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18.03.2009

John Scofield - Piety Street

John Scofield, John Scofield - Piety Street John Scofield © Nick Suttle

Nur wenige Künstler besitzen die Fähigkeit, sich in mehr als einem musikalischen Genre mit wirklicher Flüssigkeit, Virtuosität und Ernsthaftigkeit auszudrücken. Der Gitarrist John Scofield verfügt über diese Fähigkeit, und mit seinem neuen Album "Piety Street", auf dem er in mitreißender Manier eine Kollektion von überwiegend klassischen Gospel-Songs interpretiert, stellt er dies erneut unter Beweis. Augenzwinkernd hätte man diesem Album auch den Untertitel "The New Gospel According To John The Guitarist" verpassen können.

Scofield kam am 26. Dezember 1951 in Dayton/Ohio zur Welt und wuchs in Wilton/Connecticut auf. Inspiriert durch die Rock- und Blues-Größen der frühen 60er Jahre begann er als Elfjähriger Gitarre zu spielen. Durch ein Geschenk seines Vaters entdeckte er ein Jahr später den Jazz: "Es war 1963 und ich spielte bereits seit etwas mehr als einem Jahr Gitarre, als mein Vater - der sich eigentlich überhaupt nicht für Musik interessierte - einen Artikel über Django Reinhardt las. Er meinte sich erinnern zu können, daß ich Django einmal im Fernsehen gesehen und danach einen Monat lang von nichts anderem gesprochen hatte. Deshalb war er so nett und kaufte für mich ‘Djangology'. Was er nicht wußte: in Wahrheit hatte ich im Fernsehen eine Sendung mit Kenny Burrell (und nicht Django) gesehen, die mich dazu motivierte, das Gitarrespielen anzufangen. Das schien mir eine so coole Sache zu sein, daß ich mit elf Jahren den Entschluß faßte, mein Leben fortan als Gitarrist zu verbringen! Alles, was ich dazu brauchte, war eine Gitarre und ein bißchen Übung, und dann würde ich auch im Fernsehen Gitarre spielen können. Nun könnte man denken, daß der Erwerb einer Gitarre auch automatisch den Kauf von Platten nach sich gezogen hätte. Aber Elfjährige ticken da wohl manchmal etwas anders. So kam ich also schließlich dank meinem Vater in den Besitz der ersten Platte, die mich vom Folk und Rock weg- und wirklich zum Jazz hinführte."

Nach Abschluß der Schule besuchte Scofield von 1970 bis 1973 das Berklee College of Music. Ins Rampenlicht der Jazzöffentlichkeit rückte der junge Gitarrist 1974, als er die beiden Legenden Gerry Mulligan und Chet Baker bei einem Auftritt in der ehrwürdigen New Yorker Carnegie Hall begleitete. Danach arbeitete Scofield mit weiteren Größen wie Charles Mingus, Herbie Hancock, Chick Corea, Joe Henderson, Billy Cobham/George Duke, McCoy Tyner, Jim Hall und Gary Burton zusammen. Sein erstes Album unter eigenem Namen nahm Scofield 1977 auf: und "East Meets West" etablierte ihn gleich als innovativen Gitarristen und ideenreichen Komponisten. 1982 holte Miles Davis den Gitarristen in seine Band, mit der dieser dann dreieinhalb Jahre lang um die Welt tourte und drei Alben aufnahm. Danach konzentrierte sich Scofield wieder auf seine Solokarriere. Auf seinen bislang 28 Soloalben präsentierte sich der Gitarrist als stilistisches Chamäleon: mal spielte er Musik, die an traditionelle Jazzidiome wie Bebop oder Swing angelehnt war, mal hochmoderne Fusion mit knackigen Funk-Grooves, und zwischendurch unternahm er auch immer wieder sehr gelungene Abstecher auf andere musikalische Terrains wie den Soul-Jazz oder Rhythm'n'Blues. Stets spürbar war in Scofields Musik aber auch der frühe Einfluß des Blues.

Auch auf seinem neuen Album "Piety Street" ist der Blues-Einfluß unüberhörbar präsent. "Ich wollte schon seit Ewigkeiten ein Blues-Projekt durchziehen", verrät Scofield. "Das ist die Musik, mit der für mich als Gitarrist alles begann, und gerade in den letzten Jahren fühle ich mich wieder sehr stark zum Blues hingezogen. Da ich mich aber nicht auf den zwölftaktigen Standard-Blues beschränken wollte, schaute ich mich nach anderen Inspirationsquellen um: und die fand ich bei der ‘guten alten' Gospel-Musik - die ist der nächste Verwandte und unmittelbare Vorläufer des Rhythm'n'Blues, den wir alle lieben. Ich habe Gospel eigentlich schon immer geschätzt, aber mich nie zuvor wirklich mit dieser Musik auseinandergesetzt. Als ich es nun endlich tat, stieß ich auf unzählige Stücke, die mich wirklich berührten. Das ist ganz schön bewegendes Zeug! Natürlich interpretiere ich die Songs hier auf meine ureigene Weise - sämtliche Arrangements habe ich selbst geschrieben."

