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Jean-Yves Thibaudet BACKSTAGE EXCLUSIV

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02.07.2001

Mondsüchtig

Jean-Yves Thibaudet, Mondsüchtig

Keine brave "Mondnacht" von Chamisso. Renée Flemings neue Platte ist französisch-sexy, Wiener-Jahrhundertwende-romantisch und Rachmaninoff-impulsiv: eine pralle Mischung.

Französisches Repertoire stand schon lange auf ihrer Wunschliste. Und den Mond betete Renée Fleming bereits in ihrer Star-Rolle als Rusalka an. Als Debussy- und Fauré-Spezialist Jean-Yves Thibaudet als Klavierpartner dazu stieß, war die Richtung der neuen Fleming-Aufnahme schnell entschieden: sehnsuchtsvolle Lieder an den Mond, sinnliche Melodien der Nacht, klangreiche Träumereien. Renée Fleming ist Nachtschwärmerin, aber sie zieht es nicht in die Clubs und Bars, im Gegenteil. Nichts, sagt sie, sei so inspirierend wie die ineinanderfließenden Schatten der Dämmerung, das geheimnisvolle Dunkel und das kühl-klare Licht des Mondes. Nachtgedanken nannten die frühen Romantiker ihre weltverlorenen Grübeleien über das kleine Ich in der großen Welt. Renée Fleming hingegen war bei den Aufnahmen ganz diesseitig - um so jenseitiger wurde die Platte, die dabei entstand. Jenseitig schön. Jenseitig heftig und jenseitig virtuos. Beides überrascht vielleicht. Lieder an den Mond, sind die nicht melancholisch, ruhig, fließend? Beruhigend wie Faurés "Claire de lune"?

 

Ja, viele sind es. Aber wie Jean-Yves Thibaudet erzählt, erschien Renée Fleming zu den ersten Treffen mit Bergen von Musik. "Wenn sie nicht mit dieser Wahnsinnsstimme geboren wäre, hätte sie genau so gut Musikwissenschaftlerin werden können. Sie zeigte mir stapelweise Manuskripte." Und dabei war einiges, das nicht nach Schlaflied klang: Leidenschaftliche Ausbrüche, nagende Fragen, Verzweiflung, hitzige Debatten. Anders die Proben: konzentriertes Hören und schnelle Entscheidungen. "Wir suchten beide nach solchen Liedern, die uns gesanglich gefielen, aber auch pianistisch interessant waren," berichtete Fleming. Sie haben sich gut verstanden, die amerikanische Starsopranistin und der französische Pianist mit dem sagenhaften Talent für sinnliche Klangbilder. Denn mit ihrem Programm streifen sie ohne nationale Scheuklappen durch die hochatmosphärischen Lieder der Jahrhundertwende. Thibaudet: "Wir konzentrierten uns auf diese musikalisch erstaunliche Umbruchzeit um 1900: Freuds Erkenntnisse über das Unbewusste beeinflussten die gesamte Musik und die Künste. Sie explodierten ja förmlich. Es entstanden wunderbare Lieder, die diese tiefen, neuentdeckten Sehnsüchte der Seele zum Ausdruck brachten." Also hören wir Fauré und Debussy, Richard Strauss, Raritäten des Mahler-Zeitgenossen Joseph Marx und die virtuosen Lieder Rachmaninoffs. Man hört sie, vergisst die Zeit, sieht den aufgehenden Planeten - und plötzlich könnte man mondsüchtig werden.


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