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06.01.2010

Das Hörbuch zum Kinofilm "Ein russischer Sommer"

Jay Parini, Das Hörbuch zum Kinofilm Ein russischer Sommer

„Vielleicht sind jene Monate, die uns bleiben, wichtiger als all die Jahre, die wir bis jetzt gelebt haben, und sie sollten auf gute Weise gelebt werden.“

Als Lew Tolstoj seiner Frau Sofja diese Zeilen schreibt, ist der Graben zwischen ihnen bereits unüberbrückbar. Die innere Zerrissenheit Tolstojs steigert sich so sehr, dass er nur einen Ausweg sieht: die Flucht von seinem Familiengut Jasnaja Poljana. Dieses stürmische letzte Lebensjahr eines der größten Schriftsteller der Welt wird in der Lesung „Ein russischer Sommer“, die im Tolstoj-Jahr 2010 am 15. Januar bei der Deutschen Grammophon Literatur erscheint, in hervorragender sechsfacher Besetzung erzählt.

Das Hörbuch basiert auf dem Roman „Tolstojs letztes Jahr“, den der amerikanische Autor und Universitätsprofessor Jay Parini im Jahr 1990 veröffentlicht hat. In einer Mischung aus Dokumentation und Fiktion wird das Geschehen um den 82-jährigen Lew Tolstoj gleichsam erdichtet und biografisch dargestellt; denn der letzte Lebensabschnitt des russischen Nationaldichters steht fiktiver Literatur an Spannung, Konflikten und dem Kampf um Ideale in nichts nach. Aus sechs Perspektiven wird dargestellt, wie das Zerwürfnis mit seiner Ehefrau Sofja, der an ihm zerrende Ruhm und die Auseinandersetzungen um sein radikalisiertes, religiöses und gesellschaftliches Verständnis Tolstoj immer mehr verstört. Er entschließt sich, sein gewohntes Leben als adliger Gutsherr für immer zu verlassen und fortan seine christlichen und sozialen Ideale zu verbreiten und umzusetzen.

Jay Parinis Herangehensweise an diesen Stoff ist dabei die bestmögliche, um der Komplexität des Geschehens gerecht zu werden: Tolstoj und verschiedene Akteure um ihn herum erzählen ihre Sicht, ihre Wünsche, Ängste und Verzweiflungen. So entsteht aus einem Kaleidoskop der individuellen Wahrnehmungen und Empfindungen ein Gesamtbild, aus dem nicht nur Tolstoj, sondern vor allem auch seine Frau Sofja in ihren Entscheidungen zutiefst menschlich und verständlich erscheinen. Der nie wertende Umgang Parinis mit den Menschen um Tolstoj ist Ausdruck seiner Professionalität: Als promovierter Dozent für Englische Literatur und Sprache gelingt es ihm, literaturgeschichtliche Fakten mit der fiktiven Darstellung des Innersten eines jeden Auftretenden gekonnt zu verknüpfen. Parini ging seinem Faible für biografische Stoffe bereits in Werken über Faulkner, Steinbeck und Frost nach. Die Erzählung um Lew Tolstojs Suche nach Erlösung und Sofjas steigende Verzweiflung bildet in diesem Zusammenhang einen Höhepunkt seines Schaffens.

Der Konflikt der Eheleute und vor allem die Wut der im Stich gelassenen Sofja, die ihr ganzes Leben lang auf die Ausübung ihres eigenen Talentes als Pianistin zugunsten ihres Mannes verzichtet hatte, ist das zentrale Motiv in „Ein russischer Sommer“. Im hohen Alter von 82 Jahren und nach einer tiefen Lebenskrise will Tolstoj, den das Leid der russischen Bauern und Arbeiter schwer belastet, alle Rechte an seinen Romanen an einen volkseigenen Verlag vergeben und seine Familie enterben, um dem Weltlichen zu entsagen und nach höherer Erlösung zu streben. Sein Sekretär und enger Getreuer Wladimir Tschertkow ist dabei von der Richtigkeit seines Handelns überzeugt, sieht dieser doch die Lebensverhältnisse Tolstojs im Widerspruch zu dessen volksnahen Schriften. Sofja, die sich in der gesamten Ehe ausschließlich um die gemeinsame 15-köpfige Familie gekümmert und damit ihrem Mann den Rücken für seine literarische Karriere freigehalten hat, steht vor dem Trümmerhaufen ihrer Existenz. So verwandelt sich die langjährige Partnerschaft in ein Schlachtfeld. „Ein russischer Sommer“ läßt auf packende Weise an den unterschiedlichen Wahrnehmungen der heftigen Auseinandersetzungen teilhaben und verschafft dem Hörer einen nie dagewesenen Einblick in das Innerste Lew Tolstojs.

Die Sprecher des Hörbuches entwerfen mit ihren kunstvoll eingesetzten Stimmen ein lebendiges und kraftvolles Bild der Charaktere. Im Mittelpunkt stehen Regina Lemnitz als Sofja Tolstaja und Frank Arnold als Lew Tolstoj. Lemnitz, die als Schauspielerin (Unser Charlie), vor allem aber als deutsche Synchronstimme von u.a. Whoopie Goldberg, Kathy Bates und Roseanne Barr bekannt und beliebt ist, setzt die Verzweiflung und Wut, aber auch die immer noch in ihr schlummernde Kraft und den Kampfeswillen Sofjas hervorragend um. Der Schauspieler und Regisseur Frank Arnold, der bereits vielen hochwertigen Produktionen der Deutschen Grammophon Literatur seine Stimme geliehen hat, beweist sein Könnensspektrum in der mitreißenden Interpretation des Lew Tolstoj. In weiteren Rollen brillieren die ebenfalls namhaften Sprecher Gerd Wameling (Dr. Duschan Makowizkij), Wanja Mues (Wladimir Tschertkow), Stefan Kaminski (Walentin Bulgakow) und Marie Bierstedt (Alexandra Tolstaja).

So erschafft das Hörbuch „Ein russischer Sommer“ einen eigenen, besonderen Kosmos und leitet das Tolstoj-Jahr 2010 gebührend ein. Zeitnah startet am 21. Januar 2010 die Kino-Verfilmung mit Oscar-Gewinnerin Helen Mirren (Die Queen), Hollywood-Legende Oliver Plummer (The Insider, A Beautiful Mind) und Shootingstar James McAvoy (Abbitte,The Last King of Scotland). Das Drama lief bereits erfolgreich auf Festivals und wurde als „Beste internationale Literaturverfilmung 2009“ auf der Frankfurter Buchmesse ausgezeichnet, außerdem erhielt Hellen Mirren für ihre Rolle der Sofja Tolstaja den Preis als „Beste Darstellerin“ auf dem Internationalen Filmfestival in Rom. Film und Lesung entwerfen ein erweitertes Bild auf das Leben Lew Tolstojs und sind sowohl für Kenner als auch Interessierte des bis heute wohl bekanntesten und beliebtesten russischen Schriftstellers äußerst empfehlenswert.


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