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18.03.2011

JAMIE WOON

Album: „Mirrorwriting“ (VÖ: 19.04.11)

Das wummernde Herz, Zentrum und Hauptquartier von Jamie Woons Welt ist eine herrlich heruntergekommene Baracke, die im hinteren Teil eines Gartens im Ostteil von London liegt. Das Häuschen, das er sich mit dem für einen Mercury Prize nominierten Portico Quartet teilt, ist gespickt mit ganz unterschiedlichen Objekten aus dem Reich der Musik: drei schlanken Mikrofonen in der Lounge zum Beispiel; einer ausgewachsenen Harfe im Flur – und einem ziemlich üblen und krassen Soundsystem in der Ecke, das Jamie vorwiegend dazu einsetzt, ein paar Highlights seiner neuen Tracks darauf vorzuspielen.

Woon, der noch im März seinen 28. feiern wird und im Januar auf Platz #4 des renommierten „Sound of 2011“-Rankings der BBC gelandet ist – mehr Rückenwind zum Jahreswechsel geht kaum! –, hat in den vergangenen Monaten extrem viel an seinem Sound gefeilt und einen gewaltigen Sprung gemacht. Viel hat sich getan, seit er für seine inzwischen zum Markenzeichen avancierten atmosphärischen Gesangsschichtungen (per Loop Station) bekannt wurde. Dieser neue Sound, den er erstmals vor rund einem Jahr auf Tour mit La Roux durchschimmern ließ, klingt einfach nur satter und größer –; hier fließen futuristische Popsounds mit einer Überdosis Hall, Beats und Bassdruck zusammen. „Ich liebe Sachen mit viel Hall“, berichtet er. „Natürlich kann man es auch übertreiben, aber man kann damit einfach mal unglaublich gut Stimmungen und Atmosphäre kreieren. Ich stehe halt auf die ganz, ganz tiefen Subbässe, und drum herum muss ganz viel Freiraum bleiben. In diese Freiräume kann man dann kleine aber feine Akzente einstreuen, und sonst ist dieser gewaltige Hohlraum nur für eine Sache da: die Stimme.“ Die neuen Tracks, die minimalistische Single „Night Air“ zum Beispiel, oder der futuristische Bossa-Nova-Sound von „Tomorrow“, sind eine Fortsetzung seiner intimen Klangexperimente und eröffnen dabei ganz neue Räume – große Räume. Gewaltige Räume. Was auch bedeutet: Abgründigere Räume.

Ursprünglich Sänger und Songwriter (mit Gitarre) und zunehmend ein Laptop-Produzent, hat sich Jamie Woon – sein tatsächlicher Name übrigens – zunächst einen Namen als Live-Act gemacht. Er hat schon auf hunderten von Bühnen gestanden, hat anfangs in kleinen Clubs nur auf seine unvergleichliche Stimme, die eigene Gitarre und ein paar Effekte gesetzt, um wenig später bereits im Vorprogramm von Amy Winehouse zu spielen. Die Liste seiner Bühnenshows hat jetzt schon sehr unterschiedliche Höhepunkte: Er ist mit kompletter Bandbesetzung aufgetreten, inklusive dem Dubstep-DJ beziehungsweise -Produzenten Reso als Schlagzeuger; dann hat er in Anfangsjahren als Kurator verschiedene Zelte der Secret Garden Party bespielt, ist in Glastonbury aufgetreten und war auch beim Sónar Festival bereits dabei. Man könnte durchaus sagen, dass die Musik ihm im Blut liegt: seine Mutter ist die schottische Folk-Legende Mae McKenna, eine Dame immerhin, die als Studiovokalistin schon für unzählige Superstars in die Gesangskabine gegangen ist – unter anderem für Björk, Michael Jackson sowie für so gut wie alle Popgrößen der Achtziger, die aus der Hit-Schmiede Stock, Aitken & Waterman kamen. Wir reden hier von einer Zeit also, in der Jamie noch mit seinen Bauklötzen spielte... 

Die erwähnten Auftritte von Jamie sorgten zugleich dafür, dass so einflussreiche Leute wie Mary Anne Hobbs und Gilles Peterson sich schon frühzeitig seiner Fangemeinde anschlossen; ähnlich beeindruckend ist die Liste der Namen, die seine spärlichen Veröffentlichungen der vergangenen Jahre abgefeiert haben: die im Jahr 2006 veröffentliche Version des Traditionals „Wayfaring Stranger“ sorgte mit einer gefeierten Remix-Version von Burial für Furore; 2009 veröffentlichte er „Solidify“ mit Subeena (auf Planet Mu), um gleich danach den schrägen G-Funk-Sound von „I’m Going Wit You“ feat. Debruit & Om’Mas Keith (von Sa-Ra) vom Stapel zu lassen. Oh, und dann war da natürlich noch der momentan so angesagte Dubstep-Überflieger Ramadanman, der Jamies Stimme auf einer frühen Veröffentlichung als Sample einsetzte. Der Name des Tracks: „The Woon“.

