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19.06.2004

Joe Sample

Der blaue Mond ist die Ausnahme. Eine schöne, unregelmäßige Überraschung, nämlich der dritte Vollmond innerhalb einer Jahreszeit, sollte es ausnahmsweise vier Vollmonde geben. Das passt perfekt, auch auf diese berauschende Atmosphäre voller Blues und Nachtschatten, die "No Regrets" erschafft, das neue Album der amerikanischen Soul- und Jazz-Superstars Randy Crawford und Joe Sample. Schon vom Covergemälde strahlt dieses sinnliche Zwielicht. Und auch in der Musik blitzt und funkelt es in all seiner Herrlichkeit. Mit überwältigender Eleganz und sagenhafter Erdigkeit interpretieren die Soulsängerin aus Macon, Georgia, und der legendäre Pianist und Gründer der "Crusaders" aus Houston, Texas, auf diesem Album einige ihrer persönlichen Lieblingslieder aus dem amerikanischen Jazz, Soul und Pop des 20. Jahrhunderts. Beschwingt und leicht an der Oberfläche, tief und weise im Kern, retten diese versierten Traditionalisten zwölf fast vergessene Songperlen hinüber in unsere Zeit. Wer die Songs vorher kannte, wird sich über diese frischen Versionen freuen. Wer sie nie vorher zu hören bekommen hat, bekommt dazu noch den Überraschungseffekt. "No Regrets" ist zwar der würdige Nachfolger von "Feeling Good", dem gemeinsamen Erfolgsalbum der Beiden aus dem letzten Jahr, und in gewissem Sinne auch ein Erbe von "Street Life", dem 1979er Hit von Randy Crawford mit Joes "Crusaders", aber dabei einzigartig schön - wie der blaue Mond.

"Ich bin sehr stolz auf dieses Album", meint Randy Crawford. "Wir haben eine gute Balance geschaffen, zwischen Balladen und Uptempo-Nummern, zwischen Liebe und Traurigkeit, zwischen Jazz, Blues und Soul. Die Musik wirkt wie eine gute Massage - so gut tut es, sie zu hören." Das liegt sicher zum einen an der überragenden Leistung der teilnehmenden Musiker, von Drummer Steve Gadd über den Bassisten Christian McBride und die Gitarristen Anthony Wilson und Ray Parker Jr. bis hin zu Gary Grant an der Trompete und Dan Higgins am Tenorsaxophon. Und sicherlich auch an der Produktion des Grammy verwöhnten Tommy LiPuma, dessen Meisterwerke von George Bensons "Breezin'", 1976 das "Album des Jahres", über Miles Davis' "Tutu" bis zu Alben von Diana Krall oder den Crusaders reichen. "Joe (Sample) und ich haben viele Gemeinsamkeiten", meint der Produzent. "Wir kennen uns schon seit Jahrzehnten, mögen dieselbe Musik, die gleichen Musiker. Als wir uns zusammengesetzt haben um die Songs für diese Produktion auszusuchen, war das eher wie eine "Reunion", wie ein musikalisches Wiedersehen unter Freunden. "Kennst du den hier? Was hältst Du von dieser Version? Solche Gelegenheiten, dieser Spaß am Leben und der Musik, sind der Grund, warum wir alle diese Sache so sehr lieben."

Der 72-jährige Produzentenveteran und der 69-jährige Tastenvirtuose fanden in der gut eine Generation jüngeren Randy Crawford eine leidenschaftliche Mitstreiterin. "Ich kannte vorher nur wenige der Songs", gibt die Sängerin zu. "Aber ich fand es gut, dass ich diese Musik frisch angehen konnte, ohne voreingenommen zu sein." Das Programm von "No Regrets" präsentiert Jazz aus dem Repertoire von Billie Holiday (das von Irving Gordon komponierte "Me, Myself, And I") und Dinah Washington (ihr klassischer Torchsong "This Bitter Earth"). Dazu erdige Bluesnummern von Memphis Slim (obwohl sich die Crawford/Sample-Version von "Everyday I Have The Blues" eher an einer Version von Joe Williams mit dem Count Basie Orchestra orientiert) und Aretha Franklin ("Today I Sing The Blues"). Natürlich gibt es auch erdigen Soul, etwa das von Dennis Morgan geschriebene "Don't Put All Your Dreams In One Basket", ein großer Hit für Ray Charles, den Randy Newman-Song "Just One Smile", den Joe und Tommy auf einem Album von Dusty Springfield fanden, Sarah McLachlans "In The Arms Of An Angel" und Chip Taylors "Angel Of The Morning". Im Jahr des 50. Gründungsjubiläums des legendären Stax-Labels dürfen natürlich auch ein paar Hits des Southern Soul nicht fehlen. Da kommen "Respect Yourself", ein großer Hit der Staple Singers, "Starting All Over Again" von Mel & Tim und das großartige "Lead Me On" von Bobby "Blue" Bland ins Spiel.

"Ich lebe jetzt seit einiger Zeit wieder in meiner Heimatstadt Houston, Texas", erzählt Joe Sample. "Am Wochenende drehe ich den Regler am Radio auf die rechte Seite, dorthin, wo all die schwarzen Sender sind. Als ich das zum ersten Mal gemacht habe, war ich völlig überwältigt von der Qualität der Sänger, der Musiker. Ich kann hören, dass unsere kommerzielle Musik genau da herkommt. Und man kann alles deutlich zurückverfolgen: Dieses klagende Element, das Moanin' im Gospel und Blues kommt wie die Musik selbst aus der spirituellen Musik Westafrikas, die die Sklaven mitgebracht haben. Wenn ich mir die Anfänge des Jazz anhöre, bis hin zu Louis Armstrong, dann basiert das alles auf dem Moanin'. Dieses Moanin' kommt aus der Kirche. Seine weltliche Form ist der Blues." Dass der Blues heutzutage nahezu vom Aussterben bedroht ist und bei vielen jungen Jazzmusikern kaum noch eine Rolle zu spielen scheint, findet Joe Sample traurig bis ärgerlich. Und er tut etwas dagegen, gemeinsam mit Randy Crawford. Nicht nur durch das stetige Musizieren, die unglaubliche Live-Erfahrung, die die beiden "Blues Traveler" im Laufe der letzten, sehr aktiven Jahrzehnte gesammelt haben. Vor allem auch mit diesem neuen Album, denn alle Songs von "No Regrets" basieren im Blues. Dass sie deshalb nicht nur Trübsal blasen, versteht sich von selbst: Das beste Mittel gegen den Blues ist der Blues. Dieser blaue Mond, der Randy Crawford und Joe Sample seit Anbeginn ihrer respektiven Karrieren beschützt und begleitet, steht gleichfalls unter einem guten Stern: "No Regrets" ist eine hörbare Freude, zu jeder Jahreszeit.


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