Biografie
Biografie
Vier Jahre sind seit der Veröffentlichung seines letzten Albums vergangen, doch jetzt ist es endlich so weit: Mit „The Pursuit“ veröffentlicht Jamie Cullum am 06. November sein fünftes Soloalbum. Wieder einmal trifft der eklektische Musikgeschmack des inzwischen 30-Jährigen auf seine ausgeprägte Liebe zum Jazz und die zeitlosen Standards des Genres. „Man strebt sein gesamtes Leben lang nach irgendetwas. Eigentlich ist das ganze Leben ein einziges Streben“, sagt Jamie über den Titel „The Pursuit“.
Sein neues Album erscheint auf Decca/Terrified Records, und zwar in drei Formaten: Als Standard-CD, als Special-Edition-CD inklusive ausführlichem Booklet und einer Bonus-DVD, auf der 8-10 Live-Tracks, zwei Videos, weitere Bonus-Songs sowie der Kommentar vom Regisseur enthalten sind; und schließlich gibt es „The Pursuit“ auch noch als limitiertes Deluxe-Box-Set, das neben CD und DVD auch einen 100-seitigen persönlichen Fotoband von Jamie, ein signierten Fotodruck, eine Klaviertaste und eine Anstecknadel beinhaltet. Diese Limited-Edition wird allerdings nur durch Jamies Website www.jamiecullum.com erhältlich sein.
„The Pursuit“ ist ein Album, auf dem Cullum die musikalischen Eckpfeiler seiner Jugend mit einer Vielzahl von modernen Einflüssen kombiniert. Bittet man ihn darum, den Sound der LP in seinen eigenen Worten zu beschreiben, erwähnt er Namen wie Cole Porter, Rihanna und Aphex Twin in einem Satz. Doch Jamie ist schon längst dafür bekannt, etliche Stile und Sounds in seiner Musik zu vereinen: Ihm gelingt es wie keinem anderen, einen tanzbaren Akustiksong, wie er auf Ibiza laufen könnte, und einen saftig arrangierten Jazz-Standard auf ein und derselben Platte zu präsentieren.
Die Entstehungsgeschichte des neuen Albums ist eher mit einem Marathon zu vergleichen, als mit einem Sprint: Nachdem Jamie den Entschluss gefasst hatte, sich im Anschluss an die rund 24 Monate dauernde Tournee zum letzten Album („Catching Tales“, 2005) sowie dem vorangegangenen Trubel um seine Person, den bereits der Vorgänger, „Twentysomething“ (2003), ausgelöst hatte, eine Auszeit zu gönnen, widmete er sich schon bald anderen Projekten. „Ich habe mir ein ganzes Jahr frei genommen“, sagt er. „Ich habe in Bands anderer Musiker gespielt und mit anderen Künstlern gearbeitet. Dazu habe ich mich als DJ betätigt, habe mit meinem Bruder Dance-Songs aufgenommen und bin viel rumgereist.“ Außerdem nutzte er die Zeit, um sein eigenes Studio einzurichten – Terrified Studios in Shepherd’s Bush (London): „Den Namen habe ich gewählt, weil ich so unglaublich wenig von Technik verstehe, dass ich meistens Angst habe, wenn ich im Studio bin“, sagt er lachend.
