Backstage
John Scofield BACKSTAGE EXCLUSIV

Aktuelles Album

Biografie

19.05.2011

Biografie

In den zurückliegenden vier Jahrzehnten seiner Karriere hat John Scofield schon ein ungemein breites stilistisches Spektrum beackert. Mal riss er einen mit satten Funk- und Fusion-Klängen mit, dann begeisterte er mit swingenden Jazzstandards, kernigem Bebop oder rockigen Jamband-Sounds, kollaborierte mit sinfonischen Orchestern und progressiven Jazzbigbands, spielte erdigen Blues, groovigen New-Orleans-Rhythm’n’Blues oder soulige Gospelmusik. Und stets überraschte Publikum und Kritiker durch seine chamäleonartige Wandlungsfähigkeit. Noch verblüffender ist nur, dass er dennoch immer seine unverkennbar eigene Stimme auf der Gitarre wahrte.

Auf “A Moment’s Peace” aalen sich Scofield und seine All-Star-Band mit Pianist/Organist Larry Goldings (James Taylor, Norah Jones, Walter Becker), Bassist Scott Colley (Jim Hall, Herbie Hancock, Pat Metheny) und Schlagzeuger Brian Blade (Wayne Shorter, Joni Mitchell, Bob Dylan) nun in Balladen, die man mit Legenden wie Billie Holiday, Abbey Lincoln, Nina Simone und John Coltrane assoziiert. Das Repertoire enthält aber auch fünf neue Originale des Gitarristen sowie unter die Haut gehende Interpretationen von der lyrischen Lennon-McCartney-Nummer “I Will” und Carla Bleys “Lawns”.

“Es ist ein Album mit langsamer, sanfter Musik”, sagt der Gitarrist und mehrfache Poll-Sieger. “Aber wir wollten auch nicht, dass es in Easy-Listening ausartet. Deshalb haben wir versucht, wirklich etwas mit den Stücken anzustellen. Mir ist es - ganz gleich, welche Art von Musik ich spiele - absolut wichtig, dass sie frisch klingt und dass wir etwas aus ihr herauskitzeln. Die Kreativität muss da sein, unabhängig davon, ob man nun begleitet oder ein Solo spielt.”

Scofield behandelt zeitlose Klassiker wie “I Want To Talk About You”, “You Don’t Know What Love Is”, “Gee, Baby, Ain’t I Good To You?” und “I Loves You, Porgy” mit allem Respekt, bemüht sich zugleich aber auch, ihnen einen eigenen, originellen Anstrich zu geben. Bestes Beispiel dafür ist “You Don’t Know What Love Is” von Gene de Paul und Don Raye, das die Band mit einem unaufdringlichen Reggae-Groove unterlegte. Die ungemein aktive Rhythmusgruppe unterstützt Scofield nicht nur hier tatkräftig dabei, dem allseits bekannten Stück neues Leben einzuhauchen. Scott Colley ist mit seinem majestätischen Bass das flexible Rückgrat des Ensembles, während Larry Goldings an Piano und Orgel für die clevere harmonische Ausschmückung zuständig ist und Brian Blade mit gewohnt einfühlsamem und dynamischem Schlagzeugspiel glänzt. Scofield ist über seine Partner voll des Lobes: “Es gibt Musiker, die das Einfühlungsvermögen eines Bulldozer haben”, sagt der Gitarrist lachend. “Aber Scott, Larry und Brian verstehen es, der Musik zu dienen, während sie ihre persönlichen Statements machen. Das hat etwas Magisches!”

Mit Brian Blade arbeitete Scofield bei dieser Session das erste Mal im Studio zusammen. Scott Colley war in den frühen 1990ern Mitglied von Scofields Band und begleitete den Gitarristen damals auf Tourneen. Am engsten ist das Verhältnis zwischen John Scofield und Larry Goldings: der Keyboarder war schon an drei Platteneinspielungen des Gitarristen beteiligt (“Hand Jive”/1993, “Groove Elation”/1995 und “That’s What I Say”/2005) und bildete mit Scofield und Schlagzeuger Jack DeJohnette auch das Trio Beyond, das 2006 das Live-Doppelalbum “Saudades” für ECM aufnahm.

“In meinen Augen ist Larry einer der großen Orchestratoren”, sagt Scofield. “Das ist, was Keyboarder machen, wenn sie in einer Band spielen. Nur schlagen leider viele Keyboarder dabei eine Richtung ein, in die es mich selbst nicht unbedingt zieht. Mit Larrys Ideen aber gehe ich immer konform. Für mich ist er der perfekte Spielpartner, weil wir sehr ähnliche Grundlagen haben. Er mag genaue die Sorte Musik, die mir auch gefällt. Ganz gleich, was für ein Projekt ich mache, wenn Larry dazukommt, kann die Musik dadurch nur gewinnen. Dasselbe gilt auch für Brian und Scott. Die Jungs werten die Musik durch das, was sie spielen, einfach auf. Und für einen Bandleader ist es wichtig, dass er den Instinkten seiner Musiker vertrauen kann. Ich musste während der Sessions nicht ein Wort über die Musik verlieren. Wir spielten die Songs einfach.”

Dass die Aufnahmesession von “A Moment’s Peace” so relaxt verlief, wundert Scofield angesichts seiner Bandgefährten also nicht: “Diese Jungs können wunderbar und gelassen spielen und so die Stimmung eines Songs wirklich widergeben. Entspannt zu sein, aber die Musik zugleich auch frisch und energetisch klingen zu lassen... das ist die Kunst. Ich habe versucht, die Musik ziemlich einfach zu halten, so dass jeder nur zu spielen brauchte. Wenn man mit solchen Persönlichkeiten zusammenarbeitet, dann sollte man sie einfach machen lassen... die Musik ergibt sich dann ganz von selbst.”

“Es ist seit ‘Quiet’ das erste Mal, das ich so etwas wieder ausprobiert habe”, sagt Scofield. Für sein 1996 veröffentlichte Verve-Debütalbum “Quiet” hatte er mit einer Akustikgitarre (und teilweise begleitet von einem siebenköpfigen Bläserensemble) vor allem ruhige Stücke aufgenommen. “Ich hielt die Stücke kurz, weil es mir vor allem um die Songs an und für sich sich geht. Wir spielen zwar auch Soli, aber die Interpretation der Stücke war mein Hauptziel.”

Und wie nicht anders zu erwarten, ist dem Gitarristen mit “A Moment’s Peace” ein neues Meisterwerk gelungen: ein Balladenalbum voller kleiner Überraschungen.