Ähnlich bunt sieht es bei den musikalischen Einflüssen von Mr. Woon aus: In  einem Atemzug zählt er den Nu-Disco-König Todd Terje, Joni Mitchell, Stevie Wonder und Neil Young genauso auf wie aktuelle Namen à la James Blake („Er ist ein Monster!“), Mount Kimbie und Ramadanman. Dann ist er gleichermaßen bekennender Fan von R&B-Größen der Neunziger – insbesondere Usher, D’Angelo und Boyz II Men – wie auch von Tulsa-Sound-Legende J.J. Cale, einem Mann, den er als „den ersten und ultimativen Schlafzimmermusiker“ bezeichnet. Sein zentrales Interesse liegt dabei in den Anfängen von Soul und R&B: „Ich mag Musiker, die neue Wege finden, um dieses Blues-Feeling zu transportieren. Schließlich ist Blues das Fundament von sämtlichen Musikrichtungen, die heutzutage angesagt sind. Blues & Bass – das nenne ich mal einen Hybridsound!“

Inzwischen hat Jamie Woon auch die Art von Songs im Repertoire, die es ihm erlauben, nicht nur im überschaubaren Rahmen zu glänzen, sondern auch ein sehr viel größeres Publikum zu fesseln. „Meine Sachen kamen in der Dubstep-Community schon ziemlich früh gut an, genauso bei Leuten, die auf das Spektrum eines Gilles Peterson stehen. Ich wurde andauernd für Auftritte gebucht, weil ich irgendwo dazwischen zu verorten war, aber problematisch daran war, dass der Sound in diesen Läden immer auf die DJs abgestimmt war; nur konnte ich damit nichts anfangen. Generell ist es mir wichtig, dass ich alles machen kann, was mir in den Sinn kommt – darum arbeite ich jetzt auch mit Ableton.“

Da ihm inzwischen also auch ein Laptop genügt, um seine Klangwelten zu kreieren, Jamie aber parallel dazu noch immer auf das gute alte Handwerkszeug bestehend aus Gitarre, Stift und Papier setzt, verbindet er diese beiden Ansätze nun in seiner aktuellen Live-Show – auf ganz eigene Art, versteht sich. „Früher hatte ich ein echt heftiges Problem mit Laptops auf der Bühne, aber inzwischen habe ich mich doch irgendwie mit dem Gedanken angefreundet. Ich hielt den Bildschirm damals für eine Art Trennwand zwischen dir und dem Publikum, dabei ist es doch eigentlich nur die logische Fortsetzung, ein konsequenter Schritt – und dazu kommt, dass ich mich dahinter auch nicht verstecken werde. Das macht nämlich Jim für mich.“ Dieser Jim hat ebenfalls die Initialen J.W., mit vollständigem Namen heißt er Jim Wood: ebenfalls BRIT-School-Absolvent, ehemaliges Mitglied von The Pangs und neuerdings Dauergast im Universum von Jamie Woon. Seine neue Live-Show, so Woon, sei „im Grunde so ähnlich wie ein HipHop-Gig: ein DJ und ich“, wobei Jamie jedoch drei Mikrofone vor sich stehen hat, dazu eine Gitarre und diverse Effekte, während sein „DJ“, wenn man ihn so nennen kann, einen Mac bearbeitet und obendrein auch noch Gitarre spielt und den Hintergrundgesang beisteuert. Was jedoch nicht bedeutet, dass Jamie Woon die Intimität seiner Solo-Shows aufgegeben hat und nun etwas ganz anderes macht. Im Gegenteil: Er hat einfach noch ein paar zusätzliche Saiten aufgezogen...

Auch mit Vashti Bunyan hat er sich schon die Bühne geteilt; und einer seiner vielen Pläne lautet, ein Mixtape mit diversen Beats für all die Wortschmiede und Spoken-Word-Protagonisten zu kreieren, die er in seiner Zeit als Veranstalter der Live-Serie „One Taste“ kennen gelernt hat – was zum Beispiel Kate Tempest, Polar Bear oder die schwedische Sängerin Cornelia Dahlgren wären. Anders gesagt: Er geht weiterhin seinen eigenen Weg und packt die Dinge auf seine ganz eigene Art an. Unbedingt sogar. 

Jamies Debütalbum „Mirrorwriting“ erscheint am 27. Mai.


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