Dennoch entstanden sämtliche Songs von „The Pursuit“ zunächst in den besagten Terrified Studios bzw. in Jamies Küche, bis er sich dazu entschloss, die eigentlichen Aufnahmen in Los Angeles zu machen, wo er drei Monate im Sommer 2008 verbrachte. Obwohl sich die Arbeit mit seinem Produzenten und Langzeit-Kollegen Greg Wells als überaus ergiebig herausstellte, landeten einige der anfänglichen Aufnahmen aus seiner Küche schließlich doch in unveränderter Form auf der LP: „Wir mussten feststellen, dass es einige Elemente gab, die wir so in keinem Studio der Welt hinkriegen konnten“, sagt er. „Zum Beispiel gibt es ein Rhodes-Solo auf dem Song ‘We Run Things’, das ich auf zwei unterschiedlichen Instrumenten in Los Angeles eingespielt habe, aber letzten Endes haben wir uns dann doch für die Aufnahme aus meiner Küche in London entschieden.“
Zugleich bedeutete sein Aufenthalt in Los Angeles, dass Jamie dieses Mal ein paar Dinge anders angehen und seine Arbeitsroutine aufbrechen musste: „Ich wollte diese Platte nicht mit meiner alten Band oder meinem alten Produzenten aufnehmen“, berichtet er. „Ich wollte mich absichtlich aufs Glatteis begeben.“ Während Greg und Jamie einen Großteil der neuen Songs gemeinsam im Studio aufnahmen, kam eine Reihe von talentierten Musikern vorbei und unterstützte die beiden bei der Arbeit. Mitglieder von Becks Band schauten beispielsweise rein, und jene Bläser, die schon auf Michael Jacksons „Thriller“-Album zu hören waren, wirkten ebenfalls mit. „Natürlich ist es eigentlich ein absolutes Klischee, für das dritte oder vierte Album die Kuschelecke zu verlassen, in der man sich sicher fühlt“, sagt er weiterhin. „Aber, nun ja, wie soll ich sagen: Es hat in diesem Fall tatsächlich funktioniert.“
Im Herbst 2008 war das Album schließlich im Kasten, und Jamie war drauf und dran, es den Verantwortlichen von seinem Label zu präsentieren – als etwas geschah, was so nur in Mr. Cullums Karriere passieren kann: Clint Eastwood war mal wieder am anderen Ende der Leitung. Kennen gelernt hatten sich die beiden durch Clints Sohn Kyle, ebenfalls ein Jazzmusiker, und so kam es auch, dass Jamie am von Eastwood komponierten Soundtrack zu John Cusacks Film „Grace Is Gone“ (2007) mitgewirkt hatte. Jetzt rief Eastwood an, weil er einen neuen Auftrag für Jamie hatte...
„Zunächst fragte er mich, ob ich beim Monterey Jazz Festival auftreten könnte. Nachdem er dann meine Performance gesehen hatte und ganz außer sich war, drückte er mir das Script von ‘Gran Torino’ in die Hand und sagte nur: ‘Ich möchte, dass du Musik dafür schreibst.’“ Der Song „Gran Torino“, geschrieben von Clint und Jamie, wobei Jamie allein für den Text verantwortlich war, sollte schließlich sogar für einen Golden Globe nominiert werden. Was für Jamie allerdings auch bedeutete: Unzählige Interviews und Pressetermine, um den Film zu promoten. Dazu kam, dass er ganze Zeit über Ideen für weitere neue Songs sammelte. Bis es irgendwann so aussah, als sei die Arbeit an der neuen LP doch noch nicht ganz abgeschlossen.
„Ich hatte weitere Songs geschrieben und neue Erfahrungen gesammelt, die ich musikalisch umsetzen wollte“, berichtet Jamie. „Zum Beispiel hatte ich den Rihanna-Coversong gemacht; und mir wurde klar, dass ich den eigentlich echt gern auf meinem Album hören würde.“ Dazu muss gesagt werden, dass Coverversionen schon immer zu Jamies Repertoire gehören – schließlich ist er ein Jazzmusiker. Nachdem er also Rihannas Über-Single „Umbrella“ in seiner eigenen Version präsentiert hatte, machte er sich nun an ein weiteres Stück der R&B-Queen: „Please Don’t Stop The Music“.
