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17.10.2003

Scorched: Komprovisation

John Scofield, Scorched: Komprovisation

Seit es Jazz gibt, werden seine Grenzen überschritten. Manches ergänzt sich auf natürliche Weise. Anderes aber erfordert einen enormen gedanklichen Aufwand, insbesondere wenn verschiedene Strukturmodelle aufeinander prallen. Deshalb ist es noch immer ein Wagnis, klassische Komposition mit jazziger Improvisation zu kombinieren. "Scorched" ist ein Beispiel dafür.

Der Auftrag kam aus Frankfurt und ging an Mark-Anthony Turnage. Man versprach sich viel davon, denn der britische Komponist aus Corringham, Essex, widmet sich seit rund zwei Jahrzehnten gattungsüberschreitender Klanggestaltung. Gelernt hatte er bei Gunther Schuller und Hans-Werner Henze, nachdem er als Preisträger verschiedener Nachwuchswettbewerbe erste Wegmarken gesetzt hatte. Der Durchbruch kam 1988 mit der provokanten Oper "Greek" auf der Münchner Biennale. Die internationale Kritik begann, ihn zu loben. Turnage wurde "Composer in Association" des Birmingham Symphony Orchestra. Weitere Opern entstanden, Liederzyklen, Saxofonkonzerte und immer wieder Kompositionen, die mit der Klangwelt des Jazz sich beschäftigten. Mitte der Neunziger verwirklichte er "Blood On The Floor", eine abendfüllenden Suite, die zunächst als zehnminütiges Bonbon für das ensemble modern gedacht, dann aber aufgrund großen Erfolges im orchestralen Rahmen vorgestellt wurde.

 

Es war der erste großangelegte Versuch der Kombinationen musikalischer Vorstellungswelten divergierender Lager, an dem der Gitarrist John Scofield und der Schlagzeuger Peter Erskine mitarbeiteten. Turnage fand Gefallen an der Kooperation mit Koryphäen der improvisierenden Musik und so häuften sich in den folgenden Jahren ähnliche Projekte. Vor rund drei Jahren etwa schrieb er Dave Holland die "Bass Inventions" auf den Leib. Und er intensivierte die Arbeit mit Scofield: "In gewisser Hinsicht erlauben mir solche Projekte, wie ein Jazzsolist vorzugehen. Ich improvisiere über Johns Ideen, mache es aber nicht live, sondern auf dem Papier. Ein Großteil meiner Musik ist nicht strikt tonal, es gibt normalerweise dissonante Elemente. Die Arbeit an Johns Kompositionen erlaubt mir, tonal zu arbeiten, ohne ein Schuldgefühl der Art 'Oh nein, da ist eine charakteristische Tonart!' zu entwickeln. Das befreit. Und ich habe Scofields Kompositionen schon immer gemocht. Sie sind unkonventionell, ergreifend und verwinkelt, genauso wie sein Spiel".

 

So entstand nach sechs Jahren Vorbereitung und Feinabstimmung "Scorched". Der Titel steht für "Scofield Orchestrated" und verweist auf die wohlgeordnete Verbindung von Originalkompositionen des Gitarristen und Verknüpfungen durch den Komponisten. Die aufwändige Komposition für Sinfonieorchester, Big Band und Jazz Trio koordiniert Turnages Orchestersprache in der Nachfolge Strawinskys mit den herben, funky inspirierten Sound- und Rhythmusideen des Widmungskünstlers. Die gestalterische Offenheit innerhalb eines klaren orchestralen Rahmens gelingt vor allem, weil Scofield selbst in die Saiten greift und mit Erskine am Schlagzeug und dem Bassisten John Patitucci hervorragende Sidemen für sein Kerntrio gewinnen konnte. Die Uraufführung von "Scorched" fand am 7.September 2002 in der Frankfurter mit Hilfe des Radio-Symphonie-Orchesters unter der Leitung von Hugh Wolff und den Musikern der HR Big Band statt. Die Bänder liefen mit und so wurde ein ebenso gewagtes wie humorvolles musikalisches Ereignis für die Nachwelt festgehalten, über das Frank Hilberg in der Wochenzeitung Die Zeit urteilte: "Seine [Turnages] Instrumentation schlägt Brücken zwischen den disparaten Klangkörpern, hebt die Durchschlagskraft des hart federnden Trios in Arrangements auf, die mit den Wassern der Moderne gewaschen sind - eine alchimistische Tätigkeit. Das ist Zeitgenossenschaft heute: Integrität stiften, ohne Leichenteile zu einem Monster zusammenzunähen. Kein Blick in die Zukunft, aber verwurzelt im Heute. Keine Avantgarde, aber überzeugende Intergarde".


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