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23.11.2011

Meine erste Jazzplatte

James Carter, Meine erste Jazzplatte © Jimmy Katz

Von James Carter: Es war nicht eine Platte, die mich zum Jazz brachte. Es waren mindestens zwei, die ich damals mit etwa sieben oder acht im Regal meiner Eltern fand und die seitdem nur noch in meinem Kinderzimmer liefen: Duke Ellingtons „70th Birthday Concert“ und „The Billie Holiday Story, Vol. 3“, eine Wiederveröffentlichung auf Columbia. Sie übten eine enorme Faszination auf mich aus – allein schon die Cover! Das ist etwas, was die jüngere Generation verpasst. Natürlich gibt es heute auch noch Vinyl, aber es ist eben eher eine Kuriosität für Sammler als das Medium der Zeit.

Text: James Carter | Foto: David Sinclair

Ich habe nach wie vor einen großen Respekt vor LP-Covern. Man sieht diese großen Bilder der Cats, die die Musik gemacht haben, sogar noch mehr, wenn es Doppelalben sind, wie etwa die beiden, die ich damals meinen Eltern abluchste. Außerdem stehen da Liner Notes, die man einfach so lesen kann, ohne zu blinzeln und sich die Augen zu verderben. Ich kann mich noch gut an das Bild von Dukes Band auf dem Rückcover erinnern: diese Jungs sahen wirklich sehr majestätisch aus. Und wenn man dann erst die Nadel auf die Platte setzte!

Meine Freunde hörten die aktuellen Soul-Hits im Radio, meine Schwestern standen auf die Beatles – ich aber hörte etwas, das wirklich cool war, das Stil und Eleganz und eine Fülle an Klangfarben und wahnsinnig hippe Rhythmen hatte. Wenig später kamen auch Platten wie „Bird Symbols“ von Charlie Parker und „Basie’s Jam 3“ mit Eddie Lockjaw Davis, Benny Carter und Clark Terry dazu. Und natürlich „Playing With Myself“ von Eddie Harris bei dem er per Overdub gleichzeitig Klavier und Saxophon spielte. Auf dem Cover fiel mir besonders dieses wunderschöne Selmer-Saxophon auf. Das wäre mir im CD-Format vielleicht gar nicht aufgefallen. Dabei war es genau dieses Cover mit genau diesem Instrument, das mich zum Saxophon brachte.

Und das Schicksal: Ein paar Jahre später zog der Saxophonist Charles Green bei uns ein. Ich schlich mich manchmal heimlich in sein Zimmer, holte das Instrument aus dem Kasten, setzte es zusammen und tat so, als wäre ich Eddie Harris – mit verzerrtem Gesicht und perfekten Posen vor dem Spiegel. Einmal war ich so involviert dabei, dass ich nicht bemerkte, wie Charles ins Zimmer kam. Erwischt! Charles sah sich an, wie ich da mit den Fingern an den richtigen Stellen am Saxophon stand und sagte nur ganz ruhig: „Pack es mal wieder in den Kasten.“ Dann beobachtete er mich, wie ich es vorsichtig auseinandernahm und die Einzelteile weglegte. Er nahm mich an der Hand, ging mit mir die Treppe runter zu meiner Mutter und sagte: „Ich glaube, dein Sohn möchte Saxophon spielen.“ So fing alles an.


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