„Überhaupt wollte ich dieses Mal meine aktuellen Einflüsse stärker berücksichtigen“, berichtet Jamie. Selbst wenn längst bekannt ist, dass er ein musikalischer Nimmersatt ist, der jede Plattenkiste auf den Kopf stellt und durchforstet – und dabei der einen oder anderen unbekannten Band auf die Sprünge hilft –, ist „The Pursuit“ sein erstes Album, auf dem er diesem „Trieb“ vollkommen freien Lauf lässt. „Die Leute, die mich schon mal auf der Bühne erlebt oder Texte von mir gelesen haben, wissen bestimmt, dass ich einen äußerst eklektischen Geschmack habe“, setzt er an. „Trotzdem denken die meisten doch nur an ‘What A Difference A Day Makes’, wenn sie meinen Namen hören. Mich hat das ehrlich gesagt auch nie gestört. So einen Song zu singen – und ihn in einer richtig guten Version zu präsentieren –, ist eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt.“
Auch zehn Jahre nach der Veröffentlichung von „Heard It All Before“ – sein Debüt, in Kleinstauflage selbst veröffentlicht –, ist Jamie noch immer auf der Jagd nach neuen Sounds und unverbrauchten Ideen (das ist der „Pursuit“ aus dem Titel, wenn man so will). „In letzter Zeit sind ein paar Musiker aufgetaucht, die quasi voll ausgereift waren, als es für sie losging – Alex Turner zum Beispiel, oder Jamie T. Sie wussten von Anfang an, wie ihre Musik klingen sollte, und sie haben da auch keinen Hehl daraus gemacht. Als ich jedoch damals meine ersten Aufnahmen machte, war das ein Schuss ins Blaue. Ich wollte nur etwas in der Hand halten, was ich bei meinen Hochzeitsauftritten verkaufen konnte.“
Obwohl Jamie sagt, dass er seine „Zwanziger in vollen Zügen ausgekostet hat“, haben die Höhen und Tiefen der letzten Jahre noch mehr kreative Energien in ihm geweckt. Sein privates Glück – eine Angelegenheit, die von Boulevardblättern ausreichend (und oftmals recht unzutreffend) dokumentiert worden ist – ist das zentrale Thema von „Love Ain’t Gonna Let You Down“, einem der wichtigsten Songs des neuen Albums. „Ich habe noch nie zuvor ein Liebeslied geschrieben, das vollkommen ernst gemeint war und ohne einen Witz auskam“, gesteht er. „Bislang stammten die einzigen wirklichen Liebeslieder in meinem Repertoire allesamt von George Gershwin.“
Zugleich ist „Love Ain’t Gonna Let You Down“ derjenige Song, der die zentrale Aussage des gesamten Albums in folgender Textzeile auf den Punkt bringt: „The pursuit of love consumes us all.“ Allerdings meint Jamie mit jener Liebe, nach der wir alle suchen, nicht nur die romantische Variante, die so gern von den Boulevardblättern zerpflückt wird, sondern auch seine Liebe zur Musik, die er mit jedem einzelnen Track zum Ausdruck bringt. Immerhin ist „The Pursuit“ ein Album, das mit einem Stück beginnt, das gemeinsam mit dem Count Basie Orchestra live im Studio von Tony Bennett in New York entstand, um mit einem astreinen Dance-Track und einem Jazz-Standard zu enden, der mit satten Downtempo-Beats unterlegt ist.
Obwohl er bereits mit so großen Namen wie Carole King, Burt Bacharach und Clint Eastwood gearbeitet hat und darüber hinaus auch mit dem Beatbox-Chef Killa Kela oder einem HipHop-Superstar wie Pharrell im Studio war: Jamie geht es nach wie vor nur darum, bewegende Songs zu schreiben. Sich ausruhen und billigen Ruhm erhaschen können andere. „Wenn du wirklich konzentriert Musik macht, besteht der ganze Sinn doch darin, dass du nie aufhörst und immer weiterkommst. Zumindest ist das so, wenn man nicht gerade P. Diddy heißt“, sagt er lachend. „Die einzigen Erwartungen, denen ich gerecht werden muss, sind meine eigenen. Ich will auf das fertige Album stolz sein können.“ Noch so ein „Pursuit“, ein angestrebtes Ziel also, das er mit den neuen Songs locker erreicht hat.


