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03.04.2007

Chronik einer Jugend

Als Joachim Fest am 11. September des vergangenen Jahres starb, war sich die Presse einig, dass eine der wichtigsten Historikergestalten seiner Generation die Weltbühne verlassen hat. Viel hat er bewegt, noch mehr transparent gemacht, von den individuellen Grundlagen der Nazi-Diktatur, die er mit der großen "Hitler"-Biographie von 1973 systematisch analysierte bis hin zu den vielen geistreichen Essays, die er über kulturelle Schlüsselfiguren wie Richard Wagner, Thomas Mann oder Ernst Jünger geschrieben hat. Fest war einer der aufrechten Liberal-Konservativen des Jahrhunderts und wie er dazu geworden war, hatte er kurz vor seinem Tod in seinen Jugenderinnerungen "Ich nicht" festgehalten. Einmal mehr zeigt sich hier eine mutige Persönlichkeit, die der renommierte Schauspieler Otto Sander für DG Literatur kongenial lesend und interpretierend nachempfindet.

Fast mochte man das Gefühl bekommen, dass den Journalisten die Worte ausgingen, um das Phänomen Joachim Fest angesichts der Vielzahl der wichtigen Bezugspunkte posthum zu würdigen. Dabei schrieb es beispielsweise Jens Jessen in der Wochenzeitung DIE ZEIT folgendermaßen: "Es gibt wenige Historiker, von denen man im Moment ihres Todes sagen kann, dass sie unser Geschichtsbild auf unabsehbare Zeit prägen werden. Wer Joachim Fest nur als konservativen Publizisten, als Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, als eine Hassfigur der Linken und einen Hitler-Biographen unter Revisionismus-Verdacht sah, wird vielleicht einstweilen Mühe haben, ihm diese Bedeutung zuzugestehen. Aber noch größer ist die Mühe für jene, die ihn persönlich erlebten, als gutmütigen Chef oder selbstverliebten Causeur, als altmodischen Liberalen mit einer enthusiastischen Freude an abweichenden Meinungen. Denn Fest, bei aller ausgestellten Bürgerlichkeit, hatte eine spielerische Natur, und dazu gehört auch die Neigung, sich selbst als Monument zu inszenieren, die den Blick dafür verstellen kann, dass er dieses Monument tatsächlich war". Vielleicht sogar werden musste, wenn man seiner Autobiografie folgt.

"Die Aufgabe, die ich mir gestellt habe, lautet Erinnerung", beginnt er die Reflexionen eines bewegten Lebens, die, begonnen im August 2005, er als skeptischer Intellektueller unter dem Titel "Ich nicht" zusammenfasste und der er gleich relativierende Anmerkungen voran stellt, doch manches auch unvollständig wiedergeben zu müssen. Dabei geht es Fest in diesem Fall weniger um die Analyse als vielmehr um die Schilderung eines Lebenslaufes, der über dunkle Jahre hinweg seine Persönlichkeit geprägt hat. Es sind Erinnerungen an seine Jugendzeit, vor allem an seinen Vater Johannes Fest, einen Berliner Schulrat und Abgeordneten der Zentrumspartei, der sich geweigert hat, mit den Nationalsozialisten zu kooperieren, damit von einem Tag auf den anderen seine gesellschaftliche Stellung und sein Ansehen aufgab, in seine Entscheidung auch seine Familie einbezog, aber kein einziges Mal daran zweifelte. Anderes wollte er nicht erzählen, befand es für zu uninteressant, schließlich habe es sich immer nur um ein Intellektuellenleben am Schreibtisch gehandelt. Dass es überhaupt zu der Niederschrift des Buches kam, ist vor allem seinem Sohn Alexander Fest zu verdanken, der als Verleger den Vater solange aufforderte, bis dieser sich schließlich an die Arbeit machte.

Zunächst entstand eine Sammlung mit "Begegnungen" mit Freunden und Persönlichkeiten, die er für mitteilenswert hielt, schließlich schlossen sich noch die Kindheitserinnerungen an, die die frühen Jahre und das Verhältnis zu seinem Vater umfassten. Joachim Fest schrieb sie, bereits von seiner ererbten Leberschwäche gezeichnet, während seines letzten Lebensjahres und es wurde eine aufrichtige und bewegende Stellungnahme eines Menschen, der von seinem Vater die Tugend des "Ich nicht" gelernt hatte. Sie endet mit dem Tod des Familienoberhaupts in den frühen Sechzigern und wurde - Analogie des Schicksals - kurz nach dem Tod von Joachim Fest im Herbst 2006 veröffentlicht. Der vielfach preisgekrönte Schauspieler Otto Sander ("Die Blechtrommel", "Das Boot", "Der Himmel über Berlin") spricht sie in der Hör-Version mit dem nüchternen Ernst eines Chronisten, brillant und unprätentiös, eben so, wie der Autor sich selbst gesehen hat. Es sind rund 350 Minuten erlebte, erzählte Geschichte, ergänzt um ein Nachwort des Sohnes Alexander Fest. Ein Stück Historie aus dem Leben eines Mannes, der als aufrechter Beobachter seiner Zeit immer die Auseinandersetzung gesucht hat.


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