Unterstützung erhielt Scofield von einer erstklassigen Band, die er eigens für dieses Projekt zusammenstellte. Jon Cleary kam zwar 1964 im englischen Kent zur Welt, ist aber längst fest in der Musikszene seiner Wahlheimat New Orleans verankert. Cleary ist nicht nur ein exzellenter Pianist und Organist, sondern auch ein ausdrucksstarker Vokalist. Bekannt wurde er vor allem durch seine Mitgliedschaft in der Band von Bonnie Raitt, Auftritte mit B.B. King und Taj Mahal sowie die Tätigkeit mit seiner eigene Gruppe Jon Cleary & The Absolute Monster Gentlemen.

Wie John Scofield kam auch George Porter Jr. an einem 26. Dezember zur Welt, allerdings in New Orleans/Louisiana und vier Jahre vor dem Gitarristen. Die Karriere des Bassisten ist untrennbar mit der Geschichte der modernen Musik von New Orleans verknüpft. Gemeinsam mit Art Neville, Leo Nocentelli und  Joseph "Zigaboo" Modeliste gründete Porter Jr. 1965 die legendäre New-Orleans-Funk-Band The Meters. Im Laufe seiner langen Karriere arbeitete diese Ikone der amerikanischen Szene außerdem schon mit musikalischen Schwergewichten wie  Dr. John, Paul McCartney, Robbie Robertson, Willy DeVille, Robert Palmer, Patti LaBelle, David Byrne, Johnny Adams und Tori Amos zusammen. George Porter Jr. zählt nach wie vor zu den besten Bassisten der USA.

Ricky Fataar, 1952 im südafrikanischen Durban geboren, spielte bereits mit neun Jahren Schlagzeug in der Band The Flames und galt mit zwölf (!!!) als bester Rockschlagzeuger Südafrikas. 1968 gingen The Flames geschlossen nach London, wo sie von dem Beach Boy Carl Wilson entdeckt wurden. Wilson war so beeindruckt, daß er die Band für das Beach-Boys-Label Brother Records unter Vertrag nahm und sie nach Los Angeles mitnahm. Nachdem sich The Flames dort Ende 1970 aufgelöst hatten, wurde Fataar Schlagzeuger der Beach Boys. 1978 spielte er in der Beatles-Film-Parodie "The Rutles: All You Need Is Cash" den Gitarristen Stig O'Hara. Seit 1979 ist Ricky Fataar, der auch als Produzent arbeitet und Filmmusik komponiert, Schlagzeuger der Band von Bonnie Raitt. Als Schlagzeuger, Gitarrist, Keyboarder, Bassist und/oder Produzent arbeitete er darüber hinaus mit so unterschiedlichen Künstlern wie Boz Scaggs, Tim Finn, Elton John, Etta James, Keb' Mo', Bryan Adams und der Band Crowded House.

John Boutté ist der neun Jahre jüngere Bruder der Sängerin Lillian Boutté, die 1986 als zweite Person überhaupt den offiziellen Ehrentitel "New Orleans Music Ambassador" verliehen bekam (ihr Vorgänger war kein Geringerer als Louis Armstrong gewesen). 1958 in New Orleans geboren, verkörpert John Boutté mit Herz und Seele die Musik seiner Geburtsstadt, wobei er sich wechselweise dem Jazz, Soul oder Gospel-Musik zuwendet.

Letzter im Bunde ist der ebenfalls aus New Orleans stammende Schlagzeuger und Perkussionist Shannon Powell (Jahrgang 1965). Sechs Jahre lang war er Mitglied in der Band von Harry Connick Jr. Plattenaufnahmen machte er unter anderem mit Johnny Adams, Leroy Jones, Russell Malone, Charmaine Neville, der Preservation Hall Jazz Band und den Five Blind Boys Of Alabama.

John Scofield über die einzelnen Stücke von "Piety Street":

"That's Enough"
Wir haben dieser von Dorothy Love Coates & The Gospel Harmonettes stammenden Nummer einen strafferen Groove verpaßt. Und Cleary singt die bedeutungsvollen und sehr interessanten Lyrics: "...who needs a friend that I never had - I got Jesus that's enough".

"Sometimes I Feel Like A Motherless Child"
Die Harmonien dieses alten Volksliedes habe ich komplett geändert und außerdem noch ein Interludium geschrieben. Geprägt wird das Stück von Rickys solide rockendem Groove. Die Reggae-Jam am Ende hat sich spontan ergeben, und sie gefiel uns so gut, daß wir sie nicht rausschneiden wollten. Der sengende Gitarren-Sound ist ein Tribut an B.B. King, den ich einfach liebe!

"It's A Big Army"
Ein Original von mir, das einen traditionellen Gospel-Chant mit echten Bourbon-Street-Harmonien kombiniert - es ist eine tolle Gospel-Party! In meinem Solo mischte ich Bop- und Blues-Elemente... in swingender Manier, wie ich hoffe. Cleary steuerte ein großartiges, fetziges Pianosolo bei und Shannon Powells Percussion-Einlage erinnert einen an Mardi-Gras-Indianer. Hoch lebe Shannon, der "King of Treme"!

