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03.06.2005

John Scofield - That's What I Say

Nächstes Jahr kann John Scofield ein kleines Jubiläum feiern: Dann steht er seit zehn Jahren bei Verve unter Vertrag. Seit er 1996 mit dem akustischen Album "Quiet" seinen Einstand gab, hat er sieben Alben sehr unterschiedlicher stilistischer Couleur für Verve eingespielt: das Spektrum reicht vom fast schon kammermusikalischen Debüt über sehr groovige und funkige Alben ("A Go Go" und "Jump" von 1997/2000), schnörkellosen Modern Jazz ("Works For Me", 2001), Aufnahmen im Stile einer Jam-Band ("überjam" und "Up All Night" (2002/03) bis hin zu den atemberaubenden Improvisationen des Live-Mitschnitts "EnRoute" (2004). Nun gesellt sich mit dem Album "That's What I Say", das Ray Charles gewidmet ist, ein Ausflug in die musikalischen Welten des klassischen Rhythm'n'Blues, Soul und Funk dazu.

John Scofields früheste Erinnerung an das verstorbene Musikgenie Ray Charles reicht zurück bis in seine Kindheit Anfang der 60er Jahre, als er erstmals den Song "Hit The Road Jack" im Radio hörte. "Ich assoziierte das Stück damals mit Jack Kennedy, weil der der einzige Jack war, den ich kannte. Ich dachte: Singen die da etwa einen Slogan für eine politische Kampagne?", erinnert sich Scofield heute lachend.

In späteren Jahren sollte Ray Charles einen entscheidenden Einfluß auf die Karriere des jungen Gitarristen ausüben, sowohl in Hinblick auf seine zutiefst beseelte Spielweise als auch in Bezug auf seine Weigerung, sich als Künstler stilistisch festnageln zu lassen. Ray Charles sang und spielte Rhythm'n'Blues, Gospel, Jazz sowie sogar Country-Musik und machte dabei stets eine ausgezeichnete Figur. Scofield nahm sich die Lehren von Ray Charles zu Herzen: Ganz gleich, ob er lupenreinen Jazz, groovenden Funk, Soul-Jazz oder zeitgenössisch-klassische Orchestermusik spielt - Scofield Markenzeichen ist sein beseelter Lyrizismus.

Kein Wunder also, daß Verve-Präsident Ron Goldstein, als er Scofield vorschlug, ein Tribute-Album für Ray Charles aufzunehmen, bei dem Gitarristen auf offene Ohren stieß. "Ich muß zugeben, daß ich kein großer Fan von thematischen Projekten bin - manche funktionieren zwar, aber viele andere nicht", sagt Scofield. "Aber sobald der Name Ray fiel, machte es bei mir klingeling. Dies ist Musik, die ich kenne, seit ich meine ersten Griffe auf der Gitarre übte. Rays Musik war eine meiner frühesten Inspirationsquellen. Er war ein fantastischer Soul-Musiker, aber er war genauso sehr ein Jazzmusiker. Für mich war er die höchste Verkörperung künstlerischer Aufrichtigkeit."

Aber Scofield sah in dem Projekt "That's What I Say" nicht nur die Chance, einem seiner wichtigsten musikalischen Idole die Reverenz zu erweisen. Er erkannte auch die ideale Gelegenheit, endlich eine seiner eigenen, geheimen Ambitionen zu verwirklichen: "Ich wollte schon seit geraumer Zeit mal irgendetwas mit Sängern machen", offenbart Scofield. "Und dieses Projekt erlaubte mir nun, an ein paar meiner Soulmusik-Idole heranzutreten und mit ihnen ins Studio zu gehen." Als Produzenten gewann der Gitarrist seinen langjährigen Freund und Kollegen Steve Jordan, und dadurch schienen sich ihm plötzlich unbegrenzte Möglichkeiten aufzutun.

Zuerst stellten Scofield und Jordan mit Keyboarder Larry Goldings und Bassist Willie Weeks die Band zusammen, die auf fast allen Tracks (Ausnahmen bilden die Solonummer "Georgia On My Mind" und das Duett "Cryin' Time") zu hören ist. Dann verpflichteten die Saxophonisten Alex Foster und Howard Johnson, den Trompeter Earl Gardner und den Posaunisten Keith O'Quinn für die fetzige Horn-Section sowie Manolo Badrena als Perkussionisten.

Nachdem dies geschehen war, traten die beiden Musiker mit den Sängern in Kontakt, die sie auf ihrer Wunschliste stehen hatten. Die freudige Überraschung: alle sagten gleich begeistert ihre Beteiligung zu. So kann John Scofield auf "That's What I Say" eine All-Star-Gästeschar präsentieren, die es in sich hat: vom knarzigen Dr. John über den beseelten Balladen-Crooner Aaron Neville und die unvergleichliche Mavis Staples bis hin zu Warren Haynes von der Allman Brothers Band und Gov't Mule und den überaus erfolgreichen Popsänger und Songwriter John Mayer. Schließlich holten Scofield und Jordan noch den Tenorsaxophonisten David "Fathead" Newman als Solisten mit ins Boot. Dieser hatte Ray Charles mehr als drei Jahrzehnte lang auf seinen Tourneen durch die ganze Welt begleitet.

Als er die Band und die Sänger endlich unter Dach und Fach hatte, mußte Scofield sich nur noch auf Stücke festlegen - was allerdings gar keine leichte Aufgabe war, wenn man bedenkt, daß sich Ray Charles' Karriere über einen Zeitraum von rund 55 Jahren erstreckte. "Ich hörte mir wohl so ziemlich alle Stücke an, die Ray irgendwann mal Platte aufgenommen hatte", erzählt Scofield. "Ich hörte und hörte und filterte die Stück heraus, die sich von den anderen in irgendeiner Weise abhoben. Wir könnten schon morgen wieder ins Studio gehen, um ein Volume 2 einzuspielen, aber dies waren genau die Songs, von denen ich glaubte, daß wir mit ihnen wirklich etwas anfangen könnten... weil wir die Musik irgendwie in fast jeder Hinsicht änderten. Dabei gingen wir nicht allzu ehrfürchtig zu Werke, weil es zu blöde gewesen wäre, einfach nur seine Arrangements zu kopieren."

Das Highlight des prächtig ausgewählten Programms dürfte wohl der Evergreen "What'd I Say" sein, weil sich dort sämtliche Gäste wie bei einem Staffellauf mit dem Singen abwechseln. John Scofield ist es mit seinem neuen Album "That's What I Say" einmal mehr gelungen, die Jazzwelt zu überraschen. Sein Verve-Œuvre hat eine neue musikalische Facette dazugewonnen und der Gitarrist selbst dürfte mit diesem außergewöhnlichen Alben auch neue Fans erobern, die den Namen John Scofield bislang nicht kannten. Schon jetzt kann man darauf gespannt sein, welche Überraschung John Scofield im kommenden Jubiläumsjahr für seine Hörerschaft in petto haben wird.


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