft dieser eigentlich so unaufdringlichen Klangwelten, immerhin verfallen ihr jeden Tag mehr Menschen. Vor gut einem Jahr kannte ihn noch so gut wie niemand. Und nur 12 Monate später ist er das absolute Darling der Blogosphäre, mit einem Bein schon im Mainstream angekommen – und es liegt auf der Hand, dass er ganz genau weiß, was er da macht: "Ich stehe halt auf große Gefühle. Das ist fast schon ein richtiger Spleen von mir", sagt er abschließend. "Ich will Dance-Tracks produzieren, die meine Zuhörer so berühren wie das sonst nur eine uralte Soul-Nummer schaffen würde. Sie sollen unter die Haut gehen wie Folk-Songs, also ganz organisch klingen und vor allem menschlich. Überhaupt geht es mir immer um diese menschliche Note in der Musik."

Auf das selbstbetitelte Debüt folgte "Overgrown". Blake hatte es sich in seinem Melancholie Step nicht zu gemütlich eingerichtet. Seine vorsichtige, klare Stimme perlt auf den zurückgenommenen Beats wie das Leben auf dem immerwährenden Herzschlag dahingleitet. Featured er auf diesem 2013er Album RZA, überrascht er drei Jahre später mit einer ungewöhnlichen Kollaboration: Auf Beyoncés Album "Lemonade" kollaborierte er beim Song "Forward".

Dann kam sein neues Meisterwerk - genau so überraschend und über Nacht, wie zuvor die neuen Alben von Rihanna, Drake und eben Beyoncé. "The Colour In Anything" klingt genauso vielschichtig wie sein Titel. Verzweiflung eröffnet: "I don't know how you feel". Die Produktion arbeitet mehr als zuvor an Verschmelzungen - der Stimme, der Klänge, der Bässe. Spuren werden nach vorne geholt und verdrängt. Gemeinsam mit Frank Ocean und Justin Vernon (Bon Iver) als Co-Songwriter und Rick Rubin als Co-Produzent erarbeitete Blake dieses zurückhaltend-fordernde Album-Monster.