"His Eye Is On The Sparrow"
Ein alter traditioneller Song, der normalerweise sehr langsam gespielt wird, von uns aber grooviger gemacht wurde! Ich liebe die Version der Soul Stirrers, die andere Harmonien hat als all die anderen Versionen, die wir von diesem Stück gehört haben. Deshalb haben wir diese benutzt. Ich mag es, wie Ricky und George hier zusammenspielen.

"Something's Got A Hold On Me"
Koproduzent Mark Bingham hatte die tolle Idee, Cleary und Boutté bei einer Nummer in der Manier von Sam & Dave zusammen singen zu lassen. Wir wählten dieses Stück in der Originalversion von Reverend James Cleveland dafür aus und übernahmen den geklatschten Shuffle-Groove. Ich bin froh, daß meine Wah-Wah-Effekte so gut dazu paßten.

"The Old Ship Of Zion"
Ein Thomas-A.-Dorsey-Klassiker. Wir benutzten als Grundlage nur die letzten zehn Takte des Stücks, um ihm die Form eines langsamen Blues zu geben. Es macht Spaß darüber zu improvisieren. Ich hoffe, Reverend Dorsey hat dagegen nichts einzuwenden. Cleary hat hier seine Leslie-Box ausgeschaltet, um seine Orgel so klingen zu lassen wie bei einer Totenwache. Boutté setzt mit seinem beseelten Gesang den Schlußpunkt.

"99 1/2"
Cleary spielt hier Klavier und Orgel und übernahm außerdem den Lead-Gesang! Im Text geht es um die Geschichte von Johannes dem Täufer, dessen Kopf Salome gefordert hatte... aber Johannes war cool und opferte sich 100%... das ist heftig! Shannon spielt hier auf dem Tamburin einen fantastischen Gospel-Shuffle! Ich liebe es, über diese Changes zu spielen. Viele Gospel-Stücke verfügen über interessante Harmonien, die man immer noch sehr bluesig spielen kann.

"Just A Little While To Stay Here"
Dieses Lied kannte ich in einer Aufnahme von Mahalia Jackson. Und als ich nach New Orleans kam, war ich überrascht, daß jeder das Stück dort als Uptempo-Nummer von Beerdigungen her kennt. Mir gefällt aber wie raumgreifend und langsam wir das Stück hier interpretieren.

"Never Turn Back"
Eine weitere Komposition von Thomas A. Dorsey, der wir einen Funk-Groove und ein paar zusätzliche, andere Changes verpaßt haben. John Boutté singt die inspirierenden Lyrics, die davon handeln wie sich jemand "weltlichen Vergnügen zuwandt, aber nur Schmerz und Leid fand". Das Stück haben wir mit einer Jam-Session über ein Vamp beendet, bei dem George schließlich spontan noch einmal meine Akkordwechsel einfügte.

"Walk With Me"
Ein wirklich langsamer New-Orleans-Groove, der zeigt was für ein unglaublich guter Schlagzeuger Shannon ist. Die Gitarren-Intro ist wirklich sehr relaxt. Und Cleary liefert hier als Pianist und Sänger eine seiner souligsten und wohl auch besten Darbietungen ab. Die Idee zu der Unisono-Passage von meiner Gitarre und Jons Gesumme ist auf meinem Mist gewachsen. Ich finde es ziemlich cool!

"But I Like The Message"
Noch ein Stück aus meiner Feder, bei dem wir traditionelle Gospel-Harmonien ein wenig verjazzt haben. Clearys Klaviersolo ist ein wahrer Killer, schön ist auch wie das Tamburin über Rickys Latin-Beat swingt. Mir gefiel das alles so gut, daß ich mir einfach zwei Soli herausnehmen mußte.

"Angel Of Death"
Für diesen Hank-Williams-Song mit seinem unheilschwangeren Text haben wir eine musikalisch passende Atmosphäre kreiert. Den Rhythmus habe ich zu einem jazzigen 6/8-Takt geändert. Im Studio gab es einen coolen Musicman-Verstärker mit großartigem Tremolo. Den benutzte ich bei dieser Nummer. Dieses Stück und auch "I'll Fly Away" haben einen deutlichen Country-Anstrich erhalten.

"I'll Fly Away"
Als ich das Stück das erste Mal mit Cleary spielte, taten wir das in einem New-Orleans-Stil. Aber ich hatte den Eindruck, das Stück würde als reine Country-Nummer besser klingen. Und so bat ich Jon für dieses Stück ebenfalls zur Gitarre zu greifen. Mein Solo ist eine Mischung aus Dixie, Country, Jazz und Blues. Ich liebe Rickys subtile Schlagzeugbegleitung.

Mehr Informationen zu John Scofield finden Sie unter: www.john-scofield.de


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